Bergbauinduzierte Erdbeben in Polen

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Wir sehen es immer wieder, dass es in Regionen, in denen Menschen Bergbau betreiben, zu kleinen bis moderaten Erdbeben kommt. Einstürzende Stollen, geplante Sprengungen und in Bruchlinien eindringendes Grundwasser sind die Hauptgründe für diese Erschütterungen.
Größere Beben, selten aber möglich, können dabei auch zu schweren Schäden führen, wie es in den letzten Jahren an verschiedenen Orten auf der Welt beobachtet wurde. Australien, China, Deutschland, Südafrika und USA, um nur einige zu nennen.

Aber was macht es schon, wenn es alle paar Jahrzehnte ein großes Beben gibt, mögen manche nun vielleicht sagen. Andere Regionen haben auch Erdbeben, ganz ohne Bergbau, und die Regionen profitieren ja davon. Da kann man gelegentliche Erschütterungen schon verkraften. Vor allem, da die Menschen Schadensersatzzahlungen erhalten.

Wirklich?

Leider ist es nicht überall so “einfach”, einen Konsens zwischen den ökonomischen Vorteilen des Bergbau und den sozialen Aspekten zu finden.
Besonders problematisch ist die Situation in den Bergbaugebieten in Polen. Vor allem zwei Regionen sind dort sehr betroffen. Diese sind bei jedem Blick auf die Erdbebenkarten des EMSC sofort zu sehen.
Zum Einen die Region Niederschlesien. Bekannt wurde diese Region in diesem Jahr durch ein Erdbeben der Stärke 4.5, welches ein Grubenunglück verursachte, bei dem mehrere Menschen verletzt wurden. Täglich finden dort kleine Beben statt.
Zum Anderen die Region Schlesien im Süden des Landes. Dort befindet sich in der Nähe von Kattowitz die Stadt Bytom.
Die Geschichte von Bytom Reicht bis ins 11. Jahrhundert zurück. Im Mittelalter war Bytom Hauptstadt und Regierungssitz der gleichnamigen Region. Zugleich war die Stadt ein wichtiger Handelsknotenpunkt. Kriege und andere Katastrophen haben die Stadt bis in die Neuzeit immer wieder heimgesucht.
Im 19. Jahrhundert begann man mit der gezielten Förderung von Steinkohle. Infolge dieser gewinnträchtigen Industrie stieg die Zahl der Einwohner rapide an. Wohlstand breitete sich aus. Das Geld wurde sinnvoll in den Ausbau der Infrastruktur investiert, so dass die Stadt neben den vielen historischen Bauwerken einen modernen Touch bekam.

Was anfangs ein Segen für die Stadt war, wurde in den letzten Jahrzehnten zum Albtraum für viele Einwohner.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wo Bytom ein strategisch wichtiger Ort für die Deutschen war, stand die Stadt am Abgrund. Viele Gebäude wurden im Krieg, vor allem bei der Befreiung durch die Rote Armee zerstört. Nach der Gründung der Volksrepublik Polen hat man sich wieder auf den Bergbau konzentriert.

Ohne Rücksicht auf Verluste hat man Bergwerke in der Stadt eröffnet und die Kohle ausgegraben. Besonders unterhalb der Innenstadt, die vor dem Krieg von dem Bergbau und deren Folgen nicht betroffen war.

Bergbauinduzierte Erdbeben sind seit dem an der Tagesordnung. Kleine Erschütterungen (~Magnitude 2) sind zweimal die Woche zu spüren. 81 Beben wurden seit November 2012 verspürt, das ist mehr als in bekannten Erdbebenregionen wie Tokyo oder Mexiko City. Größere Beben über Magnitude 4, wie 1982, haben hunderte Gebäude beschädigt. 2011 wurden mehrere Bergleute verletzt und hunderte Gebäude schwer beschädigt. Viele hundert weitere bei den kleinen Beben.

Mit jedem Beben ein neuer Riss!

Aber nicht nur die Beben haben die Stadt so zugerichtet. Vor allem ein Absinken des Bodens hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass viele Häuser beschädigt oder gar zerstört wurden,, obwohl einige Zechen mittlerweile geschlossen wurden.
In der Innenstadt von Bytom ist der Boden teilweise um bis zu 25 Meter innerhalb der letzten 10 Jahre abgesunken. (Siehe Karte) Aus den historischen Kirchen wurden Ruinen. Auch die “modernen” Häuser der Industrialisierung haben dem ständigen Beschuss durch Bergbeben wenig entgegen zu setzen. Viele sind geräumt worden. Wenn Reparaturen möglich waren, wurde von den Bergbaubetrieben nur das Nötigste gemacht. Löcher in der Fassade wurden verputzt, neue Steine wurden in die Lücken eingesetzt. Optisch wenig ansprechend, bis zum nächsten Beben.

Auch die Ökonomie der Stadt ist längst durch den Bergbau geschädigt worden. Da keiner genau weiß, wo gegraben wird, wo Kohle gefördert wird, und wo dies bereits passierte, gilt die ganze Stadt als Risikogebiet. Jedes Haus könnte als nächstes einstürzen, durch Beben oder Bodensenkungen. Daher fanden zuletzt keine oder kaum Investitionen in die Infrastruktur statt, da es sich nicht lohnte. Firmen wurden abgeschreckt.

Als vor einigen Jahren viele Zechen in Bytom und Umgebung den Betrieb einstellten, verloren tausende Menschen ihren Arbeitsplatz. Wer keine andere Stelle in einem Bergbaubetrieb oder einer anderen Branche  in der Umgebung finden konnte, bekam vom Staat eine Summe Geld, als Entschädigung für den Lohn der nächsten Jahre, sowie als Grundlage um ein eigenes Unternehmen zu gründen.
Leider ging dieser Plan nicht auf. Viele der Empfänger sind nun wieder ohne Job, da sie nichts Dauerhaftes finden konnten.

Um diese wirtschaftliche Krise zu meistern, finden Kooperationen mit den Städten Recklinghausen in Deutschland und Butte in den USA (Montana) statt. Diese haben ebenfalls eine Vergangenheit, die von Bergbau geprägt war, und einen Strukturwandel durchgemacht haben, wo der wirtschaftliche Schwerpunkt erfolgreich vom primären auf den tertiären Sektor verlagert wurde. Anhand deren Beispiel soll nun auch in Bytom agiert werden.
Bislang kam es aber noch zu keinen Hilfen, da es an Investoren mangelte. Ein neuer Versuch  soll diesen Herbst starten, wie W. Pantförder, der Bürgermeister von Recklinghausen mitteilte.

In der Innenstadt wurden aber bereits einige Gebäude renoviert, ein neues Einkaufszentrum wurde errichtet. Zu viel mehr kam es noch nicht.

Aber es bebt weiter.

Das Bild der Stadt ist zerstört worden. Ruinen und schlechte Renovierungen wechseln sich mit Brachflächen der Bodensenkungen ab. Mit jeder neuen Erschütterung wächst nicht nur die Wut der Bürger, sondern auch die Risse in den Häusern vergrößern sich. Renovierungen und Neubauten könnten bald garnicht mehr erkennbar sein. Viele Menschen haben Angst um ihr Hab und Gut. Andere sind einfach wütend über das Schicksal ihrer Stadt.
Um Menschen eine Alternative zu bieten, wurden außerhalb der Innenstadt neue Stadtteile errichtet. Neue Häuser im Stil von Plattenbauten, um möglichst vielen Familien günstigen und optisch ansprechenden Wohnraum zu verschaffen.

Aber selbst diese neuen Siedlungen sind nicht sicher. Der Bergbau geht weiter, noch immer sind Zechen aktiv. Wo vor 20 Jahren noch nicht gegraben wurde, sieht es heute ganz anders aus. Es wird weitere Bergsenkungen geben. Einige der neuen Häuser stehen bereits schief. Andere werden folgen. Spätestens beim nächsten großen Beben ist die Gefahr akut. Auch wenn die neuen Häuser bebenresistent gebaut wurden, kann ein großes Beben schnell zu neuen Rissen führen. Vor allem bei Gebäuden, die bereits durch die Bergsenkungen betroffen sind.
Zudem sind viele der ehemaligen Schächte weiterhin einsturzgefährdet.

Der Bergbau wird weiter gehen. Die Ressourcen unter der Stadt sind ergiebig. Für die polnische Wirtschaft sind die Einnahmen aus dem Bergbau essentiell. Auch für die mehr als 10.000 Menschen, die rund um Bytom in der Montanindustrie beschäftigt sind, ist ein Ende des Bergbaus undenkbar.

Die 174.000 Einwohner der Stadt haben zum Teil schon die Hoffnung aufgegeben. Einige sehen keine Möglichkeit der Abwärtsspirale zu entkommen. Von Seiten der Regierung komme zu wenig, kulturelle Verluste können nicht ersetzt werden. Die bisherigen Ansätze haben wenig Erfolg gebracht. Solange der Bergbau fortgesetzt wird, solange es bebt, so sehen es viele Bewohner von Bytom, ist keine Besserung in Sicht.

Lösungsansätze gibt es viele. Ein Leben mit dem Bergbau ist in anderen Regionen der Welt ohne Probleme möglich.
Eine Verfüllung der ehemaligen Schachtanlagen unter Bytom würden Einstürze und damit verbundene Bergsenkungen verhindern. Zudem müssten die Schächte, in denen noch gefördert wird, besser kartiert werden. Wenn man weiß, wo gegraben wird und wo nicht, kann man besser erahnen, welche Regionen der Stadt gefährdet sind, und welche nicht. Dies würde Firmen und Einwohnern ruhigere Nächte verschaffen. Aber bis dahin müssen die Bewohner Bytoms jederzeit ein nächtliches Erwachen fürchten, wenn die Erde bebt.

Originalartikel geschrieben für earthquake-report.com

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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