Fragen und Antworten zum Italien-Erdbeben

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Die Opferzahl steigt. Inzwischen ist bekannt, dass knapp 250 Menschen beim Erdbeben (M6.0) ums Leben gekommen sind. Damit ist es das verheerendste Erdbeben seit 2009.
Die Opferzahl könnte steigen. 2009 starben 306 Menschen beim Erdbeben von L’Aquila (M6.3). Dies war die größte Erdbebenkatastrophe Italiens seit 1980.
In den Stunden nach dem Erdbeben wurden wir mit einigen Fragen von Lesern, von Betroffenen konfrontiert, die wir an dieser Stelle klären möchten.

Warum war das Erdbeben so verheerend?
Hier sind es vor allem drei Faktoren, die das Erdbeben zu einer solche Katastrophe haben werden lassen.
Die Tiefe: Mit vier Kilometern war der Erdbebenherd sehr flach. Das heißt, die Intensität sehr hoch (USGS schätzt VIII bis IX, genaueres werden spätere Untersuchungen zeigen) und das Erdbeben entsprechend zerstörerisch.
Die Bauweise: Wie abseits der Wirtschaftszentren üblich, ist die Bauweise der Wohnhäuser eher traditionell und entspricht damit nicht den Standards für Erdbebengebieten. Das macht diese selbst für schwache Erdbeben anfällig.
Der Zeitpunkt: Ein Ereignis um 3.34 Uhr morgens. Ein Zeitpunkt, wo die meisten Menschen schlafen. Entsprechend hatten die Menschen nur wenige Sekunden, um aus dem Bett und aus die einstürzenden Häuser zu kommen. Viele schafften dies nicht.

Wird es Nachbeben geben?
Ja. Seit dem Hauptbeben hat es bereits mehrere Nachbeben um Magnitude 5 gegeben, die weitere Schäden verursacht haben. Dies ist eine Größenordnung für Nachbeben, die bei der Magnitude des Hauptbebens normal ist. Solche Nachbeben können wochenlang anhalten. Kleinere Nachbeben bis Magnitude 4 möglicherweise mehrere Jahre. Genau vorhersagen lässt sich das nicht.

Ist die Gefahr vorbei?
Nein. Da viele Häuser beschädigt sind, können auch kleinere Nachbeben diese zum Einsturz bringen. Zudem sind in Italien immer wieder neue stärkere Erdbeben möglich.

Wird es in naher Zukunft weitere starke Erdbeben geben?

Italien
Störungssegmente in Zentralitalien; Rot: Norcia-Erdbeben 2016, Orange: L’Aquila (2009) und Assisi (1997) Erdbeben; lila: Seismische Lücken

Ja. Die Regionen in Zentralitalien sind sehr gefährdet. Der Apennin stellt einen Bereich in der Erdkruste dar, wo sich auf der Rückseite der Alpenkollision die Erdkruste dehnt. Dabei entstehen große Störungssysteme mit hoher seismischer Aktivität.
Im Jahr 1703 gab es hier das letzte große Erdbeben. Eigentlich DIE letzten großen Erdbeben. Damals handelte es sich um eine Sequenz, die in Umbrien, Latium und den Abruzzen über 19 Tage hinweg 10.000 Menschen tötete. Drei Hauptbeben zwischen Magnitude 6 und 7 waren involviert und repräsentieren die jeweiligen Abschnitte des Störungssystems.
Zu diesem gehören das Erdbeben von Assisi 1997 (Magnitude 6.0), das Erdbeben von L’Aquila 2009 und das Erdbeben am Mittwoch (mutmaßlicher Name: Norcia-Erdbeben). Allerdings haben es diese drei Erdbeben nicht geschafft, die Spannung am gesamten Störungssystem zu lösen. Es bleiben zwei Segmente (in der Karte lila eingezeichnet), einmal rund um den Lago Campotosto und einmal nördlich von Norcia, an denen seit Anfang des 18. Jahrhundert keine größeren Erdbeben stattfanden. Das Potential für weitere Erdbeben der Stärke 6 in den nächsten Jahren ist in diesen Gebieten noch immer gegeben. Und nun vermutlich noch höher als zuvor. Es gilt als wahrscheinlich, dass das Erdbeben von Norcia eine direkte Folge des L’Aquila-Erdbebens war, da genau in diesem Bereich die Spannung in der Kruste 2009 deutlich zugenommen hat (Anderlini und Belardinelli, 2012).

 

Könnte das Erdbeben Vulkane beeinflussen?

Wird in den nächsten Tagen nicht ausbrechen: Vesuv
Wird in den nächsten Tagen nicht ausbrechen: Vesuv

Nein. In der Nähe des Epizentrums befinden sich keine Vulkane, die durch ein Erdbeben „aufgeweckt“ werden könnten. Zudem war das Beben 100% tektonischen Ursprungs, sodass Magmabewegungen im Untergrund keine Rolle spielten.
Die dem Erdbebengebiet am nächsten gelegenen Vulkane sind die seit Jahrtausenden schlafenden Mt. Amiata, Vulsini und Colli Albani, die etwa 100 bis 120 km entfernt liegen. Der aktive und gefährliche Vesuv liegt, genau wie die benachbarten Campi Flegrei, mit 240 Kilometern Entfernung deutlich außerhalb des Wirkungsbereichs. Zwar kam es nach dem Erdbeben an Campi Flegrei zu einem kleinen Schwarm, doch war dieser nicht überdurchschnittlich. Bereits nach dem L’Aquila Beben wurde spekuliert, dass diese Vulkane erwachen könnten. Auch damals gab es keinen Grund für die Annahme. Dass infolge dessen an keinem der beiden Vulkane irgend eine Regung gezeigt wurde, dürfte auch für die aktuelle Situation ein gutes Zeichen sein.

 

Soll ich meinen Urlaub absagen?

Sollte nicht storniert werden: Strandurlaub in Italien
Sollte nicht storniert werden: Strandurlaub in Italien

Eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss. In der Zone, die vom Erdbeben betroffen war und wo es Schäden gab, sollten Touristen wirklich über eine Rückreise nachdenken. Nicht nur, weil es dort durch Nachbeben immer noch gefährlich ist.
Außerhalb des Gebietes, etwa ein 50 Kilometer Radius, wird es zwar noch wochenlang spürbare Nachbeben geben, doch wird von ihnen wahrscheinlich keine Gefahr ausgehen.
100 Kilometer oder mehr vom Epizentrum entfernt wird auch von den meisten Nachbeben nichts mehr zu merken sein. Hier tut man sich selbst (und wahrscheinlich auch seinen Gastgebern) keinen Gefallen, wenn man vorzeitig das Urlaubsquartier verlässt (oder gar den ganzen Urlaub im voraus storniert).
Die Gefahr, dass es weitere starke Beben geben kann und wird, ist in fast ganz Italien gegeben. Das sollten Urlauber wissen. Aber das sollte kein Grund sein, auf einen Urlaub zu verzichten. Statistisch ist es sehr unwahrscheinlich, dass das Erdbeben genau dann auftritt, wenn man vor Ort ist. Zur Vorkehrung sollte aber dennoch jeder die Verhaltensweisen bei einem schweren Erdbeben kennen.

 

War das Norcia-Erdbeben in Deutschland spürbar?
Diese Frage wurde verdammt oft gestellt. Aus der ganzen Bundesrepublik gibt es Meldungen von Personen, die in der Erdbebennacht aus dem Schlaf erwacht sind, ohne ersichtlichen Grund. (Dies trifft auch auf mich zu, sogar exakt zu dem Zeitpunkt, als die Erdbebenwellen durchgelaufen sind)
Eigentlich waren die inzwischen abgeschwächten Erdbebenwellen in Deutschland nicht mehr im Bereich des Spürbaren. Die registrierten Schwinggeschwindigkeiten liegen deutschlandweit bei knapp 0.1 bis 0.25 mm/s. Die höheren Werte sind dabei lokal sehr eng begrenzt gewesen. Verbreitet gab es auch geringere, wie im Ruhrgebiet mit nur 0,03 mm/s.
Speziell in Süddeutschland kann es in exponierten Lagen, in Hochhäusern bei Windstille und ohne Verkehr möglich gewesen sein, dass für ruhende Menschen leichte Erschütterungen wahrnehmbar waren. Konkrete Meldungen haben wir aber nicht bekommen und erwarten dies auch nicht.
Warum viele Menschen erwacht sind, können wir nicht erklären. Möglicherweise ist die aktuelle Hitzewelle ein Grund.

 

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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12 Kommentare

  1. Heute Morgen kurz nach halb sieben hatte ich im Bett ein Ruckeln gespürt, als hätte meine Frau das Bett außen angestoßen, aber meine Frau war schon im Bad: Dachte gleich an ein leichte örtliches Beben. Beim Nachschauen im Internet war es ein Nachbeben von Italien. Soweit ich weiß, dauert es eine gewisse Zeit bis die Erdbebenwelle hier ankommt.

  2. Ich bin um 3 Uhr in besagter Erdbeben-Nacht aufgewacht, weil schlecht geschlafen, und bin vom Bett auf die Couch umgezogen. Das kuriose ist jedoch die Sache mit meiner Frau. Sie hat um halb 4 eine Bewegung gespürt, dachte dass ich das wäre, als sie auf meine Seite langte, hat sie mich natürlich nicht vorgefunden. Jetzt fragt sie sich, was das für ein komisches Zittern, wie sie sagt, war. Ich habe am nächsten Tag dies einigen erzählt und auch zu hören bekommen, dass sehr viele wach geworden waren oder schlecht geschlafen hatten. Alle haben 3 Uhr morgens als ungefähre Zeit angegeben. Das ist schon sehr interessant wie ich finde!

    1. Dann scheint das was ich im spiegel gelesen habe, zu stimmen, dass sich vor Erdbeben die Erdanziehung verändert.

      1. Die Veränderung der Gravitation ist bei einem Erdbeben so extrem gering, da spürst du bei jedem Atemzug deutlich mehr Veränderung.

  3. Vielen Dank für die antworten. Bin jetzt bissle beruhigt und wir gehen doch am Sonntag nach Italien am der Adria Küste. Ich bete für alle die Menschen wo alles verloren haben oder sogar nicht mehr unter uns sind. Amen.

  4. Es muss spürbar gewesen sein, Ich bin Zeitungsbote, und war um diese Uhrzeit in meinem Bezirk unterwegs, nach 15 Jahren kennt man alles, wer früh zur Arbeit muss, wer mit dem Hund unterwegs ist etc. Mir ist um genau dieser zeit aufgefallen, das bei einem Haus wo alles dunkel war, also alle schliefen die Wellensittiche verrückt spielten. Einige Vögel waren auch unruhig, normal Tut sich vor 4:45 Uhr nichts, da dann erst langsam die Dämmerung beginnt.

    Daher halte ich es schon für möglich, dass einzelne Personen da was gemerkt haben.

    1. Das Empfinden von Vögeln und anderen Tieren, die auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren (Veränderungen im Magnetfeld, Spannungsaufbau, Radonanstieg, Infraschall etc.) setzt nicht automatisch vorraus, dass Menschen es auch wahrnehmen müssen.

      Auch kann es viele Gründe haben warum die Vögel reagiert haben – wie z.b. der Postbote der gerade vorbei tapst 😉

      Wenn es doch spürbar gewesen sein muss, dann müsstest Du es doch selbst gespürt haben, oder? Schließlich warst du ja wach, unterwegs und vermutlich Herr deiner Sinne und nicht im Dämmerzustand eines Menschen der gerade aufwacht.

      1. Das Menschen das auch spüren können, behauptet Markus ja auch nicht. Sondern teilt seine Beobachtung, dass in dieser Nacht einiges anders als sonst war, mit. Noch dazu ist es nicht auszuschließen, das evtl. manche Menschen ein feineres Gespür haben, wie Vögel oder Hunde. Diese Sache zu verfolgen und durch die Möglichkeiten der modernen Medien mit schneller und konzentrierter Informationssammlung und Weitergabe hier evtl. eine Regelmäßigkeit zu finden und das viellecht in naher Zukunft als eine Art Warnsystem nutzen zu können um Leben zu retten, wäre doch vorteilhaft, meinst Du nicht? Dein Gegenargument, er müsste es doch dann auch gespürt haben, wenn es die Vögel spürten, zieht nicht. In Bewegung ist doch die Wahrnehmung kleinster Wellen weit weniger spürbar, als in ruhiger, leiser Lage im Bett z.B. Oder er ist einfach nicht so empfindlich. Die Vermutung oder Hoffnung in diesem Thread ist doch u.A., evtl. rauszufinden, ob es Menschen oder Tiere gibt, die so feine Antennen haben, dass man diese, wie oben erwähnt, nutzen könnte. Dass wissenschaftlich das nicht bewiesen ist, wissen wir schon. Nix für Ungut.

        1. Heute Morgen kurz nach 6 hatte ich dreimal hintereinander das Gefühl, zur Seite gestoßen zu werden. Als ich nachsah las ich, dass es ein schweres Nachbeben ungefähr 20 Minuten später gegeben hat.
          Deshalb überlege ich im Moment, ob wir Menschen vielleicht so etwas schon spüren können, der Alltag uns jedoch für solche Empfindungen auffrisst. Damals das Japan Beben war so heftig, dass in der Antarktis Eis abgebrochen ist und die Erde sich anders ausrichtete. Normal müsste der Mensch sowas doch spüren, egal wo er lebt. Aber ich merke tagsüber auch nur selten etwas, eher wenn ich Ruhe habe und in der Phase zwischen Einschlafen und Aufwachen bin. Vermutlich ist dann noch eine Antenne auf ON:)

  5. Ich hoffe, dass sich der Name Norcia Erdbeben nicht durchsetzt. Damit wäre dieser wunderschöne Flecken Erde gebranntmarkt, der vor allem vom Tourismus lebt. Dabei gab es in Norcia relativ wenige Schäden. Der viel größere Schaden wäre wenn dort niemand mehr Urlaub macht.

  6. Hallo

    Doch, ich habe in der Nacht was gemerkt. Und zwar konnte ich sehr schlecht schlafen und als ich einmal einschlief, erschreckte ich mich total.
    Ich wohne in Sachsen und habe öfter schon starke Beben wahrgenommen.

    1. vieleicht gibt es bei verschiedenen Menschen auch ein Art Gespür für Erdbeben…ähnlich wie bei Tieren,angeblich können Tiere sogar ein bevorstehendes Erdbeben oder auch einen Vulkanausbruch andeuten..
      John

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