Kommentar: Warum Fracking-Risiken überschätzt sind

Die Debatte ist wieder da: Fracking in Deutschland, ja oder nein? Ist es ein sicherer und effektiver Weg zur Energiegewinnung, oder sind die Risiken zu groß? Teures Gas und im Winter frieren, oder mit Erdbeben, brennenden Wasserhähnen und explodierenden Gartenzwergen unsere Spargelernte ruinieren? Oder doch lieber Putins günstiges Gas kaufen, der Ukraine keine Waffen schicken und mit russischen Oligarchen auf den Weltfrieden und den Sieg über den Deep State anstoßen?
Was ist ein Diskurs wert, in dem es mehr um Populismus und Ideologien geht, als um die Sache selbst? Ein Kommentar.

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Schon vor dem Ukraine-Krieg und vor Corona war Deutschland nicht dafür bekannt, bei umwelt- und energiepolitischen Themen mit dem Gehirn zu denken. Entscheidungen wurden aus dem Affekt heraus getroffen, zum Umsetzen einer eigenen Agenda oder einfach, weil der Aufsichtsratsposten bei RWE gesichert werden wollte. Von einer klimaneutralen Energiegewinnung sind wir weit entfernt. Stabilität kann auch nicht mehr gewährleistet werden. Und überhaupt: Egal was wir machen: Irgendjemand wird auf jeden Fall angepisst sein. Wenn schon kein armer Mittelstandspolitiker, dann der Nachbar von Gegenüber.

Bei Fracking, Geothermie und Windkraft geht es nur um Egoismus

Bürgerinitiativen, die sich schon lange der wissenschaftlichen Basis entsagt haben, und eine reine „Nicht in meinem Hinterhof!“-Agenda fahren, sind so manchem Projekt mehr als nur ein Dorn im Auge. Eigene Interessen über dem Gemeinwohl, bei Politikern ein Skandal, sind für Normalbürger der Mindestanspruch. Und wenn man keine Argumente (mehr) hat, holt man sich von Links und Rechts Tipps, wie man sich die Welt am schönsten dreht. Kontext? Braucht keiner. Inhalt? Kann man durch Lautstärke kompensieren. Und Fakten? Vertrau mir, Bruder!

Die Geschichten von verseuchten Grundwässern, zerstörerischen Erdbeben und kompletter Umweltzerstörung sind nicht neu. Auch die vermeintlichen Belege, die diese Geschichten untermalen sollen, sind nicht neu. Oder alt. Oder irgendwie existent. Oft sind es rohe Informationsschnipsel, die irgendwo stehen und so gut ins Thema passen. Manchmal sind es Worst Case Szenarien, die mehr Planung als Realität sind. Und in einzelnen Fällen hat man den propagandistischen Ursprung schon ganz vergessen.

Und all die Fracking-Beben in den Niederlanden? Nein, hat nichts mit Fracking zu tun!
Und Texas? Nö auch nicht, Waste Water Injection!
Und das Risiko generell? Vorhanden, aber beherrschbar!
Aber Grundwasser? Unfälle können nie ausgeschlossen werden!

Ist Fracking komplett sicher und umweltschonend? Natürlich nicht!

Existieren Risiken nur, wenn man sie anspricht?

Wir leben in einem Land, dass seit Jahrzehnten Landschaften und Siedlungen wegen Kohle umpflügt. Wo wir Küstenformen neu gestaltet haben. Wo wir wegen der Landwirtschaft Grenzwerte für Schadstoffe im Wasser „angepasst“ haben. Wo Autos mehr Platz haben als Menschen. Wo die meisten Bäume nur als Rohstoffquelle existieren. Wo Politiker bewusst Wissenschaft ignorieren. Wo gesundheitsschädlicher Aberglaube staatlich gefördert wird.

Aber wir leben auch in einem Land, wo Menschen Angst vor Windrädern haben. Wo Ausbau nachhaltiger Infrastruktur an vermeintlicher Lärmbelästigung scheitert. Wo Menschen ihre Freiheit über Fahrgeschwindigkeit definieren. Wo Solidarität an der eigenen Grundstücksgrenze aufhört. Wo es gesellschaftlich gefördert wird, wenn eine Mutter sich vor den Augen ihres Kindes ins Koma säuft.

Wann haben wir verlernt, was Probleme sind? Statt uns mit denen zu beschäftigen, die wir schon haben, sehen wir Neue in möglichen Chancen und versuchen lieber, dies zu verhindern. Bequemlichkeit, Gewohnheit und Ignoranz verhindern Fortschritt, Innovationen und Lösungen, die in dynamischen Krisenzeiten dringend notwendig sind.

Angst vor Fracking statt Lösungsorientierung

Natürlich ist Fracking keine Lösung für immer und mit Risiken verbunden. Aber wieso haben wir Angst vor kleinen Erdbeben, während wir kleine Erdbeben durch Bergbau seit Jahrzehnten bewusst tolerieren? Wieso haben wir Angst ums Grundwasser, unterstützen aber weiter konventionelle Massentierhaltung? Und wieso sehen wir immer nur die Risiken und nicht die Chancen und die Möglichkeiten, neue (und bestehende) Probleme zu lösen? Selbst wenn es schief geht, Worst Case, ist Win-Lose immer noch besser als Lose-Lose. Im angestrebten und realistischen Idealfall profitieren Alle.

Die Angst vor Neuerungen überwiegt oft die Angst vor der Sache selbst. Doch weder der Klimawandel, noch ein Krieg oder eine Pandemie nehmen Rücksicht auf Eure Befindlichkeiten. Die heile Welt ist nur eine Illusion, die mehr und mehr bröckelt. Statt euch und eure Interessen, eure Ideale und eure Gruppierungen selbst zu hinterfragen, wählt ihr den einfachen Weg nach Links oder nach Rechts, vielleicht komplett in eine alternative Realität. Hauptsache der Gartenzwerg steht an seinen Platz oder ist explodiert und der Spargel schmeckt oder ist ruiniert.

Was denkt ihr?

 

Vorschaubild: Bohrung Goldenstedt Z23, wo Fracking folgenlos (ohne spürbare Erdbeben) durchgeführt worden ist. Foto: Markus Stahmann