Das Hechingen-Erdbeben: Auslöser und Hintergründe

Der Zollernalbkreis ist die aktivste Erdbebenregion Deutschlands. Schwere Erdbeben in den Jahren 1911, 1943 und vor allem 1978 sind noch im Gedächtnis der Region verankert. Hinzu kommen viele kleine, spürbare. Seit 2020 ist diese Region wieder besonders im Fokus: Eine Serie dutzender kleiner, teils spürbarer Erdbeben ist im nördlichen Zollernalbkreis aktiv. Diese Häufung mit sechs Erdbeben über Magnitude 3 innerhalb von zwei Jahren haben Anwohner fürchten lassen, dass ein weiteres großes Erdbeben drohen könnte. Hat das heutige Erdbeben, das stärkste in Baden-Württemberg seit 2009, diese Sorgen nun bestätigt? Wichtige Fragen und Antworten zum heutigen Erdbeben.

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Was ist passiert?

In Hechingen hatte das heutige Erdbeben um 13:47 Uhr seinen Ursprung. Magnitude 4.1, nach Auswertungen des Erdbebendienstes Südwest und damit deutschlandweit das stärkste Erdbeben seit 2014. Wie für Beben dieser Stärke üblich, waren die Auswirkungen weitreichend: Bis nach Stuttgart, Straßburg, Karlsruhe und Konstanz waren Erschütterungen zu spüren, vereinzelt kam es noch zu Wahrnehmungen im Raum Ulm, Zürich, Mannheim und Frankfurt. Wie bei früheren Erdbeben zeigt sich auch hier ein Trend, dass das Schüttergebiet vor allem Richtung Norden und Süden ausgedehnt ist. Auch einzelne Schäden sind die Folge: Mehrere Betroffene aus Hechingen und Umgebung meldeten Risse in Gebäuden.

Hechingen-Erdbeben Intensitätsberechnung
ShakeMap (Intensitätsberechnung) des Erdbebens in Hechingen am 9. Juli. Das Gebiet möglicher spürbarer Erschütterungen umfasst weite Teile von Baden-Württemberg und angrenzender Gebiete.

Was war Auslöser des Erdbebens?

Ursprung dieses (wie jedes) Erdbebens im Zollernalbkreis ist die sogenannte Albstadt-Scherzone: Ein Bereich in der Erdkruste, in dem es entlang großer Risse zu ruckartigen Bewegungen der Erdkruste kommt. Bewegungen, die ein Resultat der Alpenentstehung im Süden sind und sich entlang einer vom Bodensee bis in den Rhein-Neckar-Raum verlaufenden Schwächezone nach Norden ausbreiten. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Scherzone im Raum Albstadt wieder aktiv und hat in den Jahren 1911, 1943 und 1978 Erdbeben zwischen Magnitude 5.7 und 6.1 ausgelöst. Kleinere Erdbeben dauern an. Die Chance für weitere große Erdbeben ist weiterhin gegeben.

Seit Ende 2019 häufen sich Erdbeben im Zollernalbkreis. Was ist die Ursache?

Zwischen Jungingen, Onstmettingen, Burladingen und Hechingen kam es in der Zeit zu fünf Erdbeben über Magnitude 3 (das stärkste mit Magnitude 3.9) und zahlreichen kleineren. Viele davon wurden verspürt. Diese sind in drei Cluster orientiert, die sich über eine Länge von vier Kilometern entlang des Hauptzweiges der Albstadt-Scherzone erstrecken und direkt aneinander angrenzen. Infolge dieser Erdbebenserie, die auch aktuell noch andauert, gab es in der Zeit überdurchschnittlich viele Erdbeben im Zollernalbkreis. Zuletzt bebte es am 7. Juli mit Magnitude 2.7. Wie lange diese Erdbebenserie noch andauert, ob sie sich ausbreitet oder sogar stärker wird, ist nicht absehbar. Da sich der Erdbebenschwerpunkt während dieser Serie laufend verlagert hat, scheinen Bewegungen natürlicher Fluide (Wasser, Gase) in der Erdkruste ursächlich für diese Serien. Details sind noch Gegenstand aktueller Forschung.

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Epizentren der Erdbeben im Jungingen-Cluster (rot): Die Erdbeben dauern seit 2019 an und ereignen sich entlang des Nord-Süd-verlaufenden Hauptzweigs der Albstadt-Scherzone.

Nun Hechingen: Besteht ein Zusammenhang?

Die Erdbebencluster zwischen Jungingen und Albstadt liegen rund 10 Kilometer östlich des heutigen Epizentrums.  Auch die Tiefe ist anders: Statt bei rund 7 Kilometern in Jungingen liegt sie hier bei rund 10 Kilometern. Die räumliche Distanz zwischen dem Jungingen-Cluster und dem Hechingen-Erdbeben deuten darauf hin, dass kein direkter Zusammenhang besteht. Die Fluide, die ursächlich für die Jungingen-Sequenz sind, haben keinen Weg nach Westen gefunden. Stattdessen wurde zeitgleich ein westlicherer Zweig der Albstadt-Scherzone reaktiviert. Möglicher Einfluss durch Spannungsaufbau infolge der jüngsten Erdbeben ist nicht auszuschließen. Insgesamt scheint das zeitliche Zusammentreffen beider Ereignisse aber nur Zufall zu sein.

Aktuelles aus der Region  Erdbeben an der US-Militärbasis Ramstein?

Wie ungewöhnlich sind Erdbeben so weit westlich?

Tatsächlich war das heutige Erdbeben eines der westlichsten Beben, die in den letzten Jahren im Zollernalbkreis aufgezeichnet wurden. Das letzte vergleichbare mit ähnlicher Stärke ereignete sich im Jahr 1971. Aber auch in jüngerer Zeit war Hechingen aktiv: Ein kleinerer Erdbebencluster, nicht vergleichbar mit Jungingen, ist seit mehr als 10 Jahren nahe der Autobahnauffahrt Hechingen-Süd aktiv, rund ein Kilometer östlich des aktuellen Epizentrums. Dieser hat in jüngerer Zeit aber nur Mikrobeben hervorgebracht. Auch im westlichen Zollernalbkreis gibt es somit Zweige der Albstadt-Scherzone, die immer wieder aktiv sind.

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Bekannte spürbare Erdbeben im Zollernalbkreis der letzten Jahrhunderte (rote Kreise) und aktuelles Erdbeben (Stern). Das heutige Beben liegt im westlicheren Bereich der Albstadt-Scherzone. Anders als im zentralen Teil rund um Albstadt kam es in der Vergangenheit rund um Hechingen nur sehr vereinzelt zu stärkeren Beben.

Droht nun eine neue Erdbebenserie?

Es gab weder Vor- noch (stand 17 Uhr) Nachbeben. Es deutet daher im Moment nichts darauf hin, dass eine neue Erdbebenserie wie bei Jungingen angefangen hat. Aber unabhängig davon: Erdbeben über Magnitude 4 können zahlreiche spürbare Nachbeben haben, die auch über mehrere Wochen andauern können. Bewohner von Hechingen sollten sich also darauf einstellen, in nächster Zeit häufiger kleine Erdbeben zu erleben.

Hat das Hechingen-Erdbeben Einfluss auf die Jungingen-Sequenz?

Auch wenn kein direkter Zusammenhang besteht, kann ein Erdbeben wie in Hechingen nahe gelegene Erdbebensequenzen beeinflussen, die durch Bewegung von Wasser und anderen Fluiden ausgelöst wird. Laufen Erdbebenwellen durch eine aktive Störungszone, führen sie zu einer plötzlichen und kurzzeitigen Spannungsänderung. Steht diese Störungszone oder in ihr vorhandenes Wasser unter Druck, kann diese Spannungsänderung ausreichen, um neue Wege für das Wasser zu öffnen. In dem Fall wäre ein schnelleres und stärkeres Durchströmen und damit ein häufigeres Auslösen von Erdbeben möglich. Aber auch das komplette Gegenteil, das dauerhafte Versiegeln der Strömungswege und damit das Beenden der Erdbebenserie, ist möglich. Ob eine dieser beiden Optionen eintritt, wird die Zukunft zeigen.

Ist mit dem heutigen Erdbeben ein neues starkes wie 1978 wahrscheinlicher geworden?

Nein. Das heutige Erdbeben hatte keinen nennenswerten Einfluss auf die langfristige tektonische Entwicklung der Albstadt-Scherzone. Es kann, wie jedes andere Erdbeben auch, ein Vorbeben sein, ist es aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht. Zudem gibt es keine Hinweise darauf, ob ein mögliches zukünftiges schweres Erdbeben wieder im zentralen Abschnitt der Albstadt-Scherzone auftritt, oder möglicherweise weiter westlich. Generell: Kein einzelnes Erdbeben lässt irgendeine Aussage über zukünftige Erdbeben zu. Vorbeben sind nicht als solche identifizierbar, bis das Hauptbeben passiert. Ein Hauptbeben bleibt solange das Hauptbeben, bis ein stärkeres Beben folgt.

14 Kommentare

  1. Hallo,
    wir wohnen in einem alten Fachwerkhaus in 71706 Nähe Markgröningen/Schwieberdingen und haben das Beben deutlich gespürt. Das ganze Haus hat gut gewackelt

  2. Ich wohne in Crailsheim, das ja nun ziemlich weit entfernt ist und auch außerhalb der blau markierten Zone liegt. Aber ich habe das Zittern deutlich gespürt, mir dann aber gedacht, ich hätte mich getäuscht. Als ich die Nachricht darüber las, war klar, dass es tatsächlich ein Erdbeben war.

  3. Wir in 73770 Denkendorf haben das Erdbeben auch gespürt, eine Wand ist gerissen und wir fühlten uns kurz wie auf einem Wackelbrett

    1. Ich wohne in 72461 und da war absolut nichts von diesem Beben zu spüren, obwohl wir beide im Freien waren. Auch in meiner Nachbarschaft hat niemand etwas von diesem doch etwas stärkeren Beben gemerkt. Nicht einmal das Beben am 11.07 morgens um 5 Uhr hat man gemerkt obwohl dies eine Stärke von 2,7 hatte. Ich habe das Beben von 1978 mit erlebt und habe echt keine Lust so etwas noch einmal zu erleben, besonders wenn mit einmal der Kamin im Wohnzimmer auf dem Tisch liegt, so wie es 78 bei uns der Fall war.

  4. Ich hoffe mal nicht das es auch noch andere Bundesländer drift mit denn Erdbeben das es nirgends wo anders auch auftritt aber wer weiss wo noch h erbeben entstehen können vielleicht auch mal in einem anderen Bundesland was man mal nicht hoffen wollen denn man kann ja die wissen wo die Erde als nächstes bebt da kann nur hoffen und beten das es nicht so schlimm wird das gleich die ganzen Häuser einstürzen denn es ist ja oft genug schon in anderen Länder passiert offensichtlich passiert das nicht eines Tages auch bei uns das kann ich nur hoffen und beten das wier verschont bleiben vor diesem Unheil das wäre mein wunsch

  5. Hallo zusammen ich wohne direkt Bad wildbad und ich muss euch sagen das das Haus in dem ich wohne am Samstag gut gewackelt hat meine Orchidee wackelte ziemlich stark aber nichts zu Bruch gegangen danke für die Erklärung war mir fast schon klar .wird es weitere Beben geben und wie stark werden sie ???

  6. Ja, ich habe es sogar hier in Offenburg gespürt. Die Gläser im Schrank haben geklingelt.

  7. Hallo, sehr interessanter Artikel. Was mir heute aufgefallen ist (vielleicht auch Zufall) fast keine Vögel zu sehen oder zu hören, kein Grillen zirpen. Vielleicht kann jemand mit dieser Information was anfangen, da ja auch in diese Richtungen Forschungen laufen (Erkennen Tiere gefahren)
    Grüße Micha

  8. Guter Bericht.

    Ich verfolge als direkter Anwohner die verstärkte Erdbebentätigkeit hier bei Albstadt gezwungener Maßen etwas intensiver. Was mir persönlich aufgefallen ist bei den stärkeren, spürbaren Beben. Sie passierten relativ zeitnah, nachdem es auf der Oberfläche größere Wassermengen gab. Sei es durch Regen, Schnee (Tauwetter) oder Unwetter. Die Alb besteht aus ziemlich porösen Karstgestein, wo das Oberflächenwasser ziemlich schnell versickert. Dies würde für ein Fluid als Auslöser der Bebenserien sprechen. Zumindest für das Geschehen rund um Jungingen.

    Das M4.1 ist da etwas ein Ausreißer. Aktuell ist es hier seit einiger Zeit ziemlich trocken und es gab kaum bis gar kein Niederschlag. Zudem ist dieses Beben eben nicht auf der Albhochfläche, sondern im tieferen, flachen Albvorland. Dort ist die Gesteinszusammensetzung meines Wissens eine etwas andere. Dieses beben war für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich lang. Für mich sieht das nach einem anderen geologischen Auslöser aus, als bei der Serie rund um Jungingen.

    Ob die beiden Zonen zusammen hängen? Gute Frage. Einen gewissen Einfluss aufeinander dürften schon auf Grund der räumlichen Nähe haben. Ebenso bin ich gespannt, wie sich das weiter entwickelt. Wobei ich auf ein Beben Magnitute 5 weniger scharf bin.

    1. Genau das habe ich seit Jahren auch festgestellt. Auf ein größeres Beben bin ich auch nicht mehr scharf!! Habe das 1978 auch mit erlebt und bin seitdem bei jeder kleinen Erschütterungen hellwach!!!

    2. Hallo Tobi. Wir wohnen direkt in 72461 und komischerweise hat man da von diesem 4.1er Beben nichts gemerkt. Die Wetterverhälntnisse 1978 waren bzw fast genau gleich wie die in diesem jahr. 1978 hatten wir im Frühjahr und Sommer sehr wenig Niederschlag. Erst ende August und anfang Sept 1978 hatte es damals sehr stark geregnet. Das Resultat kennen wir ja. Ich wurde damals sehr unsanft geweckt, denn über meinen Bett hatte ich ein Regal mit Büchern die alle über mir lagen, und statt dem Frühstück im Wohnzimmer lag der Kamin der sonst 8 meter weiter oben war. Zum Glück hatte es bei uns damals keine Personenschäden gegeben. Man ist aber nirgendwo auf diesem Planeten von Naturereignissen sicher, wir haben die Beben an den Küsten im Norden die Sturmfluten in Übersee Tornados. Mutter Natur läßt die Muskeln spielen und wir sind dieser Gewalt ganz einfach ausgesetzt und haben nichts aber auch gar nichts entgegen zu setzten.

    1. Die einzigen ehemaligen Vulkane sind ca 40km weit Weg nahe Reutlingen und gelten als Erloschen.

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