Hintergründe zum Nevada-Erdbeben

Das gestrige Erdbeben im US-Bundesstaat Nevada war eines der stärksten Beben in dem Teil Nevadas in den vergangenen Jahrzehnten. Finale Auswertungen des United States Geological Survey ergaben Momentmagnitude 6.5. Damit ist es zugleich mit dem Idaho-Erdbeben vor einigen Wochen das stärkste Beben, das die USA in diesem Jahr bisher getroffen hat.
Da sich das Epizentrum in einer nahezu unbesiedelten Wüstenregion befunden hat, hielten sich die Schäden in Grenzen: Ein großer Riss in einem Highway, sehr wahrscheinlich direkte Folge von Oberflächenbruch des Erdbebens (also Versatz bis an die Oberfläche), kleinere Schäden an Fassaden und Fenstern in umliegenden Countries und jede Menge heruntergeworfene Gegenstände. Schwache Erschütterungen ohne Schäden wurden noch deutlich weiter verspürt, unter anderem bis in die Hochhäuser von San Francisco, Las Vegas und Salt Lake City.

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Das Erdbeben selbst ging auf einen horizontalen Versatz (strike-slip) an einer Störung zurück, die etwa WSW-ENE verläuft und somit senkrecht zu den Strike-Slip Störungen in Kalifornien (u.a. San Andreas). Dabei stellt die Grenzregion zwischen Kalifornien und Nevada eine ähnliche tektonische Region dar: Ein Teil, ca. 25 %, des Versatzes zwischen der Nordamerikanischen und der Pazifischen Platte findet in diesem „Walker Lane“ genannten Bereich statt. Der Rest entlang der San Andreas und ihrer Nachbarstörungen. Anders als bei San Andreas sind die Störungszonen der Walker Lane Region nicht durch klare Linien ausgeprägt. Stattdessen finden sich hunderte kleine Störungen über ein breites Gebiet verteilt. Dabei gibt es Übergange zur Basin and Range Provinz in Nevada. Entsprechend hoch ist auch die Erdbebenaktivität mit zahlreichen Beben um Magnitude 6 seit Aufzeichnungsbeginn. Auch das große Ridgecrest-Erdbeben (M7.1) 2019 lässt sich der Walker Lane Region zuordnen.

Auch die Störung, die das aktuelle Beben hervorgebracht hat, gehört eher zu den kleineren Störungen. Im offiziellen Störungskatalog des USGS tauchte sie bisher nicht auf und war somit zuvor nicht als aktive Störung bekannt. Allerdings deutete die unmittelbar westlich angrenzende Huntoon Valley Scherzone, an der seit einigen Wochen eine Erdbebenserie registriert wird, auf die Existenz entsprechender Störungen in dieser Region hin.

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ShakeMap des Nevada-Erdbebens mit bekannten aktiven Störungen (schwarze Linien, USGS-Katalog) und Erdbeben über Magnitude 2 seit dem 1. Januar 2020 (rote Kreise, EMSC).

Die geographische Verteilung der bisherigen Nachbeben folgt dem Verlauf der unbekannten Störung. Einzelne Nachbeben ereigneten sich in einigen Kilometern Entfernung. Trotz zahlreicher kleiner Erdbeben verlief die Nachbebensequenz bisher eher gering. Kein Beben über Magnitude 5 wurde registriert. In der Regel sind bei Hauptbeben dieser Stärke Nachbeben bis Magnitude 5.5 zu erwarten. Diese können auch noch Wochen später auftreten. In der offiziellen USGS Nachbebenprognose wird zudem zur Zeit eine Wahrscheinlichkeit von 12% für ein neues Erdbeben über Magnitude 6 angegeben (Stand: 16. Mai, 9:55 Uhr MESZ).

Mit dem Nevada-Beben setzt sich die Phase erhöhter Erdbebenaktivität in den USA fort. Angefangen mit der Erdbebenserie in Puerto Rico kam es in den vergangenen Wochen zu starken Erdbeben in Salt Lake City, in Idaho und nun Nevada. Zudem gab es mehrere Beben um Magnitude 5, darunter das Hauptbeben der Huntoon Valley Sequenz. Ein direkter Zusammenhang zwischen all diesen Beben besteht allerdings nicht. Ebenso wenig gibt es Hinweise auf mögliche weitere starke Erdbeben. All diese Beben waren zudem tektonischen Ursprungs und hängen nicht mit vulkanischer Aktivität oder menschlichen Einflüssen (z.B. Bergbau, Fracking, Sprengungen) zusammen.

Dennoch führte diese Serie starker Erdbeben dazu, dass die USA Stand jetzt das Land mit den zweitmeisten Schadensbeben weltweit im Jahr 2020 ist. Insgesamt 15 Mal haben Erdbeben in den Vereinigten Staaten seit Januar zu Schäden geführt. Im gesamten Jahr 2019 waren es nur neun Schadensbeben. Neben zahlreichen Beben in Puerto Rico und den drei genannten starken Beben auf dem Festland sind auch Beben in Kalifornien, Tennessee, Kansas und Texas vertreten. Die beiden letztgenannten waren mit Magnitude 4.5 bzw. 5.0 für ihre Regionen ebenfalls überdurchschnittlich stark. Hier kann jedoch von induzierten Erdbeben infolge von Wasserverpressung (Erdgas- und ölförderung) ausgegangen werden.

Dass die USA nun mit 15 Schadensbeben innerhalb von viereinhalb Monaten in der Schadensbebenliste weit oben ist, hängt aber auch mit der insgesamt eher niedrigen Erdbebenaktivität in anderen Ländern zusammen, allen voran China und Indonesien, auch wenn die Gesamtschäden in diesen Ländern größer waren als in den USA. Lediglich der Iran hat noch mehr Schadensbeben (17).

Länder mit den meisten Schadensbeben 2020 (Stand: 16. Mai 2020)