Adventskalender: Das Alfhausen-Erdbeben 1770

Schon vor Beginn der instrumentellen Erdbebenüberwachung in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts hat es in der Bundesrepublik immer wieder größere Erdbeben gegeben. Viele blieben aufgrund der verursachten Schäden und anderer Effekte dank Chronisten in Erinnerung.
Zur Adventszeit werfen wir einen Blick in die Erdbebenvergangenheit von Deutschland und stellen jeden Tag bedeutende Ereignisse aus der vorinstrumentellen Ära vor. 

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15. Dezember: Das Alfhausen-Erdbeben 1770

Ein Erdbeben mit hoher Intensität und vermutlich hoher Magnitude inmitten einer Region sehr niedriger Seismizität mit nahezu keinen instrumentell registrierten Beben könnte man als sehr überraschend bezeichnen. Sehr überraschend, fast schon unglaublich. So ist es auch berechtigt, an der Richtigkeit der Überlieferungen des stärksten Erdbebens in historischer Zeit in Niedersachsen – als solches galt dieses Erdbeben lange – zu zweifeln.

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Das Erdbeben von Alfhausen (Südwestniedersachsen, nahe Osnabrück) wird in vielen Katalogen als klassisches Schadenbeben geführt: Intensität VII, historische Überlieferungen von Gebäudeschäden.
Allerdings sind die Überlieferungen von Schäden, die aus nur einer Quelle stammen, fragwürdig. Zudem stehen noch andere Fragen im Raum: Warum gibt es keine Meldungen zu diesem Erdbeben aus dem nahe gelegenen Osnabrück, was bei einem großen Erdbeben der Fall sein sollte? Warum sind generell keine weiteren Überlieferungen des Bebens oder möglicher weiterer Beben (Nachbeben?) verfügbar? Was war das genaue Herdgebiet?

2017 kam Leydecker zu dem Schluss, dass bisherige Klassifikationen als größeres Schadenbeben übertrieben sind. Viel mehr deutet die geringe Quellendichte auf ein lokales Erdbeben in möglicherweise geringer Herdtiefe (und damit relativ hoher Epizentralintensität) hin – falls die Überlieferungen eines Erdbebens überhaupt stimmen. Auch eine generell falsche Darstellung und damit die Nichtexistenz des Bebens stehen im Raum. Ebenso könne ein einstürzender Salzstock als Auslöser lokaler seismischer Aktivität nicht ausgeschlossen werden.

Das Alfhausen-Erdbeben gilt somit als zweifelhaftes Ereignis. Sollten zukünftige Studien das Erdbeben belegen, wäre es das einzige jemals im Umfeld des nördlichen Teutoburger Waldes registrierte Beben.

(Geschätzte) Angaben zum Erdbeben 1770
Datum: 3. September 1770
Lokalmagnitude: ~ 3.0
Maximalintensität: IV bis V
Schäden: Ja
Opfer: Nein
Verortung des Epizentrums:

Literatur
Leydecker, G. (2011). Erdbebenkatalog für Deutschland mit Randgebieten für die Jahre 800 bis 2008.
Leydecker, G. & Lehmann, K. (2017). The earthquake of September 3, 1770 near Alfhausen/Northern Germany: real, doubtful, or a fake?
Sieberg, A. (1940). 
Beiträge zum Erdbebenkatalog Deutschlands und angrenzender Gebiete für die Jahre 58 bis 1799. na.

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Jens ist 24 und studiert seit 2013 an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften. 2011 hat er mit einem privaten Erdbebenblog begonnen, aus dem sich später erdbebennews.de entwickelt hat. Er hat journalistische Erfahrungen und interessiert sich seit der Kindheit für Geologie, Meteorologie und Naturkatastophen.
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