M 8.3 im Ochotskischen Meer – Erdbeben der Rekorde?

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Allein die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache:
Erdbeben der Stärke 8,3 , in einer Tiefe von 600 Kilometern , vor er Ostküste von Russland , spürbar in St. Petersburg , Schäden in Moskau !
Das russische Riesenreich hat heute das beeindruckendste Erdbeben seiner Geschichte erlebt. Allgemein kommt es selten vor, dass ein Erdbeben in einem kompletten Land spürbar ist. Wenn es sich dabei auch noch um Russland handelt, ist es rekordverdächtig. Aber wie viele Rekorde hat das Erdbeben denn gebrochen?

Stärke 8,3 ist zwar der bisherige Jahresrekord, aber weit am Weltrekord vorbei. Auch die Schadenssumme ist glücklicherweise eher gering. Wenn man die Stärke aber in Relation zur Tiefe setzt, kann man sagen, dass es das stärkste bekannte Erdbeben in einer Tiefe von 600 Kilometern oder mehr ist. Der bisherige Rekord lag in Bolivien. (1994, M 8,2)
Aber warum gibt es eigentlich Erdbeben in solchen Tiefen? Normalerweise ist das Gestein an dieser Stelleim Erdmantel doch viel zu flüssig um solche Spannungen aufbauen zu können.
Normalerweise ja, aber an solchen Subduktionszonen wie vor Kamtschatka, wo sich die Platte mit mehreren Zentimetern pro Jahr nach unten bewegt, ist das Gestein so schnell, dass es nicht so flüssig ist, wie an anderen Stellen. Nur an solchen Subduktionszonen, kann es zu so tiefen Beben kommen.

Tiefe Beben haben die Eigenschaft, dass sie in einem extrem großen Bereich spürbar sein können. Abhängig von der Bodenbeschaffenheit. Vor allem in Hochhäusern und auf weichen Böden können solche Erdbeben auch noch in tausenden Kilometern entfernung wahrgenommen werden.
Das 1994er Erdbeben in Bolivien war in weiten Teilen von Südamerika und Nordamerika spürbar. Der am weitesten entfernte bekannte Ort, wo es spürbar war, ist Toronto in Kanada, etwa 6500 Kilometer entfernt. Diese Distanz hat das heutige Erdbeben ohne Frage überschritten, da es an vielen Orten Europas spürbar war, eine Distanz von fast 10000 km. Zudem kam es zu leichten Schäden in Moskau, über 6000 Kilometer vom Epizentrum entfernt. So etwas hat es wahrscheinlich noch nie gegeben.
Die unten stehende Karte zeigt alle Orte, von denen sich Zeugen bei EMSC, USGS, JMA und EarthquakeReport gemeldet haben, dass sie dieses Erdbeben wahrgenommen haben, sowie in Medien genannte Orte. Mit dabei: Toronto, wie 1994, sowie Dubai und Neu-Dehli, die in den vergangenen Wochen mehrfach Fernbeben zu spüren bekommen haben, und mehrere Orte in Europa. Drei Kontonente, sowie ein Bericht aus Melbourne, bei dem allerdings Seriösität anzuzweifeln ist.

M 8.3 Kamtschatka auf einer größeren Karte anzeigen

Egal ob 3 oder 4 Kontinente, es ist kein Erdbeben bekannt, dass sowohl in Europa und Asien, als auch in Nordamerika spürbar war.

Dieses enorme Schüttergebiet könnte zudem dazu führen, dass dies das Erdbeben ist, dass von den meisten Menschen wahrgenommen wurde. Wobei es dazu keine Statistiken gibt. Jedoch war das Erdbeben in weiten Teilen von Japan, China und Indien spürbar, bekanntermaßen Nationen mit sehr hoher Einwohnerzahl. Aber Belegen lässt sich diese Vermutung zur Zeit nicht.

So viel zu den möglichen Rekorden. Aber wie steht dieses Erdbeben im Zusammenhang mit dem Schwarm und der darauf folgenden Warnung für Kamtschatka?
Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten. Das Epizentrum entspricht zwar den gleichen Bereich der subduzierenden Platte die die Lokalität des Schwarmes, allerdings viele hundert Kilometer weiter im Erdmantel. Somit ist es nicht das gleiche Segment der Platte und damit auch nicht die Region, die Mega-Thrust gefährdet ist. Dies ist nämlich weiterhin der Abschnitt östlich vom Kamtschatka. Die russischen Forscher sagten dazu, dass das heutige Erdbeben die Gefahr vor Kamtschatka nicht verringert hat. Im Gegenteil. Durch den Stoß und die Druckentlastung könnte sich der Druck auf das ursprüngliche Segment verstärkt haben. Könnte. Bis die Situation vor Kamtschatka genau erforscht ist, kann es noch Monate dauern.

Was bei diesem Erdbeben auch auffällig ist, ist das schwere Erdbeben bei Tonga, knapp 12 Stunden zuvor. Ein direkter Zusammenhang kann nicht hergestellt werden, jedoch kann er nicht ausgeschlossen werden. Es ist bekannt, dass 8er und 9er Beben oft schwere „Vorbeben“ haben, die etwa eine Magnitudenstufe geringer sind als das Hauptbeben. Dass das Zufall ist, ist unwahrscheinlich. Auch in dem Fall dürfte es sich um ein solches Vorbeben gehandelt haben. Wobei auch hier der wissenschaftliche Beweis fehlt.

Wie geht es weiter?
Kamtschatka droht weiterhin in naher Zukunft ein Megabeben, die Situation ist unverändert. Zudem drohen Nachbeben, nicht nur in Kamtschatka. Moskau hat bereits eines der Stärke 2 erlebt. Andere Regionen könnten ebenfalls betroffen sein, auch von stärkeren. Direkte Nachbeben am Epizentrum werden ebenfalls tief und somit ungefährlich sein.

Weitere Folgen des Erdbebens?
Messungen werden in den kommenden Wochen zeigen, ob und wie sich die Erdkruste, und evetuell auch die Erdachse durch das Beben verschoben haben. Negative Folgen wird dies aber natürlich nicht haben.
Kamtschatkas Vulkane könnten durch das Erdbeben beeinflusst werden. Vor allem die aktiven von ihnen könnten unruhigere Phasen erleben.

Aber insgesamt kann man sagen, dass die bisherigen Folgen des Erdbebens vergleichsweise positiv sind. Nur geringe Schäden, nur eine „verletzte“ / kranke Person in St. Petersburg, kein Tsunami (obwohl die Messgeräte durch das Erdbeben einige Fehlmeldungen hatten). Und die Bewohner der russischen Metropolen haben den Schock ihres Lebens bekommen.
Ob es beim Positiven bleibt, wird sich zeigen.

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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