Wochen der (künstlichen) Erdbebenangst – Kommentar zur aktuellen Situation

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Hinweis: Der folgende Text ist ein Kommentar des Autors zur aktuellen Erdbebenlage weltweit und den Umgang damit in den Medien. Er besteht teils aus eigener Meinung und teils aus wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wer an einer rein sachlichen Berichterstattung interessiert ist, sollte hier nicht weiterlesen.

Seit etwa 3 Wochen tauchen in den deutschen Medien und Pseudomedien fast täglich Meldungen auf, wonach irgendwo auf der Welt ein „Erdbeben katastrophalen Ausmaßes“ unmittelbar bevorsteht. Und es werden immer mehr. Die Ereignisse in Los Angeles und Chile waren auch dafür prädestiniert, Vorlagen für solche Meldungen zu liefern. Teils blieb es da bei seriösen Meldungen, die aber falsch interpretiert wurden. Andere Ereignisse, im Yellowstone, in Oregon und in Frankreich, wurden teils aus dem Kontext gerissen um abseits jeder Seriosität eine interessante Meldung zu bringen – die sich in der Welt der neuen Medien schneller ausgebreitet hat als eine seismische Welle.

Das Fazit daraus: Wir werden alle sterben! Oder so ähnlich, könnte man als unbeteiligter Leser solcher Meldungen denken.

Realistisch gesehen ist das ganze für einen unbeteiligten Leser dann doch deutlich „langweiliger“. Aber welche deutschen Medien und Pseudomedien wollen schon Langeweile verbreiten?

Wir!

Der böse, böse Brückenhügel unter LA
Bis vor knapp 2 Wochen kannte kaum einer in Deutschland diesen Riss in der Erdkruste, der Puente Hills Fault genannt wird. Vorher wurde nur über den bösen, bösen Andreas östlich von Los Angeles spekuliert. Doch seit dem Erdbeben der Stärke 5.1 haben Pessimisten, Panikmacher und Propheten dieses neue Objekt im Visier.
Story: Das genannte Beben, das den Titel des „stärksten Erdbebens in Los Angeles seit 5 Jahren“ dem nicht mal 2 Wochen alten M 4.4 in Sherman Oaks gestohlen hat, gilt als Vorbeben einer Katastrophe, schlimmer als alles bisher prophezeihte. Und diese steht natürlich unmittelbar bevor, sonst macht es ja natürlich keinen Spaß darüber zu schreiben… Puente Hills und San Andreas, das gefährlichste Duo in Amerika seit Bonnie und Clyde…
Wahrheit: Etwa 40 %. Ein schweres Erdbeben an der Puente Hills Verwerfung, die sich direkt durch das Stadtzentrum von Los Angeles zieht, könnte tatsächlich tausende töten und Teile von Los Angeles in Schutt und Asche legen. Ebenso wie ein schweres Erdbeben an der San Andreas Verwerfung. Klar ist: Beides wird irgendwann passieren. Klar ist auch: Die aktuellen Ereignisse haben nichts mit der Katastrophe, die IRGENDWANN, in 10, 100, oder 1000 Jahren (okay, letzteres ist wahrscheinlich zu optimistisch) passieren wird, zu tun. Von einem „Anzeichen“ oder einem „Vorbeben“ kann nicht die Rede sein. Als „Erinnerung“ an die drohende Gefahr ist so ein „kleines“ Ereignis, wie es dutzendfach seit der letzten großen Katastrophe gegeben hat, aber gut geeignet. Und als Test, wie gut die Bevölkerung vorbereitet ist. Die meisten Medien sind leider darüber hinausgeschossen.

Die halbvolle Seismische Lücke in Chile
Wer sich ein wenig mit der Situation beschäftigt hat, kennt diese Lücke schon länger und wusste, dass bald irgendwas passieren wird. Nun ist was passiert, und jetzt kennt sie jeder, diese Seismische Lücke vor der Küste von Chile. Problem ist nur: Die Ereignisse haben nicht ausgereicht, um die Lücke zu füllen.
Story: „Megabeben steht unmittelbar bevor!“, „Tsunamiangst in Chile – Neue Bedrohung für den Pazifik“ – So oder so ähnlich wird seit dem M 8.2 und den folgenden Nachbeben getitelt. Die Schäden waren groß, aber nicht enorm. Das Beben war groß, aber nicht enorm. Beides addiert ergibt ein mögliches enormes Erdbeben mit enormen Schäden … und einem enormen Tsunami, in sehr naher Zukunft natürlich…
Hat Ähnlichkeiten mit dem Brückenhügel in Los Angeles, daher wurde beides natürlich schon lange in Verbindung gebracht. Mit dem Ergebnis, dass die gesamte Westküste des amerikanischen Kontinents instabil geworden ist, und schon sehr sehr bald was großes passiert.
Wahrheit: Etwa 50% Dass die Seismische Lücke noch nicht geschlossen ist, entspricht der Wahrheit. Dass weitere Erdbeben, größer als das aktuelle, drohen, ist die Wahrheit. Dass dieses katastrophal werden kann, ist auch die Wahrheit.
Dass dieses unmittelbar bevorsteht, ist nicht ganz richtig. Es könnte unmittelbar bevorstehen, oder in 10 Jahren passieren, wenn die Seismische Lücke von den Medien vergessen wurde.
Dass Los Angeles damit zusammenhängt, ist eine Erfindung von „besonders kreativen“ Menschen, und somit ziemlich weit weg von der Realität, auch wenn ein Beweis dafür (oder dagegen) nie erbracht werden kann.

Die falsche Tierpanik im Yellowstone
Bisons, Beben und Bodenhebungen – das natürlich alles zeitgleich. Mehr braucht es nicht für einen aufmerksamen Blogbesitzer um sich selbst und seine Seite bekannt zu machen. Auch einige Medien in Deutschland und anderen Ländern sind auf diesen Zug aufgesprungen.
Story: Vor einigen Wochen tauchte auf Youtube ein Video auf, wonach panische Bisons die Straßen von Wyoming benutzen, um schneller den Yellowstone-Nationalpark verlassen zu können. Zeitgleich finden im Yellowstone Nationalpark in diesem Jahr recht signifikante Bodenhebungen und recht signifikante (kleine) Erdbebenschwärme statt. Dann zur besten Sendezeit (kurz nach LA) noch ein Erdbeben der Stärke 4.8, das den Park erzittern lässt, und schon steht ein Supervulkanausbruch unmittelbar bevor. Neue Videos mit weiteren panischen Tierchen und neue Erdbebenschwärme beweisen dies.
Wahrheit: Etwa 0% Wissenschaftler bemühen sich, diese Gerüchte zu widerlegen. Leider ohne großen Erfolg, da ihre Aussagen von vielen ignoriert wird. Hier ein neuer Versuch:
Bisons: Das genannte Video, welches höchstwahrscheinlich sogar gefaked ist, zeigt nur Bisons, die eine Straße (im Yellowstone?) entlang gehen. Nicht wirklich panisch, und nicht wirklich unnormal. Nur der Titel, der eine „Warnung“ hineininterpretiert (Viele Tiere können Erdbeben und Vulkanausbrüche lange im voraus wahrnehmen), macht die Hysterie. Panisch sind im Endeffekt nur die Leute, die das glauben.
Bodenhebungen: Sind nichts ungewöhnliches, hat es an Yellowstone und anderen Vulkanen in den letzten hundert Jahren tausendfach gegeben, ohne dass irgendwas passierte. Also eigentlich nicht mehr Wert als eine Randnotiz in der Chronik des Yellowstone. Wäre da nicht das
Beben: Die kleinen, nicht ungewöhnlichen Erdbebenschwärme allein hätten wohl nicht gereicht, die Story so bekannt zu machen. Aber da war ja noch das schon recht eindrucksvolle, aber harmlose Beben der Stärke 4.8, das stärkste seit Jahren im Yellowstone. Wenn man es aber mit den 6ern und 7ern Mitte des 20. Jahrhunderts vergleicht, ist es wirklich unbedeutend. Zumal das Erdbeben sich angekündigt hat – durch die Bodenhebungen. Man kennt es von El Hierro, dass starke Bodendeformationen zu starken Erdbeben führen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ähnliches im Yellowstone geschieht, da die Bewegungen dort von Natur aus deutlich stärker sind, auch ohne Eruption. Es wäre auch keine Überraschung, wenn es in nächster Zeit weitere Erdbeben gibt.

Ein neues L’Aquila in den französischen Alpen
Dieser Vergleich beruht auf den (fast) perfekten Zufall, dass das Erdbeben am späten Montag Abend in den französischen Alpen zur Zeit des 5. Jahrestages der Katastrophe von L’Aquila stattfand.
Story: In den französischen Alpen droht ein Erdbeben ähnlich dem von L’Aquila! Logisch, oder nicht? Bei einigen wird auch das Krisen-AKW Cattenom eingebaut.
Wahrheit: Etwa 50% Das Beben am Montag war das stärkste seit etwa 10 Jahren. In den französischen Alpen hat es nachweislich viele starke Erdbeben in der Vergangenheit gegeben, die immer wieder zu größeren Schäden geführt haben. Ein Beben mit ähnlichem Epizentrum, aber Magnitude 5.7, ereignete sic 1884. Direkt am Mont Blanc war es zuletzt 1817 so weit, Magnitude 5.5. Viele weitere mit ähnlicher Magnitude gab es, auch in den angrenzenden Regionen der Schweiz und Italiens. Somit kann man dieses Erdbeben nicht als „einmaliges Ereignis“ abstempeln. Das stärkste in jüngerer Zeit im Jahr 1909 hatte Magnitude 6.2. Knapp 40 Menschen starben. Das Epizentrum lag im Süden der Provinz Alpes – Cote d’Azur. Noch stärker war ein Beben im Jahr 1227 in den französischen Hochalpen, das tausende tötete. Somit ist der Vergleich nicht ganz unrealistisch, auch wenn es kein Hinweis darauf gibt, dass dieses „neue L’Aquila“ schon bald eintreten wird.
Cattenom liegt in Lothringen, somit weit weg von dieser Gefahrenquelle.

Oregon steht kurz vor einer Katastrophe
Ist es eigentlich Zufall, dass immer wieder die Gefahrenquellen in den USA hochgekocht werden? Ein Erdbeben der Stärke 3.3 in Oregon, leichte seismische Aktivität an einigen Vulkanen, und die sowieso schon panische Stimmung durch die vorherigen Meldungen. Warum dann nicht auch wieder ein Cascadia-Erdbeben herbeibeschwören? Jetzt fehlt nur noch New Madrid.
Story: Nach dem M 3.3 fing es an, in dem es als Vorbeben interpretiert wurde. Weitere Meldungen, wonach Oregon und Washington in den letzten 2 Wochen 130 Erdbeben zu erleiden hatten, ungewöhnlich viel nebenbei bemerkt, verschärften diese Hysterie.
Wahrheit: Etwa 10% „Wenn man in jedes Erdbeben ein Vorbeben interpretiert, muss man ja irgendwann recht haben.“ Nach diesem Motto scheinen die Verfasser solcher Meldungen zu leben. Leider immer wieder ohne Seriosität, und bisher ohne Erfolg. Sollten sie irgendwann Erfolgreich sein, was hoffentlich (im Sinne der im Gefahrengebiet lebenden Menschen) nie der Fall sein wird, dürfte dieser Hype noch zunehmen. Aber bis dahin sollte man sich an Abwechslung versuchen. Immer wieder Cascadia wird auf Dauer langweilig. Und dass die Schreiber und Leser noch leben, wenn es wirklich mal soweit ist, ist ganz und gar nicht garantiert.
(Bevor es irgendwelche Beschwerden gibt: Es ist ein natürlicher Tod gemeint.)

 

Zum Schluss noch ein paar weitere Themen für alle, die diese Erdbebenangst ausnutzen oder verschärfen wollen, ein paar Vorschläge für weitere Themen, genauso unseriös und teils frei Erfunden wie das Obrige. Für alle anderen: Wenn ihr sowas in den nächsten Tagen lest, wisst ihr bescheid.

Hohe Erdbebenaktivität auf Island – Droht nun ein neues Aschemonster?

Doppelbeben in der Bucht von Tokyo – Japan vor neuer Katastrophe?

Immer wieder Vrancea – Rumänische Hauptstadt in höchster Gefahr!

Erdbebenrekord in Oklahoma – Fracking gefährlicher als San Andreas?

Neue Kleinbeben in Norditalien – Slowenien und Österreich fürchten Auswirkungen!

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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