Oklahoma und Groningen – Zwei Erdgasfelder im Fokus

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Es bleiben bisher zwei unendliche Geschichten, die Bewohner beider Regionen gleichauf verängstigen. In beiden Regionen bebt es seit Jahren, in einer mehr, in der anderen weniger. Aber sowohl Ursache als auch Effekte sind die gleichen: Erdgasförderung und hunderte beschädigte Häuser. Auch die Reaktionen sind an beiden Orten gleich: Der Wunsch der Betroffenen, endlich wieder ruhig leben zu können, ohne sich jeden Tag Sorgen um Leben und Eigentum zu machen.

In Oklahoma leben die Menschen in einer Region, die wie keine andere die seismischen Folgen der Erdgasförderung zu spüren bekommt. Aus einem Staat, der praktisch erdbebenfrei war, wurde binnen weniger Jahre der US Bundesstaat mit den meisten Erdbeben. Dreimal mehr als in Kalifornien wurden im Jahr 2014 registriert. Das Überwachungsnetz wurde so weit ausgebaut, das nun ähnlich wie im „Earthquake State“ an der Westküste jede kleinste Bewegung erfasst wird.
Wie viele Häuser schon durch die Erdbeben – täglich bebt es mit Magnitude 3, besonders im Norden von Oklahoma – beschädigt wurden, ist unklar. Wie viele es noch werden, ebenfalls. Auch wenn niemand der Behauptung, Erdgas-/Erdölförderung und die Einlagerung von Brauchwasser in Gesteinsschichten ist die Ursache der Erdbeben, widersprechen würde. Der Beweis fehlt.
Studien über die Erdbeben, vor allem über das große (M5.7) im Jahr 2011, mit dem alles angefangen hat, wurden nie fertig gestellt. Manche sagen, die Öl und Gaskonzerne übten Druck auf die Forscher aus. Auch spezielle Erdbebenkomittees, die von den Behörden ins Leben gerufen wurden, um die Erdbeben zu untersuchen, sind stark von den Konzernen geprägt, während Anwohner und Betroffene nicht vertreten sind.
Bis auf Alfalfa Country, ein kleines Verwaltungsgebiet nahe der Grenze zu Kansas, das die Einlagerung von Brauchwasser an manchen Standorten untersagte, reagierte noch niemand auf die Erdbeben. Ein Ende der Geschichte ist somit noch nicht absehbar. Wohin der Spannungsbogen noch führt, diese Frage wird mehr diskutiert als je zuvor. Viele Seismologen sind sich einig: Ein weiteres großes Erdbeben wie 2011 kann jederzeit passieren. Andere sehen es noch pessimistischer: Alte Verwerfungen, die sich durch Oklahoma ziehen, haben das Potential für Beben bis Magnitude 7. Sie sind seit Jahrmillionen inaktiv, aber das waren alle kleineren, die in den letzten Jahren ihr „Revival“ erlebten, auch. Diese Bedrohung haben viele Bewohner erkannt, investieren nun in Erdbebenversicherungen. Darauf reagierten einige Versicherungen und schlossen (durch menschliche Aktivitäten) induzierte Erdbeben aus ihrem Service aus. Sollte die Ursache je zweifelsfrei geklärt werden, müssen die Erdöl- und Erdgaskonzerne für die Schäden aufkommen. Was diese im seit 2014 erdbebenbetroffensten Bundesstaat der USA natürlich ganz genau wissen.

Die Zeitung Tulsaworld stellt eine umfangreiche Sammlung über Artikel, Zeugenbefragungen und Interviews mit Seismologen, sowie tägliche Erdbebenupdates auf ihrer Homepage zur Verfügung. 

Groningen im Norden der Niederlande ist im Vergleich zu Oklahoma deutlich kleiner. Sowohl die Größe, als auch die Kapazität an Rohstoffen ist geringer. Entsprechend auch die Erdbeben. Es bebt zwar fast täglich, meist sind diese Erdbeben kleiner als Magnitude 2 und somit nicht oder nur sehr leicht spürbar. Dennoch: Seit Jahren bleibt es nicht bei diesen kleinen. Beben um Magnitude 3 treten alle paar Monate auf. Die sturmerprobten Häuser in einer Region ohne natürliche Erdbeben können diesen wenig entgegen setzen. Mit jedem Beben gehen bei den Betreibern der Erdgasfelder, die je zur Hälfte Shell und Exxon Mobile gehören, hunderte Schadensmeldung ein, die alle entschädigt wurden. Nicht auszudenken, was bei stärkeren Erdbeben, Magnitude 4 oder Magnitude 5, passieren könnte.
Um diesen Szenario zu entgehen, reagieren die Behörden. Nachdem bereits vergangenes Jahr die Fördermenge an Erdgas stark reguliert wurde, setzte man das Limit nun noch weiter nach unten. Von 42 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2014 soll es in den ersten 6 Monaten des Jahres 2015 auf 16 Milliarden herunter gehen. Danach wird entschieden, ob es weiter gesenkt wird, oder nicht.
Zudem wird in die Sicherheit der Gebäude investiert. Meldungen aus dem Jahr 2013 gaben an, dass 60% aller Häuser in Groningen schon Erdbebenschäden erlitten haben. Weitere sollen nicht hinzukommen. Neue Gebäude unterliegen nun Richtlinien, die Erdbebensicherheit garantieren sollen. Tausende bestehende Gebäude, allen voran öffentliche, werden nachgebessert.
Zwei Pläne, die die Sicherheit der Menschen gewährleisten sollen. Wie effektiv diese sind, wird die Zukunft zeigen. Klar ist: Größere Erdbeben würden sich nicht nur auf Groningen beschränken. Bereits jetzt treten einige der kleinen Erdbeben nur wenige Kilometer von Deutschland entfernt auf. Der Schwerpunkt liegt etwa 25 km von der Grenze entfernt, die nicht nur für Touristen und Einkäufer offen ist. Beben über Magnitude 4 würden auch Ostfriesland treffen. Beben über Magnitude 5 weite Teile von Niedersachsen, wo die sturmerprobten Häuser nicht den gängigen Erdbebenrichtlinien entsprechen.

Zwei Regionen, eine Ursache, zwei unterschiedliche Reaktionen. Während in einer die unendliche Geschichte in die nächste Runde geht, wird im zweiten an einem glücklichen Ende der Geschichte gearbeitet. Wann mit dem Kapitel abgeschlossen werden kann, wird die Zukunft zeigen

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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