Adventskalender: Das Dürener Erdbeben 1756

Schon vor Beginn der instrumentellen Erdbebenüberwachung in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts hat es in der Bundesrepublik immer wieder größere Erdbeben gegeben. Viele blieben aufgrund der verursachten Schäden und anderer Effekte dank Chronisten in Erinnerung.
Zur Adventszeit werfen wir einen Blick in die Erdbebenvergangenheit von Deutschland und stellen jeden Tag bedeutende Ereignisse aus der vorinstrumentellen Ära vor. 

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9. Dezember: Das Dürener Erdbeben 1756

In fast jedem Land gibt es dieses eine Erdbeben, das maßgeblich für die (bekannte) Erdbebengefahr steht. Ein Orientierungspunkt, ein Worst Case, ein Ereignis, das in Erinnerung geblieben ist. Zweifelsohne stellt das Dürener Erdbeben im Februar 1756 den Orientierungspunkt in der Erdbebengeschichte Deutschlands dar. Ausgehend vom Epizentrum westsüdwestlich der nordrhein-westfälischen Stadt Düren umfasste das Schüttergebiet dieses Erdbebens mit Lokalmagnitude (ML) 6.4 weite Teile Deutschlands, unter anderem München und Leipzig, nach Westen bis in den Norden Frankreichs und den Süden Englands.

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Entsprechend waren die Auswirkungen des Erdbebens in der näheren Umgebung des Epizentrums gravierend: Mehrere Tote und Verletzte durch herabstürzende Trümmer sind überliefert. In der Region zwischen Aachen und Düren brachen mehrere Gebäude zusammen, tausende wurden beschädigt. Besonders betroffen waren auch die kleineren Orte Nideggen und Hürtgenwald. Nahe letzterem kam es zudem zu einem massiven Erdrutsch.
Kleinere Schäden (beschädigte Schornsteine) traten in einer Entfernung von bis zu 60 Kilometern auf, unter anderem in Köln und Lüttich.

Das Dürener Erdbeben, so verheerend es auch gewesen ist, kam für viele Menschen nicht überraschend. Bereits an Weihnachten 1755 setzte in Düren eine Erdbebenserie ein. Die ersten „großen“ Beben am 26. und 27. Dezember werden in den Katalogen mit Intensität VI bis VII gelistet, haben also bereits signifikante Gebäudeschäden verursacht. Zweites führte zudem zu mehrere Verletzten, möglicherweise zu einem Todesopfer in Aachen, wo viele Schornsteine einstürzten. Kleinere Schäden durch dieses Erdbeben wurden ebenfalls in weiten Teilen der niederrheinischen Bucht bis nach Düsseldorf verursacht. Das Schüttergebiet reichte bereits bis in die Mitte Deutschlands und den Westen Belgiens.

Mit einer Lokalmagnitude von 5.7 war dieses Vorbeben bereits eines der stärksten in Deutschland in historischer Zeit. Am Niederrhein waren lediglich das spätere Hauptbeben sowie das Erdbeben von Roermond (ML5.9) im Jahr 1992 stärker.
Diesem ersten Schock folgend kam es in den Tagen bis Silvester täglich zu deutlich spürbaren Beben, teils mit neuen Gebäudeschäden.
Auch im Januar 1756 bebte es weiter, mindestens sechsmal sollen diese Erdbeben zu neuen Schäden zwischen Aachen und Düren geführt haben, besonders am 26. Januar (ML~4.5)

Anfang Februar ging die Erdbebenaktivität zunächst etwas zurück, bevor am 13. Februar erneut stärkere Erdbeben (ML~4.0) einsetzten.

Auch in den Monaten nach der Katastrophe hielten starke (Nach)Beben an. Besonders stark war mehrere Jahre später, im August 1759, ein Nachbeben, das rund um Aachen viele Gebäude beschädigte.
Weiterhin setzte am 16. Januar 1760 eine neue Serie Nachbeben ein, die am 20. Januar in dem wohl stärksten Nachbeben gipfelte. In Düren und Aachen zerstörte es mehrere Gebäude (Intensität VII). Das Schüttergebiet reichte bis nach Ostwestfalen und nach Amsterdam.

In den Jahren danach gab es immer wieder Erdbeben, weitere größere Schäden infolge dieser sind aber nicht überliefert. Spürbare Nachbeben dauerten bis mindestens 1766 an. Erwähnenswert ist ein Erdbebenschwarm in der Nähe von Zülpich, also abseits des ursprünglichen Herdgebietes, im Jahr 1762. Dabei ist nicht auszuschließen, dass dieser von den vorherigen Erdbeben getriggert wurde.

Das Dürener Erdbeben fällt zeitlich zusammen mit einer Serie von zahlreichen schweren Erdbeben, die Europa, bzw. die Anrainerländer des Nordatlantiks innerhalb weniger Jahre erschüttert haben. Eine zeitliche Korrelation, die einen möglichen Zusammenhang vermuten lässt: Das große Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 vor der Küste von Portugal. Mit Magnitude 8 bis 8.5 war dieses Erdbeben eines der stärksten in der Geschichte Europas und führte, auch aufgrund eines Tsunamis, zu massiven Zerstörungen in Portugal und Spanien.
In der Folge dieses Ereignisses traten gehäuft starke Erdbeben in Europa, Afrika und Nordamerika auf: Ein leichtes Erdbeben in Basel (Mw3.8, 2. November), das Cape Ann Erdbeben (Mw5.9, 18. November) vor der Küste Neuenglands, das Fez-Erdbeben (Mw6.5, 27. November) in Marokko und das große Erdbeben in Wallis (Mw5.7) am 9. Dezember. Letzteres gilt als eines der stärksten Erdbeben in der Geschichte der Schweiz. Auch in vielen Regionen von Frankreich, Belgien und Italien gab es zu der Zeit größere Erdbeben. Ein Grund, warum dem Lissabon-Erdbeben lange nachgesagt wurde, in weiten Teilen Europas verspürt worden zu sein.

Unabhängig von einem theoretischen Zusammenhang mit anderen Erdbeben bleibt das Dürener Erdbeben vorerst der markanteste Punkt in der deutschen Erdbebengeschichte und ein wichtiger Wink für die Bedrohung durch zukünftige Ereignisse. Denn Erdbeben dieser Stärke können am gesamten Niederrhein jederzeit auftreten. Möglicherweise ist der Ausgangspunkt des Dürener Erdbebens sogar eine vergleichsweise kleine Störungszone. An vielen der größeren Störungen, so ist es inzwischen nachgewiesen, sind in prähistorischer Zeit sogar deutlich stärkere Erdbeben aufgetreten. Daher ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Dürener Erdbeben seinen „Titel“ als stärkstes Erdbeben in der deutschen Geschichte verliert. Ob die heute sehr dicht besiedelte Region Niederrhein vom Nachfolger betroffen sein wird, ist eine andere Frage.

(Geschätzte) Angaben zum Erdbeben
Datum: 18. Februar 1756
Momentmagnitude: 5.7
Lokalmagnitude: 6.4
Maximalintensität: VIII
Schäden: Ja
Opfer: Ja
Verortungen des Epizentrums:

Literatur
Grützner, C., Fischer, P., & Reicherter, K. (2016). Holocene surface ruptures of the Rurrand Fault, Germany—insights from palaeoseismology, remote sensing and shallow geophysics. Geophysical Journal International, 204(3), 1662-1677.
Hinzen, K. G., & Oemisch, M. (2001). Location and magnitude from seismic intensity data of recent and historic earthquakes in the northern Rhine area, Central Europe. Bulletin of the Seismological Society of America, 91(1), 40-56.
Kübler, S., Streich, R., Lück, E., Hoffmann, M., Friedrich, A. M., & Strecker, M. R. (2017). Active faulting in a populated low-strain setting (Lower Rhine Graben, Central Europe) identified by geomorphic, geophysical and geological analysis. Geological Society, London, Special Publications, 432(1), 127-146.
Leydecker, G. (2011).
 Erdbebenkatalog für Deutschland mit Randgebieten für die Jahre 800 bis 2008.
Nur, A., & Cline, E. H. (2000). Poseidon’s horses: plate tectonics and earthquake storms in the Late Bronze Age Aegean and Eastern Mediterranean. Journal of Archaeological Science, 27(1), 43-63.
Sieberg, A. (1940). Beiträge zum Erdbebenkatalog Deutschlands und angrenzender Gebiete für die Jahre 58 bis 1799. na.

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Jens ist 25 Jahre alt und studierte von 2013 bis 2019 an der Ruhr-Universität Bochum, zunächst Geowissenschaften (B.Sc. Abschluss) und später mit Spezialisierung auf Erdbebenphysik und -gefährdung. Seit Juni 2019 lebt er in Karlsruhe und arbeitet im Bereich Katastrophenforschung.

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