„Immer wieder kurze Ruckler“ – Südhessen kommt nicht zur Ruhe

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Es könnte genauso gut im Drehbuch eines mittelmäßigen Katastrophenfilms sein: Einige kleine Orte im schönen Süden von Hessen, gebeutelt von mehreren größeren Erdbeben in den letzten Monaten, erleben ein nicht-enden wollendes Feuerwerk von „kurzen Rucklern“, die alle Bewohner des Hauses aufschrecken, und selbst Besuch von Auswärts stutzig macht. Praktisch besteht kein Zweifel, dass es sich um Erdbeben handelt, wenn man morgens um halb 3 plötzlich vom Wackeln des Bettes wach wird, oder der Küchentisch während des Mittagessens kurz vibriert. Theoretisch ist es komplizierter: So gut wie keiner dieser Erdbebenverdachtsfälle taucht in den Listen der Erdbebendiensten auf. In den Medien (und auch bei uns) gibt es entsprechend wenig bis garkeine Informationen dazu. Was bleibt sind dutzende Zeugen, die mit fragender Miene zurückbleiben, und auf den nächsten Ruckler warten. Ungewiss, wie stark dieser ausfallen wird.

Seit dem letzten bestätigten Erdbeben vor knapp 3 Wochen werden uns fast täglich Meldungen von Zeugen zugespielt, die unabhängig voneinander und teils mit übereinstimmenden Uhrzeiten diese Ereignisse beschreiben. Es sind immer wieder die gleichen Orte: Ober-Ramstadt, Roßdorf, Seeheim-Jugenheim, Groß-Bieberau. Fast bei allen gleich sind die Beschreibungen:

immer wieder kurze „Vibrationen“ Dauer 3-5 Sekunden zu spüren, ohne Geräusche oder Knirschen wie zuvor, aber eindeutig wahrzunehmen“

„Ich spürte um 00.32 Uhr [29. Juni] im 1. Geschoss meines Hauses den Fußboden schwingen,4 kurze Stöße. Es erinnerte an die beiden Beben vor kurzem,aber ohne Geräusche.“

Mein Schreibtisch hat leicht gewackelt, aber es war ohne Geräusch. [28. Juni]“

Gestern Abend [27. Juni] so gegen 23 Uhr habe ich ein leichtes Beben gespürt genauso heute Nacht so um 3 Uhr hat es auch gezittert ich bin wach geworden und heute Morgen so zwischen 10 und 11 genau kann ich es nicht mehr geben habe ich auch ein leichtes Zittern gespürt.“

Michael Klotzsch aus Groß-Bieberau berichtete uns immer wieder von Erschütterungen, die bisweilen mehrmals am Tag auftraten:

 

„Esind immer wieder kurze Ruckler zu verspüren, selbst meine Frau kam und hat gesagt, dass sie immer wieder diese Ruckler verspürt. Nur hat sie die ganze Zeit nichts gesagt, weil sie meinte, dass sie sich das einbildet. Auf jeden Fall hat sie diese auch gespürt, selbst unsere Söhne, die auch bei uns Wohnen und auch Freunde und Bekannte, die auch in unserer Gegend wohnen, berichten davon. Sollten wir uns alle das nur einbilden, das Glauben wir nicht mehr, denn wir spüren diese Ruckler. Wir hatten am Wochenende Besuch aus Pirmasens und die haben gesagt, ob wir auch das Wackeln von Bett gemerkt haben, also es ist ja schon Recht komisch.“

Dass nicht nur Menschen, die uns Berichte einsendeten, diese Beben bemerkt haben, belegt auch die Zugriffsstatistik. Mehr als 600 Personen aus dem Erdbebengebiet haben in den letzten 14 Tage, meist über Suchmaschinen, auf unsere Seite zugegriffen. Das sind mehr als aus Berlin und München zusammen im gleichen Zeitraum.

Diese für Betroffene sehr unangenehme Situation führt vermehrt zu Spekulationen über das „Schweigen“ der Erdbebendienste. Von Verheimlichung der Ereignisse aufgrund der Geothermie-Pläne, über bevorstehende schwere Beben, bis hin zu geheimen militärischen Operationen reichen die Aussagen der Spekulanten. Sowohl in Sozialen Netzwerken, als auch in Anfragen, die uns erreichen. Deutlich einfacher ist der reale Grund: Die Beben sind einfach zu klein! Sie bewegen sich in Magnitudenbereiche, die für entfernte Seismogramme (und Erdbebendienste) kaum zu erfassen sind. Und der lokale, hessische Erdbebendiest kommt bei den vielen Erdbeben mit dem Veröffentlichen der Daten nicht hinterher. Am Montag (30. Juni) gab es das letzte Update, mit den Daten zu den Erdbeben vom 11. bis 16. Juni. Spätere Beben bleiben der weiten Öffentlichkeit somit noch verborgen.

Es gibt keine Prognose, wann diese „kurzen Ruckler“ ein Ende haben werden. Niemand ist dazu in der Lage, eine seriöse Aussage darüber zu machen. Nur, wie in einem mittelklassigen Katastrophenfilm, kann auch hier ein „Unhappy End“ so gut wie ausgeschlossen werden.

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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