Die verkehrte Realitätswahrnehmung

Unsere Gesellschaft hat in den vergangenen Monaten zahlreiche polarisierende Ereignisse durchlebt: Die Corona-Krise, Donald Trump und die Anti-Rassismus-Proteste, Energiepolitik und ganz hinten im Kopf schwirren auch noch Klima- und Flüchtlingskrise umher. Zugegeben: Manchmal ist die Polarisierung nicht ganz nachvollziehbar, aber doch unverkennbar existent. Über all dem schwebt die jüngst auch durch die BILD-Drosten-Affäre und den YouTuber Rezo wiederbelebte Diskussion um die Vertrauenswürdigkeit der Medien. Ein Grundpfeiler, auf dem alle zuvor genannten Krisen aufbauen und mit dem eine unlösbare Verbindung besteht. Heute durfte ich die beiden Extrema dieses Vertrauenskonfliktes teils aus nächster Nähe beobachten. Ein Kommentar.

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Wer meine Texte auf Erdbebennews schon länger verfolgt, weiß, dass ich gelegentlich Artikel verfasse, die gezielt auf jüngste mediale Veröffentlichungen und die Reaktionen darauf eingehen. So zum Beispiel um einen falsch dargestellten Sachverhalt richtigzustellen oder manchmal auch einfach nur, um meine Meinung dazuzugeben. Seit rund einem Monat bin ich nun auch wieder auf der englischsprachigen Website earthquake-report.com aktiv, um dort mit einem motivierten Team ein erfolgreiches Projekt aufzubauen. Meinem eigenen Stil folgend habe mich heute dazu entschlossen, einen meiner üblichen Texte zur jüngst wieder aufkeimenden, unbegründeten Panikmache zu Yellowstone-Vulkan zu veröffentlichen. Dazu griff ich auf ein Stilmittel zurück, das ich auch schon hier auf Erdbebennews verwendet habe: Eine Überschrift, die das komplette Gegenteil vom eigentlichen Inhalt impliziert. Eine Art Appell, getarnt als Boulevard-Trash:

Ziel ist es, den Lesern den Stil jener unseriösen Medien zu verdeutlichen, die eben solche Falschmeldungen verbreiten: Eine reißerische Headline mit einem nahezu faktenfreien Text und einer unterschwelligen Relativierung der implizierten Dystopie. Oder in dem Fall: Eine reißerische Headline und die Erklärung, warum reißerische Headline irreführend sind.
So weit so gut. Hat bei Erdbebennews damals ganz gut funktioniert. Mit dem englischsprachigen, überwiegend US-Amerikanischen Publikum war dies aber ein mächtiger Griff ins Klo. Tausende Shares in Sozialen Netzwerken, tausende Reaktionen und eine sehr große Reichweite. Genau so, wie es sich gewisse Reichweitenportale wünschen würden. Leider erfolgten mutmaßlich nahezu alle Shares und Reaktionen, ohne zuvor den Text zu lesen. Das heißt: Die Social Media Nutzer vertrauten blind einer nichtssagenden (und in diesem Fall bewusst irreführenden) Überschrift, bildeten sich ihre Meinung und teilten den Beitrag fleißig.

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Das Stilmittel verpuffte. Stattdessen hagelte es Facebook-Kommentare wie:

Vom letzten Kommentar mal abgesehen hat wohl keiner sich die Mühe gemacht, auf den Link zu klicken oder gar den Text zu lesen. Vertrauenswürdigkeit der Quelle wurde hier vorausgesetzt und allein die Überschrift als ausreichende Informationsquelle kritiklos hingenommen. Faulheit, Leichtgläubigkeit, fehlende Medienkompetenz oder einfach die Lust auf Zerstörung: Diese Leserschaft ist der feuchte Traum eines jeden Verschwörungsspinners und Reichweitenjournalisten.

Auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans spielte sich wenige Stunden später ein ähnliches „Drama“ ab. Ähnlich und doch das komplette Gegenteil.
Die Kollegen von T-Online griffen das jüngst vom GFZ erstellte Szenario eines schweren Erdbebens in Köln auf (wir berichteten ebenfalls). Zwar hatte die Nachrichtenabteilung von T-Online lange Zeit den Ruf ein billiger Abklatsch der BILD zu sein. Doch ist seit einigen Jahren das absolute Gegenteil der Fall: Zwar greifen die Redakteure viel auf Clickbait-Überschriften zurück (was angesichts der im oben erklärten Experiment imitierten Zeitgenossen ein notwendiger Überlebenstrick ist), doch weisen die Artikel eine überwiegend hohe journalistische Qualität auf. So auch der Text über die Studie, der detailliert und einfach verständlich die Hintergründe der Studie erklärt und deren Kernaussagen präzise darstellt und einordnet. Inhaltlich gibt es an diesem Text (auch aus wissenschaftlicher Sicht) nichts auszusetzen. Okay, über das Symbolbild, das einem trashigen RTL-Katastrophenfilm entnommen wurde, lässt sich sicher streiten…

Doch auch hier finden wir auf Facebook zahlreiche Kommentare auf Facebook, die entgegen der Aussage des Textes gerichtet sind. Hier werden Überschrift und Inhalt nicht ohne Hinterfragen abgenommen und verbreitet, sondern ohne Spielraum für Diskussionen direkt ins Land der Märchen verwiesen. Von Ignoranz und Spott bis hin zum Vorwurf der Panikmache:

Dazu nochmal ganz deutlich: Die Studie, durchgeführt von Erdbeben- und Katastrophenschutzexperten, ist vom Artikel ohne jegliche Übertreibung wiedergegeben. Dass das durchgespielte Szenario (also ein schweres Erdbeben in Köln) irgendwann passieren wird, steht außer Frage! Dank der Studie haben wir nun ein ungefähres Bild dessen, was zu erwarten ist und mit dem wir Vorbereitungen treffen können! Sofern wir uns der Gefahr bewusst werden!

Hier auch nochmal der Link zur Studie, damit es jeder nachlesen kann: https://doi.org/10.2312/GFZ.b103-20026

 

Dieses Bewusstsein fehlt vielen Kommentierenden komplett, ob sie den Text jetzt gelesen haben oder nicht. Ignoranz, fehlende Medienkompetenz und ein übersteigertes Vertrauen in die eigene Unverwundbarkeit. Ein Publikum, so kritisch, dass Verschwörungsspinner und Reichweitenjournalisten keine Chance hätten. Nur leider ist es hier kein YouTube-Video über Chemtrails, sondern eine Studie, die die nationale Sicherheit gewährleisten, die Menschenleben retten soll.

Auf der einen Seite die bedingungslose Akzeptanz für Apokalypsenszenarien jeder Art, das Herbeisehnen nach Tod und Zerstörung in einer völlig harmlosen Angelegenheit. Auf der anderen Seite extremes Misstrauen, das Ablehnen jedes Gefahrenbewusstseins und die verbale Zerstörung seriöser und essenzieller wissenschaftlicher (und journalistischer) Arbeit.

Warum diese Unterschiede? Warum ist ein beachtlicher Teil der Gesellschaft für Fake News offen und lehnt gleichzeitig echten Journalismus ab?

Über mögliche Gründe kann man ausführlich spekulieren. Mit Sicherheit gibt es Experten, die viel mehr und viel kompetenter darauf eingehen können als ich. Daher werde ich diese Fragen einfach so stehen lassen, vielleicht als Motivation für Leute, die bis hier gelesen haben. Für Leute, denen dieser Trend ebenso Angst macht wie mir.
Natürlich muss man auch berücksichtigen, dass die mehrheitliche Stimmung auf Facebook kein Spiegelbild der gesamten Gesellschaft ist. Doch kennt wohl jeder Facebook-Nutzer diese Momente, wenn man einen Post sieht, diesen aber komplett ignoriert und eigentlich nur die Kommentare dazu lesen möchte. Unterbewusste Beeinflussung durch eine Minderheit mit verkehrter Realitätswahrnehmung.

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