Die Sonnenfinsternis und die Erdbebentheorie

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Am Freitagvormittag werden Deutschland und weite Teile von Europa im Schatten des Mondes liegen, der die Sonne in Mitteleuropa bis zu 80% verdecken wird. Der Kernschatten dieser totalen Sonnenfinsternis wird sich ausschließlich auf einige Inselgruppen im Nordatlantik beschränken. Profitieren von den SoFi-Touristen werden die Färöers, sowie Spitzbergen und Touristikunternehmen, die Kreuzfahrten in den Kernschatten auf den Atlantik anbieten.

Während Pessimisten in Deutschland die Sonnenfinsternis vor allem wegen der Ablenkung ihrer Kinder vom Schulunterricht und dem „kalkulierbaren Risiko“ eines Stromausfalls Sorgen machen, sind andere europäische Länder, allem voran die Türkei, Spekulationen über ein mögliches schweres Erdbeben Ende März ausgesetzt. Nicht nur chronische Angsthasen, sondern auch Astrologen (!) und einige Forscher sind der Meinung, dass Aufgrund der Sonnenfinsternis ein erhöhtes Risiko eines schweren Erdbebens besteht. Vor allem Istanbul, aber der Nordosten der Türkei, werden in dubiosen Amateurprognosen immer wieder als potentielle Gefahrenzonen genannt.

Was ist dran?

Schon die astronomische Konstellation macht jede Sonnen- und Mondfinsternis zum Feiertag für alle Katastrophenprediger. Sonne, Mond und Erde stehen in einer Linie. Die gravitativen Einflüsse beider Himmelskörper addieren sich an einem Bereich auf der Erde (Kernschatten), wodurch neben der Verstärkung der Gezeiten („Springtide„) auch eine stärkere Anhebung der Erdkruste zu beobachten ist. Diese sei laut der Theorie über die Einwirkung von Mondphasen auf die Erdbebenaktivität, die vor allem von Chinesischen Wissenschaftlern vertreten wird, ein maßgeblicher Faktor um schwere Erdbeben zu begünstigen. Aber auch die Faszination, die schon seit der Antike von einer Finsternis ausgeht, und die in der Geschichte wiederholte Deutung als „Vorbote einer Katastrophe“ werden ihren Anteil an der Entstehung solcher Theorien haben.

Berüchtigt wurde die Theorie vor allem in der Türkei bei der Totalen Sonnenfinsternis im Jahr 1999. Das Schauspiel war dort, wie auch in Deutschland, am 11. August zu bewundern. Sechs Tage später trat bei Izmit im Westen der Türkei das wohl folgenschwerste Erdbeben in der Geschichte des Landes auf. Ein Magnitude 7.7 Erdbeben, das zehntausende Menschen tötete und hunderttausende obdachlos machte. Schon damals wurde ein Zusammenhang vermutet.

Verstärkt wurde diese Vermutung nach der totalen Sonnenfinsternis am 21. Juni 2001. Der Kernschatten wanderte über den Südatlantik und den Süden von Afrika. Partiell war die Finsternis in Teilen Südamerikas. Dort trat zwei Tage später eines der schwersten Erdbeben der jüngeren Vergangenheit auf: Magnitude 8.4 vor der Küste von Peru. 180 Menschen starben, davon 103 beim folgenden Tsunami.

Trotz zweier verdächtig wirkenden zeitlichen Überschneidungen der Ereignisse, fehlt es an wissenschaftlichen Beweisen für die Theorie. Viele folgende Sonnenfinsternisse blieben ohne ungewöhnlich starke Erdbeben oder sonstige Katastrophen

Supermond verstärkt Katastrophenfurcht

Die kommende Sonnenfinsternis steht aber noch wegen einem zweiten astronomischen Ereignis im Fokus der Katastrophenprediger: Der Neumond kommt der Erde an dem Tag ungewöhnlich nahe. Dieser „Supermond“, der uns eher an Vollmond als großer rötlicher Ball am Himmel bekannt ist, steht ebenfalls in Verdacht, geologische Katastrophen zu begünstigen. So seien das Tohoku-Beben 2011 und das Große Andamanen-Beben 2004 zeitlich mit solchen Ereignissen zusammengefallen, wenn der Mond etwa 20.000 km näher an der Erde ist, laut Vertretern dieser Theorie. (Mit +/- zwei Wochen zum Supermond-Termin) Aber auch hier gibt es keine wissenschaftlichen Beweise für einen Zusammenhang.

Ob Supermond oder Sonnenfinsternis: Der kommende Freitag und die Tage danach werden von einigen Menschen besonders beobachtet. Ob es nun zu einem schweren Erdbeben kommt oder nicht, und wenn ob dies mit einem der beiden astronomischen Ereignissen in Zusammenhang steht, wird niemand sagen können. Als gutes Zeichen sollte gewertet werden, dass diesmal nicht die Türkei im Kernschatten liegt, sondern die als nicht gerade erdbebengefährdet geltenden Färöer-Inseln. Die Schlagzeile „Schweres Erdbeben verwüstet Tórshavn“ wäre eine größere Sensation als jede Eklipse.

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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