McAdam – „Erdbebenhauptstadt“ zwischen Hoffnung und Sorge

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Kanada – Es ist ein kleiner Ort im Südosten des Landes, der auf kaum einer größeren Karte zu finden ist: McAdam. Gerade einmal 1300 Menschen leben dort, im Süden des Bundesstaates New Brunswick nahe der Grenze zum US Bundesstaat Maine. Im Jahr 2012 verlieh sich der Ort den Titel der „Erdbebenhauptstadt von New Brunswick“, als ein ungewöhnlicher Erdbebenschwarm das Dorf erschütterte. Nun, im Februar 2016, ist dieser Titel passender denn je.

Hauptstraße von Mc Adam (Wikipedia)
Hauptstraße von Mc Adam (Wikipedia)

McAdam, entstanden als Knotenpunkt zweier wichtiger überregionaler Eisenbahnlinien Ende des 19. Jahrhunderts, hat heute kaum noch wirtschaftliche Bedeutung, weshalb seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, nach dem Aus der damaligen Eisenbahnbetriebe, die Bevölkerungszahlen stetig rückläufig sind. Mit 14% ist die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch wie im kanadischen Durchschnitt. Unwesentliche Einnahmen werden nur noch durch vereinzelte Touristen erzielt, die bei ihren Reisen über die Route 4 eine Übernachtungsmöglichkeit suchen.

Im Jahr 2012 machte McAdam das erste Mal von sich als „Erdbebenhauptstadt“ reden. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten wurden im Frühjahr knapp zwei dutzend kleine Erdbeben registriert.Eigentlich wären sie kaum der Rede wert, überschritt die Stärke nie Magnitude 2.4. Dennoch: Eine sehr geringe Tiefe und das Epizentrum direkt unterhalb des Dorfes ließen die Bewohner selbst bei kleinen Erschütterungen um Magnitude 1 aufschrecken. Zwar verursachten die Beben große Verunsicherung unter den Einwohnern, doch blieben nennenswerte Schäden aus.
Die Erdbeben gingen nach einiger Zeit. Was blieb ist die Frage nach der Ursache. Die sehr geringe Tiefe ist ungewöhnlich für tektonische Erdbeben.

New Brunswick selbst gehört zu den seismisch recht aktiven Regionen. Im Jahr 1987 trat im Norden des Staates ein Beben der Stärke 5.7 getroffen. Der US-Amerikanische Nachbar Maine hatte sein stärkstes Beben in neuerer Zeit 1972, es erreichte M5.2.

Die Gesteinsformationen unter McAdam bieten einige geologisch interessante Objekte, sind jedoch für aktive Tektonik nahezu irrelevant: Nördlich liegen die glimmerreichen Granite einer früheren magmatischen Intrusion, die im Devon vor etwa 400 Millionen Jahren an einer damaligen Subduktionszone entstanden sind. Die sogenannte Hawkshaw Intrusion gehört zur größeren Formation des Pokiok Batholiten. Südlich angrenzend befinden sich sedimentäre Grauwacken, Siltsteine und Schiefer, die im Silur vor etwa 440 Millionen Jahren entstanden. Diese werden südlich von McAdam durch zwei Störungen von Sandsteinen aus dem Karbon (330 Millionen Jahre) getrennt.

In geologisch neuerer Zeit waren diese Störungen nicht aktiv und es ist ausgeschlossen, dass sie mit den Erdbeben zusammenhängen. Geologen versicherten 2012, dass die Störung, die den Erdbebenschwarm verursachte, sehr klein sein muss, und dadurch ein großes Beben praktisch unmöglich ist. Einsturzbeben, wie man sie aus anderen Orten der Welt kennt (unter anderem Hamburg und Sri Lanka), treten gewöhnlich nur bei Karbonatischen Gesteinen auf. Dass es 2012 zu Erdbeben gekommen ist, könne laut Geologen an Schwankungen des Grundwasserspiegels liegen. Der Ort, der geographisch auf dem gleichen Breitengrad wie der Gardasee in Italien liegt, litt zu der Zeit unter einer kleinen Hitzewelle. Bestätigt wurde diese Erklärung nicht.

Im November und Dezember 2015 verzeichnete Mc Adam neue Erdbeben knapp um Magnitude 2. Es waren nur wenige, jedoch ließen sie die Erinnerungen an 2012 auffrischen. Mit der früher gegebenen Sicherheit nicht von großen Erdbeben bedroht zu sein, keimte bei einigen Bewohnern Hoffnung, den Titel der Erdbebenhauptstadt vermarkten zu können. Entlang der Route 4 wurden schon zuvor „Erdbeben-Merchandiseartikel“ verkauft. Die Aktivität im Dezember hielt nur kurz an. Doch dabei blieb es nicht.
Im Februar 2016 folgte dann der „große Boom“. Noch nicht, was die Produktverkäufe angeht, aber bei den Erdbeben. Mit Magnitude 3.3 trat das bisher stärkste Erdbeben am 9. Februar auf. Wieder in sehr geringer Tiefe von weniger als einem Kilometer, sodass Bewohner entsprechend erschrocken zurück blieben.

Es war aber nicht das einzige: 21 Erdbeben wurden zwischen dem 5. und 10. Februar registriert, fast alle über Magnitude 2, einige mit Magnitude 2.6 und 2.7. Zu einer Zeit als der Ort gerade von einem Blizzard getroffen wurde. Damit ist diese Aktivitätsphase stärker als jene im Jahr 2012. Zudem seien weitere Erdbeben verspürt worden, die von den Netzwerken (bisher) nicht erfasst werden konnten. Die Ortsverwaltung hat eine Sitzung einberufen, bei der an alle Bewohner Sicherheitshinweise für Erdbeben verteilt werden sollen. Die Sorge, dass die Erdbeben noch stärker werden können als bisher, ist vorhanden und größer als zuvor.

Der Bürgermeister bestätigte, dass Seismologen die Region besser überwachen möchten, um mehr über die Ursachen und potentielle Bedrohungen herauszufinden. Größere Schäden durch die neuen Erdbeben wurden nicht bekannt.

McAdam ist in Kanada wieder in den Schlagzeilen. Die Bewohner verbleiben zwischen Sorge vor großen Erdbeben und der Hoffnung auf „Erdbebentouristen“. Eine sichere Erklärung für die Aktivität gibt es noch immer nicht. Nur eins scheint sicher: Weitere Erdbeben sind wahrscheinlich und der Titel als Erdbebenhauptstadt von New Brunswick wird McAdam erhalten bleiben.

Mc Adam

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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