Kohlen-Stoff

Was wäre es für ein Gefühl, wenn man vom Tod eines nahen Familienmitglieds erführe, von dem man seit frühester Kindheit nichts mehr gehört, noch es gar getroffen hat? Wäre es Anflug von Trauer über den Verlust eines Menschen, der passiv ein Teil der eigenen Geschichte gewesen ist? Oder eher der Hauch von Empathie, den man als sozialorientierte Person bei jedem Trauerfall empfinden sollte?

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Zwar spreche ich in diesem Text für mich, doch bin ich mir fast sicher, dass es am heutigen Tag Menschen im Ruhrgebiet gibt, deren Gefühlswahrnehmung irgendwo dazwischen einzuordnen ist. Menschen, denen (vielleicht erst seit kurzem) bewusst ist, dass eine Tradition, die ihr ganzes Leben von Beginn an geformt hat, aus der Distanz oder ganz direkt, plötzlich und endgültig verschwindet. Und es wird Menschen geben, die mit diesem Teil der Geschichte nichts zu tun haben, die sie bestenfalls zur Kenntnis nehmen, die vielleicht sogar dem heutigen Ende des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet und Ibbenbüren viel Positives abgewinnen können. Jeder hat seine eigene Geschichte.

Für mich, im Jahr 1994 im Ruhrgebiet geboren, war der Bergbau nie ein aktiver Teil des Lebens. Die Zechen in meiner Wohngegend bereits lange geschlossen. Viele der ehemaligen Industrieanlagen inzwischen umgestaltet zu Kultureinrichtungen, Parks, lediglich Namensgeber für Bushaltestellen. Der Fluss Emscher, zum Zwecke der Montanindustrie zu einem oberirdischen Abwasserkanal umgestaltet, war bereits in der Renaturierungsphase.
Durch meine Familiengeschichte war ich mir jedoch immer der Bedeutung des Bergbaus für mich und viele andere Personen bewusst. Meine Familie kam Ende des 19. Jahrhunderts aus Osteuropa ins Ruhrgebiet, weil die Zechen sichere Arbeitsplätze boten. Beginnend mit meinem Urgroßvater waren die Zechen in Recklinghausen und Umgebung die Existenzgrundlage. So waren auch mein Großvater, seine Brüder und schließlich auch mein Vater und sein Bruder „auf’m Pütt“ gelandet. Bis das Zechensterben einsetzte.

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Die Geschichten meines Vaters vom Bergbau begleiteten mich durch meine Kindheit und entwickelten in mir die Faszination, die ich bis heute verspüre und die vielleicht sogar mein Leben geprägt, mein Interesse für Geologie und später Erdbeben geweckt hat. Die kindliche Suche nach „Bodenschätzen“ (bunte Kiesel) im Sandkasten, die den Grundstein für meine heutige Mineraliensammlung legte. Der Grundschulausflug ins Bochumer Bergbaumuseum, der erste Schulausflug, an den ich mich gut erinnern kann. Generell wurde das Thema Bergbau in der Grundschule und später auch auf dem Gymnasium ausführlich behandelt. Auch meine erste Barbarafeier, zu Ehren der Schutzheiligen der Bergleute (und Geologen), erlebte ich in der Grundschule. Bei den Geowissenschaftlern und -studenten der Ruhr-Uni hat die Barbarafeier auch heute noch jährlich einen festen Platz im Kalender.
Im Laufe der Jahre folgten Fototouren über Halden und durch Zechenparks, um Spuren der Vergangenheit festzuhalten, wobei ich übrigens auch mein erstes Fossil gefunden habe. Orte, entstanden durch den Bergbau, und Ereignisse, die in besonderer Erinnerung blieben.

Trotz dieser Präsenz war Bergbau für mich lange nie mehr als ein Stück Geschichte. Bedeutend und faszinierend zugleich, aber Geschichte. Die Zechenbahnen in Recklinghausen fuhren schon lange nicht mehr, die Räder eines Förderturms habe ich in meiner Jugend niemals drehend gesehen. Mir war klar, dass es noch aktive Zechen im Ruhrgebiet gibt, aber waren diese für mich sehr weit weg.
Erst später, teils erst in der Oberstufe und natürlich auch während des Geo-Studiums realisierte ich die Gegenwart, wurde mir der Omnipräsenz des Bergbaus wirklich bewusst.

Poldergebiete, kontinuierliche Rissbildungen im Häusern, Erdfälle, die Seen und Teiche im Emscherbruch mir bisher nur als Naherholungsgebiet bekannt, aber entstanden durch bergbaubedingtes Absenken des Bodens. Dass die Emscher und ihre Zuflüsse in einigen Ortsteilen des Ruhrgebiets wie auf Bahntrassen zwischen meterhohen Dämmen fließen müssen, um tieferliegende Wohngebiete nicht zu überschwemmen. Dass das Grundwasser auf ewig abgepumpt werden muss, um die trockengelegte, ehemalige Sumpflandschaft Emschertal nicht wieder zu einer solchen werden zu lassen. Die Realität der Ewigkeitskosten, die auch die letzte Kohle überdauern werden und zukünftige Generationen vor eine Herausforderung stellen. Die Realität, dass der Profit meiner Vorfahren der Schaden meiner Nachkommen sein wird. Dass ich Teil der Generation bin, die den Wandel des Ruhrgebiets erlebt und mitgestalten darf. Der Wandel von Montanindustrie zu Industriekultur, von Schwermetallproduktion zu Heavy-Metal-Konzertlocation, der Wandel von Bergmann zum Geologen.

Mit dem heutigen 21. Dezember 2018 hat dieser Wandel seinen Höhepunkt erreicht. Das, was dem Ruhrgebiet zu seiner Existenz verholfen hat, verlässt uns und wird uns dennoch auf ewig begleiten. Sei es als Familiengeschichte, Arbeitgeber nach einem erfolgreichen Strukturwandel, oder Riss in der Wand des frisch renovierten Eigenheims.
Umso glücklicher und dankbarer bin ich über die Erfahrung, die mir Anfang diesen Jahres ermöglicht wurde. Eine Grubenfahrt auf Prosper-Haniel, um das, was für mich lange Vergangenheit, eine Geschichte gewesen ist, für wenige Stunden real erleben zu dürfen. Die Atmosphäre in über einem Kilometer Tiefe wahrzunehmen, unter welchen Bedingungen jahrhundertelang gearbeitet wurde, mir bewusst, dass die durch moderne Technik ermöglichten und erlebten Optimalbedingungen meine Vorfahren niemals gehabt haben.

Eine solche Erfahrung, die ein eigentlich nie zu realisierender Kindheitstraum gewesen ist, mag natürlich die Sichtweise auf Dinge nochmals verändern, dem Wandel einen Wehrmutstropfen verleihen. Aber ändern all die schönen Familiengeschichten und Erinnerungen nichts daran, dass jede Tradition, jede Kultur irgendwann ein Ende findet oder sogar finden muss. Das, was früher aus der Notwendigkeit heraus begonnen hat, findet heute häufig nur noch aus Romantik und Heimatliebe statt, obwohl Nutzen und Sinn längst überholt sind.
Die Förderung und Verwendung fossiler Brennstoffe hat zwar unsere moderne Zivilisation ermöglicht, doch auch Luftverschmutzung, Umweltzerstörung und Globale Erwärmung unterstützt. So ist es richtig und wichtig, dass wir aus den Gewinnen der Vergangenheit eine Zukunft gestalten, die besser und offener ist, in der wir unser Wissen über die Umwelt erweitern und aus Fehlern lernen. Aber auch ohne zu vergessen, was und wem wir unseren Wohlstand, unser heutiges Sein zu verdanken haben, um daraus Antrieb zu gewinnen.

In den kommenden Jahrzehnten wird der Nutzen des Bergbaus immer weiter aus den Köpfen der Kohlenpottler verschwinden. Die Ewigkeitsaufgaben, die Schäden, die Überschwemmungen, die Erdbeben werden bleiben. Dieser Aspekt der Montanindustrie wird die Menschen weiter beschäftigen und es wird berechtigt eine gewisse Reue aufkommen. Berechtigt, damit die Lehren einer alten, nicht perfekten aber notwendigen Tradition bei einer besseren Zukunft helfen, zu der jeder im Ruhrgebiet, jeder in Ibbenbüren oder sonstwo, der mit dem Bergbau bewusst oder unbewusst verwurzelt ist, beitragen sollte. Beitragen, um aus Kohle Diamanten zu machen.

Ich könnte diesen Text mit einem traditionellen „Glück Auf“ beenden. Ein letzter Gruß an die Bergleute der Vergangenheit und Gegenwart, an meine Vorfahren, an meine Geologen-Freunde. Doch würde ich dem Gefühl des Sterbens eines abstrakten, aber vertrauten Verwandten damit Aufschwung geben. Der Bergbau ist zwar ab Morgen Geschichte. Aber leben die Verpflichtungen des Strukturwandels, der aus der Vergangenheit eine bessere Zukunft ermöglichen soll, in jedem aktuellen und zukünftigen Bewohner einer Zechenhaussiedlung weiter. Das Ende einer Tradition ist der Beginn einer Neuen.


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Jens ist 24 und studiert seit 2013 an der Ruhr-Uni Bochum Geowissenschaften. 2011 hat er mit einem privaten Erdbebenblog begonnen, aus dem sich später erdbebennews.de entwickelt hat. Er hat journalistische Erfahrungen und interessiert sich seit der Kindheit für Geologie, Meteorologie und Naturkatastophen.
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