Erdgas-Beben in Groningen: Wie Schadenszahlen manipuliert werden

Erdbeben durch Erdgasförderung beschädigten hunderttausende Gebäude in den Niederlanden. Diese und ähnliche Meldungen kamen in den letzten Jahren immer wieder auf. Besonders während der aktuellen Energiekrise, wo Deutschland zunehmend auf Erdgas aus den Niederlanden angewiesen ist, wird die Situation in der Region Groningen wieder diskutiert. Neue Erdbeben und neue Schadensmeldungen gab es zuletzt ebenfalls. Doch sind die hohen Schadenszahlen, die auch von internationalen Medien kommuniziert werden, meist äußerst fragwürdig. Wie die Schadenszahlen durch Erdgas-Erdbeben in Groningen verfälscht werden.

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Samstag, 22. Oktober zur Mittagszeit: Ein neues leichtes Erdbeben traf die niederländische Region Groningen. Magnitude 2.2, es war das 1152. induzierte Erdbeben durch Erdgasförderung, das die Niederländische Meteorologiebehörde seit Aufzeichnungsbeginn 1986 erfasste. Wie schon zwei Wochen zuvor traf des den kleinen Ort Wirdum. Seit 1993 ist es das 59. Erdbeben, das in diesem Dorf registriert wurde. Das vorherige Beben am 8. Oktober war mit Magnitude 3.1 das stärkste in Wirdum seit Aufzeichnungsbeginn, das Nachbeben zwei Wochen später mit M2.2 immer noch relativ „stark“. Hinzu kamen weitere kleinere Nachbeben in den letzten Wochen.

Groningen: Acht Erdbeben im Oktober

Magnitude 3.1 und 2.2. Während in den meisten Regionen diese Größenordnung schlimmstenfalls verschreckte Anwohner hinterlässt, misst man in Groningen mit anderen Maßstäben. „Magnitude 2.2, wieder ein destruktives Erdbeben in Groningen“, schrieb jemand leicht zynisch auf unserem internen Discord-Server am 22. Oktober. Und tatsächlich: „Zahl der Schadensmeldungen nach dem Erdbeben in Wirdum steigt weiter auf 343“ titelten niederländische Medien drei Tage später. Auch wenn „destruktiv“ eine gezielte Übertreibung war: 343 Schadensmeldungen wären für ein Erdbeben dieser Stärke beachtlich.

Erdbebennews-ShakeMap des Wirdum-Erdbebens am 22. Oktober. Intensität III, wie gemessen von KNMI, berechnet für die Epizentralbereich rund um Wirdum. Realistisch sind Schäden erst ab Intensität V.

Wer die Auswirkungen von Erdbeben weltweit regelmäßig verfolgt weiß, dass Schadensbeben in dieser Größenordnung äußerst selten sind. Allerdings auch, dass induzierte Erdbeben (z.B. durch Erdgasförderung) mit anderen Maßstäben zu betrachten sind. Die geringe Tiefe dieser Beben führt zu einer höheren Schwingstärke und damit zu höherer Intensität und einem höheren Schadenspotential. Wie hoch die Intensität ist, kann das KNMI dank eines sehr dichten Stationsnetzes in der Region aus der Bodenbewegung ableiten. Für das Wirdum-Erdbeben am 22. Oktober ergibt sich eine Maximalintensität von III und damit für viele Menschen wahrnehmbare aber schwache Erschütterungen.

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Potential für Erdbebenschäden abhängig von Intensität

Magnitude 2.2, Intensität III und 343 Schadensmeldungen? Werte, die selbst bei induzierten Erdbeben eigentlich nicht zusammen passen. Zumal die Region Groningen nicht sehr dicht besiedelt ist. Ein Widerspruch, für dessen Erklärung weitere Details zu verstehen sind. Wie im zitierten Bericht geschrieben, werden die Schäden von Betroffenen an der Institut für Bergschäden Groningen gemeldet. Dieses ist verantwortlich für alle Schadensfälle, die mit der Erdgasförderung in Zusammenhang gebracht werden. Dazu zählen auch induzierte Erdbeben.

So gibt es nach jedem spürbaren Erdbeben Pressemitteilungen, die die neuen Schadensfälle in den „Tagen danach“ zusammenfassen. Vom 22. Oktober bis zur Veröffentlichung am 25. Oktober waren es also 343 Schäden. Das Institut kann allerdings nicht differenzieren, welche Schäden durch das Erdbeben entstanden sind und welche andere Ursachen haben. Einziger Anhaltspunkt: Der Wirkungsbereich des Erdbebens. Dieser Bereich wird über die Bodenbewegung des Erdbebens definiert und beschreibt alles mit einer maximalen Schwinggeschwindigkeit von 2 Millimetern pro Sekunde. Oder in Intensität umgerechnet: Etwa III, also schwach spürbar. Alles außerhalb wird nur von wenigen Menschen oder überhaupt nicht wahrgenommen. Vergleichbar mit der „Wirkung“ eines vorbei fahrenden LKW.

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Die Schadensmeldungen innerhalb und außerhalb des Wirkungsbereichs werden in den Pressemitteilungen unterschieden und auch von Medien meist erwähnt, aber selten genauer erklärt. So sind alle Schäden innerhalb des Wirkungsbereiches „möglicherweise“ mit dem Erdbeben im Zusammenhang stehend. Bei allen Schäden außerhalb kann mit annähernd hundertprozentiger Sicherheit ein Zusammenhang ausgeschlossen werden. Für das Erdbeben am 22. Oktober kommt man somit auf nur noch 17 Schadensmeldungen innerhalb des (ziemlich kleinen) Wirkungsbereiches, die „möglicherweise“ eine Folge des Erdbebens sind.

Nur fünf Prozent der „Schäden nach Erdbeben“ im Wirkungsbereich

Für die restlichen 327 Fälle sind mit höchster Wahrscheinlichkeit andere Faktoren ursächlich. Hauptverdächtiger ist hier, wie in vielen Bergbaugebieten, die Bodensenkung. Durch das Fördern des Gases aus tiefen Gesteinsschichten entstehen kleine Hohlräume, die nach und nach zusammenbrechen. Dabei rutschen oberhalb liegende Gesteins- und Sedimentpakete langsam nach, bis auch irgendwann die Oberfläche absinkt. Wie stark diese Absenkung ist, ermittelt zum Beispiel der European Ground Motion Service (EGMS) anhand von Satellitendaten. In der Region Groningen sind es teilweise mehr als ein Zentimeter pro Jahr.

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Screenshot vom EGMS. Dargestellt sind die nördlichen Niederlande sowie Teile Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens. Die farbliche Darstellung zeigt dem Maßstab entsprechend die über Satelliten gemessene Absenkung oder Hebung der Erdoberfläche innerhalb der letzten Jahre. Der große Bereich mit Absenkung (rot dargestellt) oben in der Mitte ist die Erdgasförderregion Groningen. Weiter südlich am unteren Bildrand zu sehen das Ruhrgebiet. Auch einzelne Erdgasgebiete in Niedersachsen sowie Köge entlang der Küste senken sich kontinuierlich ab.

Während Erdbeben plötzlich auftreten und nach wenigen Sekunden vorbei sind, laufen Bodensenkungen kontinuierlich und für Bewohner meist unmerklich ab. Dass sie aber dennoch eine erhebliche Gefahr für Gebäude darstellen, kennt man zum Beispiel in den ehemaligen Steinkohlerevieren in Nordrhein-Westfalen. Obwohl die Hochzeit des Bergbaus schon lange zurück liegt, sind die Absenkungen andauernd und bei der RAG registriert weiterhin über 20.000 Fälle von Bergschäden jährlich. In Groningen, wo der Bergbau fortbesteht, ist die Absenkung entsprechend stärker und großflächiger.

Bodensenkung häufiges Problem in Bergbaugebieten

Wie hoch die Auswirkungen dieser nicht spürbaren Bodenbewegungen sind, erkennt man an den wöchentlichen Zusammenfassungen des Instituts für Bergschäden. Auch in Wochen ohne Erdbeben gehen hier teils über 3000 Schadensfälle ein. Diese finden aber, zumindest in der Öffentlichkeit, weniger Aufmerksamkeit. Erdbeben führen weltweit zu hunderttausenden Gebäudeschäden jährlich, haben großes Gefahrenpotential und einen massiven mentalen Einfluss auf die Betroffenen. Auch für die sonstige Öffentlichkeit ist der psychologische Wirkungsbereich allein des Begriffs „Erdbeben“ deutlich größer als der von einem Zentimeter Absenkung pro Jahr.

Häufungen von Schadensfällen nach Erdbeben, sofern überhaupt vorhanden, gehen daher auch auf die Alarmierung zurück, wenn Anwohner nach dem plötzlichen wahrnehmbaren Ereignis ihr Eigentum überprüfen. Wie viele der entdeckten Schäden aber tatsächlich den jeweiligen Erdbeben zuzuschreiben sind, ist nicht nachweisbar. Auch weil gemäß den Regelungen in Groningen kein Nachweis erbracht werden muss, der für die meisten Anwohner auch nicht möglich ist. Zumindest außerhalb des definierten Wirkungsbereichs, außerhalb von Erdbebenwochen und außerhalb des Alarmierungsbereichs kann ein Zusammenhang ausgeschlossen werden. Bei allen anderen werden wir es nie erfahren, aber gesunde Skepsis ist oft angebracht, zumal es eine deutlich plausiblere Alternativursache gibt.

Dass die hohen Schadensfälle infolge der Erdgasförderung von Medien und Öffentlichkeit dennoch oft ohne genauere Hintergrunderklärung den Erdbeben zugeschrieben wird, führt zu einem problematischen Missverständnis und zu einer Risikoüberschätzung, die auch auf andere Gebiete wirkt. Ebenso wie die häufige Verbindung zu Fracking, obwohl dieses in Groningen keine Anwendung findet. Wenn in Groningen induzierte Erdbeben mit Magnitude 2 hunderte Häuser beschädigen, muss induzierte Seismizität in dichter besiedelten Gebieten doch noch gefährlicher sein. Oder? Dahingegen ist Erdgasförderung ohne Erdbeben doch generell unproblematisch. Oder?

Erdbeben in Groningen als emotionaler Aufhänger

Die durchaus gravierenden Folgen der Erdgasförderung in Groningen werden im Sinne der Emotionalisierung einem Faktor zugeschrieben, der nur einen untergeordneten Einfluss hat. Durch Fokussierung auf den größten psychologischen Wirkungsbereich wird nicht nur die öffentliche Debatte manipuliert. Allen (gerade in der Energiekrise oft notwendigen) Arten der Energiegewinnung, die induzierte Erdbeben provozieren kann, wird durch das Beispiel Groningen ein übertriebenes, irrationales Risiko angeheftet. Betroffene von Bergschäden finden weniger öffentlichen Rückhalt, wenn es kein Erdbeben gab. Und Aktivisten, die teils mit sinnvollen Beweggründen gegen Bergbau vorgehen, finden bei Entscheidungsträgern kein Gehör, weil ihre Argumente falsch sind.

Sachliche Argumentation für oder gegen ein industrielles Projekt funktioniert nur mit Fakten. Aufmerksamkeit für ein Belangen kreiert man im digitalen Zeitalter nur mit Emotionen. Ein Dilemma, denn Sachlichkeit und Emotionalität sind selten vereinbar. In Krisenzeiten wirkt das eine verlockend, während das andere die Probleme lösen kann. Ob wir ein Erdbeben der Stärke 2.2 in Groningen als destruktiv darstellen wollen, um Gehör zu finden, oder als Teil des Ganzen sehen, um die Probleme erfassen und angehen zu können, ist die freie Entscheidung jeder Person, jedes Medienunternehmens, jedes Twitter-Users. Sich der Wirkung des Gesagten bewusst zu sein, ist eine gesellschaftliche Aufgabe.