Droht uns ein schweres Erdbeben?

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Die „WELT“ veröffentlichte neulich auf ihrer Homepage einen Beitrag, in dem sich der Autor mit den Überschriften von Nachrichtenmeldungen auseinander gesetzt hat. Das Ergebnis: Ein Großteil der User (in Sozialen Netzwerken) liest nur die Überschrift, klickt nicht auf den Beitrag, nimmt somit nicht den Inhalt wahr und bildet sich die gesamte Meinung zum Thema anhand eines halben Satzes. Wenn überhaupt.

Als ich darüber nachgedacht hatte, erschien mir diese Statistik eigentlich logisch. Nicht jeder interessiert sich für jedes Thema und möchte somit auch nicht alles lesen. Für den Autor des Textes natürlich schade, schließlich möchten wir alle, Journalisten und Blogger, eine möglichst große Reichweite. Nicht nur, weils gut fürs Ego ist, sondern weil möglicherweise auch ein finanzieller Aspekt damit verknüpft ist.

 „Shares“ statt „Clicks“

Jedenfalls war das ein Anlass für mich, mir mal die Social-Media-Statistiken anzusehen. So viel vorab: Mit 30.000 bis 40.000 Seitenaufrufen im Monat, mehrheitlich über Suchmaschinen, und einer vierstelligen Fangemeinde auf Facebook kann ich mich über die Resonanz eigentlich nicht beschweren. Doch die Statistiken zeigen erschreckendes. Hier ein Beispiel vom 24. Juli.

Beitrag
Von 647 erreichten Personen haben acht den Text zumindest aufgerufen. Eine Quote von knapp einem Prozent.

Wir beachten die Reaktionen in der rechten Bildhälfte. Insgesamt zwölf Personen spendierten dem Beitrag ein „Like“. Drei weitere reagierten mit „Wow“ (warum auch immer…). Acht Personen, vermutlich aus der Menge der Reagierenden, teilten den Beitrag. ABER: Nur acht Personen haben auf den Link geklickt und den Text gelesen. Acht! Das heißt: Nur die Hälfte der „Likes“ weiß überhaupt, was sie da geliked haben. Hinter diesem Link hätte sich theoretisch ein Aufruf zur Gewalt gegen Flüchtlinge, pornographisches Material oder ein Katzenvideo verstecken könnten. (Wer wissen will, was sich dahinter verbirgt: Hier der Link) Trotzdem User es nicht weiß: „Like“, weil User es kann! Vielleicht halten seine Freunde, Kollegen und Familie ihn dann für cool und gebildet, weil er sich (angeblich) für die verschiedenen Arten von Erdbeben interessiert.

Tun sie nicht! Glaubt mir!

Einerseits kann man es auch so sehen, dass wir eine Lesergemeinde haben, die uns als seriös ansieht und weiß, dass wir weder Gewalt verherrlichen und auch sonst jugendfreie Inhalte liefern. Auch die Katzenquote ist sehr gering. Andererseits habe auch ich ein Ego, dem es sicher nicht schadet, wenn die Texte mehr gelesen werden. Zudem gibt es Serverkosten, die wir (bisher erfolglos) versuchen, über das Partnerprogramm von Amazon einzunehmen. Keine Klicks machen Erfolg nicht wahrscheinlicher.

 Eine gängige Methode

Clickbaiting ist ein gängiges Mittel im Netz, um Nutzer von Sozialen Netzwerken auf die eigene Website zu locken. Sei es durch eine reißerische Überschrift: „Droht uns ein schweres Erdbeben?“, oder eine ebensolche Beschreibung: „Forscher sind der Ansicht, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist.“. So oder so ähnlich, das ist beim Thema Erdbeben die verbreitetste Methode. Auch nahe dem Epizentrum gelegene Atomkraftwerke sollen die Gefahr eines neuen Fukushima suggerieren, speziell bei Erdbeben in Japan. Meist ist der Inhalt dann weniger interessant, als vorhergesagt. Entweder, weil das Erdbeben wohl doch nicht schon morgen das Haus meines Nachbarn zerstören wird, oder weil ein Magnitude 5 Erdbeben in Japan niemals ein Atomkraftwerk beschädigen würde. Macht nichts, die Klicks sind trotzdem da.

Dies ist ein Weg, den wir versuchen möglichst zu vermeiden. Zum einen möchten wir nicht mit der Angst der Menschen spielen. Zum anderen soll das Ziel dieser Seite sein, schnell alle relevanten Informationen zu liefern und wissenschaftliche Hintergründe möglichst jedem verständlich zu machen. Unser eigener Weg, der uns aus der Masse der Medien abheben soll. Beiträge für Personen, mit „echtem“ Interesse, weil sie selbst betroffen sind, oder sonst eine Verbindung zu dem Ereignis haben.
Dennoch: Ein wenig Clickbaiting dort, wo es angebracht ist und nicht der Seriosität schadet, geht immer – und liefert zumindest eine etwas verbesserte Klickrate.

Beitrag Syrien
Unsere 15 Beiträge in den letzten 7 Tagen erzielten insgesamt 304 Interaktionen, durchschnittlich 20 pro Beitrag und erreichten dabei 5144 Personen.

Wenn die Erdbeben nicht echt sind, was ist dann die Ursache? In einem Land, in dem Bürgerkrieg herrscht. Diese Art von Clickbaiting ist (leider) die Ausnahme. In vielen Fällen liegt es einfach daran, dass sich keine Gelegenheit ergibt, weil sich für neutrale User wenig Interessantes finden lässt, das man hervorheben könnte. „Moderates Erdbeben zerstört Scheune im Iran. Sie werden nicht glauben, was ein Nachbar unter den Trümmern gefunden hat!!!“ – Zumindest, ohne die Seriosität zu gefährden.

 Eine Gratwanderung zwischen Lüge und Wahrheit

Andere Medien umgehen das Problem, indem sie die Scheune liegen lassen und ignorieren. Ein Erdbeben am japanischen Atomkraftwerk, eines mit einem massiven Erdrutsch in Nepal oder eines, das zumindest geeignet ist, um Tsunamigefahr zu suggerieren, wird sicher bald kommen. Bis dahin fokussiert man sich auf Terror, Amokläufe, Flüchtlinge, Pokémon Go und Alexander Gauland.

Und was machen die Medien, wenn es doch mal um Erdbeben geht? Bleiben wir bei der „WELT“:

Indien Welt japan Welt Seattle Welt

Wörtchen wie „bald“, „längst überfällig“ und „Atomkraftwerk“ sind, wie bereits erwähnt, als Lebenselixier für Erdbeben-Clickbaiting im Gebrauch. Aus neutraler Sicht ist vieles davon wirklich scharf an der Grenze zur Seriosität. Inhaltlich ist es meist sauber, doch die Verpackung ist nicht so wie sie scheint. Kurz zur Erklärung:

Droht bald ein großes Erdbeben?
Zwar ist es Wissenschaftlern möglich, die Abstände zwischen zwei Erdbeben anhand von „Ausgrabungen“ oder anderen Methoden einigermaßen präzise zu bestimmen. Hat man genug Daten, lässt sich ein Durchschnittswert ermitteln, der die Zeit zwischen zwei großen Erdbeben angibt, doch lässt sich dadurch keine Prognose machen. Denn 1. ist dieser Durchschnitt in der Regel nicht aussagekräftig, da man selten mehr als drei Daten zur Verfügung hat, und 2. kümmern sich Erdbeben nen Scheißdreck um einen Durchschnitt. Abweichungen von mehreren 100% sind an der Tagesordnung.

Theoretisch könnte man bei JEDEM Ort, an dem es mal ein großes Erdbeben gab, schreiben: „Droht XYZ bald ein schweres Erdbeben?“ In Deutschland wären das Städte wie Köln, Aachen, Bonn, Mainz, Karlsruhe, Albstadt, Gera und Freiburg. Also: „Droht Deutschland bald ein schweres Erdbeben? Sie werden ihren Augen nicht trauen!“

AKW abgeschaltet.
Magnitude 5! MAGNITUDE 5!!! Glaubt wirklich irgendwer, dass japanische Ingenieure und Architekten Atomkraftwerke so konstruieren und bauen, dass sie bei einem solchen Erdbeben kaputt gehen? Wenn ja, dann tut es mir leid.
Was in der Überschrift übrigens noch fehlt, ist die Information, dass Nahverkehr, Flugverkehr und Unterricht ebenfalls unterbrochen wurden, um mögliche Schäden zu überprüfen. So ist es Standard in Japan, Chile, Mexiko und anderen Ländern. Daher ist diese Aktion sicherlich kein Grund zur Sorge, wie die „Welt“ es suggeriert, sondern ein gutes Zeichen, dass die Japaner extrem gründlich und kleinlich sind.
Schäden verursachte dieses Erdbeben übrigens nicht.

 Nutzer lesen, was sie lesen wollen

Bin ich nun dumm und naiv, weil ich diese Art von Clickbaiting ablehne? Mich auf neutraler, seriöser und langweiliger Schiene bewege und trotzdem hoffe, fünf Euro im Monat durch Werbung zu verdienen? Ist diese Seite zensiert, weil keiner der beiden Autoren es wagt auszusprechen, dass Erdbeben an der Slowenisch-Kroatischen Grenze durch Flüchtlinge ausgelöst werden und das dortige Atomkraftwerk bei einem Erdbeben der Stärke 3 gefährdet ist? Bin ich ein Lobbyist, weil ich Erdgasförderung und Fracking nicht gleichsetze und ein bezahlter BRD GmbH – Troll, weil ich mich über Verschwörungstheoretiker lustig mache?

Perfekt bin ich nicht. Aber an den Fakten kann ich auch nicht rütteln. Dazu gehören:

  • Ein einzelnes Beben mit Stärke 6 am Mittelozeanischen Rücken vor Australien löst keinen Tsunami aus
  • Japans Atomkraftwerke sind erdbebensicher
  • Niemand weiß, ob es morgen in XYZ ein schweres Erdbeben gibt
  • Yellowstone wird morgen nicht ausbrechen
  • Die globale Erdbebenaktivität steigt nicht an

aber auch

  • In Deutschland kann es starke Erdbeben geben
  • Jedes Jahr gibt es dutzende Erdbeben mit Todesopfern
  • Städte wie Istanbul, Managua, Teheran und Los Angeles könnten jederzeit von einem Erdbeben zerstört werden
  • Seiten, die keine Panikmache betreiben, bekommen statt Seitenaufrufen Beleidigungen und Hass-Kommentare
  • Texte, die oben genannte Punkte behaupten, werden hundertfach geteilt

Also: Ja, uns droht ein schweres Erdbeben! „Journalismus stirbt“ ist das Fazit der „WELT“. Diese Behauptung teile ich. Blogs ermöglichen es den Internetnutzern, zu Self-Made-Journalisten zu werden. Ohne Verträge, die einem Verpflichtungen aufdrücken. Aber auch ohne Verträge, die einem gewissenhaftes Arbeiten vorschreiben. Bloggen, bis die Kasse klingelt und die Sensationsgeilheit des Volkes gestillt ist. Man liest nur, was man lesen will. Der echte Journalismus muss sich anpassen, um mithalten zu können. Blätter wie die „Bild“, die vor wenigen Jahren noch als Paradebeispiel für „Knallermeldungen“ galt, werden heute von Seiten wie „Kopp“, „Deutsche Wirtschaftsnachrichten“ und „Netzfrauen“ überflügelt – weil die Grenze zwischen Clickbaiting und Lüge überschritten wird. Und die Nutzer teilen es, ohne zu hinterfragen! Gleichzeitig schreien die Lügenseiten immer lauter „Lügenpresse“ und basteln ihrem wachsendem Publikum eigene Wahrheiten. Wer das anzweifelt, ist ein Schlafschaf oder wird von Mossad bezahlt. Wenn ein Blogger da nicht mitzieht, wird er nicht gelesen, und wenn ein Journalist nicht mitzieht, kriegt er Todesdrohungen. Ein verdienter Lohn?

Ich bin froh, dass diese Seite ein Nischendasein fristet. Mit einem Randthema, dass unzweifelhaft nur eine begrenzte Leserschaft haben kann. Mir macht der Weg, den Lukas und ich mit dieser Seite gehen, Spaß! Seltene Momente zeigen uns, dass dieser Weg richtig ist. Dafür lohnt es sich, am Ende ein paar Euro draufzuzahlen!

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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4 Kommentare

  1. Clickbaiting?! hm.. Naja.. Mit der Überschrift hat es ja geklappt. 😀 Ansonsten funktioniert diagonales Lesen ganz gut. Ansonsten weiter so.

  2. Ich lese Überschriften immer kritisch. Manche sind so abstrus geschrieben, dass es einen geradezu einläd, den Artikel ebenfalls zu lesen.
    Ich finde es super, dass sich hier mal jemand eine sehr interessante Überschrift ausgedacht hat um die Menschen mal aufzuklären, das es wichtig ist, die Artikel immer ganz zu lesen und nicht nur die Schlagzeile. Das würde einiges ändern…. Toll gemacht !

  3. Diesen Artikel habe ich vom Anfang bis zum Ende gelesen, und er hat mich nachdenklich gemacht, und hoffentlich in der Zukunft Text-kritischer, aber vor allem Überschriften-kritischer. Danke!

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