4 Monate nach dem Beben: Wie sieht es aus in Ost-Aserbaidschan?

Es war die bislang größte Erdbebenkatastrophe des Jahres 2012. Als am 11. August in der Nordiranischen Provinz Ost-Aserbaidschan die Erde bebte, fielen die einfach gebauten Häuser in den Dörfern nahe der Stadt Täbris um wie Kartenhäuser, töteten offiziell 306 Menschen und verletzten tausende, viele mehr wurden obdachlos. Die Dunkelziffer der Todesopfer liegt vermutlich viele Male so hoch.(Manche vermuten 16.000 Opfer)
Sofort hat der Iran Rettungskräfte geschickt um die Opfer zu versorgen und verschüttete zu bergen. Es wurde von vielen Seiten Internationale Hilfe bei de Bewältigung der Katastrophe angeboten, doch der Iran hat der Großteil der Angebote abgelehnt.
Schon damals brandete Kritik an das Krisenmanagement. Es wurde nicht schnell genug gehandelt um den Menschen zu helfen, so die Kritiker. Doch die Rettungskräfte taten ihr bestes um den Opfern zu helfen. Einige wurden noch lebend geborgen, die Obdachlosen wurden mit allem Nötigen versorgt und in Zeltstädten angesiedelt, während ihre Häuser wiederaufgebaut werden.
So hieß es damals, werde gehandelt.

29. November 2012

Doch als die Öffentlichkeit, in Form von internationalen Medien, das Interesse an der Region verlor, hat sich auch die Regierung abgewendet und die Opfer im Stich gelassen. Die Aufbauarbeiten laufen schleppend, die Versorgung der Opfer ist schlecht. Von Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen ist in den Zeltstädten die Rede. Internationale Spenden für die Opfer wurden abgelehnt.

Hintergrund: In der Provinz Ost-Aserbaidschan lebt das Volk der Aserbaidschaner, eine ethnische Minderheit die im Iran wegen ihrer Sprache und wegen ihrer Kultur häufig diskriminiert wird. Auch von der Regierung.

Und die Öffentlichkeit bekommt davon nichts mit. Es dringen keine Informationen nach außen, wer etwas an der Situation ändern will riskiert sein Leben.

Zur Zeit leben tausende Menschen in Zelten. Eine Umsiedlung in feste Gebäude findet nicht statt, der Wiederaufbau der Häuser wurde wegen des Winters gestoppt. Schnee und Kälte gefährden die Menschen dort, die keine materiellen Hilfen bekommen, um sich vor der Kälte zu schützen. Nur die Zelte und Decken, die sie direkt nach dem Erdbeben ausgehändigt bekommen haben, dienen als Schutz. Kein Bett, keine Kleidung!

19. November 2012

Im ganzen Land gab es in den vergangenen Wochen und Monaten Proteste gegen das Handeln der Regierung, die teilweise unterdrückt wurden in in Gewalt eskalierten.

Vor vier Wochen verkündete ein Aserbaidschanischer Parlamentarier, dass noch 85% der Menschen ohne Obdach sind, und das obwohl der Winter droht. Kurz darauf wurde dieser Mann bei einem Autounfall lebensgefährlich verletzt, seine Familie getötet. Die Hintergründe dieses „Unfalls“ sind noch immer unklar.

Ähnlich wie diesem Mann erging es vielen Menschen.
Eine Gruppe freiwilliger Helfer in Ost-Aserbaidschan wurde zu mehreren Jahren Haft verurteilt, weil sie angeblich die nationale Sicherheit gefährde.
Ein populärer Iranischer Blogger wurde umgebracht, weil er die Regierung kritisierte.

Die jüngste Protestaktion gegen das Verhalten der Regierung fand am 3. Dezember statt.
Bei einem Heimspiel des Iranischen Fußballvereins Tractor Sazi Täbris protestierten mehrere Fans nackt gegen die Diskriminierung der Aserbaidschaner und zeigten Mitgefühl mit den Erdbebenopfern. Der Protest wurde von Sicherheitsleuten niedergeprügelt.

All diese Aktionen blieben ohne Erfolg. Den Menschen wird nicht geholfen, die Regierung schweigt alles tot und bringt jeden zum Schweigen, der den Mund aufmacht. International gibt es keine Unterstützung, kaum einer weiß von den Vorgängen im Iran.

Den Opfern bleibt nichts anderes übrig als auf den Frühling zu warten, und zu hoffen, dass sie den Winter überleben.
Alle paar Wochen kommt es zudem noch zu größeren Nachbeben, die im Normalfall im Iran Schäden anrichten würden. Aber schon seit Wochen gibt es keine Informationen über die Folgen der Nachbeben. Vielleicht gab es weitere Schäden, vielleicht auch nicht. Vielleicht starben weitere Menschen, vielleicht auch nicht. Der Regierung ist es sowieso egal. Solange es von Außen keine Unterstützung gibt, werden die Opfer weiter um ihr Leben kämpfen müssen. Gegen die Nachbeben, gegen die Kälte, und gegen ihre eigene Regierung!

(Alle Informationen aus diesem Text stammen von der „Association for Defence of Azerbaijani Political Prisoners in Iran“ [ADAPP])

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Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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