Touristen, was tut ihr euch an?

Die schweren, verheerenden Erdbeben auf den Indonesischen Inseln Lombok und Bali, andauernde Nachbeben auf Kos, ein kleiner Erdbebenschwarm an der Costa Blanca. Immerhin blieb der Gardasee bislang ruhig und auf Mallorca gibt es sowieso keine Beben (oder doch?).
So vielen deutschen Urlaubern wie im vergangenen Sommer haben Erdbeben dieses Jahr noch nicht die Erholung erschüttert. Einige der Wenigen, die es erwischt hat, hatten aber mehr Glück als Verstand bei der Wahl des Urlaubsortes. Ein Kommentar.

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Die (nach indonesischen Behördenangaben) 600 deutschen Touristen, die sich zur Zeit des großen Bebens auf Lombok aufgehalten haben, werden definitiv froh sein, wenn sie wieder in der heimischen Küche sitzen. 
In den vergangenen 48 Stunden haben uns immer wieder Anfragen von eben diesen Personen erreicht. Personen, die schockiert waren, dass in ihrem aktuellen (oder geplanten) Reiseort solch eine Katastrophe passiert ist. Ein Grund, den Urlaub abzusagen? Ein Grund, den Urlaub abzubrechen? Ein Grund, nie wieder nach Denpasar zu fliegen?

Was mache ich, bevor ich in ein mir bislang unbekanntes Land fliege?
Bevor ich ins Flugzeug nach Kreta gestiegen bin, habe ich geschaut, wie die Temperaturen dort zu dieser Jahreszeit sind. Kann man im April im Meer schwimmen? (Antwort: Ja)
Vor der Reise nach La Palma habe ich geschaut, ob der Vulkan in den letzten Jahren irgendwelche Aktivität gezeigt hat. (Antwort: Nein, erst drei Tage, nachdem ich die Insel verlassen hatte)
Zumindest den ersten Punkt, das Wetter, dürfte jeder Reisende auf dem Schirm haben. Wer will schon bei Regen und 15° am Strand liegen? 
Wer aber informiert sich über den aktuellen Status des inseleigenen Vulkans? Und noch wichtiger: Wer schaut nach, ob das Hotel in einem Erdbebengebiet steht und entsprechend sicher gebaut ist?

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Dieser schöne kleine Kiesstrand an der Südküste Kretas ist erst vor 1700 Jahren von einem M8.5 Erdbeben aus dem Meer gehoben worden. Der Besitzer des Fußes war sich dessen bewusst.

Im Angesicht der drohenden Erholung mit All Inclusive und Handtuchkampf am Hotelpool vergessen Einige, dass man mit dem Verlassen der Landesgrenzen nicht auch alle Verantwortung für sich, seine Gesundheit und die der Mitmenschen zurücklassen kann. Das betrifft nicht nur die bierträchtigen Ballermänner an der Playa. So wie man in Wattenscheid weiß, an welchen Tagen und zu welchen Zeiten man besser einen Ikeabesuch vermeidet (Ja, Wattenscheid hat keinen Ikea, na und?), sollte man sich in Tokyo der Gefahr durch Erdbeben, Taifune und Vulkanausbrüche bewusst sein. Auch, wenn das Penthouse-Apartment in Shibuya nur für zwei Wochen gemietet ist. 

Natürlich, ein Erdbeben vorherzusagen, ist nicht möglich. Auch eine Prognose, ob es in zwei Wochen möglicherweise einen Taifun gibt, ist sehr unseriös. Von spontanen Vulkanausbrüchen ohne große Vorwarnzeit hört man auch gelegentlich. Aber sollte man, nur, weil eine potentielle Gefahr nicht mit begreifbaren Größen beschrieben werden kann, diese gleich komplett ausblenden?

Reisehinweise des Auswärtigen Amtes sollen Touristen zeigen, welche potentiellen Gefahren in Gebieten außerhalb der Landesgrenzen drohen. Seien es strikte Einreisebestimmungen, Epidemien oder Naturkatastrophen. Da man Naturkatastrophen nicht verhindern und nur bedingt vorhersagen kann, sollte man als Urlauber zumindest wissen, wie man sich im Notfall zu verhalten hat (oder sich der Gefahr allerwenigstens bewusst sein). Einen Plan haben, was man tun muss, um sich selbst zu schützen, bzw. sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen (oder allerwenigstens wissen, was ein Erdbeben anrichten kann). Darum wird auf die Reisehinweise des GFZ verwiesen, wenn es sich um erdbebengefährdete Gebiete handelt.

Nach Bali, Kreta oder Tokyo zu fliegen ohne zu wissen, dass es in diesen Regionen schwere Erdbeben und Tsunamis gibt, kann im schlimmsten Fall tödlich enden. Die Naivität, „da wo ich bin passiert sowieso nix“, die dem Deutschen durch die geographisch und geologisch glückliche Lage des Geburtslandes in die Wiege gelegt worden ist, sollte spätestens beim Klick auf „Jetzt buchen und 20% sparen“ abgelegt werden. Eher früher. Denn wer nach dem Buchen panisch feststellt „Manfred, scheiße schau’ma RTL Aktuell, da wo wir sind gab’s nen Erdbeben! Sach ma, haste gewusst, dat et die da gibt?“, hat schon vorher irgendwas falsch gemacht.

Dieser schöne kleine Vulkankegel auf La Palma ist, wie der Krater im Vordergrund, erst im Jahr 1971 entstanden. Die Menschen, die dort auf dem Bild gerade Mittagspause machen, wissen das.

Ja, ca. 99% aller Touristen in erdbebengefährdeten Gebieten werden niemals während ihrer Reisen ein großes Erdbeben erleben. Die Unglücklichen, die zum einen Prozent gehören, wussten aber hoffentlich vor der Reise, auf was sie sich eingelassen haben.

Nein, ich will niemanden davon abhalten, in ein stark erdbebengefährdetes Gebiet zu reisen. Im Gegenteil. 50% der Weltbevölkerung leben in solchen Gebieten, die meisten Menschen dort glücklich ohne Angst und nur sehr Wenige sterben einmal im Leben aufgrund eines Erdbebens. Übrigens auch der ein oder andere in Deutschland. Aber wenn ihr in einem erdbebengefährdeten Gebiet seid, solltet ihr wissen, was ihr euch antut!

Auf Lombok und Bali hat es (mindestens) 105 Menschen erwischt. Zum Glück, aus Sicht des egoistischen Europäers, keine ausländischen Touristen. Beim Überleben eines Erdbebens gehört immer auch eine Menge Glück dazu. Selbst mit bester Vorbereitung bringt es dir nichts, wenn beim Bau des Hotels, das vor 10 Sekunden noch neun Stockwerke hoch war, die Gefahr ignoriert wurde. Aber gibt es auch genug Menschenleben, die hätten gerettet werden können, wenn deren Eigentümer nicht in Panik aus dem Fenster gesprungen wären, den Koffer mit den vielen schweren Souvenirs nicht oben auf dem Schrank neben’s Bett gelegt hätten, oder die Tsunami-Warnung nicht ignoriert hätten, weil sie für Instagram ein Selfie mit der Welle wollten.

Die Menschen, die vor dem 5. August ihre Reise nach Indonesien gebucht und noch nicht angetreten haben, werden hoffentlich vorgewarnt sein. All die Urlauber an der Algarve, die nichts vom Erdbeben im Jahr 1755 wissen, müssen auf ihr Glück vertrauen. 

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Jens ist 24 und studiert seit 2013 an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften. 2011 hat er mit einem privaten Erdbebenblog begonnen, aus dem sich später erdbebennews.de entwickelt hat. Er hat journalistische Erfahrungen und interessiert sich seit der Kindheit für Geologie, Meteorologie und Naturkatastophen.
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