Vom Eifel-Vulkan bis zum Vogtland-Schwarm

Inhaltsverzeichnis:
Seite 1: Das Jahr in Zahlen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz
Seite 2: Bayern
Seite 2: Baden-Württemberg
Seite 3: Sachsen / Vogtland, Hessen, Niedersachsen
Seite 4: Thüringen, Brandenburg, Saarland, Nachbarländer, Zusammenfassung, Statistiken

Bayern

Poing, 9. September 2017
19:21h. Sitzend im EG auf Fliesenboden, ohne Schuhe.
Ein Knall als wäre beim Nachbarn ein Schrank umgefallen, direkt direkt gefolgt von dem Gefühl, als würde sich das gesamte Gebäude heben. Zusätzlich fühlte es sich an, als habe es einen dumpfen Schlag gegen meine Fußsohlen gegeben. Das war wie eine Stoßwelle, die gegen meine Füße klatschte.
Der Spuk dauerte nur 1-2 Sekunden, ich hatte keine Zeit, um Gegenstände zu beobachten, aber ich erinnere mich an das Geräusch klirrender Gläser im Schrank. Nach dem Beben wackelte meine Hängelampe.
Anschließend fühlte ich mich wie unmittelbar nach einer sehr kritischen (aber glimpflich ausgegangenen) Verkehrssituation. Keine Panik, aber ein heftiger Schreck, und danach Unruhe und Frösteln.

Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Erdbebenzahl in Bayern mehr als verdoppelt. Maßgeblichen Anteil daran hatte ein zuvor noch nie gesehener Erdbebenschwarm in einer Region ohne registrierte Seismizität.
Die meisten 2000 Bewohner von Zeitlofs in der Rhön werden in ihrem Leben wahrscheinlich noch nie ein Erdbeben erlebt haben. Ob sich das in diesem Jahr geändert hat, ist unklar, da es keine entsprechenden Meldungen gibt. Es wäre aber angesichts der Erdbebenaktivität nicht überraschend, wenn es im Laufe des Jahres mehr als ein Mal gewackelt hat. Schließlich wird bei der Google-Sucheingabe „Zeitlofs“ inzwischen „Zeitlofs Erdbeben“ in den Vorschlägen weit oben geführt.

Der Erdbebenschwarm hat am 23. August begonnen und damit direkt seinen Höhepunkt erreicht. Zwei der drei stärksten Beben (jeweils M2.3) ereigneten sich an diesem Tag. Das dritte sollte am 31. August folgen. Häufige kleine Erdbeben unter Magnitude zwei zogen sich bis Anfang September. Danach setzte eine Ruhephase ein. Erst am 31. Oktober und am 13. Dezember gab es weitere kleine Erdbeben.
Insgesamt wurden 19 Erdbeben über Magnitude 1 registriert. Wie bereits erwähnt ist nicht bekannt, ob spürbare Erdbeben dabei waren. Auch zum Ursprung der Erdbeben gibt es keine genauen Angaben. Da sich in der Nähe des Epizentrums keine Stationen befinden, konnte die Herdtiefe der Erdbeben bislang nicht ermittelt werden. Eine geringe Herdtiefe könnte eventuell auf menschliche Ursachen schließen lassen. In der Rhön gibt es stellenweise Altbergbau. Generell deutet aber vieles eher auf einen tektonischen Ursprung hin.

Das einzige spürbare Erdbeben in Bayern hat sich in diesem Jahr (erneut) in Poing ereignet. Erneut wird hier das Geothermie-Kraftwerk für das Erdbeben am 9. September verantwortlich gemacht. Mit Magnitude 2.1 war es schwächer als die Erdbeben im Vorjahr. Doch aufgrund der geringen Herdtiefe war die Intensität relativ hoch. Zeugen meldeten teilweise Intensität IV. Dies spiegelte sich auch in den Schäden wieder. Mehrere dutzend Bewohner des Ortes haben nach dem Erdbeben kleinere Schäden, überwiegend Risse in Häusern, gemeldet. Es ist damit das Erdbeben in diesem Jahr in Deutschland mit den meisten Schäden. In der Earthquake Impact Database wird das Beben mit dem Impakt-Wert 0,05 geführt.

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Auswirkungen von Erdbeben im Ausland waren in diesem Jahr dreimal in Bayern zu spüren. Zum Einen war dies der Erdbebenschwarm im Vogtland (mehr dazu im Abschnitt zu Sachsen). Zum Anderen ein Erdbeben der Stärke 3.8 in Tirol, das zumindest in Mittenwald und Garmisch-Patenkirchen verspürt werden konnte. Das dritte Beben am 6. März hatte seinen Herd in der Schweiz und konnte im Allgäu verspürt werden. Mehr dazu im Abschnitt zu Baden-Württemberg.

Weitere Erdbeben in Bayern traten nur vereinzelt auf. Das stärkste außerhalb der genannten Gebiete traf am 26. August Bad Reichenhall mit Magnitude 2.1. Wenige Wochen später folgte ein weiteres Erdbeben der Stärke 2.0. Beide waren nicht spürbar. Mit 13 Erdbeben über Magnitude 1 ist das Berchtesgadener Land nach Bad Kissingen der Landkreis mit der zweithöchsten Erdbebenaktivität. Grund für die Erdbeben in Bad Reichenhall sind meist nicht tektonische Aktivität. Sie folgen in der Regel auf Starkniederschläge und Schneeschmelze und entstehen in oberflächennahen Gesteinsschichten.

Die zehn stärksten Erdbeben in Bayern 2017

DatumOrtMagnitudeIntensitätTyp
 31. August Zeitlofs 2.3 tektonisch
 23. August Zeitlofs 2.3 tektonisch
 23. August Zeitlofs 2.3 tektonisch
 9. September Poing 2.1 III – IV tektonisch
 26. August Bad Reichenhall 2.1 hydroseis.
 23. August Zeitlofs 2.0 tektonisch
 12. September Bad Reichenhall 2.0 hydroseis.
 21. Mai Ramsau 1.9 tektonisch
 7. Juli Lindau 1.8 tektonisch
 23. August Zeitlofs 1.8 tektonisch

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Baden-Württemberg

Konstanz, 6. März 2017
Sofa gesessen, Hund kam zu mir dann ging es los. Alle Pflanzen, Lampen haben sich bewegt. Drei Schubladen von einer Komode haben sich geöffnet. Es waren nur Sekunden aber heftig.

Es ist keine Überraschung, dass auch in diesem Jahr Baden-Württemberg das Bundesland mit den meisten Erdbeben darstellt. Dennoch blieb die Erdbebenaktivität insgesamt eher unauffällig, weshalb Baden-Württemberg hier auch erst als viertes aufgeführt wird.
Im Vergleich zum Vorjahr gibt es sowohl bei der Gesamtzahl als auch bei den spürbaren Erdbeben einen deutlichen Rückgang. 84 Erdbeben über Magnitude 1, davon 10 über Magnitude 2, konnten im Jahresverlauf verzeichnet werden, 120 waren es im Vorjahr. Zwölf dieser Erdbeben wurden von der Bevölkerung verspürt, ein Rückgang um neun Erdbeben.
Dass es dennoch eine zweistellige Zahl an spürbaren Erdbeben gewesen ist, liegt am Erdbebenschwarm im Hegau, der im vergangenen Jahr die hohe Erdbebenzahl verursachte und sich bis in dieses Jahr fortsetzte.
Im Januar und März waren sechs dieser Erdbeben, die beiden stärksten mit Magnitude 1.6, zu spüren (alle Intensität II). Zwei weitere Beben im Mai blieben unbemerkt.
Zwei andere spürbare Erdbeben gehen auf die Region Albstadt zurück, mit Magnitude 1.9 am 6. Juni und M2.2 am 12. Dezember waren diese aber relativ schwach (jeweils Intensität II).
Ebenfalls Intensität II erreichte das zweitstärkste Erdbeben des Jahres in BW. Betroffen war der Bodenseekreis am 4. März mit Magnitude 2.6. Die relativ große Herdtiefe (ca. 20 Kilometer) hat die Erschütterungen abgeschwächt. Da sich das Beben gegen 2 Uhr morgens ereignet hat, haben es nur sehr wenige Menschen bemerkt.
Anders beim stärksten Erdbeben in Nagold am 9. Mai. Mit Magnitude 2.7 war es in einem relativ großen Radius ums Epizentrum zu spüren. Aber auch hier hat die größere Herdtiefe von 20 Kilometern die Erschütterungen abgeschwächt: Intensität II bis III.
Die höchste Intensität des Jahres (III) ging von einem Erdbeben (M2.5) in Emmendingen im Breisgau am 4. März aus. Das Schüttergebiet reichte bis nach Freiburg.
Ebenfalls spürbar: Ein leichtes Erdbeben im Ortenaukreis (M2.1) am 16. Dezember, sowie ein M2.0 südlich von Gailingen mit Epizentrum in der Schweiz am 30. Dezember.

Während es bei den Lokalbeben keine besonderen Ereignisse gegeben hat, machten im Jahresverlauf mehrmals Erdbeben in der Schweiz auch in Baden-Württemberg auf sich aufmerksam. Besonders verbreitet zu spüren waren die Auswirkungen des Erdbebens im Kanton Schwyz am 6. März. Mit Magnitude 4.6 war es das stärkste Erdbeben in der Schweiz seit vielen Jahren. In fast allen Kantonen war es deutlich zu spüren, am Epizentrum hat es leichte Schäden gegeben. Auch weite Teile von Süd-Baden-Württemberg waren betroffen. Besonders am Hochrhein, am Bodensee und am Oberrhein südlich von Offenburg war das Beben zu spüren. Stellenweise erreichte es Intensität IV. Selbst im nördlichen Schwarzwald und im Raum Stuttgart wurde es vereinzelt verspürt.

Zeugenmeldungen zum Erdbeben am 6. März

Das zweite Erdbeben in der Schweiz mit Auswirkungen nach Baden-Württemberg ereignete sich am 21. November im Kanton Zug. Entlang des Hochrheins war es vereinzelt zu spüren.

Neben den spürbaren Erdbeben ist vor allem eine erhöhte Aktivität von Mikrobeben in der ersten Jahreshälfte im Grenzgebiet von Weil am Rhein und Basel zu beachten. Dabei handelt es sich um Spätfolgen der Geothermie-Anlage Basel, die vor einigen Jahren stillgelegt wurde, nachdem es zu größeren Erdbeben gekommen ist. Im versiegelten Bohrloch ist es zu einem Druckanstieg gekommen, wodurch erneut Erdbeben ausgelöst wurden. Das Problem wurde im Sommer behoben, danach sind auch die Erdbeben weniger geworden.

Zwei Erdbeben über Magnitude zwei waren Teil eines kleinen Schwarmes, der sich Mitte September nahe Pfullendorf ereignet hat, aber unbemerkt geblieben ist.

Die zehn stärksten Erdbeben in Baden-Württemberg 2017

DatumOrtMagnitudeIntensitätTyp
 9. Mai Nagold 2.7 II – III tektonisch
 4. März Deggenhausertal 2.6 II tektonisch
 4. März Emmendingen 2.5 III tektonisch
 12. Dezember Albstadt 2.2 II tektonisch
 17. September Ostrach 2.2 tektonisch
 16. Dezember Schwanau 2.1 II tektonisch
 16. September Ostrach 2.1 tektonisch
 15. April Hechingen 2.1 tektonisch
 18. Dezember Schallstadt 2.1 tektonisch
 2. Dezember Herbertingen 2.0 tektonisch

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Jens ist 24 und studiert seit 2013 an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften. 2011 hat er mit einem privaten Erdbebenblog begonnen, aus dem sich später erdbebennews.de entwickelt hat. Er hat journalistische Erfahrungen und interessiert sich seit der Kindheit für Geologie, Meteorologie und Naturkatastophen.

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Ein Kommentar

  1. Könnten die Erdbeben in den früheren Zechengebieten evtl. mit größeren Niederschlagsmengen in den den Erdbeben vorangegangenen Zeiträumen zu tun haben? Bei verschiedenen Vulkanen wurde ein Zusammenhang beobachtet, wenn diese nach größeren Regenereignissen plötzlich größere Aktivitäten anzeigten … Wäre das auch hier möglich?

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