Erdbebennews wird eingestellt

Es ist eine Entscheidung, über die ich bereits seit einigen Monaten nachdenke. Die Ereignisse der letzten Wochen haben mich darin bestärkt, dass dies der richtige Schritt ist: Das Projekt Erdbebennews und damit auch diese Website, die seit vielen Jahren ein wichtiger Teil meines Lebens war, wird ab sofort eingestellt. Neben privaten Gründen spielten technische Aspekte eine Rolle, aber auch gesellschaftliche Aspekte und die jüngsten Katastrophen.

Die Corona-Pandemie und vor allem die jüngste Hochwasserkatastrophe haben schlimme Probleme an die Öffentlichkeit gebracht, die eigentlich schon lange bekannt waren aber weitestgehend totgeschwiegen worden: Fehlende Katastrophenprävention von offizieller Seite, jahrelange massive Verfehlungen in der medialen Präsenz von Naturgefahren und vor allem eine weitreichende Ignoranz und Verharmlosung von Hochwasser, Tornados, Erdbeben und Co. Für mich persönlich war Erdbebennews ein Weg, eher ein Versuch, zumindest einige Menschen auf diese Problematik aufmerksam zu machen. Wirklich erfolgreich war dies, auch angesichts der eher mäßigen Reichweite dieser Nischenwebsite, allerdings nie. Stattdessen zeigte es mir, dass die Verwerfungen in diesem System tiefer sind, als ich zuvor angenommen habe. Hunderte Tote bei einer recht präzise vorhergesagten Flutkatastrophe sind das jüngste Symptom dieser Epidemie.


Zwar könnte man jetzt denken, dass 200 oder mehr Todesopfer reichen sollten, um zum Nachdenken zu bewegen. Doch zeigen die Erfahrungen der Corona-Pandemie mit deutlich mehr Toten, wie brutal der Widerstand von Menschen sein kann, die tief in ihrer Komfortzone verwurzelt sind. Wie schnell eigentlich positive Ansätze in Vergessenheit geraten können. Wie kurz die Aufmerksamkeitsspanne und das Interesse von Menschen in Zeiten von TikTok und Instagram wirklich sind.
Ja, ich denke schon, dass das Ahrtal, Hagen und Erftstadt aus dieser Katastrophe lernen werden. So wie Hamburg aus der Sturmflut und Dresden aus dem Elbe-Hochwasser gelernt haben. Aber Nord- und Ostsee sind nicht groß genug für den Tsunami, der für ein bundesweites Umdenken nötig wäre.

Während (zumindest kleinere) Hochwasser in Deutschland garnicht so selten sind und auch katastrophale Hochwasser sich zumindest alle paar Jahre in die Köpfe der Menschen bohren, sind wirklich schlimme Erdbeben hierzulande (ähnlich wie Pandemien) nicht in jeder Generation vorhanden. Entsprechend hat so manch zivilisierter Telegram-Nutzer mit seiner goldfischartigen Aufmerksamkeitsspanne wahrscheinlich noch nie was vom Dürener Erdbeben gehört. Facebook-Kommentare, die Morddrohungen gegen Ersteller von Erdbebenszenarien für westdeutsche Großstädte aussprechen, tragen ebenfalls nicht zu einer neutralen Betrachtung möglicher Gefahren bei. Da auch mit wenigen Ausnahmen im Bildungssystem dir keiner sagt, dass der Küchentisch aus Massivholz sicherer ist als der bröckelnde Türrahmen oder der schmale Innenhof deiner Firma, ist die nächste schlimme Katastrophe im Rhein-Erft-Kreis vorprogrammiert.

Aber Hauptsache man glaubt den WhatsApp-Gerüchten über geheimes Fracking im Aachener Dom als Auslöser dortiger Erdbeben und der dadurch folgenden Supereruption in der Eifel. Solange ich das Problem nicht erkenne, muss ich mir auch keine Gedanken um meine Sicherheit machen.

Wo wir bei den persönlichen Gründen sind: Ohne auf alle Details einzugehen, ist das ganze Thema für mich in den letzten Jahren zunehmend emotional geworden. Offensichtlich. Vor allem auch in den letzten Monaten. Und ehrlich gesagt: Diese Scheiße möchte ich mir nicht länger antun. Das Internet wird von Fake News regiert und wer ein klein wenig in der Öffentlichkeit steht (was ich übrigens auch immer gehasst habe. Interviews geben ist furchtbar und von dem, was im Laufe der Jahre in meinem E-Mailpostfach gelandet ist, möchte ich garnicht erst anfangen) und dem entgegen wirken will, wird keine schöne Zeit haben.
Da Erdbebennews sowieso oft sehr zeitfressend war und sich dies zum Wahren der Ambitionen zuletzt immer mehr verschärft hat, würde eine Fortsetzung andere Pläne massiv gefährden.

Klar, man könnte sagen, dass gerade jetzt nach zwei Jahrhundertkatastrophen der richtige Zeitpunkt wäre, um die Aufklärungsbemühungen zu intensivieren. Dachte ich auch erst. Aber da Wissenschaftsfeindlichkeit von allen aktuellen Parteien im Bundestag vorgelebt wird und sich die zuvor schon furchtbare Reichweiten-Fraktion um „BILD“ und „Welt“ zunehmend mit den Komfortzonen-Fetischisten kuschelt und die Gräben weiter aufreißt, wäre jede Bemühung auf Erdbebennews wie eine Kanufahrt durch einen Hurrikan.

Dennoch nehme ich viel Positives aus den vergangenen Jahren mit. Viele wichtige Erfahrungen, viele besondere Erlebnisse und viele interessante Menschen, zu denen dieser Weg geführt hat, waren den Gegenwind auf jeden Fall wert. Einige inzwischen sehr wichtige Teile meines Lebens verdanke ich Erdbebennews. Aber auch abseits der Bürden von Öffentlichkeit und Social Media gab es in den vergangenen Jahren negative, teils lebensbeeinflussende Auswirkungen der Arbeit auf Erdbebennews. Solange ich das Gefühl hatte, dass langfristig das Positive überwiegen wird, habe ich dies in kauf genommen. Ob dies schlau war? Mit Sicherheit nicht immer. Denn von den langfristigen Zielen bin ich weiter weg als je zuvor. Nicht nur wegen der gesellschaftlichen Situation, auch wegen eigener Verfehlungen. Aber das ist das Risiko, dem ich mir immer bewusst war.

Weil ich dennoch denke, dass Erdbebennews für manch andere Menschen relativ wichtig war und viele weiterhin einen Sinn in diesem Projekt sehen, möchte ich das Ende meines Engagements nicht zwangsläufig mit dem Ende von Erdbebennews gleichsetzen. Wenn es Menschen gibt, die die Seite fortführen möchten, in der jetzigen oder einer ähnliche Form, meldet euch bei mir! Wichtig sind mir nur ernste Absichten. Erdbebennews war nie etwas, das man mal schnell zwischen Abendessen und Tatort erledigen konnte. Ebenso sollte Erdbebennews nie etwas werden, das meiner Grundvorstellung widerspricht. Ich wäre auch bereit, weiter im Hintergrund aktiv zu sein. Sollte es keine Interessenten geben, ist die Einstellung der Website beschlossene Sache, mein Hauptengagement gilt ab sofort anderen Projekten, mit denen ich weiter im Thema Erdbeben und Katastrophen aktiv sein werde.

Wie zum Beispiel der Earthquake Impact Database. Anders als bei Erdbebennews denke ich hier, dass diese noch langfristigen Nutzen hat. Darum werde ich diese weiter fortführen und entsprechend auch weiterhin die Erdbebenaktivität weltweit verfolgen.
Für andere Erdbebennews-Aspekte wie die Erdbebenliste Deutschlands verweise ich nur noch auf die deutschen Erdbebendienste. Vielleicht nimmt der ein oder andere dies ja als Ansporn, mal ein wenig mehr in die Öffentlichkeitsarbeit zu investieren, damit nicht nochmal ein „dahergelaufener“ „Erdbebenfan“ wie ich deren „Jobs“ und die „nationale Sicherheit“ gefährdet 😉 Denn glaubt mir: Wenn ihr es nicht macht, wird irgendjemand diese Lücke irgendwann wieder besetzen und da gibt es schon jetzt deutlich schlimmere Kandidaten als mich.

Ansonsten bleiben die statischen Inhalte von Erdbebennews (Historische Erdbeben, frühere Artikel, etc.) erstmal weiter online. Aktualisierungen wird es nicht mehr geben.
Bleibt mir nur noch, mich bei all den Unterstützern der letzten Jahre zu bedanken, die mir im Laufe der Jahre viel Freude und Motivation bereitet haben. Tut mir leid, dass diese Geschichte nun ein Ende findet, aber ich bin mir sicher, dass ihr meine Entscheidung nachvollziehen könnt. Vielleicht sehen wir uns bei zukünftigen Projekten!
Bis dahin, alles Gute, viel Gesundheit und seid euch bewusst, welche Naturgefahren möglich sind und wie ihr euch schützen könnt! Nicht jeder Abschnitt der Geschichte muss mit einer Katastrophe enden.

13 Kommentare

  1. Hallo Jens,

    wirklich schade, dass du diese informative Seite einstellst, ich habe hier viel gelernt.
    Schönen Dank dafür und alles Gute auf deinem weiteren Lebensweg!
    Liebe Grüße aus der (erdbebenreichen) Steiermark,

    Roland

  2. Ich danke dir für all die Erklärungen, mit denen du mir als Laien interessante und lehrreiche Stunden beschert hast.
    Wünsche dir viel Erfolg für deine weiteren Projekte!

  3. Auch meinerseits Vielen herzlichen Dank an Dich für Dein jahrelanges Engagement in diesem Bereich! Habe mich immer sehr gut über Erdbeben informiert gefühlt und man hatte auch die Sicherheit und Gewissheit, dass dies keine Fake-News waren. Wünsche Dir in Zukunft Alles Gute und viel Erfolg!

  4. Vielen Dank für die vielen interessanten Artikel und Nachrichten in den letzten Jahren!
    Ich kann die Gründe verstehen, warum Sie aufhören. Traurig ist das.

    Alles Gute für die Zukunft!

  5. Sehr schade. Ich habe mich als interessierter Laie viele Jahre auf dieser Seite gut und seriös informiert gefühlt. Alles Gute für die berufliche und persönliche Zukunft.

  6. Lieber Jens,
    vielen Dank für Dein langjähriges wissenschaftlich-dokumentarisches Engagement!
    Ich arbeite als Historiker, Burgen- und Festungsforscher oft in Griechenland, war am 13.09.1986 beim großen Beben in Kalamata, habe seither viele weitere Erdbeben erlebt, so auch in der Region meines jetzigen Wohnortes Singen (Hohentwiel), und verfolge die Entwicklung in der Eifel, wo ich als Kind und Jugendlicher lebte, mit einiger Sorge. Insofern waren mir Deine sachlich präsentierten Daten immer sehr wichtig.
    Dir die besten Wünsche,
    herzlichst,
    Michael

  7. Danke für dein Engagement. Ich habe deine akkuraten Meldungen und Einschätzungen über Erdbeben gern mit Interesse verfolgt.
    Ich kann deine Beweggründe nachvollziehen und wie sagt man immer so schön: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.
    Wir lesen uns hoffentlich ab und zu auf Twitter wieder 😉

  8. Vielen herzlichen Dank für Dein Engagement. Ich wünsche Dir alles Gute und viel Gesundheit für die Zukunft. Es war ne ganz tolle Seite, auf die ich mehrfach Tag für Tag geschaut habe und alles mitverfolgt habe. Respekt, für das, was Du geleistet hast und noch mehr Respekt für diesen Schritt…

  9. Deine Arbeit wird noch so wichtig werden das sie die Bürger brauchen ! Das geht jetzt erst los. Eine entmutigung ist jetzt fehl am platz. Wer soll uns warnen?Sprich mal mit Gott darüber er wird dir das sagen. Wir kämpfen doch alle . Aufgeben können wir nicht wenn wir keine Bomben wollen.

  10. Jammerschade. Erdbebennews war über Jahre hinweg die Go-To Seite wenn es darum ging vertrauenswürdige Informationen ohne Sensationsjournalismus zu erhalten. Oftmals lesen sich reißerische Infos in social media und etablierten Zeitungen (nein, nicht die sich auf SCHILD reimen) dramatisch, dann war Erdbebennews die Seite auf der ich mich habe „erden“ können. Die wahren Fakten, das wahre Ausmaß – für all das war Erdbebennews für mich die vertrauenswürdigste Quelle überhaupt. Man hat im Laufe der Zeit den Background des Betreibers mitbekommen (was das Vertrauen in die Inhalte noch erhöht hat) und ich mochte den Schreibstil.
    Ich habe eine Menge gelernt. Auch das ein 4.x Erdbeben in China schlimmere Auswirkungen haben kann als ein 6.5 unter Fiji.
    Erdbebennews hat mein Interesse geweckt für Geologie und Vulkanologie, leider fühl ich mich zu alt jetzt noch mit einem entsprechendem Studium anzufangen. Wäre ich jünger würde ichs vermutlich tun.
    Um die Seite zu übernehmen und weiterzumachen fehlt mir die fachliche Expertise, auch wenn ich mir zutrauen würde einen entsprechenden Webserver zu betreiben.
    Wie gesagt – Jammerschade. Aber -grad wenn man als „Einzelkämpfer“ hochwertigen Content in einer solchen Nische publiziert- kann ich mir durchaus vorstellen wie belastend das werden kann. Social Media kann erbarmungslos sein.
    Alles Gute für die Zukunft – Beruflich wie Privat.
    Grüße vom Niederrhein
    Thorsten S.

  11. Es scheint im Trend zu liegen – der Erdbebenmonitor hat offenbar auch seinen Dienst eingestellt, ohne Vorankündigung, auch Astronomie heute am Himmel hat den Dienst eingestellt. Ich beobachte den ganzen COSMOS = himmlische Schönheit, Ordnung und göttliche Vollendung, leider gibt es hier nur noch CRATOS = weltliche Hässlichkeit, Begradigung und diabolische Vollstreckung. Vor 100 Jahren war es genauso, und das was jetzt kommt ist noch weitaus verheerender als ein Weltkrieg mit Panzern und Luftgeschossen. Alles Gute!

  12. Danke für Dein jahrelanges Engagement. Für mich als einen derer für die Du das gemacht hast ist es natürlich traurig, aber nachvollziehbar. Es wird mir fehlen!

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