Das Wunder von Marken – Wie geht es weiter in Italien?

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Als am Mittwochabend die erste Meldung zum ersten Erdbeben in Marken reingekommen ist, war ein Hauch von Pessimismus zu verspüren. Nur 20 Kilometer von Amatrice entfernt. Eine Region, wo Häuser erst vor zwei Monaten Schäden erlitten haben, und die Menschen die Katastrophe noch nicht verarbeitet haben. Als die manuelle Auswertung erfolgte, Magnitude 5.4, deutlich schwächer als zunächst angegeben (M5.9), kam der Gedanke: Vielleicht ist es doch nicht so schlimm.
Dann kam das Hauptbeben.

Die Namen der Orte Amatrice, Accumoli, Aquarta del Tronto sind seit August auch international geläufig. Stehen sie doch für eine Erdbebenkatastrophe, die durch eine Aneinanderreihung unglücklichster Umstände zu fast 300 Todesopfern geführt hat.
Genauso könnten nun die Orte Castelsantangelo, Visso und Ussita bekannt werden. Als Orte, die durch eine Aneinanderreihung glücklichster Umstände einer ähnlichen Erdbebenkatastrophe entkommen ist.

Im Folgenden werde ich die Hintergründe zu den Erdbeben am 26. Oktober in der Italienischen Region Marken darstellen und auf die wichtigsten Fragen, die sich nun stellen, eingehen.

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Ein vorhergesagtes Erdbeben

Zunächst zu den tektonischen Hintergründen. Betroffen war erneut Zentralitalien. Zwei Beben, Magnitude 5.4 und 5.9 im Abstand von zwei Stunden. Die Epizentren lagen an der Grenze der Regionen Marken und Umbrien. Ein Gebiet, dass spätestens seit dem Amatrice-Erdbeben jeden Tag mit einem großen Erdbeben hätte rechnen müssen.
Um unsere Nachbesprechung vom August zu zitieren: „Der Apennin stellt einen Bereich in der Erdkruste dar, wo sich auf der Rückseite der Alpenkollision die Erdkruste dehnt. Dabei entstehen große Störungssysteme mit hoher seismischer Aktivität. Im Jahr 1703 gab es hier das letzte große Erdbeben. Eigentlich DIE letzten großen Erdbeben. Damals handelte es sich um eine Sequenz, die in Umbrien, Latium und den Abruzzen über 19 Tage hinweg 10.000 Menschen tötete. Drei Hauptbeben zwischen Magnitude 6 und 7 waren involviert und repräsentieren die jeweiligen Abschnitte des Störungssystems.“

seismische-luecleIn neuerer Zeit war dieses Störungssystem erneut aktiv. Diesmal aufgeteilt auf fünf Segmente. Durch die Erdbeben von Assisi (1997), L’Aquila (2009) und Amatrice hat sich die Spannung an drei der Segmente abgebaut. Es blieben zwei seismische Lücken, wovon die im Norden in allen Modellrechnungen als nächster Kandidat für ein großes Erdbeben ausgemacht wurde, da durch das Amatrice-Erdbeben zusätzliche Spannung aufgebaut wurde.
Dass die Wartezeit nur zwei Monate betrug, hat auch diesen Blogger überrascht, der wenige Stunden vor dem Ussita-Erdbeben diese Bedrohungslage der seismischen Lücke nochmals analysiert hat.

Die Lücke ist seit gestern geschlossen und die Gefahr eines großen Erdbebens damit mit einiger Wahrscheinlichkeit zunächst vom Tisch. Allerdings deutet die insgesamt niedrige Nachbebenaktivität darauf hin, dass die aktuelle Erdbebensequenz möglicherweise noch nicht überstanden ist.

Drei Erdbeben als Lebensretter

Dass diese Sequenz im Gegensatz zu Amatrice mit einem signifikanten Vorbeben begonnen hat, dürfte dutzende, wenn nicht hunderte Menschenleben gerettet haben. Dabei spielte auch der Zeitpunkt des Bebens eine entscheidende Rolle. Eine erste Auswertung der Schäden ergab, dass wohl die Häuser von 3000 Menschen zerstört oder schwer beschädigt wurden. Die meisten beim Hauptbeben.
Das Vorbeben fand am frühen Abend statt. Eine Zeit, wenn die meisten Menschen bereits zuhause sind. Familien waren beisammen. Alle haben das Beben bewusst wahrgenommen und konnten die Gefahr einschätzen, sodass rechtzeitig die Gebäude verlassen werden konnten.
Zwei Stunden vergingen bis zum zerstörerischen Hauptbeben. Und trotz heftiger Unwetter, die in der Zeit tobten, verbrachten die allermeisten Anwohner die Zeit im Freien. Obwohl die fast nicht existente Nachbebenaktivität dies trügerische Sicherheit vermittelt hat.
Wahrscheinlich hat hier die frische Erinnerung an das Amatrice-Erdbeben gewirkt, die Angst vor einer Katastrophe überrascht zu werden, war zu groß. Schließlich ist genau das 1997 in Assisi passiert.
Und auch in einem weiteren Punkt hat das Assisi-Erdbeben das Glück begünstigt. Beim Wiederaufbau wurde in den betroffenen Gebieten in Umbrien auf verschärfte Baumaßnahmen geachtet. Dies hat die Schäden gestern dort verringert.

Zusammengefasst: Zeitpunkt, Vorbeben und die noch nicht vergessenen Katastrophen von Assisi und Amatrice haben die große Katastrophe verhindert.

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Behörden und Modelle verkalkulieren sich

Wie groß die vermiedene Katastrophe hätte sein können, wurde schon früh klar. Knapp eine Stunde nach dem Vorbeben gab es in den italienischen Medien erste Gerüchte über „viele Todesopfer“. Aussagen von Politikern und Rettungskräften, die die Zerstörung beschrieben und ein Horrorszenario ausmalten, untermauerten diese. Das United States Geological Survey, das mit seinem PAGER Dienst seit vielen Jahren die potentiellen Opferzahlen von Erdbeben binnen Minuten berechnet, sah eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine drei- oder vierstellige Opferzahl.
Die Gewalt des Erdbebens wurde dabei richtig einkalkuliert. Die heute sichtbar gewordene Zerstörung ganzer Ortsteile, die weite Spürbarkeit bis nach Deutschland und die gemessene Bodenbeschleinigung, die italienischen Rekord darstellt, belegen dies. Doch egal wie gut Computermodelle sind: Nicht jeder Faktor kann mit in die Berechnung einbezogen werden. Zufall schon gar nicht.

Angst vor einer Kettenreaktion

L’Aquila soll Amatrice begünstigt haben, Amatrice hat wohl Ussita ausgelöst. Die Frage ist nun: Was kommt als nächstes? Noch in der Nacht gab es in Italien erste Spekulationen und Warnungen, eine Kettenreaktion habe eingesetzt und weitere große Beben in anderen Landesteilen könnten folgen.
Setzt man die Reihe der Erdbeben weiter fort, müsste es als nächstes erneut weiter im Norden beben. Jedoch scheint dort zunächst keine große Gefahr zu bestehen. Durch das Assisi-Erdbeben 1997 ist die meiste Spannung an den dortigen Störungen abgebaut. Zwar sind immer noch moderate Beben um Magnitude 5 möglich, aber eine große Katastrophe ist bis auf weiteres unwahrscheinlich.
Auch die letzte verbliebene seismische Lücke zwischen Amatrice und L’Aquila schein unbeeinflusst. So dürfte keines der beiden Beben eine großartige Spannungsverlagerung in dem Gebiet bewirkt haben. Genaue Kalkulationen stehen aber noch aus. Dennoch bleibt es hier bei einem hohen Risiko. Immerhin liegt das letzte große Erdbeben 300 Jahre zurück. Es wäre also keine Überraschung, wenn hier das nächste Starkbeben Italiens stattfinden wird.

Auswirkungen auf Vulkane

Andere Regionen Italiens, in denen sich seismische Lücken befinden, scheinen zunächst zu weit weg, um beeinflusst worden zu sein. Gleiches gilt für die italienischen Vulkane. Denn wie nach jedem großen Erdbeben, kommen auch jetzt Gerüchte auf, es könne zu einer Eruption (des Vesuvs) kommen. Auch an dieser Stelle ein Zitat vom August, das noch immer gültig ist: „In der Nähe des Epizentrums befinden sich keine Vulkane, die durch ein Erdbeben „aufgeweckt“ werden könnten. Zudem war das Beben 100% tektonischen Ursprungs, sodass Magmabewegungen im Untergrund keine Rolle spielten.
Die dem Erdbebengebiet am nächsten gelegenen Vulkane sind die seit Jahrtausenden schlafenden Mt. Amiata, Vulsini und Colli Albani, die etwa 100 km entfernt liegen. Der aktive und gefährliche Vesuv liegt, genau wie die benachbarten Campi Flegrei, mit 250 Kilometern Entfernung deutlich außerhalb des Wirkungsbereichs.“ Entsprechend wird eine vulkanische Kettenreaktion ein Gerücht bleiben. Wie es am Ende mit der seismischen Kettenreaktion sein wird, muss die Zukunft zeigen.

Könnte Deutschland betroffen sein?

Würde es in diesem Fall auch uns hier auf der anderen Seite der Alpen treffen können? Immerhin war es das erste große Beben seit langem, das bis Deutschland spürbar war. Zudem verzeichnete die Bundesrepublik mit Erdbebenschwärmen in Darmstadt, Singen und Albstadt eine ungewöhnlich hohe Aktivität.
Dass über eine so große Distanz Erdbeben getriggert werden, ist aber die absolute Ausnahme. Sollte sich die hohe Aktivität in Deutschland in den kommenden Tagen fortsetzen, wird das kein Resultat der Ereignisse in Italien gewesen sein. Gleiches gilt für Österreich und die Schweiz, die zuletzt ebenfalls einige teils größere Erdbeben verzeichneten. Große katastrophale Beben kommen hier sowieso nur sehr selten vor. Frühere Beben in Italien waren deutlich häufiger und somit ist die Quote dieser Erdbeben, auf die große Erdbeben in Deutschland folgten, sehr gering.

Was bleibt?

Italien erholt sich langsam von der Katastrophe von Amatrice. Die finanziellen Verluste waren für den Staat schmerzhaft. Die menschlichen noch viel schmerzhafter. Ussita und anderen Dörfern blieben die menschlichen Verluste (fast) erspart. Dennoch ist die Existenz vieler Familien zerstört. Erneut muss Italien Opfer versorgen, den Wiederaufbau planen, Rettungsaktionen leiten. Erneut kann mit neunstelligen Kosten gerechnet werden. Somit wird das Wunder von Marken nicht ohne Folgen bleiben. Dennoch sollte dieses Ereignis nicht als Katastrophe im Gedächtnis hängen bleiben. Aus wissenschaftlicher Sicht zeigte die Erdbebensequenz allerhand erfreuliches. Auch, so scheint es, ist man einer Art Erdbebenvorhersage dadurch ein Stückchen näher gekommen. Das Verständnis der seismogenen Zone Apennin wird sich durch neue Forschungen weiter verbessern.
Es wird in der Zukunft nicht möglich sein, neue Katastrophen komplett zu verhindern. Man kann diesen Doppelschlag als Beweggrund nehmen, auch die kleinen Dörfer in ihrer Erdbebensicherheit zu verbessern, um Verluste zu reduzieren. Besonders dort, wo seismische Lücken nachgewiesen werden können. Ziele, die an den Wiederaufbau, an die Versorgung der Opfer und an die Verarbeitung der Erlebnisse angeknüpft werden sollten.

Allgemeine Informationen zu diesem Erdbeben:

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Uhrzeit (Mitteleuropäische Zeit): 21:18 Uhr

Magnitude: 5.9

Tiefe: 9 km

Spürbar: ja

Haben Sie dieses Erdbeben gespürt?

Schäden erwartet: ja

Opfer erwartet: ja

Ursprung: tektonisch

Tsunami-Gefahr: nein

Epizentrum:

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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