Vom Eifel-Vulkan bis zum Vogtland-Schwarm

Inhaltsverzeichnis:
Seite 1: Das Jahr in Zahlen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz
Seite 2: Bayern, Baden-Württemberg
Seite 3: Sachsen / Vogtland
Seite 3: Hessen
Seite 3: Niedersachsen
Seite 4: Thüringen, Brandenburg, Saarland, Nachbarländer, Zusammenfassung, Statistiken

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Sachsen

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Leipzig, 29. April 2017
Ich lag im leicht dösenden Zustand im Bett. Merkte, dass das Haus anfing zu wackeln, ohne dass draußen Autos vorbei fuhren oder ein Kampfjet zu hören war. Das Wackeln wurde stärker. Unser Schrank war zu hören. Es steigerte sich innerhalb von wenigen Sekunden und war auf einen Schlag vorbei. Keine Schäden. Ich war nervös und unruhig und unsicher was passiert sei.

Und es ist mal wieder das Vogtland. Das erste Mal seit 2011 hat es im Sommer einen „richtigen“ Erdbebenschwarm gegeben. Im Vergleich zum letzten Mal war dieser aber deutlich schwächer. Der Tschechische Erdbebendienst hat zwischen dem 11. und 16. Juli 21 Erdbeben über Magnitude 2 registriert. Davon waren knapp die Hälfte auf der deutschen Seite der Grenze zu spüren. Besonders Klingenthal war betroffen. Die stärksten Erdbeben erreichten Magnitude 3.1 und 3.2 und waren in einem Radius von rund 20 Kilometern ums Epizentrum zu spüren. Alle Epizentren lagen in Tschechien nahe des Ortes Luby. Dort kam es an einem Gebäude zu kleinen Schäden.

Insgesamt waren die Auswirkungen des Schwarms begrenzt. Frühere Schwarmbeben im Vogtland waren deutlich stärker. Im Verlauf des Jahres hat es weitere kleine Erdbeben, teils auch auf deutscher Seite der Grenze gegeben. Diese gingen aber nicht über die normale Hintergrundaktivität hinaus.

Zeugenmeldungen zum Erdbeben am 29. April

Während das Vogtland zu den erdbebenreichsten Gebieten Mitteleuropas zählt, sind andere Regionen von Sachsen eher weniger erdbebenerprobt, auch wenn gerade dort in der Vergangenheit Starkbeben aufgetreten sind. So kommt es, dass trotz niedriger Magnitude ein anderes Erdbeben in diesem Jahr mehr Beachtung erhalten hat. Nicht nur, weil mit diesem Erdbeben der „Titel“ des stärksten Erdbebens auf deutschem Bundesgebiet nach 2015 erneut nach Sachsen geht.
In Sichtweite des Flughafens Leipzig-Halle hat das Epizentrum gelegen, nur 10 Kilometer vom Leipziger Stadtzentrum entfernt. Mit Magnitude 3.0 war das Ereignis am 29. April das stärkste Erdbeben in Sachsen seit fast zwei Jahren und hat die meisten Einwohner von Leipzig am frühen Morgen aus dem Schlaf gerissen. Neben Leipzig waren noch andere Städte in Nordsachsen betroffen, unter anderem Grimma, Wurzen und Borna: Sehr auffällig: Das Schüttergebiet des Erdbebens zeigt eine starke Ost-Ausdehnung.
Während die Erschütterungen in Sachsen-Anhalt nur an sehr wenigen Orten verspürt wurde, erstreckte sich das Schüttergebiet bis zu 40 Kilometer nach Sachsen hinein. Studien zu diesem Erdbeben zeigen, dass vermutlich der Herdmechanismus ursächlich für diese ungleichmäßige Verteilung ist.

Schäden infolge des Bebens wurden nicht gemeldet. Die Intensität war relativ gering (Intensität III). Nachbeben hat es nicht gegeben.

Auch aus dem anderen Nachbarland wandern gelegentlich spürbare Erdbebenwellen nach Sachsen ein. In diesem Jahr ist ein Fall belegt, wo eines der häufigen bergbauinduzierten Beben im polnischen Niederschlesien bis in die Lausitz verspürt wurde. Das Beben am 9. April erreichte Magnitude 4.3. Von weiteren ähnlich starken Erdbeben dort im Verlauf des Jahres gibt es keine Wahrnehmungsmeldungen aus Sachsen.

Blenden wir die Erdbeben im grenznahen Ausland aus, war die Erdbebenaktivität (trotz einem M3.0) relativ gering. Nur ein weiteres Erdbeben über Magnitude 1 wurde verzeichnet, dessen Epizentrum in Leipzig gelegen hat. Im Jahr 2016 sind es noch 15 Erdbeben in Sachsen gewesen.

Liste der Erdbeben in Sachsen

DatumOrtMagnitudeIntensitätTyp
 29. April Schkeuditz 3.0 III tektonisch
 16. Januar Leipzig 1.3 tektonisch

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Hessen

Mühltal, 28. September 2017
Wir waren kaum aufgestanden als uns um 5:40 Uhr ein sehr lauter explosionsartiger Knall (ähnlich der Sprengungen unseres Steinbruchs) aufschreckte, der von einem tiefen Grollen aus dem Boden gefolgt wurde. Das gesamte Haus wurde dabei für 1-2 Sekunden ziemlich stark erschüttert und einiges an Inventar wackelte auch. Aber kein Vergleich zu den stärkeren Beben in 2014. Auch das Nachbeben um 7:05 Uhr war deutlich zu spüren. Unser Haus steht in nur ca. 1.5km Entfernung zum veröffentlichen Epizentrum, daher lag die gefühlte Intensität eher zwischen IV und V.

Was wäre Hessen ohne Darmstadt?
Natürlich gibt es, je nach Fokus, unterschiedliche Sichtweisen. Aus Seismologischer Sicht gilt spätestens seit 2014 die Antwort: „Deutlich langweiliger“.
Sechs der 15 in Hessen verzeichneten Erdbeben hatten ihren Ursprung im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Mindestens drei dieser Beben waren spürbar.

So hat es Ende September eine späte Erinnerung an den Erdbebenschwarm von 2014 gegeben. Ähnlich, fast schon identisch zu den damaligen Beben lag auch dieses Epizentrum in Mühltal südlich von Darmstadt. Mit Magnitude 2.5 wurden zwar bei weitem nicht die Magnituden von damals erreicht. Doch reichte dies im Zusammenspiel mit der geringen Herdtiefe (so wie 2014) um deutschlandweit die höchste maximale Erdbebenintensität des Jahres zu kreieren, die hier klar den Wert IV erreicht hat.
Auch Nachbeben der Stärke 1.6 und 1.0 waren schwach spürbar (II)

Ebenfalls in Darmstadt zu spüren war ein Erdbeben wenige Wochen zuvor, dessen Epizentrum in Rödermark gelegen hat. Auch dieses erreichte Magnitude 2.5, aber eine geringe Maximalintensität (III). Dennoch waren die Auswirkungen relativ weiträumig, aber meist nur vereinzelt (bedingt durch die geringe Intensität) zu spüren. Unter anderem haben wir Meldungen aus Frankfurt erhalten.

Weitere spürbare Erdbeben in Hessen hat es in diesem Jahr nicht gegeben. Bei der Gesamtzahl der Erdbeben hat es im Vergleich zu 2016 einen deutlichen Rückgang gegeben (von 26 auf 15). Insgesamt fokussierte sich die Erdbebenaktivität komplett auf Südhessen. Im Norden des Bundeslandes (Hessische Senke) wurden keine Beben verzeichnet.

Die zehn stärksten Erdbeben in Hessen 2017

DatumOrtMagnitudeIntensitätTyp
 28. September Mühltal 2.5 IV tektonisch
 5. September Rödermark 2.5 III tektonisch
 28. September Mühltal 1.6 II tektonisch
 14. März Darmstadt 1.5 tektonisch
 16. Januar Pfungstadt 1.4 tektonisch
 19. April Hünstetten 1.3 tektonisch
 15. März Darmstadt 1.2 tektonisch
 17. März Rüsselsheim 1.2 tektonisch
 20. März Riedstadt 1.2 tektonisch
 16. Juli Groß-Rohrheim 1.2 tektonisch

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Niedersachsen

Langwedel, 11. Dezember 2017
Ich saß auf der Couch im Wohnzimmer im 1. Stock, hörte einen lauten Knall gefolgt von einem deutlich spürbaren Schwanken des Hauses (3-5 Sek total). Dabei hat das ganze Haus einen akustisches Knarzen besonders entlang der Fensterfront zum Balkon wiedergegeben. Ich war mir sofort sicher, es war ein Erdbeben. Im Vergleich zum stärksten Beben der letzten Jahre war der Knall etwas leiser sowie das Knarzen etwas geringer, zufälligerweise war ich da ebenfalls im gleichen Raum. 

Der Landkreis Verden südöstlich von Bremen hat sich in den vergangenen Jahren zusehends in eine der erdbebenreichsten Regionen der Bundesrepublik verwandelt. Aufgrund der Erdgasförderung ist es auch im Jahr 2017 zu mehreren Beben gekommen. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der Beben in Niedersachsen insgesamt nicht verändert (9), aber deren Magnitude war insgesamt geringer, sodass diesmal keine Schäden zu beklagen waren.

Das stärkste Erdbeben des Jahres ereignete sich erst im Dezember. Wie auch beim stärksten Erdbeben im Vorjahr lag das Epizentrum nahe Langwedel. Mit Magnitude 2.5 war es aber deutlich schwächer. Auch in Teilen von Verden war das Beben spürbar.
Das Ereignis ging mit einer relativ hohen Intensität einher (III bis IV) und hat viele Menschen aufgeschreckt.

Zeugenmeldungen zum Erdbeben am 11. Dezember

Es war zu diesem Zeitpunkt bereits das zweite Erdbeben in Langwedel im Jahr 2017. Zuvor bebte es am 27. Februar, damals nur mit Magnitude 2.2, sodass deutlich weniger Anwohner das Ereignis verspürt haben.

Ebenfalls zwei Erdbeben wurden nahe der Stadt Emstek aufgezeichnet. Die Beben am 8. Juli (M2.3) und am 7. Oktober waren jeweils schwach zu spüren (Intensität II) und hatten keine Auswirkungen.

Der dritte Ort mit zwei Erdbeben ist der Grenzbereich von Bassum und Syke. In diesem Fall waren die Ereignisse mit Magnitude 1.8 und 1.9 aber nicht spürbar.

Ein relativ überraschendes Ereignis hat in diesem Jahr den Ort Uchte nahe der Grenze zu Nordrhein-Westfalen getroffen. Mit Magnitude 1.3 war das Beben am 8. August zwar ziemlich schwach, konnte aber dennoch von Einzelpersonen wahrgenommen werden. Es war das erste bisher an diesem Ort registrierte Erdbeben. Auch hier ist die Erdgasförderung ursächlich.

Die neun Erdbeben in Niedersachsen 2017

DatumOrtMagnitudeIntensitätTyp
 11. Dezember Langwedel 2.5 III – IV induziert
 8. Juli Emstek 2.3 II induziert
 27. Februar Langwedel 2.2 III induziert
 7. Oktober Emstek 1.9 II induziert
 29. März Syke 1.9 induziert
 20. August Bassum 1.8 induziert
 20. September Lastrup 1.5 induziert
 12. Juli Sottrum 1.4 induziert
 8. August Uchte 1.3 II induziert

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Jens ist 24 und studiert seit 2013 an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften. 2011 hat er mit einem privaten Erdbebenblog begonnen, aus dem sich später erdbebennews.de entwickelt hat. Er hat journalistische Erfahrungen und interessiert sich seit der Kindheit für Geologie, Meteorologie und Naturkatastophen.

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Nicole
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Nicole

Könnten die Erdbeben in den früheren Zechengebieten evtl. mit größeren Niederschlagsmengen in den den Erdbeben vorangegangenen Zeiträumen zu tun haben? Bei verschiedenen Vulkanen wurde ein Zusammenhang beobachtet, wenn diese nach größeren Regenereignissen plötzlich größere Aktivitäten anzeigten … Wäre das auch hier möglich?