Kommentar: Zwei fiktive Katastrophen für Kalifornien

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Erdbeben liefern immer wieder Stoff für brisante und erschreckende Storys. Manchmal begründet, wenn es wie in Nepal in einer Katastrophe endet. Manchmal unbegründet, weil sich einfach nur jemand wichtig machen möchte. Der zweite Fall ist besonders nervig, da es alle paar Wochen so weit ist. Irgendjemand hat einen schlechten Traum, macht ein Youtube-Video daraus und 20.000 Leute glauben drei Tage später, dass es irgendwo auf der Welt bald ein schweres Erdbeben gibt. Seit dem Nepal-Beben häufen sich diese Videos, die meist eine Woche später wieder an Aufmerksamkeit verlieren. Nur eine Story ist aktuell und weit verbreitet (und extrem nervig) wie schon lange keine mehr, weshalb ich dieser auch an dieser Stelle meine Aufmerksamkeit schenke.

Es geht um ein Erdbeben der Stärke 9,8, das am kommenden Donnerstag (28. Mai) oder optional am Freitag (29.) den US Bundesstaat Kalifornien erschüttern und zerstören soll. Die „Warnung“ wurde vor knapp 4 Wochen auf Youtube veröffentlicht. (Auf Verlinkung wird verzichtet)
Toll, Kalifornien wieder. Ist ja nicht so, dass solche Warnungen was neues wären… Zufall, dass wir vor fast genau 2 Jahren schon einmal über eine solche Warnung geschrieben haben? Zufall, dass Kalifornien noch existiert?

Je nach Verbreitungsmedium soll eine Planetenkonstellation kombiniert mit einer Nostradamus-Prophezeigung (aha…) dieses Erdbeben vorhersagen.
Wenns die Fantasie des Verbreitungsmediums zulässt, soll danach auch noch der Yellowstone Vulkan ausbrechen, was allerdings nicht vom Urheber ausgeht. Business as usual halt…

Kinofans mögen verwirrt sein, ist der 28. doch (zumindest in Deutschland) der Tag, an dem der Film „San Andreas“ in die Kinos kommt. Zufälligerweise einen Tag später in den USA. (unschwer zu erraten, welche Vorhersage, 28. oder 28.-29. Mai, in den jeweiligen Ländern die meiste Verbreitung findet. Das Video selbst sagt 28. Mai 2015, 23.00 UTC, also 16 Uhr am 28. in Kalifornien und 1 Uhr Deutschland am 29., wobei ein wenig Spielraum über beide Tage genannt wird) Der Film, der genau dieses Szenario für die Kamera nachgestellt hat. Megabeben, das San Francisco und Los Angeles verwüstet. Man könnte an einen Zusammenhang glauben, schließlich bietet die Vermarktung des Filmes unfreiwillig auch eine Plattform für diese Theorie. Und umgekehrt. Ganz intelligente Leute sehen dahinter sogar eine Verschwörung der Filmindustrie, die uns (respektive die Menschen in Kalifornien) vor der kommenden Katastrophe warnen möchte. Dazu noch ein wenig Numerologie und die Absolventen der Youtube-Universität holen die Aluhüte raus.
(Wörtlich, lachen erlaubt: „From 3/11/11 to 5/29/15 is exactly 220 weeks. 220 x 7 = 1540 days. 1540 is in a golden ratio to 2492. 2492 days before 3/11/11 was 8/1/08—the day of a solar eclipse which occurred just before the worst of the 08 financial collapse. 1540 is also in a golden ratio to 952. 952 days past 3/11/11 was 10/18/13 the day of a lunar eclipse. Thus 5/29/15 is in a golden ratio to the Fukushima disaster, a lunar eclipse, and a solar eclipse which preceded a financial crisis“ Auch hier wird auf Verlinkung der Quelle verzichtet. Google schaffts allein).
Fehlt nur noch Fracking und wir haben nen Bullshit-Bingo.

Okay, genug gespottet für heute. Nun ein wenig Ernsthaftigkeit.
Die Planetenkonstellation, bei der Planeten und Sonne in mehreren sich kreuzenden Linien aufgereiht sind, wird im Youtube-Video mit einer bestimmten Software dargestellt. Diese nimmt aber keine Rücksicht auf Maßstabstreue. Alle Planeten sind in Relation zur Sonne deutlich zu groß dargestellt, auch untereinander stimmen die Proportionen nicht. Ebenso der Abstand Erde-Mond, so dass die Konstellationen nicht exakt sind, sondern sehr sehr grob. (Wenn überhaupt)
Davon abgesehen: Ist es überhaupt möglich, dass dadurch Erdbeben ausgelöst werden?
Laut dem Urheber ja, denn auch das Nepal-Erdbeben sei direkt bei einer Aneinanderreihung verschiedener Planeten aufgetreten. (Oder auch nicht, wenn man die Ungenauigkeit der Software betrachtet)
Physikalisch ist dies jedoch nicht möglich. Die Gravitation der Planeten ist auf der Erde nur noch extrem gering. Ein Bruchteil der Gravitation des Mondes, die immerhin Ebbe und Flut verursacht. Aber keine Erdbeben. Durch eine Aneinanderreihung addieren sich die Kräfte. Aber selbst dabei ist die Erhöhung der Gravitationskraft so minimal, dass nicht mal die natürlichen Schwankungen durch die Variation der Mondentfernung ansatzweise erreicht werden. (Dies wird hier qualitativ erklärt)
Somit sind ernste Zweifel an dieser Vorhersage berechtigt. Ebenso bei den Details. Magnitude 9.8 wäre das stärkste jemals gemessene Erdbeben. Beben der Magnitude 9 traten bisher nur an Subduktionszonen auf und nicht an Störungen wie San Andreas. Dort wird angezweifelt, dass das schlimmst mögliche Erdbeben überhaupt M9 erreichen kann, geschweige denn M9.8. Dafür ist die Verwerfung nicht groß genug. Ein Szenario, was nur Hollywood gehört. Möglich wäre Magnitude 9 an der Cascadia Subduktionszone nördlich von Kalifornien. Aber auch hier ist Magnitude 9.8 zu hoch angesetzt.
Wie kommt der Urheber also auf diese Magnitude? Nach eigener Aussage, weil man es ihm vor zwei Jahren gesagt hat und ihm diese Nachricht spirituell vorkam. …
Die eigene Interpretation der Nostradamus-„Prophezeihung“ hat die Meinung verstärkt.

An dieser Stelle spare ich mir die Erklärung, warum man Nostradamus-Prophezeihungen und „Spirituellen Botschaften“ nicht immer glauben sollte. Dürfte selbsterklärend sein, zudem ist es hier nicht möglich ohne Spott auszukommen 😉

Also: Ein Magnitude 9,8 Erdbeben wird es am 28. oder 29. Mai in Kalifornien NICHT geben. Wenn es zu dem Zeitraum doch ein starkes Erdbeben gibt, ist dies nicht mehr als Zufall und ganz sicher nicht irgendeiner Planetenkonstellation geschuldet. Sollte nichts passieren, können sich die Katastrophen-Fans den Katastrophenfilm-Fans anschließen, und sich ein fiktives M9.6 Erdbeben (immerhin fast das „erhoffte“ Szenario) im Kino anschauen. Vielleicht fällt ihnen dann ein neues Datum für die Katastrophe ein.

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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