600% Genauigkeit? Über den Erdbebensensor „Mensch“

Die subjektive Wahrnehmung des Menschen hat in der Erdbebenforschung schon immer eine große Bedeutung. Schließlich ist dies oft die einzige Möglichkeit, die Intensität eines Erdbebens exakt zu bestimmen. Die vergangenen Wochen, seit dem Neustart von Erdbebennews (zu dem ich mich ich mich in den nächsten Tagen auch nochmal äußern werde), waren in Deutschland relativ ruhig. Nur sehr wenige und auch nur sehr vereinzelt spürbare Erdbeben wurden registriert. Unterdurchschnittlich, wenn auch nicht ungewöhnlich. Umso überraschender ist hingegen, dass trotz der vermeintlich geringen Aktivität sehr viele Menschen in Deutschland der Meinung waren, ein Erdbeben gespürt zu haben. Teilweise lässt sich dies auf Muster der vergangenen Jahre übertragen, teilwiese gibt es aber auch Widerspruch. Eine Diskussion über Ursachen von Erschütterungen, Medienbeeinflussung und Fake-Erdbeben.

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Kreise: Registrierte Erdbeben in Deutschland seit 1. Januar 2022. Farblich markiert sind die spürbaren Erdbeben (siehe Intensitätsskala). Grau markiert sind nicht spürbare Erdbeben. Rauten: Über die Wahrnehmungsformulare auf Erdbebennews eingegangene Zeugenmeldungen seit 1. Januar 2022, die sich keinem registrierten Erdbeben zuordnen lassen. Farbmarkierung entsprechend der gemeldeten Intensität.

Erdbebennews sammelt bereits seit einigen Jahren Zeugenmeldungen von Erdbeben in Deutschland. Zum einen, weil diese subjektive Wahrnehmung für andere Leser eine gute Perspektive eröffnet. Zum anderen, weil uns diese Menge an Daten im Laufe der Zeit ermöglichte, eigene Intensitätsberechnungen durchzuführen und stetig zu verbessern – was dann wiederum den Lesern und Betroffenen zugute kommt, die so genau abschätzen können, welches Erdbeben wo welche Auswirkungen gehabt hat.
Ein dritter Grund, der zumindest manchmal greift: Oft sind Zeugenmeldungen schneller als Erdbebendienste und stellen eine gute Quasi-Echtzeitbenachrichtigung bei spürbaren Erdbeben dar. Darum setzt Erdbebennews auch in Zukunft auf die Mithilfe der Follower.
Trotz aller Vorteile: Zeugenmeldungen können manchmal auch irreführend sein.

„17.01.2022 3:35
Es hat nicht lange gedauert, ungefähr 10-20 Sekunden, ich hatte in dem Moment kein Zeitgefühl, war unter Panik und total erschrocken… Ich war zu dem Zeitpunkt im Wohnzimmer auf der Couch und habe es deutlich gespürt, dass sich etwas bewegt. Daher, dass auch das Haus etwas älter ist, war es denke ich etwas besser zu spüren..“

Seit Jahresbeginn gingen über die Meldeformulare auf Erdbebennews (Social Media Meldungen nicht eingeschlossen) 22 Erdbebenmeldungen ein. Aber nur vier davon, drei nachträglich für frühere Jahre, eine für das Erdbeben in Bleicherode, konnten sich tatsächlich einem Erdbeben zuordnen lassen. Heißt: Auf drei spürbare Erdbeben in 2022 (eins über Meldeformular bestätigt, zwei über Social Media) kommen 18 Wahrnehmungen ohne Erdbebenzuordnung.

Um diese Zahl besser einordnen zu können, muss man ein paar Punkte beachten:

  • Dass ein relativ großer Anteil aller Meldungen „falsch“ ist, sprich: Kein Erdbeben oder sonstiges bestimmbares Ereignis beschreibt, war auch schon früher der Fall. Oft sind es „alltägliche“ Erschütterungen wie Verkehr, eine überladene Waschmaschine oder auch mal eine stärkere Windböe, die Menschen glauben lassen, sie hätten ein Erdbeben gespürt. Und nicht so selten, wie man vielleicht denkt, so kann ich auch aus eigener Erfahrung sprechen, ist es einfach Einbildung oder ein seltsamer Traum.
  • Die Zahl solcher Zeugenmeldungen schwankt. Wenn Erdbeben gerade ein dominierendes Thema, zum Beispiel in den Nachrichten oder im eigenen sozialen Umfeld sind, kommt bei solchen Alltagsbeobachtungen eher die Assoziation Erdbeben, womit auch die Zahl der Meldungen in dieser Zeit besonders hoch ist. Gerade in den klassischen deutschen Erdbebenregionen, wo sowas durchaus plausibel ist, aber auch in Regionen ohne Erdbebengeschichte, wo aufgrund fehlender Erfahrungswerte Verwechslungsgefahr besteht, kommt es zu diesen Fehlinterpretationen.
  • Auch die Reichweite spielt natürlich eine Rolle: Je mehr Menschen auf Erdbebennews unterwegs sind, umso mehr potentielle Verwechslungen (aber auch potentielle echte Meldungen) gibt es.

„25.01.2022 gegen 23:30 Uhr
Mein Mann und ich sind gegen 23:30 Uhr wach geworden durch ein leichtes wackeln. Ähnliches haben wir hier schon öfter in Vergangenheit  wahrgenommen. Diesmal allerdings stärker.“

Darum gibt es durchaus Gründe, warum man eine gewisse Anzahl an falschen Beobachtungen erwarten kann. Das ist auch vollkommen unproblematisch, schließlich ist das für mich weder mit finanziellen noch zeitlichen Aufwand verbunden. Ungewöhnlich und so interessant, dass ich mir Zeit für eine genauere Betrachtung mache, wird dies erst bei Berücksichtigung folgender Punkte:

  • 18 Meldungen seit Jahresbeginn, davon 12 in den letzten zwei Wochen. Sechs mal mehr Zeugenmeldungen als spürbare Erdbeben. Eine so hohe Zahl ist für Erdbebennews unüblich. Auch aus den reichweitenstärksten Monaten mit hoher Erdbebenaktivität in Deutschland gibt es kaum vergleichbare Zeiten.
  • Die Web-Reichweite von Erdbebennews ist nach über sechs Monaten Inaktivität noch nicht wieder dort, wo sie mal war. Viele Stammleser von früher wissen wahrscheinlich noch nichts von der Rückkehr und auch die Platzierung in Suchmaschinen ist noch ein Stück von früheren Zeiten entfernt. Ein Zeichen dafür ist auch die geringe Anzahl an Zeugenmeldungen zu den tatschlich spürbaren Beben.
  • Die Erdbebenaktivität in den letzten Wochen war in Deutschland sehr niedrig. Auch weltweit gab es kein Erdbeben, das in Deutschland eine nennenswerte Medienpräsenz erreicht hat (was auch maßgeblich einen Einfluss auf die Reichweite von Erdbebennews hatte). Eine daraus resultierende Beeinflussung der Wahrnehmung sollte also momentan kaum stattfinden.

„27.01.2022, 7.35 Uhr
2 kurze Erschütterungen, schwach aber deutlich merkbar. Unabhängig voneinander haben wir die kurzen Beben bemerkt (Dusche + Bett).
Keine Schäden.“

Relativierend muss man aber auch sagen: Die Aufforderung zum Melden von Erdbeben ist zur Kompensation des Reichweitenrückgangs aktuell relativ prominent platziert. Aber die Frage ist: Reicht das als Erklärung? Oder steckt mehr dahinter?

Blickt man auf die letzten zwei Jahre zurück, zeigt sich in gewissen Milieus ein Trend zu Fake-Erdbeben. Also zur Verbreitung von Meldungen angeblicher Erdbeben, die nie passiert sind. Basis sind Zeugenmeldungen wie auf Erdbebennews, die von Social Media und manchen Plattformen stammen und teils gezielt zur Reichweitensteigerung und/oder Desinformation verbreitet werden. Oft ist dabei für Laien nicht mehr nachvollziehbar, welche Meldungen echt und welche falsch sind, sodass der Eindruck von deutlich höherer Erdbebenaktivität geweckt wird, aber auch durch den Widerspruch mit realen Erdbebendienst-Aufzeichnungen Verschwörungsmythen befeuert werden. Gerade im Zusammenhang mit der QAnon-Gruppierung gibt es entsprechende Behauptungen. Vertreter solcher Ideologien könnten somit eher zur Interpretation von Alltagsbeobachtung als Erdbeben neigen oder gar gezielt versuchen, Falschmeldungen zu provozieren – was ja auf anderen Plattformen auch funktioniert.

„28.1.2022
Vibrationen im Zimmer, ca.17.33 Uhr, kurz, gehört, bestätigt durch eine weitere Person, gezählt ca. 3 mal (1,2,3) hintereinander. Es war still im Zimmer und dadurch hörbar. Tritt immer wieder mal auf.“

Auch ist es denkbar, dass der Neustart von Erdbebennews die Wahrnehmung einiger regelmäßiger Follower getrübt hat. Dies war in den letzten Wochen vor allem in den Sozialen Netzwerken zu sehen, wo viele Kommentatoren offenbar den Eindruck hatten, dass es ungewöhnlich viele Erdbeben gibt. Dass nach sechs Monaten plötzlich wieder dutzende Meldungen über Erdbeben in der Timeline auftauchen, kann durchaus irritierend sein und zu Fehlinterpretationen führen. Besonders, wenn man zuvor wenig über andere Quellen auf das Thema aufmerksam geworden ist.

Da ich nichts über die Personen weiß, die Zeugenmeldungen einreichen, kann ich auch nicht sagen, ob eine Zuordnung zu einer der genannten Gruppen möglich ist. Aber zumindest lässt sich bei einigen Meldungen eine gewisse Überzeugung von der eigenen Wahrnehmung / Einschätzung rauslesen, teils auch mit angeblicher Bestätigung durch eine zweite Person. Mit Sicherheit lässt sich jedoch sagen, dass keine der Beobachtungen auf ein Erdbeben oder ein sonstiges seismisches Ereignis (u.a. Steinbruch-Sprengung, Explosion, etc.) zurückgeht, da sich dies mit seismologischen Aufzeichnungen nachweisen und überprüfen lässt.

„1.2.2022 20 Uhr
Ich habe ein lautes Grollen gehört und ein Vibrieren des Bodens bemerkt.“

Auch wenn die subjektive Wahrnehmung oft eine große Bedeutung hat, die Präzision von moderner Technik wird bei weitem nicht erreicht. Stattdessen unterliegt der Mensch dem Einfluss von äußerer (gezielter oder unterschwelliger) Manipulation, die seine Wahrnehmungen und Interpretationen täuschen. 600% mehr spürbare Erdbeben als real würde es bedeuten, wenn dem nicht so wäre. Statt 600% höherer Präzision ist es aber eher 600% höhere Fehleranfälligkeit. Und auch wenn die Mathematik im letzten Satz nicht ganz präzise ist, lässt sich eine gewisse Vorsicht beim Umgang mit subjektiven Einschätzungen anderer Personen einfordern. Schließlich weiß man inzwischen, welche Wirkung gewisse Behauptungen haben.

Die hier besprochene Häufung der Wahrnehmungsmeldungen wird sich wahrscheinlich nicht abschließend erklären lassen. Sollten die Leser dieser Passage eigene Überlegungen haben, freue ich mich sehr über eine Diskussion in den Kommentaren. Vielleicht bringt dies noch andere Einblicke in die Diskussion. Denn auch wenn seismologische Präzision in diesen Fällen nicht gegeben war, eine spezielle Perspektive ist immer gegeben.

Ein Kommentar

  1. Hallo Jens, Wenn man einmal annimmt, dass dir da keine reine Fake-Beben gemeldet werden, können durchaus (Du hast das in deinem Text ja schon angedeutet) auch tatsächliche Ereignisse zu solchen Eindrücken führen. Ein Beispiel gefällig?
    Ich wohne nur etwa 100 Meter vom Mainufer entfernt auf einer durchgängigen Basaltschwelle. Schiffe auf dem Fluss können – insbesondere wenn sich in der Nähe zwei schwerere Transporter begegnen – durchaus auch mal die Gläser im Schrank klirren lassen. Unbedarft könnte man dabei schon an ein leichtes Erdbeben denken. Ich vermute, in den Messgeräten wird sich das als allgemeines „Hintergrundrauschen“ abzeichnen, weil ja immer irgendwo Schiffe unterwegs sind. Für den nahe dabei befindlichen Menschen „wackelt der Boden“.

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