Andauernder Erdbebenschwarm in der Rhön

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Zeitlofs – Seit mehreren Wochen treten sie auf. Mal mehrere am Tag, mal tagelang garnicht. In der Bayrischen Gemeinde Zeitlofs im Süden der Rhön dauert ein Erdbebenschwarm an. Eine Region, die nicht für Erdbeben bekannt ist. Weder aus seismologischen Aufzeichnungen noch aus historischen Überlieferungen sind für diesen Ort Erdbeben dieser Art bekannt. Und dennoch sind sie da. Wenn auch, so deutet es die fehlende Resonanz durch die dortigen Anwohner an, wohl nur sehr vereinzelt spürbar.

Begonnen hat der Erdbebenschwarm am 23. August mit einem Erdbeben der Stärke 1.7. So zumindest die Aufzeichnungen des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG), das von allen Erdbebendiensten die wohl vollständigste und akkurateste Liste der dortigen Ereignisse erstellt hat, auch wenn die meisten Daten automatischer Registrierungen entstammen. Doch auch hier gibt es Lücken: So fehlt es zum Beispiel an Aufzeichnungen von Beben unter Magnitude 1.2, was wahrscheinlich bedeutet, dass viele kleinere Erdbeben nicht registriert werden konnten.

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Sicher ist: Es hat seit Beginn mindestens 17 Erdbeben gegeben (siehe Liste unterhalb des Textes). Das stärkste Erdbeben am 31. August erreichte Magnitude 2.5 laut dem HLNUG. Zuletzt bebte es heute morgen (6. September). Das Landesamt für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz (LGB) unterstützt diese Auswertung. Andere Erdbebendienste weichen bei dieser Angabe teils stark ab. So lag die Magnitude laut Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bei nur M2.4 und laut dem Bayrischen Erdbebendienst bei M2.3. Stärker mit M2.7 schätzt es der Erdbebendienst Thüringen ein. Noch größere Abweichungen gibt es bei der Erdbebenstation Bensberg (M2.1) und der Ruhr-Universität Bochum (RUB, M2.9), die allerdings auf weniger Daten bei der Analyse zurückgreifen konnten.

Ebenso Abweichungen gibt es bei der Lokalisierung des Epizentrums aufgrund der geometrischen Anordnung der jeweiligen Stationen. Da jedoch das Hessische Landesamt alle Epizentrum sehr nah beieinander anordnet, dürfte sich der wahrscheinlichste Erdbebenherd nahe Weißenbach, einem Ortsteil von Zeitlofs im Landkreis Bad Kissingen befinden.

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Weniger Sicherheit gibt es bei der Herdtiefe, wobei inzwischen (Stand: 7. September, edit) weithin Einigkeit herrst. Die manuellen Auswertungen des HLNUG geben eine Herdtiefe von ca. 8 bis 12 Kilometern an. Keine Abweichungen gibt es aus Bayern und von BGR, die zumindest das stärkste Beben in 9 Kilometern Tiefe lokalisieren. Keine oder nur sehr ungenaue Tiefenangaben gibt es von den anderen Erdbebendiensten, wobei die Auswertungen der Universität Jena (Thüringen) eine größere Herdtiefe von rund 20 Kilometern zumindest nicht ausschließen.

Es bleiben aber noch weitere Fragen offen: So ist es unklar, ob die Erdbeben von der Bevölkerung verspürt werden konnten. Von Beben der Stärke 2.5 ist es in der Regel zu erwarten, dass die in einem Umkreis von bis zu 15 Kilometern (eher weniger) verspürt werden können, wenn sie in ca. 10 Kilometern Tiefe stattfinden. Selbst bei größerer Herdtiefe können Beben spürbar sein, wie das gestrige Erdbeben im nur 70 Kilometer entfernten Rödermark gezeigt hat. Bei geringer Herdtiefe müssten die Bewohner von Zeitlofs sehr unruhige Wochen erlebt haben. Eine Bestätigung gibt es allerdings nicht. Möglicherweise auch deshalb, weil die spürbaren Erschütterungen von den Bewohnern garnicht als Erdbeben identifiziert wurden.

Auch ist zur Zeit der Ursprung des Erdbebenschwarms und, wie es die Regel ist, die weitere Entwicklung nicht genauer auszumachen. Fest steht: Es handelt sich um Erdbeben natürlichen Ursprungs. Aktivitäten in Steinbrüchen, wie ganz zu Beginn der Aktivität gemutmaßt wurde, konnten schnell ausgeschlossen werden. Ebenso der in der Region vereinzelt zu findende Altbergbau. Durch einstürzende Stollen entstehende Erdbeben treten nicht schwarmartig auf. Kohlenwasserstoffförderung und Geothermieanlagen sind dort nicht zu finden.
Dass es in der Region alte Störungen gibt, die möglicherweise noch während der letzten Eiszeit aktiv waren (und es dann wahrscheinlich immer noch sind), ist den geologischen Karten zu entnehmen. Über historische Seismizität ist allerdings, wie bereits erwähnt, praktisch nichts bekannt.

Eine weitere Analyse der Erdbebenaktivität bleibt offen. Angesichts der bisherigen Entwicklungen ist es auf jeden Fall nicht ausgeschlossen, dass es weitere Erdbeben über Magnitude zwei, möglicherweise sogar stärkere geben wird. Doch wie immer bei Erdbeben gilt: Vieles kann, nichts muss.

Sollten Sie eines oder mehrere dieser Erdbeben verspürt haben, bitten wir Sie, dies entweder an uns (über dieses Meldeformular oder per Kommentar zu diesem Beitrag) und/oder an die oben verlinkten Erdbebendienste zu melden. Dies ist für ein besseres Verständnis der Aktivität sehr wichtig!

Liste der Erdbeben (Daten: HLNUG)

UhrzeitMagnitude Epizentrum (Ortsteil)
23. August, 18:111.1Rupboden
23. August, 18:111.4Rupboden
23. August, 18:151.2Weißenbach
23. August, 18:202.3Weißenbach
23. August, 18:341.3Kälberberg
23. August, 19:591.8Weißenbach
23. August, 20:041.3Detter
23. August, 20:242.3Weißenbach
23. August, 21:122.0Rupboden
25. August, 04:051.1Weißenbach
25. August, 13:451.2Weißenbach
31. August, 12:152.3Weißenbach
3. September, 11:141.0Weißenbach
5. September, 16:191.5Weißenbach
5. September, 16:201.6Weißenbach
6. September, 04:360.5Weißenbach
6. September, 07:401.2Weißenbach

 

Allgemeine Informationen zu diesem Erdbeben:

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Uhrzeit (Mitteleuropäische Zeit): seit 23. August

Magnitude: bis M2.5

Tiefe: unbekannt

Spürbar: sehr wahrscheinlich

Haben Sie dieses Erdbeben gespürt?

Schäden erwartet: nein

Opfer erwartet: nein

Ursprung: tektonisch

Tsunami-Gefahr: nein

Epizentrum:

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Kleine Erdbeben in Deutschland stellen in der Regel keine Gefahr dar. Dennoch kann es, vor allem entlang des Rheins, sowie auf der Schwäbischen Alb und in Teilen von Thüringen und Sachsen gelegentlich zu Erdbeben kommen, die Gebäude beschädigen und Menschen gefährden. Bewohner der entsprechenden Regionen sollten daher die richtigen Verhaltensweisen bei Erdbeben kennen.Weitere Informationen: Liste aktueller Erdbeben in Deutschland Liste historischer Erdbeben in Deutschland

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

2 Kommentare

  1. Hallo Jens,
    ich wohne in Rupboden, also in der Nähe der bisherigen Epizentren.
    Wenn ich ein Beben spüren sollte, werde ich es melden.
    Mach weiter so, super Bericht!!
    Gruß Thomas

Kommentare sind geschlossen.