Das erste Karfreitags-Erdbeben

Die Bezeichnung „Karfreitags-Erdbeben“, oder im englischen Original „Good Friday Earthquake“ bezieht sich normalerweise auf das große Erdbeben in Alaska im Jahr 1964, das mit Magnitude 9.2 noch immer das zweitstärkste jemals registrierte Beben darstellt und maßgeblich zur Etablierung der Theorie der Plattentektonik beigetragen hat. Jedoch waren es die Verwüstungen in Form von zerstörten Häusern, Erdrutschen und Tsunamis in weiten Teilen von Alaska, die dieses Erdbeben weltweit in den Fokus rückten. Der Teil von Anchorage, der größten Stadt Alaskas, der damals beim Erdbeben zerstört wurde, ist noch heute als „Earthquake Park“, als Mahnmal vorhanden.

Natürlich war das große Alaska-Erdbeben nicht das erste Erdbeben an einem Karfreitag, auch nicht das erste starke, auch nicht das erste tödliche. Schaut man in die Vergangenheit, zurück in biblische Zeiten, gab es womöglich ein anderes Erdbeben, das dazu beigetragen hat, dass wir den Karfreitag begehen.

Dies ist das erste und wahrscheinlich einzige Mal, dass hier auf dieser Webseite aus der Bibel zitiert wird:

51 Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriss in zwei Stücke, von oben bis unten; und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, 52 und die Grüfte taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt; 53 und sie gingen nach seiner Auferweckung aus den Grüften und gingen in die heilige Stadt und erschienen vielen.
54 Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und das was geschah, fürchteten sie sich sehr und sprachen: Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn!
(Matthäus 27, 51-54)

Man muss kein bibeltreuer Christ sein, um zu erahnen, dass dieses Zitat der Beschreibung der Kreuzigung Jesu Christi entstammt. Beschrieben wird, dass es während (oder kurz nach) der Kreuzigung zu einem starken Erdbeben gekommen ist. Es ist nicht die einzige Erwähnung eines Erdbebens in der Bibel, aber wohl die bekannteste. Natürlich müssen Bibeltexte immer mit Vorsicht interpretiert werden, doch haben Forschungen der vergangenen Jahre gezeigt, dass dieses Erdbeben wahrscheinlich tatsächlich geschehen ist – ob tatsächlich auch am Tag der Kreuzigung, sei dahingestellt.

Wir befinden uns im heutigen Israel. Auch wenn es die vergangenen Jahrhunderte nicht oder nur sehr selten gezeigt haben (was mittelfristig ein Grund zur Sorge sein sollte), liegen Israel und seine Nachbarstaaten in einer stark erdbebengefährdeten Region. Nicht nur aus biblischen Zeiten sind große Erdbeben überliefert. Grund für die Erdbebengefährdung ist die sogenannte Dead Sea [Transform] Fault (DSF). Eine Störungszone, die vom Golf von Aqaba (Ägypten) im Süden durch das Tote Meer, den See Genezareth, Westsyrien bis in den Süden der Türkei verläuft und dort mit der Karatas-Osmaniye Störung und der Karasu Störung zusammenläuft und als Ostanatolische Störung weiterverläuft. Großtektonisch bildet die DSF die Plattengrenze zwischen der Arabischen und Afrikanischen Platte.

Verlauf der nördlichen Dead Sea Transform Fault und Gebiete großer historischer Erdbeben mit Jahreszahl und Herdmechanismus instrumenteller Erdbeben (Meghraoui et al. 2014)

Zahlreiche paläoseismologische und historische Studien haben sich in den letzten Jahren mit der Region und auch speziell dem in der Bibel erwähnten Erdbeben auseinandergesetzt. Aus beiden Forschungsbereichen ist bestätigt, dass sich im Jahr 33 ein großes Erdbeben ereignet hat, das aber definitiv nicht zu den größten der Region gehört hat. So gibt es keinen Nachweis von koseismischem Störungsversatz an der Oberfläche, sondern lediglich sedimentäre Strukturen nahe des Toten Meeres aus diesem Jahr, die auf ein Erdbeben zurückgehen (Seismite). Eine Magnitude zu schätzen, gestaltet sich somit als schwierig. Viel stärker als Magnitude 6 dürfte dieses erste Karfreitagsbeben nicht gewesen sein. Dennoch: Die Bildung von Seismiten geht nur mit einer hohen Intensität (VIII) einher. Somit könnte eine Wiederholung eines solchen Ereignisses in der heute sehr dicht besiedelten Region sehr verheerend sein.

Erdbeben an der DSF haben häufig ein episodisches Auftreten, was bedeutet, dass innerhalb weniger Jahrhunderte zahlreiche große Erdbeben entlang der Störung auftreten (und im Umkehrschluss Jahrhunderte mit nur niedriger seismischer Aktivität folgen). Das Erdbeben im Jahr 33 fiel in eine solche Episode, die im Jahr 31 v.Chr. mit einem großen Erdbeben (~M7) im Bereich des Toten Meeres begonnen hat. Ähnliche Erdbeben folgten in den Jahren 114 und 210 im Norden der Störungszone (Syrien). Weitere einzelne Ereignisse sind für die Jahre 363 und 526 nachgewiesen.

Die zweite Aktivitätsepisode ist, gestützt durch historische Überlieferungen, deutlich besser erforscht. Sie umfasste grob die Jahre 900 bis 1200. Aus der Zeit sind insgesamt 12 Erdbeben nachgewiesen, die mindestens Magnitude 6.5 erreicht haben und entsprechend schwere Schäden angerichtet haben. Teils erreichten diese Beben Magnitude 7.5 oder mehr. Besonders bekannt ist das Erdbeben im Jahr 1202, das sowohl in Syrien, als auch in Israel, Libanon und Jordanien katastrophale Auswirkungen hatte. Eine folgende Hungersnot und Epidemien forderten über eine Million Menschenleben, was dieses Erdbeben zu einem der tödlichsten der Menschheitsgeschichte machte.

Historische und instrumentelle Seismizität im Nahen Osten (Meghraoui et al. 2014)

Nach dem 13. Jahrhundert hat es über die Jahre verteilt noch mindestens acht große Erdbeben gegeben. Die zentralen Segmente der DSF waren zuletzt 1927 und 1837 betroffen, mit jeweils etwa Magnitude 6.3 kann hier aber kaum mit früheren Ereignissen verglichen werden. Deutlich stärker waren zwei Erdbeben im Libanon im Jahr 1759 mit ~Magnitude 7.4.
Jüngst traf im Jahr 1995 ein Beben mit M7.2 den äußersten Süden der DSF im Golf von Aqaba. Einige Studien interpretieren dieses Ereignis als Beginn einer neuen Aktivitätsepisode.

Die inzwischen lange andauernde Ruhephase gibt auf jeden Fall großen Anlass zur Sorge. Besonders die Segmente im Jordantal und in Syrien waren lange ruhig. Studien belegen, dass inzwischen so viel Zeit vergangen ist, dass Beben mit jeweils Magnitude 7.5 dort jederzeit möglich sind, aber auch an anderen Segmenten neue starke Erdbeben auftreten könnten. Ein wenig ausgenommen, aber nicht ohne Risiko, sind der Libanon und Nordisrael, bzw. angrenzende Regionen von Jordanien, wo es in den vergangenen Jahrhunderten zu Erdbeben gekommen ist, sowie der Golf von Aqaba mit dem Erdbeben 1995.

Studien, die sich mit diesen Ereignissen befassen, sind unter anderem Meghraoui et al. 2014 und Lefevre et al. 2018.

Karfreitag ist somit nicht nur für gläubige Christen von Bedeutung, sondern auch paläoseismologisch interessant, da dank der Bibel für diesen Tag eine der ersten und frühesten Überlieferungen eines großen Erdbebens an der Dead Sea Transform Fault vorliegt. Anders als die Kreuzigung Jesu Christi war dieses Erdbeben aber kein einmaliges Ereignis. So sollte der Karfreitag entlang des Jordans vielleicht auch als Warnung gesehen werden, dass das Heilige Land einen unsicheren Untergrund hat.

Allgemeine Informationen zu diesem Erdbeben:

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Datum: 3. April 33 n. Chr.

Magnitude: ca. 6.0

Tiefe: unbekannt

Spürbar: ja

Schäden: ja

Opfer: ja

Ursprung: tektonisch

Tsunami: nein

Epizentrum:

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Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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