Erdbeben im postfaktischen Zeitalter

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Sei es bei der Flüchtlingskrise, bei politischen Wahlen oder bei wirtschaftlichen Themen: Das Wort des Jahres, „postfaktisch“, hat im ablaufenden Jahr die Stimmung in der digitalen Welt dirigiert. Auf Hetzseiten, in den normalen Medien und auch bei privaten Äußerungen zu beliebigen Themen. Auch in den naturwissenschaftlichen Medien ist „postfaktisch“ längst angekommen, besonders wenn es um Erdbeben geht. Ein Kommentar, mit persönlichen Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr.

Möglicherweise ist Fukushima schuld, möglicherweise der Kapitalismus, aber ganz bestimmt sind es die Flüchtlinge. Und Merkel! Sowieso. So muss das und so ist das gut! Wissenschaftlich korrekte Sachverhalte, Publikationen oder einfach nur Informationen zu verkaufen, wird immer komplizierter. Nicht nur, weil Heiko Maas die Meinungsfreiheit im Internet so weit eingeschränkt hat, dass jeder Vollpfosten seine geistigen Zustände einem Millionenpublikum mitteilen kann. Sondern einfach, weil jeder Vollpfosten auf Wissenschaft scheißt und lieber die geistigen Zustände von Millionen anderen konsumiert. Egal wie mies das Weihnachtsgeschenk ist. Solange die gebrauchten Tennissocken in einem riesigen, leuchtenden, mit Playboy-Bildern verzierten Paket (Nippel mit schwarzem Edding übermalt), von einem singenden Elefanten überreicht werden (Rüssel unzensiert), ist es das beste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten! Haben wir alle letztes Wochenende gemerkt.

Nun wird es für den gewöhnlichen Hobby-Schreiberling schwer, eine Erdbebenmeldung mit Dekolletés zu vermarkten. Außer vielleicht, wenn ein deutscher Möbeldiscounter am Epizentrum steht. Wie also dann im Sumpf aus Schwachsinn überleben?
Vollpfosten, britische Boulevardpresse und zunehmend auch die Medien jenseits von Bild und Focus greifen voll postfaktisch auf ein Repertoire aus Reizwörtern zurück. Flüchtlinge, Terroranschlag und Lombardi waren dieses Jahr sehr erfolgreich. Bei Erdbeben und geologischen Themen allgemein wird in der Regel auf Fracking, Fukushima, Supervulkan und, wenns gerade passt, auf Tsunami zurückgegriffen. Natürlich nicht alles auf einmal! Da ist es dann doch noch ein bisschen zu präpostfaktisch für.

Erdbeben in Niedersachsen – Wird Fracking diese Kleinstadt vernichten?

Tsunamialarm nach Megabeben vor Fukushima!

Ansteigende Aktivität – Italiens Supervulkan erwacht!

Na, Links angeklickt? Siehste, funktioniert!

Natürlich hat Fracking nichts mit dem kleinen, ungefährlichen Erdbeben in Niedersachsen zu tun. Auch wird das Beben (Mega – What?) keinen gefährlichen Tsunami ausgelöst haben. Und in der Studie steht klar und deutlich, dass nur neue Beobachtungen zu Campi Flegrei gemacht wurden, die keine Schlüsse zulassen. Egal, postfaktisch ist cool!

Bleibt natürlich die Frage offen, wie wir diese Entwicklung stoppen sollen? Indem wir die Urheberrechte so weit verschärfen, dass selbst Studenten Probleme kriegen, an echte Fakten zu kommen? Top, guter Plan! Aber wozu überhaupt Urheberrechte? Postfaktisch fragt doch eh keiner mehr nach der Quelle der Information (Error 404 – Brain not found). Da nimmt sich der Öffentlich-Rechtliche was er will ohne zu fragen, weils auch kein anderer tut. Da scheißt der Boulevard wochenlang den Öffentlich-Rechtlichen zusammen, weil sie mal selbst ne Entscheidung getroffen haben. Egal, wir Vollpfosten lesen eh nur den putinliebenden Maskenmann mit postfaktischen 1,5 Millionen Followern, der „Lügenpresse“ schreit und Migranten abknallt.

Sind das die drei Alternativen für das postfaktische Deutschland? „Aleppo“, „Alessio“, „Ausländer raus!“?

Angst!

Wie kann man also in Internet überleben, wenn man seine eigenen Ziele verfolgt? Wissenschaftlich korrekt, sachlich, informativ, unabhängig und dann doch bitte ne sechsstellige Zahl an Seitenaufrufen pro Monat.
Nimmt man das Fachchinesisch raus, um für jeden informativ zu sein, schreit der Prof: „Unwissenschaftlich, Sie sind scheiße!“

Erläutert man in 10.000 Wörtern, warum das Erdbeben der Stärke 1.8 in Estland so besonders war, schreit der Leser:
„Langweilig, du bist scheiße!“

Schreibt man „Schweres Erdbeben vor der Küste von Fukushima“, schreit der Prof:
„Zu reißerisch, Sie sind scheiße!“, schreit der Leser „Kein Tsunami? Langweilig, du bist scheiße!“

Wissenschaft und journalistischer Erfolg. Postfaktisch nicht vereinbar.

Wo soll der Weg hinführen? Möchte man für ein Energieunternehmen arbeiten, muss man Erdgasförderung und alles was damit zusammen hängt, bis ins letzte Detail korrekt darstellen. Möchte man die Bürgerinitiative unterstützen, muss man Kompromisse eingehen und Gegenargumente zur Diskussion frei geben. Möchte man den Stolz auf die Bergbautradition seiner Heimat bewahren, muss man sich die negativen Langzeitfolgen schön reden. Möchte man journalistischen Erfolg, macht man die negativen Langzeitfolgen in einem multimedialen Projekt allen Zugänglich. Möchte man im Internet Erfolg, ist alles scheiße, Merkel schuld und wir werden alle sterben.

Postfaktisch, fuck you!

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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10 Kommentare

  1. „…und wir werden alle sterben.“
    Aber mal im ernst, was hast du denn gefrühstückt? Es ist seit Äonen bekannt, und diesmal keine geologische, dass jeder Tag ein Dummer aufsteht. Und manchmal auch zwei. Die Geschichte der Menschheit basiert auf postfaktischen Fakten. Von den Griechen, die mit Lug, Betrug und ein wenig Mechanik dem Volk das Geld aus der Tasche geleiert haben (https://www.youtube.com/watch?v=iyzvCXlFr2Y) über Bush und seinen Massenvernichtungswaffen im Irak und die gottgleiche unfehlbare Merkel, das postfaktische in Person, denn mit ihr wird es keine Maut geben.
    Wenn die Schwarmintelligenz von Menschen nicht größer als den von Suppenhühnern ist, und du über dem Durchschnitt liegst.. Glückwunsch. Mach was daraus. Die Sonne wird auch nicht ewig brennen.

    1. Es ist kein Zeichen von Intelligenz, ob man mit Fakenews arbeitet oder nicht. Es ist eine Einstellungssache, ob man mit den natürlichen Instinkten („Angst“) der Menschen spielt, um darauf Profit zu schlagen.
      Gerade bei Themen, die sowieso eine gewisse Unsicherheit provozieren („Erdbeben“), sollte man mehr Wert auf das moralische legen. Doch die Entwicklung der letzten Jahre macht dies im Journalismus zunehmend unmöglich. Daher das Dilemma zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeitsarbeit, das ich in diesem Text beschrieben habe.

      1. So war das nicht gemeint. Lügen wird man auch nicht mit Zensur und moralischen Appellen aus der Welt schaffen. Zwecklos ohne Selbstantrieb. Das wussten schon die Gallier.
        https://www.youtube.com/watch?v=qa8UMICNkbA

        Schwarmintelligenz:
        https://de.wikipedia.org/wiki/Maximilien_de_Robespierre#Die_Begr.C3.BCndung_des_Terrors_gem.C3.A4.C3.9F_Rousseau
        „Gemäß Jean-Jacques Rousseau erzeugen alle Mitglieder einer Gemeinschaft in freiwilliger Übereinkunft einen Gemeinwillen, die volonté générale. Der Gemeinwille orientiert sich am Gemeinwohl und hat dabei immer Recht. Er gilt absolut, auch wenn Einzelne ihn ablehnen. Er ist nicht einfach der Wille der Mehrheit, sondern derjenigen, die tugendhaft und im Besitz der Wahrheit sind. Jeder, der den Gemeinwillen angreift, stellt sich außerhalb der aufgeklärten Gemeinschaft.“

        Wenn aber der Gemeinwillen als absolute Wahrheit, gilt, dann sind selbst Fakten „Fake-News“. Alles eine Frage des Standpunktes, denn die absolute Wahrheit gibt bekanntlich nicht, und ist lediglich das Resultat der Gemeinbildung als Gemeinwillen.

        1. Ich sollte als Beispiel vielleicht religiös-autoritäre Staaten anfügen. Für das Proklamieren der Erdentstehung bzgl. Vulkanismus und Plattentektonik würde man in einigen Regionen mit Steinigung für Blasphemie (Fake-News/absolute Wahrheit) bestraft. Im Mittelalter war die absolute Wahrheit die Erdscheibe, im antiken Griechenland wurde hingegen schon der Umfang des Erdkreises berechnet.
          Also alles eine Frage des Standpunktes bzw. das Resultat einer Gemeinbildung einer Gesellschaft.

  2. Gut das du dich so direkt Outest.

    Einen satteren und vollern Pfosten wie dich scheint es im Moment im Netz gar nicht zu geben.
    Bist anscheinend besonders schlau, wieso eigentlich. Weil du in irgend einem Hörsaal rumhängst, dir irgend jemand ein bisschen was über Plattentektonik erzählt. Die Bedeutung von Intelligenz sagt dir wohl nicht viel. Auch scheinst du offensichtlich damit zufrieden zu sein, dir deinen Geist nur für wichtige Dinge aufzusparen.

    Leider wurde die Wissenschaft von solchen Heinis wie dir okkupiert.
    Nachplapperer damit der Abschluss auch sicher ist. Selber denken ist anscheinend verpönt unter „Wissenschaftler“.
    Aber was solls.
    Werd glücklich damit.
    Und ja, selbstverständlich werde ich die Quelle dieses geistigen Dünschisses aus meiner Linkliste entfernen.

  3. Schreib einfach zuerst ganz Fett und grossen Lettern: „TSUNAMI IN JAPAN“ und darunter klein und hässlich, normal: „gab es Heute keine, aber ein Beben der Stärke….“ / Dann sind Dir einige „Klicks“ auf sicher, und Du brauchst nichts zu übertreiben in Deinem Post, darfst sogar weiterhin sachlich und fachlich korrekt informieren. -Es sei Dir an dieser Stelle gedankt für all die Zeit, die Du in Deine stets wertvollen Infos gesteckt hast. Guten Rutsch ins neue Jahr und bleib gesund!

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