Täbris – Erdbebenhauptstadt mit tragischer Geschichte

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Als gestern die Erde nahe der Iranischen Millionenstadt Täbris in der Region Ost Aserbaidschan bebte, verursachten die leichten Erschütterungen eine ziemliche Panik unter der Stadtbevölkerung. Obwohl es durch das Erdbeben keine Schäden gab, wurden infolge der Panik acht Menschen verletzt, unter ihnen 5 Kinder.

Auf dem ersten Blick stellt sich die Frage, warum die Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 3.5 so panisch wurden.
Klar, schwere Erdbeben mit vielen Todesopfern sind im Iran fast schon Alltag. Aber unter all den Katastrophen der junge Vergangenheit und den ganzen Horrorszenarien für ein „baldiges“ Erdbeben in Teheran, fällt der Name Täbris nicht.

Auch wenn es in den letzten Jahrzehnten ruhig war: Täbris trägt den inoffiziellen Titel der Erdbebenhauptstadt des Iran. In der Geschichte von Täbris hat es so viele katastrophale Erdbeben gegeben, wie an nur wenigen anderen Orten. Ein paar dieser Erdbeben gehören zu den schlimmsten Naturkatastrophen aller Zeiten.

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Lage von Täbris (Google Earth)

Alle großen Beben im Überblick:

858 (~ Magnitude 6.0)
Als das erste Beben, das Täbris seit seiner Gründung im 8. Jahrhundert zerstörte, gilt das Ereignis von 858. Es ist wenig darüber bekannt, doch seien den Überlieferunen zufolge mehrere hundert Menschen in den Trümmern der noch jungen Stadt ums Leben gekommen.

1042 (~ Magnitude 7.6)
Das erste katastrophale Beben in der Geschichte der Stadt ist bis heute eines der verheerendsten Erdbeben in der Geschichte des Iran. Etwa 50.000 Menschen kamen ums Leben, während die Stadt nahezu vollständig zerstört wurde. Über Wochen und Monate hatte dieses Erdbeben teils schwere Vor- und Nachbeben, die die Katastrophe verschlimmerten. Allerdings gehört dieses Erdbeben zu den wenigen, die relativ erfolgreich vorhergesagt wurden, zumindest wenn man der Geschichte Glauben schenkt. So habe ein Astronom die Vorbebentätigkeit beobachtet und kurz vor dem Hauptbeben eine Anomalie festgestellt, so dass er die Menschen warnte. Viele verließen die Stadt nach seiner Warnung rechtzeitig, bevor es zur Katastrophe kam.

1273 ( ~ Magnitude 6.5)
Weiger zerstörerisch war ein Erdbeben Anfang des Jahres 1273. Dennoch: Viele Gebäude wurden zerstört und etwa 250 Menschen kamen ums Leben. Grund für die recht harmlosen Ausgang war, dass das Epizentrum nicht direkt bei Täbris lag.

1304 ( ~ Magnitude 6.7)
Als in Täbris sehr zerstörerisch wird ein schweres Erdbeben im Jahr 1304 beschrieben, auch wenn die Überlieferungen keinen Rückschluss auf mögliche Opfer lassen.

1550 ( ~ Magnitude 5.9)
Mehrere hundert Opfer habe es Anfang 1550 gegeben. Vor allem die gewaltigen Erdrutsche am Rand der Stadt infolge des Bebens forderten Opfer.

1641 ( ~ Magnitude 6.8)
1200 Menschen sind beim Erdbeben in Täbris ums Leben gekommen. Viele Gebäude wurden zerstört. Aus den Jahren 1657 und 1667 werden ebenfalls schwere Erdbeben in Täbris überliefert, ebenfalls mit hunderten Todesopfern.

1717 ( k. A.)
Knapp 4000 Gebäude in Täbris sind eingestürzt. Etwa 700 Menschen starben.

1721 ( ~ Magnitude 7.7)
Es gilt als das schwerste Erdbeben in der Geschichte der Stadt, die dabei zu 75% zerstört wurde. Alle übrigen Gebäude wurden schwer beschädigt. Realistischen Berichten zufolge wurden etwa 80.000 Menschen getötet. Andere Schätzungen belaufen sich auf 8.000 bis 250.000 Todesopfer. Hinzu kommen verheerende Sekundäreffekte. Erdrutsche und Steinschläge töteten viele Menschen. Gasaustritte aus Erdspalten töteten tausende Nutztiere. (möglicherweise sind diese auf vulkanische Aktivität am Vulkan Sahand am Südrand von Täbris, die vom Beben verursacht gewesen sein könnte, zurückzuführen).

1780 ( ~ Magnitude 7.7)
Als ein weiteres Erdbeben, bei dem Täbris (nahezu) vollständig zerstört wurde, gilt das Ereignis im Jahr 1780, dem ein Jahr lang zerstörerische Vorbeben vorausgingen. Praktisch alle Gebäude der Stadt stürzten, teils geschwächt durch die starken Vorbeben, ein und töteten etwa 50.000 Menschen. Wobei auch hier Schätzungen von mehr als 200.000 Todesopfern ausgehen. Vielerorts wurde Bodenverflüssigung beobachtet.

Viele weitere Erdbeben mit weniger dramatischen Auswirkungen hat es in der Zwischenzeit gegeben. Aber: Seit 200 Jahren herrscht Ruhe!

Das Doppelbeben mit 306 Toten im August 2012 wird als Täbris-Erdbeben bezeichnet, da es sich im Umfeld der Stadt ereignete. Es verursachte jedoch keine Schäden in der Stadt selbst, weshalb der Name leicht irreführend ist.

Nord-Täbris-Verwerfung
Nord-Täbris-Verwerfung (Google Earth)

Was macht Täbris so gefährlich?

Alle oben aufgelisteten Erdbeben wurden von der Nord-Täbris-Verwerfung (NTV) verursacht. Dabei handelt es sich um eine ziemlich aktive horizontale Verwerfung, die sich über mehrere hundert Kilometer durch den Nordwesten des Iran, bis hin zur Türkischen Grenze zieht. Und: Sie verläuft direkt am nördlichen Stadtrand von Täbris, nur 3 Kilometer von der historischen Innenstadt entfernt. (Das Täbris-Beben 2012 ereignete sich nicht an der NTV) Um die Gefährlichkeit dieser Verwerfung, welche auch das gestrige Erdbeben hervorgebracht hat, zu verdeutlichen, wird die NTV auch oft als „Verlängerung der Nordanatolischen Verwerfung“ bezeichnet.

Zur Orientierung: Die Nordanatolische Verwerfung ist jene Bruchlinie, die sich von Istanbul aus quer durch den Norden der Türkei zieht, und in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach katastrophale Erdbeben verursacht hat, darunter das Beben von Erzincan 1941 (M 8.0) und das Erdbeben von Izmit 1999 (M 7.7)

Dass die NTV seit mehr als 200 Jahren „ruht“, macht sie nicht minder gefährlich. Im Gegenteil: Viele Experten sehen Täbriz in naher Zukunft der Gefahr eines verheerenden Erdbebens ausgesetzt. Mit unabsehbaren Folgen für die Stadt, in der heute fast 1.5 Millionen Menschen leben. Aber auch „kleinere“ Erdbeben können ernste Schäden anrichten.

Dabei gefährlich werden können noch mehrere andere Verwerfungen im direkten Umfeld von Täbris, denen zerstörerische Beben der Vergangenheit zugeschrieben werden. (hier nicht aufgelistet) Ein paar dieser Verwerfungen sind auch zu größeren Beben um Magnitude 7 fähig.

Daher: Die Vergangenheit zeigt, dass die viertgrößte Stadt des Iran zurecht als Erdbebenhauptstadt gehandelt wird. Auch die Zukunft wird diesen tragischen Titel bestätigen.

weitere Infos:
Seismic Hazard Assessment of Tabriz, a City in the Northwest of Iran
A History of Persian Earthquakes
Paleoearthquakes and slip rates of the North Tabriz Fault, NW Iran: preliminary results

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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