Warum Metal-Konzerte keine „Erdbeben“ auslösen

Lauter, schneller, härter. Metal und seine diversen Subgenres gehören zu den extremsten Musikformen. In den letzten Wochen hat jedoch eher sanfterer Rock die stärksten Auswirkungen gehabt. Florence + the Machine und Coldplay haben bei ihren jüngsten Konzerten in Berlin Wände umliegender Häuser wackeln lassen. Die erdbebenähnlichen Erschütterungen, die „FatM“ mit ihren springenden Fans beim Tempelhof-Sounds im Juni auslösten, wurden gestern auf „Befehl“ von Coldplay-Frontmann Chris Martin während der Konzerte im Olympiastadion sogar überboten. Härtere Bands wie Rammstein jedoch ließen die Seismographen unbeeindruckt. Was braucht es, um ein Konzert-„Erdbeben“ auszulösen?

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Magnitude 1.3, 1.4 und 1.5. Was bei realen Erdbeben auch in Millionenstädten normalerweise kein großes Interesse weckt, kann bei menschlichen Ursachen im wahrsten Sinne hohe Wellen schlagen. Zehntausende Fans, die im Rhythmus der Musik springen, haben in den letzten Wochen mehrfach Berliner Häuser schwingen lassen. Mehrere Seismographen, die im Berliner Stadtgebiet platziert sind, konnten jeweils minutenlange Signale messen, die eindeutig keinen natürlichen Ursprung haben.

Hüpfende Fans lassen Berlin beben

Florence + The Machine haben beim Tempelhof Sounds am 10. Juni den Anfang gemacht. Während ihres Songs „Dog Days Are Over“ animierte die Sängerin Florence Welch (wie üblich bei diesem Song) zum gemeinschaftlichen Hüpfen. Das Ergebnis waren eine Minute andauernde Erschütterungen, die von zahlreichen Anwohnern ums Tempelhofer Feld verspürt wurden und eine Lokalmagnitude von 1.4 erreichten. Dabei handelte es sich vor allem um Schwingungen niedriger Frequenz (ca. 2 bis 3 Hertz), die auf ebener Straße nicht verspürt werden, sich aber einfach auf höhere Gebäude übertragen.

Die Meldung vom Konzert-Erdbeben hatte sich bis zum nächsten Tag herumgesprochen, sodass unter anderem auch beim Konzert von Muse noch deutliche Signale messbar waren. An die Stärke der „FatM“-Erschütterungen kamen diese aber nicht heran.

Sänger animiert Fans, neues „Erdbeben“ zu verursachen

Exakt einen Monat später schaffte auch die Band Coldplay spürbare Erschütterungen bei ihrem ersten von drei Konzerten im Berliner Olympiastadion. Während der zwei schnellen Passagen des Klassikers „A Sky Full Of Stars“ sprangen ebenfalls Zehntausende Fans im Takt der Musik. Das Ergebnis: Magnitude 1.3 und spürbare Erschütterungen in bis zu einem Kilometer Entfernung. Was dem Sänger Chris Martin nicht ausreichte.

Beim zweiten Konzert am Dienstagabend (12.) animierte er während des Songs, die Stärke des vorherigen Erdbebens zu überbieten. Gesagt, getan. Magnitude 1.5.

Werte, von denen zum Beispiel die Fans von Rammstein weit entfernt blieben. Während der beiden Konzerte einige Wochen zuvor wurden keine nennenswerten Erschütterungen aufgezeichnet, trotz gleicher Anzahl an Konzertbesuchern und vermeintlich härterer Musik.

Seismologische Aufzeichnungen vom 4. und 5. Juni, die Tage der beiden Rammstein-Konzerte im Olympiastadion Berlin

Entscheidend für spürbare Erschütterungen sind vor allem Rhythmus und Timing. Sowohl „Dog Days Are Over“ als auch „A Sky Full Of Stars“ sind (zumindest in Teilen) relativ schnelle Songs mit 150, bzw. 120 Beats per Minute (bpm), was umgerechnet einer Springfrequenz von 2,5, bzw. 2 Hertz entspricht. Frequenzen, die auch viele Rammstein-Songs problemlos erreichen. Doch fehlt dort überwiegend die fröhliche Atmosphäre, die zum Springen einlädt. Gleichzeitig benötigt es besonders bei höheren Geschwindigkeiten eine zentrale Koordination, wie durch Welch and Martin, damit die Menge im gleichen Rhythmus bleibt.

Gemeinsamer Rhythmus entscheidend

Auch andere Metal-Bands spielen meist weniger fröhliche Springmusik. Gemeinsames Klatschen oder Headbangen ist eher die Regel und wird eher von den Frontmusikern gefordert. Seltene Passagen, die zum Hüpfen einladen, wie zum Beispiel bei Songs der Bands Powerwolf und Sabaton vorhanden, sind in der Regel unkoordiniert, kurz und oft auch wegen der hohen Geschwindigkeit nicht im Takt. Nur wenn alle Besucher über längere Zeit im gleichen Rhythmus bleiben, können entsprechende Schwingstärken erreicht werden, die auch abseits des Veranstaltungsorts noch mess- und vor allem spürbar sind.

Um diese Energie zu erreichen, ist zudem eine gewisse Masse erforderlich. Abseits der genannten Vertreter gibt es zumindest in Deutschland wenige Metal-Bands, deren Konzerte große Hallen oder gar Stadien füllen können. Fröhliche, zum Hüpfen einladende Songs, die vielleicht von kleineren Bands gespielt werden, können so nicht ihre Wirkung entfalten. Ausnahmen sind einzig die großen Festivals, wo es jedoch wieder an der Koordination und auch am Willen vieler Besucher scheitert.

Für die kommenden Konzerte von Iron Maiden in Bremen und Frankfurt gibt es ein weiteres Hindernis: Rund um die Veranstaltungsorte gibt es nur wenige seismologische Stationen, was eine Detektion von Erschütterungen dieser Größenordnung erschwert. Heißt: Magnitude 1.5 müssten die Fans überbieten, damit das „Erdbeben“ registrierbar ist. Ob sich Bands und Fans darauf einlassen, ist eine andere Frage und könnte auch davon abhängen, ob Coldplay heute beim dritten Konzert nochmal eine Bestmarke versucht.