Everything but San Andreas – Die „kleinen“ Gefahrenherde für San Francisco und Los Angeles

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In Kalifornien kennt sie jeder. Und spätestens seit der gleichnamige Kinofilm im Sommer die Massen angezogen hat, ist sie auch hierzulande den Meisten ein Begriff: Die San Andreas Störung. Gelegentlich fälschlicherweise auch als San Andreas Graben bezeichnet, bildet dieser Bruch die Grenze zwischen der Nordamerikanischen Platte im Osten und der Pazifischen Platte im Westen. Letztere, auf der sich das Stadtzentrum von Los Angeles befindet, bewegt sich mit etwa 7 Zentimetern pro Jahr nach Nordosten. Der große Rest von Nordamerika, zu dem das Stadtzentrum von San Francisco gehört, driftet in ähnliche Richtung, allerdings mit knapp 2,5 cm pro Jahr deutlich langsamer. Dieser auf dem ersten Blick unscheinbarer Unterschied von 4 bis 5 Zentimetern macht Kalifornien zum erdbebengefährdetsten Staat der USA. Es kommt zur Bildung eines Störungssystems, an dem sich die gegenüber liegende Platte relativ zum Betrachter nach Rechts bewegt. Manchmal langsam, unmerklich. Manchmal plötzlich, verheerend in Form eines gewaltigen Erdbebens, das das Potential hat, Städte zu zerstören.

Der Großteil dieser Bewegung findet entlang der San Andreas Störung statt. Entsprechend treten auch hier die meisten (und stärksten) Erdbeben auf. Es gibt jedoch viele Orte in Kalifornien, wo die Energieverteilung nicht ganz eindeutig ist. Wo neben der San Andreas weitere Störungen existieren, an denen sich die Blöcke in die gleiche Richtung verschieben.

Im Süden von Kalifornien ist dies unter anderem die San Jacinto Störung. Über mehr als 200 km zieht sich diese auf der pazifischen Seite von El Centro nahe der mexikanischen Grenze im Süden bis Riverside im Norden. Nordkalifornien besitzt die Maacama Störung, die im Süden bei Santa Rosa beginnt und bis weit ins Mendocino Country verläuft.

Zwischen drin liegen Los Angeles und San Francisco. Die zwei der bedeutendsten Städte im Westen der USA. Seit Jahrzehnten sind sich Bewohner bewusst, auf welchem Pulverfass sie leben. Dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis aus der Hollywood-Fiktion (zumindest im Ansatz) Realität wird.

Seit dem großen Erdbeben in San Francisco 1906 weiß man dort, womit man rechnen muss. Was Gebäude aushalten müssen, um dauerhaft zu überstehen. Katastrophenpläne existieren, Behörden und Rettungskräfte simulieren regelmäßig den Ernstfall. Denn man weis: Sind die Vorkehrungen nicht ausrechend, wird es bei einem neuen Erdbeben nicht bei den 3.000 Toten von damals bleiben.

Eine geschichtliche Vorlage bietet sich Los Angeles nicht. Die Stadt hat während ihrer Existenz noch kein großes San Andreas Erdbeben erlebt. Umso größer ist das Risiko, dass es nicht mehr lange auf sich warten lässt. Doch auch hier wurde mittels Computersimulationen ermittelt, was das Risiko ist und wie man damit umgeht.

Was all die Vorbereitung im Ernstfall bringen wird, wie viele Menschen und Häuser dennoch dem Erdbeben zum Opfer fallen werden, bleibt bis zum Schluss offen.

Doch in den letzten Jahren richteten sich die Blicke der Kalifornischen Katastrophenforscher immer häufiger von San Andreas weg. Die „kleinen Geschwister“ innerhalb der Stadtgebiete rücken in den Fokus. Warnungen, dass auch hier Katastrophen ihren Ursprung haben können, häufen sich. Und passend dazu war es nicht San Andreas, die LA und SF dieses Jahr die meisten Erdbeben gebracht hat.

Das Landers-Erdbeben im Jahr 1992 ist ein Beispiel eines solchen Erdbebens, das parallel zu San Andreas entstanden ist. Trotz Magnitude 7.3: Die verursachende Johnson Valley Fault durchläuft größtenteils unbewohntes Gebiet innerhalb der Mojave-Wüste. Somit waren „nur“ drei Todesopfer zu beklagen.

Was wäre, wenn ein solches Erdbeben mitten in einer Großstadt passiert?

Immer wieder kam es während der letzten Monate zu kleinen, teils moderaten Erdbeben entlang der Hayward-Störung, die sich entlang der Ostseite der Bucht von San Francisco zieht. Dabei verläuft sie direkt durch große Städte wie Berkeley, Freemont, oder eben Hayward. Beben mit Magnitude 4 traten im Juli und August an zwei Orten auf, viele weitere kleinere entlang der gesamten Störung, zuletzt am 30. August mit Magnitude 2.6. Geringe Schäden waren die Folge. Schwerer wiegt, dass es nach Ansicht vieler Forscher an der Hayward Störung in absehbarer Zeit zu einem schweren Erdbeben kommt. Epizentrum in einer extrem dicht besiedelten Region.

Hayward
Erdbeben im Großraum San Francisco seit Januar 2015 – Grafik und Daten: USGS

Während die San Andreas Störung auf der anderen Seite der Bucht in San Francisco und anderen Orten höchste Sicherheitsstandards verlangt, sind Oakland, San Leandro und Milpitas in dem Bereich, der als weniger gefährdet eingestuft wurde. Neuere Erkenntnisse zur Hayward-Störung, an der es im Jahr 1868 zu einem Magnitude 7 Erdbeben kam, höhere Magnituden: möglich, legen diesen Fehler offen. Ein Szenario des USGS geht im Worst Case von etwa 4.000 Todesopfern und bis zu 20.000 Verletzten durch die direkten Folgen des Erdbebens aus.
Große Erdbeben treten durchschnittlich alle 140 Jahre auf, mit Ausreißern bis 90 bzw 160 Jahren. Warnungen, die Gefahr ernst zu nehmen, sind also mehr als berechtigt. Auch, wenn das große Erdbeben noch Jahrzehnte auf sich warten lässt. Denn auch die Calaveras Störung, die nach einer neuen Studie direkt mit der Hayward Verwerfung verbunden ist, zeigte in den letzten Monaten Aktivität. Beide zusammen könnten zu einem Erdbeben führen, das bisherige Szenarios in den Schatten stellt.
Erst vor einem Jahr zeigte das Napa-Erdbeben (M6.0), dass vermeintlich kleine Störungen im Großraum San Francisco ebenfalls sehr gefährlich sind. Ein Mensch starb, über 200 wurden verletzt.

Auch Los Angeles im Süden von Kalifornien ist auf diversen anderen Störungen gebaut. Das Northridge-Erdbeben (M6.7) im Jahr 1994 im Norden von Los Angeles trat abseits des San Andreas Systems auf und richtete immense Schäden an. Was wäre, wenn ein solches (oder stärkeres?) Erdbeben nur wenige Kilometer westlich von LA auftritt?
Unscheinbar und bis vor wenigen Jahrzehnten noch unbekannt war die Newport-Inglewood Verwerfung. Sie verläuft vom Beverly Hills im Westen von Los Angeles parallel zur Pazifikküste bis zur mexikanischen Grenze. Zwar gab es schon früher moderate Erdbeben dort, die aber damals nicht zugeordnet werden konnte. Heute weiß man von der Existenz der Störung, die im Jahr 1933 durch ein Erdbeben der Stärke 6.3 130 Menschenleben in Long Beach kostete. Dass sie weiter im Norden durch extrem dicht besiedeltes Gebiet verläuft, macht sie umso gefährlicher.
Zwar treten schwere Erdbeben hier deutlich seltener auf, aber können schon niedrige Magnituden Schäden verursachten. Vorteilhaft sind die Stadtplanungen: Im gesamten Großraum Los Angeles sind die Sicherheitsstandards extrem hoch, basierend auf einem katastrophalen San Andreas Szenario. Auch der Bereich der Newport-Inglewood Störung wird abgedeckt. Dennoch: Bis zu 400 Opfer und 18.000 Verletzte sind bei einem Magnitude 6.9 Erdbeben realistisch. Einige Forscher erwarten, dass sogar Magnitude 7.5 Erdbeben möglich sind. In dem Fall wäre die Opferzahl deutlich höher.

Newport
Erdbeben im Großraum Los Angeles seit Januar 2015 – Grafik und Daten: USGS

In diesem Jahr zeigte sich auch die sonst eher unauffällige Newport-Inglewood Störung von ihrer aktiven Seite. Im nördlichen Abschnitt wurde ein kleiner Erdbebenschwarm registriert, der mehrfach größere Bereiche des Ballungszentrums erschütterte. Aber auch südlich davon traten mehrere Erdbeben auf, zuletzt am 31. August mit Magnitude 3.2.
Wie akut die Bedrohung ist, kann hier nicht genau gesagt werden. Die neueste Aktivität zeigt jedoch, dass man die Störung auf keinen Fall ignorieren sollte.

Dass es in naher Zukunft an der San Andreas Störung zu einem großen Erdbeben kommt, steht außer Frage. Dass das nächste große Kalifornien-Erdbeben von San Andreas ausgeht, ist deutlich unwahrscheinlicher. In weiten Teilen des Staatsgebiet befinden sich potentielle Gefahrenherde. Nicht nur die hier vorgestellten, die aktuell im Fokus sind.
San Andreas – Der Film hat uns gezeigt, wie ein Worst Case Szenario nach Vorstellungen Hollywoods aussieht. Nicht auszuschließen, dass sich Hollywood das nächste Mal an der Realität bedient, und den nächsten Blockbuster „Hayward“ tauft.

 

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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