Zwischen Wunder und Weltuntergang

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Es ist ein Trauma, das die Betroffenen wohl noch auf Jahre verfolgen wird. Statt Ärzten, die nach einer Erdbebenkatastrophe die hunderten Verletzten versorgen, sind es nun Psychologen, die in Accumoli, Castelsantangelo, Norcia und Amatrice gefragt sind. Was vor wenigen Tagen noch ein Wunder war, wird mehr und mehr zum Weltuntergang. Eigentlich könnte man meinen, die Ereignisse von heute waren ein noch größeres Wunder als am Mittwoch. Doch angesichts der Verwüstungen noch positive Worte zu finden, fällt zunehmend schwer.

Erdbebenserie bricht Rekorde

Schaut man sich allein die Statistiken an, geht der Trend weiter Richtung Wunder.
„Stärkstes Erdbeben in Italien seit 1980. Hunderte, vielleicht tausende Gebäude zerstört. Finanzielle und ökonomische Verluste, die in den zweistelligen Milliardenbereich gehen werden. Zehntausende Obdachlose, die nicht nur ihr Haus, sondern ihr ganzes Dorf verloren haben.“
Dem gegenüber steht:
„Wenige Verletzte, keine Toten. Stärkstes Erdbeben in der Italienischen Geschichte ohne Todesopfer.“

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Amatrice, Visso, Visso und Amatrice. Um eine vergleichbare Erdbebensequenz zu finden, muss man weit in die Italienische Geschichte zurück gehen. Das jüngste Beispiel ist im Jahr 1783 zu finden. Damals betroffen die Region Kalabrien im Süden des „Stiefels“. Binnen zwei Monaten kam es dort zu fünf schweren Erdbeben, wovon zwei stärker als Magnitude 6.5 waren. Beben und folgende Tsunamis forderten zehntausende Opfer.
Schlimmer traf es Mittelitalien 1703. Exakt die Region, die aktuell auch betroffen ist. Drei Erdbeben um Magnitude 6.5, die in Umbrien, Marken, Latium und den Abruzzen über 50.000 Todesopfer fordern. Diese Erdbebensequenz kann als direkter Vorgänger der aktuellen Aktivität angesehen werden.

Die Tücken der Erde

Gleiche Bruchzone, und doch so verschieden. 2009, so scheint es, war der Beginn mit dem L’Aquila-Erdbeben im äußersten Süden. Magnitude 6.3, 300 Tote. Verheerend, aber kein Vergleich zum 18. Jahrhundert. Sieben Jahre später und 20 Kilometer weiter im Norden: Magnitude 6.0. Keine Stadt wie L’Aquila, dafür zahlreiche Dörfer. 300 Tote. Nun weiß man: Zwei seismische Lücken, noch zwei potentielle Erdbebenherde. Einer im Norden, einer im Süden.
63 Tage später, Magnitude 5.4 und 5.9, wieder 20 Kilometer weiter nördlich. Das Wunder von Marken wird wahr. Man weiß, die versetzte Störung schließt sich nahtlos an die vom August an. Die seismische Lücke ist damit geschlossen. Drei Tage später. Heute. So mancher Erdbebenexperte wird sprachlos sein (und es auch noch einige Tage bleiben). Magnitude 6.5. Die seismische Lücke hat alle verarscht. Die neue Bruchzone umfasst jene vom August und die in Marken. Als hätte es die anderen Erdbeben gar nicht gegeben.

Forschungsbedarf für sprachlose Seismologen

Die wissenschaftliche Unsicherheit spiegelte sich schnell wieder. In den Medien wurden Experten befragt. Nach ihrer Meinung zur Lage. Dies resultierte meist in schöne Umschreibungen von „Ich habe absolut keine Ahnung und wäre jetzt am liebsten ganz woanders.“ Wo die Nervosität hochkam, entstand sowas wie „Alles ist möglich, ich möchte ein weiteres, noch stärkeres Erdbeben nicht ausschließen.“
Wer möchte ihnen eine solche Aussage verübeln? Es ist leider die Wahrheit.
Was wir mit Sicherheit wissen: Zwischen L’Aquila und Amatrice liegt eine weitere seismische Lücke, wo es mit Sicherheit in naher Zukunft ein starkes Erdbeben geben wird. Durch die letzten Tage hat sich die Spannung im Gestein massiv erhöht. Es könnte jederzeit zum Bruchvorgang kommen.
Ebenfalls wissen wir nun, dass ein Erdbeben der Stärke sechs, zumindest rund um Norcia, nicht gereicht hat um die seit 300 Jahren existierende Spannung zu lösen. Und zum Schluss: Das nördliche Ende der Bruchzone von 1703 liegt im Umbrien. Im Jahr 1997 war dort das nächste Erdbeben. Magnitude 6.0, Assisi.
Doch wirft dies leider mehr Fragen auf, als es beantwortet. Hat sich 1997 und 2009 in den jeweiligen Segmenten die komplette Spannung gelöst? Könnte es dort noch weitere Erdbeben geben? Könnte die bestehende seismische Lücke sich mit der Bruchfläche von L’Aquila überschneiden? Was könnte das für die Gebiete rund um Beneveto und Florenz bedeuten, wo es seit 211, bzw 218 Jahren keine großen Erdbeben mehr gab? Antwort: „Keine Ahnung, alles ist möglich.“

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Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik

Dass alles möglich ist, wissen auch die Betroffenen. Denn diese haben bereits das erlebt, was sie als unmöglich erachtet haben. Ihre Häuser wurden zerstört. Teils mehrmals. Sie dachten, sie hätten Glück und waren dann doch noch betroffen. Notunterkünfte sind überfüllt. Es mangelt zur Zeit noch an Trinkwasser. Auch für die Rettungskräfte, die seit über 2 Monaten im Einsatz sind, eine Herculesaufgabe. Keiner weiß, wie lange sie noch gebraucht werden. Wie lange werden die Notunterkünfte gebraucht?
Auch die Behörden sind sich uneinig über das weitere Vorgehen. So sollen viele der Menschen, deren Häuser komplett zerstört worden sind, zunächst umgesiedelt werden. Dazu werden Hotels in den Küstenregionen des Landes angemietet. Andere versuchen freiwillig das Gebiet zu verlassen. Doch machen Erdrutsche und zerstörte Straßen dies in vielen Gebieten unmöglich. Wer bleiben will oder muss, wird sich auf einen Winter im Zelt einstellen müssen. Ein Wiederaufbau der Häuser ist geplant, doch steht hinter dem Zeitpunkt des Beginns ein großes Fragezeichen. Vielleicht auch gut so, solange die seismischen Fragezeichen und Nachbeben nicht kleiner werden.

Internationaler Zuspruch, internationale Abwendung

Die Europäische Union wird Italien beim Wiederaufbau unterstützen. Hilfen wurden zugesagt, ebenso von Israel und Russland. Der Zusammenhalt der Internationalen Gemeinschaft ist, wie bei den meisten Katastrophen, auch jetzt sehr groß. Doch ist es auch die Internationale Gemeinschaft, die mittelfristig als Geldgeber verloren gehen wird. Für die Italienischen Tourismusbranche steht die Katastrophe noch bevor. Die Bilder vom Amatrice-Erdbeben sind um die Welt gegangen. Die Bilder vom Visso-Erdbeben sind um die Welt gegangen. Eine halbe Woche später gehen wieder Bilder um die Welt, die neue Zerstörungen in beiden Orten zeigen. Dass nun viele Urlauber einen geplanten Winterurlaub stornieren werden oder auf die Buchung eines Sommerurlaubs 2017 verzichten, ist verständlich.
So viel kann man dazu sagen: Betroffen ist und bleibt das Zentrum von Italien. Abseits des Apennin, vor allem an den Küsten, am Gardasee oder auf den Inseln, ist von Verwüstung nichts zu sehen. Auch Rom kam dreimal mit dem Schrecken davon. Ebenso Florenz und auch Neapel, wo es mich im Frühjahr 2017 wohl wieder hinführen wird.
Gerüchte und Spekulationen werden durch das heutige Ereignis neuen Zuspruch bekommen haben, was vor allem im Ausland zu Verunsicherung führen wird. Gerüchte, die vor allem Kettenreaktionen über die Landesgrenzen hinaus (nagut, man weiß es nicht…), Vulkanausbrüche (Vesuv und Campi Flegrei zeigen zur Zeit keine seismische Aktivität und sind nicht ungewöhnlich aktiv!) und Auswirkungen auf andere Orte (nein, der Gardasee war nicht betroffen!) betreffen. Beschwichtigungen in Zeiten der Verunsicherungen sind nicht erfolgversprechend.

Hoffen und Bangen

Zunächst steht die Betreuung der Opfer im Mittelpunkt. Das Hoffen, dass sich unter den Trümmern keine Toten finden werden. Das Bangen um die Sicherheit der verbliebenden Häuser. Das Hoffen auf ein Ende der Erdbebenserie, die Rekorde gebrochen hat und wo Betroffene irgendwo zwischen Wunder und Weltuntergang verharren.

In Regionen wie diesen kann es immer wieder zu schweren Erdbeben kommen. Nicht nur sichere Bauweise kann bei solchen Ereignissen Menschenleben retten, sondern auch richtige Verhaltensweisen. Daher empfehlen wir allen, die eine Reise in eine erdbebengefährdete Region planen, sich zuvor mit den richtigen Verhaltensweisen bei schweren Erdbeben auseinanderzusetzen.

Allgemeine Informationen zu diesem Erdbeben:

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Uhrzeit (Mitteleuropäische Zeit): 30. Oktober, 07:40 Uhr MEZ

Magnitude: 6.5

Tiefe: 10 km

Spürbar: ja

Haben Sie dieses Erdbeben gespürt?

Schäden erwartet: ja

Opfer erwartet: nein

Ursprung: tektonisch

Tsunami-Gefahr: nein

Epizentrum:

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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3 Kommentare

  1. Wir kommen hier nicht zur Ruhe, heute morgen um neun Uhr schon wieder ein Beben mit 4,8. War allerdings bei uns nur moderat zu spüren, ca. 80 km entfernt.

  2. Vielen Dank für den Bericht.

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen ein Urlaub in Rom ist problemlos möglich. Auswirkungen gibt es dort keine und sind auch für den Fall, dass sich die Erdbebenserie fortsetzt nicht zu befürchten.

    Wenn ich den Bericht richtig verstehe ist das nächste Erdbeben zwischen Amatrice und L’Aquila zu erwarten. Da befindet sich der größte Stausee der Abruzzen, der Lago di Campotosto. Das sind tolle Aussichten.

  3. Starker Artikel. Bezüglich der verheerenden Erdbebenserie in Italien verfolge ich ausschließlich die Analysen und Berichte bei euch. Sie sind fachlich fundiert und kommen ohne großartiges emotionales Gedöns aus.

    Trotz der enormen materiellen Verluste, trotz des wahrscheinlichen Heimatverlustes zahlreicher Einwohner überwiegt dennoch, dass bislang kein Menschenleben zu beklagen ist. Ich möchte nicht von einem Wunder sprechen, sondern stattdessen von einer Verkettung glücklicher Umstände (schwächere, warnende Vorbeben und entsprechende Reaktionen) in einer Verkettung großen Unglücks.

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