Iran: Drei starke Erdbeben in 24 Stunden: Ursache und Zusammenhänge

Iran – Wer die Berichterstattung auf dieser Seite regelmäßig verfolgt hat weiß, dass der Iran zum Ende des vergangenen Jahres ein richtiges „Erdbebenproblem“ hatte: Eine hohe Anzahl moderater bis starker Erdbeben in vielen Provinzen des Landes, die zu Sachschäden, Panik und hunderten Verletzten geführt haben. Allen voran: Das katastrophale Erdbeben (M7.3) mit rund 600 Toten in Kermanschah, das mit der dadurch freigesetzten Energie und Veränderungen im Spannungsfeld teilweise ursächlich für folgende Beben gewesen ist.
Schaut man sich nun die vergangenen ein, zwei Wochen an, fallen dem aufmerksamen Betrachter gewisse Ähnlichkeiten auf. Denn auch jetzt wird die weltweite Schadensbebenliste („Earthquake Impact Database“) vom Iran „dominiert“. Hier ein Vergleich der letzten Tage mit der Situation im November/Dezember 2017:

Liste der Schadensbeben der vergangenen Tage (Earthquake Impact Database 2018)
Liste der Schadensbeben, Dezember 2017 (Earthquake Impact Database 2017)

Mit insgesamt sechs Schadensbeben in den vergangenen sieben Tagen findet sich der Iran am häufigsten in der Liste wieder. Drei davon, die drei stärksten und gleichzeitig die stärksten Beben im Iran in den vergangenen Monaten, am 22. Juli. Auch wenn man die betroffenen Regionen vergleicht, waren es sowohl im Dezember als auch in den letzten Tagen vor allem Kerman und Kermanschah. Zufall?

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Ja und nein.

Das erste Erdbeben am 22. Juli tanzt ein wenig aus der Reihe: Magnitude 5.8 in Hormozgan im Süden des Iran. Weder im bisherigen Jahresverlauf, noch während der Aktivitätsphase Ende 2017 zeigte Hormozgan signifikante Aktivität. Das letzte Schadensbeben in Hormozgan datiert auf Oktober 2017, damals Magnitude 5.5 und nur geringe Schäden. Ähnlich wie gestern. Aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte in weiten Teilen der Provinz sind manchmal selbst starke Beben größtenteils harmlos, obwohl Hormozgan eine der Regionen des Iran ist, in der besonders häufig starke Erdbeben auftreten. Somit ist bei diesem Erdbeben die Frage nach dem Zufall definitiv mit „Ja“ zu beantworten.
Anders als Kermanschah: Bis November 2017 waren starke Erdbeben vergleichsweise selten, aber nicht so selten, dass niemand damit gerechnet hätte, dass nicht doch irgendwann ein größeres Beben kommen könnte. Mit Magnitude 7.3 war dieses Erdbeben dann so stark, dass die geologischen Nachwirkungen noch immer zu spüren sind. Nicht nur in Form der „reinen“ Nachbeben, die sich an der selben Bruchfläche ereignen und Restspannung abbauen (die inzwischen übrigens recht selten geworden sind). Auch angrenzende Störungen, die durch das November-Beben einer zusätzlichen Spannung ausgesetzt worden sind, haben in den vergangenen Monaten Aktivität gezeigt.
Ein solches Beben trat dann auch am 22. Juli an einer Strike-Slip Störung südlich der Sarpol e-Zahab auf, unweit von der ursprünglichen Bruchzone entfernt. Dieses Beben führte erneut zu schweren Schäden. Über 100 Gebäude wurden zerstört. Rund 1000 weitere erlitten Schäden, darunter auch Gebäude, die nach dem Beben im November rekonstruiert wurden. Rund 300 Menschen wurden durch das neue Beben verletzt, Todesopfer hat es glücklicherweise nicht gegeben.

Epizentrum und Fault Surface (USGS) vom M7.3 im November 2017, Epizentrum vom M5.9 im Juli 2018

Somit kann man hier sagen: Nein, es ist kein Zufall, dass es in Kermanschah erneut zu einem starken Erdbeben gekommen ist. Es sind noch immer Nachwirkungen des großen Erdbebens im vergangenen Jahr, die auch in den kommenden Monaten noch auftreten können. Ein Zusammenhang zum Hormozgan-Erdbeben wenige Stunden zuvor ist allerdings nicht herzustellen, da die beiden Ereignisse räumlich zu weit auseinander liegen.

Auch bei dem dritten Beben des Sonntags in der Provinz Kerman könnte ein Zusammenhang mit früheren Erdbeben bestehen. Das Erdbeben war mit Magnitude 5.8 nur unwesentlich schwächer als das Beben in Kermanschah und hat ebenfalls zu einigen Schäden geführt. 95 Menschen wurden durch dieses Beben verletzt, die meisten bei der Flucht aus den Häusern.
Das Erdbeben ereignete sich an einer Strike-Slip Störung, der sogenannten Nayband-Störung, die etwa in Nord-Süd-Richtung verläuft. Eine ähnliche Ursprungsregion, allerdings eine andere Störungszone hatte bereits die Serie starker Erdbeben, die Kerman im November und Dezember getroffen hat. Drei Erdbeben über Magnitude 6 innerhalb weniger Tage haben damals hunderte Gebäude zerstört und rund 250 Menschen verletzt.

Epizentrum vom M6.1 im Dezember 2017, Epizentrum vom M5.8 im Juli 2018

Zwischen beiden Epizentren liegen in diesem Fall 45 Kilometer: Fürs Triggern eines anderen Erdbebens bei nicht sehr hoher Magnitude eigentlich eine relativ große Distanz. Dennoch lässt sich ein Zusammenhang hier zwischen den Ereignissen definitiv nicht ausschließen. Sollte ein Zusammenhang bestehen, wären sogar weitere Erdbeben in Form einer kleinen Erdbebensequenz möglich.

Drei starke Erdbeben an einem Tag sind selbst für ein Land mit hoher Erdbebenaktivität wie den Iran relativ selten, aber statistisch absolut möglich. Ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Erdbeben besteht zwar nicht. Doch wurde die Wahrscheinlichkeit des nahezu zeitgleichen Auftreten dadurch begünstigt, dass eins, vielleicht sogar zwei der Erdbeben durch frühere Beben getriggert wurden und deren Eintreffen auf einen näheren Zeitraum eingegrenzt wäre. Hinzu kommt das Beben in Hormozgan, wo Beben dieser Magnitude im landesweiten vergleich sehr häufig sind.

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Jens ist 24 und studiert seit 2013 an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften. 2011 hat er mit einem privaten Erdbebenblog begonnen, aus dem sich später erdbebennews.de entwickelt hat. Er hat journalistische Erfahrungen und interessiert sich seit der Kindheit für Geologie, Meteorologie und Naturkatastophen.

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