Braucht der Weihnachtsmann ein erdbebensicheres Haus?

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Zu einem der größten weihnachtlichen Symbolen in der westlichen Welt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten der Weihnachtsmann gemacht. Der bärtige ältere Herr, der in der Weihnachtsnacht in einem Rentier-Schlitten um die Erde fliegt, und artigen Kindern Geschenke bringt. Ursprünglich eine Sage, die niederländische Siedler nach Amerika brachten, wurde sie im 20. Jahrhundert von Coca Cola als Werbeträger verwendet und zu dem Zweck der historischen Person St. Nikolaus nachempfunden. Heute, so die Legende, lebt der Weihnachtsmann am Nordpol. Da Weihnachten in den letzten Jahren nicht nur Geschenke und Freude gebracht hat, sondern auch Tod und Zerstörung – man denke an das Erdbeben und den Tsunami im Indischen Ozean 2004 – möchten wir uns anlässlich der Weihnachtszeit die Frage stellen, ob die Werkstatt des Weihnachtsmannes eigentlich vor Erdbeben geschützt ist.

Der geographische Nordpol bezeichnet den oberen Austrittspunkt der Erdrotationsachse an der Erdoberfläche bei 90° nördlicher Breite. Umgangsprachlich wird die gesamte arktische Region, die Teile von Kanada, Grönland, Island, Norwegen, Russland und der USA umfasst, als Nordpol bezeichnet. Definiert ist die Arktis durch die 10°-Juli-Isotherme. Der Pol selbst befindet sich im meist vereisten Arktischen Ozean, einen Teil des Nordatlantiks, eine einzigartige und vergängliche Landschaft aus Eis und Wasser, die ein Anziehungspunkt für Arktis-Expeditionen* ist. In der Nähe verlaufen am Meeresgrund die nördlichen Ausläufer des Mittelatlantischen Rückens, einer Bruchzone, wo die tektonischen Platten von Eurasien und Nordamerika auseinander driften. Durch die geringe Spreizungsgeschwindigkeit ist die Erdbebenaktivität hier aber vergleichsweise gering. Zudem kommt es selbst bei starken Erdbeben aufgrund des Herdmechanismus nicht zu Tsunamis. Somit sind das Meereis und umliegende Küsten nicht durch diese Art von Riesenwellen bedroht – vom fortschreitenden Klimawandel aber umso mehr.

Landschaften aus Eis und Gestein wie hier auf Spitzbergen dominieren das einzigartige Landschaftsbild der arktischen Küsten. Copyright: Constanze Hoffmann

Anders verhält es sich mit dem Erdbebengefährdung der umliegenden Küsten. Hier spiegeln sich große Gegensätze wider. Ein Großteil der kontinentalen Kruste, wie man sie zum Beispiel in Sibirien, an den Fjordlandschaften der kanadischen Inseln und Grönland sowie in Skandinavien findet, ist sehr alt und mächtig. In neueren Erdzeitaltern fanden hier kaum tektonische Prozesse statt. Ausnahme bildet die russische Region Sacha und die vorgelagerte Laptewsee mit den Neusibirischen Inseln, die bei den frühen Arktisexpeditionen eine wichtige Rolle spielten und wo zuletzt 1996 ein Beben der Stärke 6.2 verzeichnet wurde.

Inseln wie Spitzbergen (Norwegen) und Island, die besonders zur Polarnacht viele Touristen anziehen, gehören hingegen zu den Gebieten, wo starke tektonische Prozesse aktiv sind. Beide liegen direkt am Mittelatlantischen Rücken. Island steht zudem unter dem Einfluss einer Mantelplume, die dort zu reger vulkanischer Tätigkeit führt. Heftige Erdbeben bis Magnitude 6.5 gibt es dort immer wieder, wie zum Beispiel in den Jahren 2000 und 2008 nahe Reykjavik. Auf Spitzbergen traten solche Beben zuletzt 2005, 2008 und 2009 auf. Die norwegische Vulkaninsel Jan Mayen verzeichnete im Jahr 2012 sogar ein Erdbeben der Stärke 6.8.

Die erdbebengefährdetste Region der Arktis befindet sich im südlichsten Teil des klimatisch eingegrenzten Gebietes. Am Aleuten-Bogen zwischen Alaska und Kamtschatka kommt es zur Subduktion der Pazifischen Platte unter die Nordamerikanische. Am nördlichsten Teil des Pazifischen Feuerrings sind mehrere Erdbeben über Stärke 8 pro Jahrhundert nicht ungewöhnlich. Schwere Tsunamis sind meist die Folge, die die dünn besiedelten Aleuten, aber auch andere Küsten des Pazifiks betreffen können. Zudem gehört zu fast jeder Insel mindestens ein aktiver Vulkan. Aktuell macht der Vulkan Bogoslof mit mehreren starken Explosionen kurz vor Weihnachten auf sich aufmerksam.

Neben tektonischen Prozessen führt in einigen Teilen der Arktis der fortschreitende Klimawandel zu zunehmender Erdbebenaktivität. Auf der Insel Grönland zum Beispiel, die größtenteils mit Gletschern bedeckt ist, kommt es dadurch zu andauernder Gletscherschmelze. Dies führt zu einer plötzlichen Entlastung der Erdkruste, wodurch zusätzliche Spannung auf Störungen im alten Gestein ausgeübt wird. Durch das sogenannte „post-glacial rebound“ hat es nachweislich bereits nach der letzten Eiszeit schwere Erdbeben in Teilen von Kanada und Nordeuropa gegeben. Durch die fortschreitende Hebung findet sich noch heute eine geringe Seismizität in eigentlich tektonisch inaktiven Regionen wie Schweden, oder auch Mecklenburg-Vorpommern. Ähnliches wird für Gebiete wie Grönland und Island erwartet. Zudem gibt es Theorien, wonach die abnehmende Vertikalspannung in der unteren Erdkruste die Bildung von Gesteinsschmelze (Magma) begünstigen und so zu verstärkter vulkanischer Aktivität führen kann. Neben den Nordpolargebieten könnte auch die Antarktis davon betroffen sein.

Insgesamt lässt sich die Arktis als Gebiet mit moderater bis niedriger Erdbebengefärdung einstufen. Falls der Weihnachtsmann sein Haus auf dem Meereis gebaut hat, muss er sich um Erdbeben und Tsunamis keine Gedanken machen. Ebenso in den stabilen Kontinentalregionen von Kanada und Sibirien. Bevorzugt er die feurigen Inseln wie Island, Jan Mayen und die Aleuten, oder die geologisch spektakuläre Fjordlandschaft von Spitzbergen, ist eine Erdbebenversicherung angemessen.
Unabhängig von möglichen post-glacial rebound Erdbeben stellt der Klimawandel die größte Gefahr für die vergängliche Meeresregion und ihre einzigartige Fauna da. Ob Reisende und Bewohner die Schönheit der Arktis in 50 Jahren noch erleben dürfen, ist damit ungewiss.

 

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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