Erdbeben und COVID-19: Eine ungewöhnliche Konstellation?

Nicht viele Themen haben in den vergangenen Jahren über einen so langen Zeitraum das Mediengeschehen so dominiert wie die aktuelle Coronavirus-Pandemie. Auf kaum einer Nachrichtenseite finden sich im oberen Drittel noch ein anderes Thema. Auch die Meldungen in den TV-Nachrichten hängen fast alle direkt und indirekt mit SARS-CoV-2 zusammen. Was viele als bedrückend oder nervig empfinden, ist der Situation geschuldet: Kaum eine Krise der vergangenen Jahrzehnte hatte ähnlich weitreichende Auswirkungen und den Alltag eines jeden Einzelnen so dermaßen eingeschränkt.
Da war es fast schon erstaunlich, dass das Thema in den letzten drei Tagen zumindest kurzzeitig ein wenig Begleitung bekommen hat: Erdbeben waren plötzlich wieder in den Headlines.

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Erst Salt Lake City, dann Griechenland und als „Höhepunkt“ auch noch das Zagreb-Doppelbeben am Sonntagmorgen. Wer dann auch noch im Rheinland wohnt, wird vielleicht noch was vom Meckenheim-Beben mitbekommen haben. Und wie immer, wenn innerhalb weniger Tage mehrere Erdbeben in den Medien sind, kommen bei uns Anfragen rein, warum es gerade so viele Erdbeben gibt und ob diese Zunahme normal ist. Dies schien zuletzt, wahrscheinlich wegen der parallelverlaufenden Corona-Katastrophe, noch verstärkt worden zu sein. Unabhängig davon, ob ein Zusammenhang (den es nicht gibt) vermutet wurde. So kamen via Twitter, Facebook und E-Mail seit Samstag nicht weniger als sieben derartige Anfragen. Mehr als in den letzten tatsächlichen Phasen erhöhter Erdbebenaktivität.

Grund genug, diesem Thema auch noch einen sechsten Text zu widmen.

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Schauen wir uns also zunächst mal die letzten Tage an. Beispielhaft habe ich hier für euch die letzten 10 weltweit registrierten Schadensbeben (also die Beben, die zu irgendeiner Art von Gebäudeschäden geführt haben). Der Impakt-Wert steht für die jeweiligen Schäden, je höher, umso zerstörerischer das Beben (Was bedeutet der Impakt-Wert?):

DatumEpizentrumMagnitudeImpakt-Wert
15. MärzIran, Hormozgan5.40,24
16. MärzIndien, Rajasthan3.10,01
18. MärzUSA, Utah5.70,74
18. MärzUSA, Utah4.60,02
19. MärzTürkei, Elazig5.00,01
20. MärzChina, Tibet5.90,59
20. MärzMongolei, Altai-Gobi5.50,03
21. MärzGriechenland, Epirus5.70,66
21. MärzIndien, Odisha4.00,04
22. MärzKroatien, Zagreb5.31,35

Was fällt auf?

Zum einen waren es zehn Schadensbeben in acht Tagen. Bei einem jährlichen Durchschnitt von ca. 300 bis 350 Schadensbeben weltweit ist das schon relativ viel, aber nichts, was irgendwie einzigartig oder ungewöhnlich ist.
Ein weiteres Kriterium, das man zur Beurteilung heranziehen kann, sind die Schäden selbst. Betrachten wir also dazu die Impakt-Werte: Wir sehen ein Beben mit einem Impakt-Wert von mehr als 1, die anderen darunter.
Seit Einführung des Impakt-Wertes in der Earthquake Impact Database 2017 gab es 166 Schadensbeben mit einem Impakt-Wert von 1 oder höher, entspricht also etwa 50 pro Jahr oder einem Beben alle acht Tage.

Wie viele Schadensbeben es gibt und wie schwer die Schäden ausfallen, hängt nicht nur von der Anzahl und der Stärke der Erdbeben ab, sondern vor allem, wo diese Beben passieren. Wo wir beim zweiten Punkt sind:

Von Beben über Magnitude 6 keine Spur. Das letzte Schadensbeben über Magnitude 6 liegt nun tatsächlich schon 39 Tage zurück: Das M7.0 bei den russischen Kurilen-Inseln am 13. Februar beschädigte ein paar Gebäude leicht.

Erdbeben über Magnitude 6 treten im Durchschnitt alle 2 – 3 Tage auf. Im Jahr gibt es etwa 120-150 von ihnen weltweit, also ca. 0,35 pro Tag. Erdbeben über Magnitude 5 sind deutlich häufiger: Vier bis fünf Mal am Tag wird irgendwo auf der Welt eines von ihnen registriert. Wobei man deutlich betonen muss, dass Durchschnittswerte eben nur Durchschnittswerte sind, gebildet aus Tagen ohne M5 und Tagen mit zehn M5 Erdbeben.
Darum mal ein Blick auf die M5 Beben im selben Zeitraum und mögliche Abweichungen von Durchschnitt. Der Einfachheit halber als Screenshot der USGS-Erdbebenliste:

Wer richtig gezählt hat, kommt auf insgesamt 37 Erdbeben seit dem 15. März. Entspricht bei achteinhalb Tagen einem Durchschnitt von 4,5 Erdbeben pro Tag (mit drei Beben über Magnitude 6, also 0,35 pro Tag).

Also nochmal zusammengefasst die Erdbebenstatistiken der letzten acht Tage im Vergleich zu den langfristigen Statistiken:

seit 15. Märzlangfristig
Häufigkeit M5+ / Tag4,354 – 5
Häufigkeit M6+ / Tag0,350,3 – 0,4
Häufigkeit Impakt 1+ / Tag0,160,14
Häufigkeit Schadensbeben / Tag1,180,94

Achteinhalb Tage, so dermaßen durchschnittlich, dass es fast schon wieder ungewöhnlich ist.

Der einzige Punkt, der dafür gesorgt hat, dass die Erdbeben der vergangenen Tage es geschafft haben, sich neben Corona in die Berichterstattung zu schleichen, ist der jeweilige Ort der Beben. Wären die Beben von Zagreb, Griechenland und Salt Lake City mit gleicher Stärke und gleichen Auswirkungen irgendwo in Hormozgan oder Tibet passiert, wären sie kaum einen Medienbericht wert gewesen und niemand hätte hierzulande gefragt, warum es so viele Erdbeben gibt. Den Beweis dafür liefern die Beben in Hormozgan und Tibet im selben Zeitraum, von denen niemand Notiz genommen hat.

Um auf Basis dieser Schlussfolgerung die Frage im Titel zu beantworten: Ja: Erdbeben UND Pandemie zur selben Zeit sind ungewöhnlich. Aber nicht wegen der Erdbeben: Die aktuelle Corona-Krise und so überwältigend, nahezu einzigartig und medienwirksam, dass es schon wieder überrascht, wenn auf dem Smartphone nach Wochen voller Corona-News eine Pushmitteilung zu einem anderen Thema auftaucht. Wenn Normalität plötzlich ungewöhnlich ist.