Laacher See: Die Katastrophe der Kommunikation

Drei Tage ist die wohl bedeutendste wissenschaftliche Studie zum Eifel-Vulkanismus seit vielen Jahren inzwischen alt. Drei Tage, in denen die Meldung zwischen zwei Extremen hin und her diskutiert worden ist. Drei Tage, in denen fast niemand die Wichtigkeit der Aussage auch nur annähernd begriffen hat. Gescheiterte Kommunikation, die ein größeres Problem als mangelnde Vulkanüberwachung offenlegt. Ein Kommentar.

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Nein, man muss eine wissenschaftliche Publikation normalerweise nicht komplett lesen, um die Kernaussagen zu begreifen. Was einem Laien in der Regel auch sehr schwer fallen würde, sollten Wissenschaftsjournalisten erledigen und den Inhalt einfach verdaulich weiterreichen. Am besten so, dass die Intentionen nicht verfälscht sind und alle wichtigen Daten und Fakten zusammengefasst sind. Damit dies gelingt, ist ein gewisses Grundvertrauen vorauszusetzen. Ein Vertrauen in den Wissenschaftsjournalisten, dass dieser das Futter angemessen vorkaut und mit keiner ansteckenden Krankheit infiziert. Ein notwendiger Prozess zur Vermittlung von Informationen, der in den vergangenen drei Tagen an beiden Enden kläglich gescheitert ist.

Nein, man muss nicht mal die journalistisch verarbeiteten Speisereste sehen, um die Wichtigkeit jener Studie erahnen zu können: Drei große deutsche Institute, das Karlsruher Institut für Technologie, das Geoforschungszentrum Potsdam und das Landesamt für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz haben an diesem Montag eine gemeinsame Pressemitteilung zeitgleich herausgegeben. Zu einer Studie, die in Kooperation mit weiteren Ämtern und Instituten durchgeführt wurde.
Dass eine geowissenschaftliche Studie überhaupt eine Pressemitteilung eines Instituts wert ist, kommt schon selten vor. Dass sie drei Instituten eine zeitgleiche, gemeinsame Meldung wert ist, darf schon als außergewöhnlich bezeichnet werden. Umso tragischer ist das Ergebnis der Öffentlichkeitsarbeit.

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Okay, im Grunde kommt dieses Ende nicht unerwartet. Eine Meldung über Aktivität an einem Vulkan in Deutschland herauszugeben, gleicht einem Lauf über ein Minenfeld. Dass dieses Minenfeld danach noch mit Raketen beschossen wurde, kam doch ein wenig überraschend. Von Staub und Rauch verschleiert, blieb so die Kernaussage verborgen: Dass es dank neu installierter Technik endlich möglich ist, einem Vulkan im Herzen Europas die wissenschaftliche Aufmerksamen zu schenken, die angemessen ist. Ein erster Schritt für ein Überwachungsnetz getätigt wurde, auf dem in Zukunft aufgebaut werden kann und muss, um die Signale des Vulkans zu verstehen. Bisher unbeobachtete Prozesse an einem Vulkan entdeckt zu haben, die ein besseres Verständnis des gesamten Systems erlauben. Oder zusammengefasst: Wissenschaftlich wertvolle Erkenntnisse mit großem Nutzen für die Allgemeinheit gewonnen zu haben.

Ob sich unterm Laacher See gerade eine Magmakammer füllt oder nicht (wissen wir nicht), ist da eigentlich irrelevant. Ebenso die Bestätigung, dass die Eifel noch aktiv ist, was niemand auch nur im Ansatz angezweifelt hat. Auch nicht die Tatsache eines (in unbestimmt ferner Zukunft) bevorstehenden Vulkanausbruchs in Deutschland.
Doch war es vor allem der letzte Punkt, auf den ein verstärkter Fokus gelegt wurde.
„Droht ein Vulkanausbruch in Deutschland?“ – Ja, ihr dämlichen Idioten! Irgendwann in den nächsten 100.000 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit, aber das ist keine neue Erkenntnis, die mit dieser Studie zu tun hat!
In den letzten Jahren, seit der Veröffentlichung eines gewissen RTL-Films, ist es fast zum Trend geworden, dass bei irgendwelchen geologischen Ereignissen zwischen Mosel und Rheinland diese Frage gestellt wird. Klickt gut, darf man.
Als Reaktion darauf, hat sich bei vielen Personen eine gewisse Ignoranz gegenüber solchen Meldungen eingestellt. Verständlich, schließlich möchte man sich nicht immer wieder aufs Neue verarschen lassen. Doch ging mit dieser Ignoranz auch eine verringerte Aufmerksamkeit der Kernaussagen gegenüber einher (Ja, die Kernaussagen waren meistens da, wenn auch hinter Fragezeichen und RTL-Verweisen versteckt). Dies führte so weit, dass die Meldung von vielen als übliches sommerlochartiges 0815-Wissen-wir-schon-ist-mir-egal abgetan wurde. Nicht nur die Meldung der Medien (die solche Reaktionen teilweise noch verdient hätten), sondern die gesamte Studie. Sogar Vorwürfe gegenüber den Autoren, man solle sich doch mit wichtigen Dingen beschäftigen, statt den Menschen Angst zu machen, waren in Sozialen Netzwerken zu lesen.

Nach drei Tagen hat die Studie zur Bildung drei größerer Gruppen geführt: Den Menschen, die nun Angst vor einem Vulkanausbruch haben (alle sechs Monate aufs Neue); den Menschen, die Panikmache vorwerfen und der Wissenschaft abgeschworen haben; den Menschen, denen das alles so ziemlich egal ist, weil das Dschungelcamp ja bald anfängt. Irgendwo dazwischen stehen die Wenigen, die sich der Bedeutung und Aussage dieser Studie bewusst sind, die nicht Opfer der katastrophalen Kommunikationskette geworden sind. Eine Kette, die an ihrer eigenen Bedeutung zerbrochen ist, weil die einzelnen Glieder bis hin zum Empfänger die Verbindung nicht aufrecht erhalten konnten.

Dem Vulkan ist es egal, was wir über ihn wissen, was wir kommunizieren und wie wir darauf reagieren. Der Vulkan macht sein Ding, unabhängig vom Menschen. Doch sollten die Menschen, nicht nur die mit Doktortitel, diesem Ding genügend Aufmerksamkeit schenken. Auch wenn es keiner, der diese Sätze liest, zu Lebzeiten erleben wird, irgendwann wird die Eifel zur Gefahr. Die drohenden Clickbait-Headlines werden irgendwann zur Realität werden. Dank der Studie wissen wir von der verbesserten Kommunikation einer drohenden Gefahr von Vulkan zu Mensch. Doch die Schwächen des Menschen, diese Nachricht weitergeben zu können, sind deutlicher geworden denn je. So deutlich, dass die häufig vorgegaukelte Realität eines Katastrophenfilms der Fiktion zu entfliehen scheint.

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Jens ist 25 und studierte von 2013 bis 2019 an der Ruhr-Universität Bochum, zunächst Geowissenschaften (B.Sc. Abschluss) und später mit Spezialisierung auf Erdbebenphysik und -gefährdung. Seit Juni 2019 lebt er in Karlsruhe und arbeitet im Bereich Katastrophenforschung.

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