Kommentar: 50 Erdbeben, eine Bohrung und jede Menge Propaganda

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Als vor gut einer Woche die Meldung kam, dass im Süden von Hessen bei einer Probebohrung Erdöl gefunden wurde, schrillten bei uns intern die Alarmglocken. Als ein Tag später ein Gesetz verabschiedet wurde, das Fracking in Deutschland genehmigen wird, kam richtige Angst auf. Angst vor dem nächsten deutlich spürbaren Erdbeben in Mühltal.

Mühltal, eine kleine Gemeinde südlich von Darmstadt. Eigentlich kaum von nationaler Bedeutung. Durch den Erdbebenschwarm gewann sie überregional an Beachtung.
Goddelau. Von der Größe vergleichbar mit dem 20 km entfernten Mühltal. Der Erdölfund wird auch hier überregionale Bekanntheit bringen. Mindestens.

Lassen sich beide Orte, beide Gründe der Bekanntheit auf einen Nenner bringen?

Eine Frage, die von uns eigentlich sofort mit einem klaren „Nein“ beantwortet werden würde. Auch die wissenschaftliche Perspektive wird (Stand heute) zu keiner anderen Antwort in der Lage sein. Doch uns war klar, dass dies niemanden davon abhalten wird, diesen Bruch aufzustellen.
Schon in den Monaten vor dem Bekanntwerden des Erdölfundes wurden wir bei jedem Erdbeben erneut mit der Frage nach der Ursache des Erdbebenschwarmes konfrontiert. „Tektonisch.“, „Natürlich.“, „Passiert halt.“, „Der Oberrheingraben ist eine aktive Erdbebenregion!“ und „Dann glaub halt was anderes!“ waren, je nach Gemütslage von uns und des Fragenstellers, unsere Antworten. „Fracking“ schwebte über Allem ohne wirklich zu existieren. Das Gerücht ließ sich nicht aus der Welt schaffen, obwohl es eigentlich keinen wissenschaftlichen Hinweis auf Erdgasförderung oder sonstige menschliche Tätigkeiten als Auslöser gegeben hat. Auch, weil es bisher an wissenschaftlichen Erkenntnis zum Erdbebenschwarm mangelte.

Nun, als unsere Angst vor dem nächsten Erdbeben und die damit verbundenen Aussagen Realität wurden, kam die Propagandamaschine ins Rollen. Fracking-Gegner und andere Aktivisten, die bisher den Erdbebenschwarm größtenteils ignorierten, nutzten das Schwarze Gold um ihren Wunsch nach einer Frackingfreien Welt der Öffentlichkeit mitzuteilen. Via Facebook, Twitter und Blogs wurde der Zusammenhang zwischen Öl und Erdbeben postuliert um neutrale Beobachter zu beeinflussen. Auch uns erreichten deutlich mehr Zugriffe als bisher über Suchbegriffe wie „Erdbeben Hessen Fracking“ oder „Hessen Erdöl Erdbeben“. Gezielte Anfragen und mögliche langfristige Diskussionen blieben uns bisher erspart. Doch Erdbeben Nummer 51 ist sicher schon auf dem Weg.

Um es vorweg zu nehmen und um dauerhaftes, zeitaufwändiges, teilweise nerviges Wiederholen der gleichen Sätze zu vermeiden: Bis sich die Sachlage (vielleicht irgendwann) ändert, wird unsere Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Erdbebenschwarmes an alle neutralen Personen in etwa so lauten:

Alle Erdbeben, die in den letzten Monaten den Süden von Hessen erschütterten, sind tektonischen Ursprungs und damit nicht mehr „eine Laune der Natur“. Einen ähnlichen Erdbebenschwarm hat es bereits um das Jahr 1870 gegeben, also lange bevor jemand in Darmstadt an Fracking gedacht hat. Dass es gerade jetzt, zur Zeit der Fracking-Diskussion wieder stattfindet, ist Zufall. Es gibt nichts, was auf einen Zusammenhang von Erdbeben und Erdgasförderung hindeutet. Auch die Probebohrung, bei der vergangene Woche Erdöl entdeckt wurde, hängt nicht mit dem Schwarm zusammen, was allein schon mit der räumlichen Distanz zu erklären ist. Auch in Zukunft ist somit kein Einfluss der möglichen Erdölförderung in Goddelau auf die Region Mühltal zu erwarten.

Juskis Erdbebennews teilt nicht die Informationen der Industrie. Juskis Erdbebennews teilt nicht die Informationen der Gegner. Wir teilen, was nach wissenschaftlichen Aspekten der Wahrheit entspricht, oder ihr in kritischen Fällen zumindest am nächsten kommt. Danach bilden wir unsere Meinung und nicht nach dem, was wir irgendwo in den Weiten des Internets lesen.

Der Erdbebenschwarm in Oklahoma, der sich heute durch ein M4.2 wieder deutlich bemerkbar gemacht hat, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine indirekte Folge des „Fracking“.
Der Erdbebenschwarm in Südhessen, der sich heute durch ein M2.3 wieder bemerkbar gemacht hat, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Laune der Natur.

Laut Propagandamaschine der Fracking-Gegner steht uns in Deutschland eine erdbebenreiche Zukunft bevor. Laut Propagandamaschine der Erdgasindustrie wird sich die Erdbebenlage in Deutschland nicht groß verändern. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen, mit Tendenz zur Aussage der Industrie.

Wie die Zukunft vom Mühltaler Schwarm aussieht, wird von keiner der beiden Parteien beantwortet werden können. Die Wahrheit liegt in der unberechenbaren Natur. Uns bleibt nur das Warten auf Erdbeben Nummer 51 und alles, was danach kommt, bis wieder für eine gewisse Zeit Ruhe eingekehrt ist.

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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