Fragen und Antworten zur Erdbebenserie in Südhessen

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Seit am vergangenen Wochenende drei weitere Erdbeben, eines davon mit Magnitude 3.2, die Region Darmstadt in Südhessen erschüttert haben, reagieren immer mehr Betroffene besorgt und verunsichert.. War es vorher ein Haupt- mit einem Vorbeben, ist es nun eine Serie, die für die Menschen direkt am Epizentrum schon fast täglich Erschütterungen bringt. Eine Serie, die sich fortsetzen kann.

Im Umfeld unserer Berichterstattung haben wir bemerkt, dass dies bei vielen zu Fragen geführt haben, die von den Medien kaum beantwortet werden (konnten). Fragen, die unbeantwortet die Sorgen vergrößern. Auch wenn es bei manchen dieser Fragen nicht möglich ist, sie 100%ig korrekt zu beantworten, versuchen wir unsere begründete Einschätzung zu dem Thema zu geben, um zumindest ein wenig Klarheit zu verschaffen.

Reaktionen: „Ich finde es sehr merkwürdig, dass die Erdbeben immer am Wochenende sind und fast immer so um die selbe Zeit. Viele Menschen hier im Mühltal wundern sich darüber.“
„Ich finde es sehr beängstigend..und frage mich warum es so viele Beben…immer am Wochenende sind…..“

Erklärung: Die drei bisherigen Hauptbeben fanden tatsächlich zu vergleichbaren Tageszeiten und immer am Wochenende statt:
30. März (Sonntag): M 3.2 um 17.58 Uhr
17. Mai (Samstag): M 4.2 um 18.46 Uhr
08. Juni (Sonntag): M 3.2 um 16.16 Uhr
Kleinere Erdbeben hielten sich nicht an diese „Regel“, sie fanden an allen Wochentagen und zu jeder Tageszeit statt. Daher ist insgesamt betrachtet der Zeitpunkt eines Bebens nicht mehr als Zufall.  Es gibt in einigen Regionen der Welt Häufungen von Erdbeben zu bestimmten Tageszeiten. Vor allem aus China ist dies bekannt. Was fehlt ist aber eine wissenschaftliche Erklärung dafür. Chinesische Forscher stellten im Frühjahr Thesen auf, wonach Mond und Sonnenstand ein starkes Erdbeben begünstigen. Dies steht aber im Widerspruch zu anderen großen Beben weltweit, die sich nicht an einen Fahrplan halten. Somit bleibt auch hier nichts handfestes übrig.
Ein alternativer Erklärungsversuch, der weniger ernst gemeint ist, lautet „Die Erdbeben kommen erst am Wochenende an, da sie von Montag bis Freitag im Stau stehen“. Wie viel wahres da dran ist, dürfen die südhessischen Pendler beurteilen.

Reaktion: „Mein Verdacht ist eher Erdbeben verursacht durch Fracking…….??!!“

Erklärung:Die unkonventionelle Erdgasfördermethode „Hydraulic Fracturing“ (kurz: „Fracking“), die vor allem in den USA angewendet wird, steht im verdacht an mehreren Orten, darunter Oklahoma, Kansas und der Norden der Niederlande, teils größere Erdbeben verursacht zu haben. Viele Wissenschaftler unterstützen diese These, restlos belegt ist dies in den meisten Fällen aber nicht. Auch für Europa ist im Zuge der Krise mit Russland eine Ausweitung, bzw. eine Genehmigung für diese Methode vorgesehen. Bis die Bundesregierung sich in den kommenden Wochen bei Thema „Fracking“ geeinigt hat, wird die unkonventionelle Erdgasfördermethode in Deutschland aber nicht angewendet. Es gibt Pläne für Südhessen, dass dort in Zukunft „gefrackt“ werden könnte. Aber bis zur Realisierung kann es noch dauern. Bisherige Anfragen von Firmen, mit der Fracking-Methode in Hessen zu arbeiten, worden zurückgewiesen, zuletzt im Sommer 2013 vom Regierungspräsidium Darmstadt.
Normale Erdgasfärderung hat es im Südlichen Hessen bis zum Ende des letzten Jahrhunderts gegeben. Die Fördermenge dort war aber im Vergleich zu Norddeutschland, wo Erdbeben durch Erdgasförderung belegt sind, eher gering. Zudem lag das Erdgas in Tiefen von nur wenigen hundert Metern, deutlich oberhalb der Erdbebenhypzentren.
Historische Erdbebenaktivität in Hessen, auch welche die ähnlich zur aktuellen Situation sind, lassen einen tektonischen und somit natürlichen Ursprung der Erdbeben als sehr wahrscheinlich erscheinen. Auch Wissenschaftler sind sich einig, dass diese Beben tektonischen Ursprungs sind.

Reaktion: „Es wundert mich sehr, dass das Beben [am 27. Mai] mit nur einer Stärke von 1,4 angegeben worden ist. Das Beben war deutlich spürbar. Ähnlich stark spürbar wie das Beben von heute (08.06., welches mit einer Stärke von 3,2 angegeben ist).“

Erklärung: Die Faustregel besagt, dass Erdbeben unter Magnitude 2 für den Menschen nicht, unter Magnitude 3 für den Menschen kaum wahrnehmbar sind. Aber wie immer: Keine Regel ohne Ausnahme. Und eine dieser Ausnahmen war in den letzten Wochen Südhessen. Zeugen berichten, dass auch kleinste Erdbeben, die niedrigste Magnitude war 1.0, von einigen Menschen direkt am Epizentrum wahrgenommen wurden. Zwar nur sehr schwach, aber vor allem akustisch signifikant.
Ob ein Erdbeben spürbar ist und wie stark, hängt von drei Hauptfaktoren ab: Magnitude, Tiefe (Hypozentrum) und Boden:
Tiefe: Je flacher das Hypozentrum, umso deutlicher ist das Beben wahrzunehmen. Im Falle von Hessen lag das Hypozentrum in nur 3 bis 5 Kilometern Tiefe und somit deutlich unter dem Durchschnitt (10 bis 20 Kilometern Tiefe), an dem sich auch die Faustregel orientiert.
Boden: Weicher Boden (Sand, Kies, etc.) verringert die Geschwindigkeit von Seismischen Wellen. Dies führt zu einer Erhöhung der Amplitude und somit der Intensität. Das heißt: Erdbeben werden auf weichen Böden deutlich mehr wahrgenommen als auf felsigen Untergründen. Der Oberrheingraben, sowie viele Flusstäler, bestehen überwiegend aus diesen weichen Böden.
Mexiko-City, Los Angeles und Tokyo sind Beispiele für Städte, die aufgrund ihrer ungünstigen Lage auch für entfernte Erdbeben anfällig sind.

Wenn die Bedingungen stimmen, können selbst Mikrobeben für Menschen spürbar sein. Dieses Jahr gab es bereits mehrere Beispiele für solch „übertrieben starke“ Erdbeben: Zwei Beben mit M 2.7 in Indonesien und China, die dutzende Gebäude beschädigten, sowie eines der Stärke 1.4 im Indischen Bundesstaat Karnataka, das deutlich spürbar war und ein Gebäude beschädigte.

Reaktion: „Seitdem im Ried gebohrt wird, passiert etwas…..
Aber wenn es das Problem wäre, würden wir es trotzdem als Naturgewalt verkauft bekommen!“

Bei den Bohrungen, die seit einigen Jahren im Süden von Hessen durchgeführt werden, handelt es sich um Probebohrungen für ein Geothermie-Kraftwerk. Dieses soll im Jahr 2016 in Groß-Gerau ans Netz gehen.
Geothermie-Bohrungen gelten an mehreren Orten, darunter auch im rheinland-pfälzischen Landau als Ursache für Erdbeben. Grund ist das Wasser, das in die Gesteinsschichten gepumpt wird und zu Änderungen in den Spannungsverhältnissen entlang von Störungen führt.
Während aller Probebohrungen, die zwischen 2007 und der Genehmigung 2013 durchgeführt wurde, hat es keine auffällige seismische Aktivität gegeben. Da es in den letzten Monaten keine Veränderung an den Arbeiten gab, gibt es kein Grund, warum ganz plötzlich seismische Aktivität einsetzen sollte.
Weitere Punkte, die gegen die Bohrungen als Ursache für die Erdbeben sprechen, sind Tiefe und Lage. Die Bohrungen gingen maximal bis in 3 Kilometern Tiefe, die Epizentren der Beben lagen teilweise in 5 oder mehr Kilometern Tiefe. Außerdem sind andere Störungssysteme für die Beben verantwortlich. Solche abseits der Bohrstellen, so dass kein Einfluss möglich ist.

Reaktion: „Bei jedem Donner denkt man, oh es kommt wieder ein Erdbeben. Es ist schon beängstigend wie oft und stark die Erdbeben in kurzer Zeit hintereinander kamen.“

Eine Frage, die niemand beantworten kann. Kommen noch mehr Beben, oder wars das? Werden die Beben noch stärker oder ist der Höhepunkt erreicht? Warum gab es so viele Beben?

Da nichts ausgeschlossen werden kann, liegt es bei jedem einzelnen, wie er / sie auf die Situation reagiert. Um vorbereitet zu sein und Verletzungen zu vermeiden, kann man sich über das richtige Verhalten im Ernstfall informieren. Auch Kinder sollten bescheid wissen. Um Eigentum zu schützen, gibt es Elementarversicherungen, die auch Schäden durch Erdbeben übernehmen. (Eine solche Versicherung ist für alle Menschen in Deutschlands Erdbebengebieten empfehlenswert) Alternativ kann man auch hoffen, dass es nun endlich vorbei ist. Dabei sollte man jedoch nicht schockiert sein, wenn doch noch was kommt.

Mindestens 9 spürbare Erdbeben in Ober-Ramstadt und Mühltal gab es seit März, die meisten in den letzten Tagen. Wahrscheinlich ist, dass es weitere, zumindest kleine Erdbeben gibt. Große sind vergleichsweise unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen. Zumindest eines kann man mit Gewissheit sagen: Katastrophale Erdbeben, wie man sie aus Japan, China oder Indonesien kennt, wird es in Deutschland nicht geben,

 

Schüttergebiet M 3.2
Schüttergebiet M 4.2

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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