Zollernalbkreis: Anzahl der Erdbeben verfünffacht

Der Südwesten Deutschlands erlebt in diesem Jahr eine für viele Anwohner ungewöhnliche Häufung von Erdbeben. Im Mittelpunkt steht der Zollernalbkreis. Mit dem heutigen Erdbeben (M3.9) in Jungingen erlebte dieser nun bereits sein 14. spürbares Erdbeben des Jahres, 13 davon entstanden direkt vor der Haustür. Zudem war es das fünfte Erdbeben in diesem Jahr in Südwesten über Magnitude 3. Vermehrte Aktivität, die bereits 2019 eingesetzt und sich 2022 weiter gesteigert hat. 

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Über den Zollernalbkreis und die dortige Erdbebenaktivität haben wir in den vergangenen Monaten bereits viel geschrieben. Wie die Erdbeben dort entstehen, welche geschichtlichen Hintergründe es gibt und auch, wie das jüngste Erdbeben in Hechingen zu bewerten ist. Viele Texte, viele Fragen, viele Erklärungen in kurzer Zeit, die schon andeuten, dass die letzten Jahre für die Menschen auf der Schwäbischen Alb und eigentlich für den gesamten Südwesten ziemlich bewegend waren.

29 spürbare lokale Erdbeben in drei Jahren

29 Erdbeben über Magnitude 2 wurden seit Ende 2019 im Zollernalbkreis registriert. Magnitude 2 gilt grob als die Schwelle, ab der Beben für Menschen spürbar sind. 29 spürbare Erdbeben in 36 Monaten. Der Großteil dieser Ereignisse geht auf einen schmalen Streifen zwischen Albstadt und Jungingen zurück, das Jungingen-Cluster. Dabei handelt es sich um ein Segment der Albstadt-Scherzone, das in den letzten drei Jahren besonders aktiv wurde und auch das heutige Erdbeben hervor gebracht hat. Mit Magnitude 3.9 war dieses das stärkste seit Beginn der Aktivität (gleichauf mit einem weiteren Ende November 2020). Die Erschütterungen waren über 100 Kilometer weit zu spüren, an einzelnen Gebäuden traten Schäden auf.

Zeitlicher Verlauf der Erdbeben im Zollernalbkreis seit 2011. Dargestellt sind alle registrierten Erdbeben ab Magnitude 1 (blaue Kreise, Größe der Kreise entspricht der Stärke). Die Gesamtzahl der Erdbeben seit 2011 wird durch die rote Linie dargestellt. Blaue Farbtöne im Hintergrund markieren Zeitintervalle mit 50 Erdbeben. Insgesamt sind es (Stand 16. Oktober, 18:00 Uhr) bisher 273 Erdbeben.

Auswirkungen wie diese wären in Deutschland bemerkenswert. Erdbeben dieser Stärke kommen im Schnitt alle drei bis fünf Jahre vor. Doch für den Zollernalbkreis wird es zunehmend Routine. Neben den Erdbeben in Jungingen gab es vor wenigen Monaten ein Erdbeben der Stärke 4.1 in Hechingen. Nicht zu vergessen erst vor einem Monat ein Beben mit Magnitude 4.7 im Oberrhein. Drei Fünf-Jahres-Erdbeben in vier Monaten. Auch wenn zwischen den einzelnen Ereignissen kein Zusammenhang besteht: Das Gefühl, dass die Erdbeben immer mehr, immer stärker werden, beschrieben uns viele Personen nach dem heutigen Ereignis. Ein Gefühl, das die Statistik bestätigt.

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Anzahl kleiner Erdbeben seit 2019 verdreifacht, spürbare Beben verfünffacht

Seit dem Beginn des Jungingen-Erdbebenclusters ist ein deutlicher Anstieg der Erdbebenzahl im Zollernalbkreis zu sehen. Waren es in den Jahren zuvor noch etwa 25 registrierte Erdbeben pro Jahr ab Stärke 1, sind es seit 2020 70 bis 100 pro Jahr. 2022 steht im Moment bei 78. Ein Effekt, der nicht nur auf die zuletzt intensivierte Überwachung und die damit niedrigere Registrierungsschwelle zurückzuführen ist. Denn besonders deutlich wird es über Magnitude 2. Vor den 29 spürbaren Beben des Jungingen-Clusters waren es im gesamten Zollernalbkreis seit 2011 nur 17. Aus durchschnittlich zwei Erschütterungen pro Jahr wurden zehn.

Aktuelles aus der Region  Leichtes Erdbeben (M2.1) im Bodensee bei Sipplingen

Doch auch wenn dieser Trend offensichtlich ist: Es ist nicht möglich, hieraus Schlüsse für die nahe Zukunft zu ziehen. Auch wenn von der älteren Zollernalb-Bewohnergeneration Vergleiche mit der Situation 1978 nicht gescheut werden, fehlt es an Daten von damals, die diese Erinnerungsprotokolle stützen. Selbst wenn es so wäre: Ein klassisches Muster, dem Erdbebenserien folgen, gibt es in den meisten Serien nicht. Präzise Prognosen für die nahe Zukunft anhand früherer Erfahrungen sind somit kaum mehr als Glücksspiel.

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Erdbeben im nördlichen Zollernalbkreis seit 2011. Der Schwerpunkt liegt auf einem drei Kilometer langen Streifen zwischen Jungingen und Onstmettingen. Dieses „Jungingen-Cluster“ ist seit Ende 2019 aktiv und Ursprung der meisten aktuellen Erdbeben.

Geologische Zusammenhänge und Hintergründe können jedoch helfen, eine Ahnung davon zu bekommen, was möglich sein könnte. Wie in den früheren Texten beschrieben, befindet sich das Jungingen-Cluster nördlich der drei großen Erdbeben 1911 (Ebingen), 1943 (Tailfingen) und 1978 (Onstmettingen). Drei große Erdbeben, die einem sehr langsamen Domino-Effekt entsprechend entlang einer tektonischen Bruchzone entstanden. Jahrtausende an Spannungsaufbau durch die Alpenauffaltung, die sich Schritt für Schritt in den großen und vielen kleineren Beben entluden und bis heute nicht restlos beseitigt sind.

111 Jahre Domino-Effekt

Natürlich ist es denkbar, dass es entlang der Albstadt-Scherzone (vor allem) abseits der drei bereits gebrochenen Segmente zu neuen großen Erdbeben kommt. Das Segment des Jungingen-Clusters grenzt unmittelbar an das 1978-Segment an und ist somit wohl das Segment mit der höchsten Spannung im Gestein. Natürlich ist es verdächtig, dass genau dieses Segment seit 2019 für eine Verfünffachung der Erdbebenaktivität sorgt. Und natürlich können Fluide, die kurzfristige, kleinere Erdbebenserien auslösen, auch schwere Erdbeben auslösen. Je länger eine Serie andauert und je größer sie wird, umso stärker können auch die Einzelereignisse werden.

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Aber das Muster kann noch so auffällig, so schlüssig, so verlockend sein: Erdbeben haben keine Wiederholungstaste. Dass der Zollernalbkreis wieder und wieder aufgeschreckt wird, ist nicht nützlicher als eine Erinnerung an das, was möglich ist. Häufiger werdende Erinnerungen sollten auch eine entsprechende Reaktion der Bevölkerung wahrscheinlicher machen. Die Wissenschaft hat bereits reagiert, die Überwachung der Region verstärkt und die Forschung intensiviert. Fragen, nach Ursprung und Entwicklung der Zollernalbbeben, sollen geklärt werden. Jedes weitere Erdbeben macht diese Arbeit noch wichtiger.

Einen Monat vor ihrem 111. Geburtstag hat die Zollernalb-Erdbebensequenz heute erneut gezeigt, dass die Albstadt-Scherzone lebt, das Jungingen-Cluster weiter besteht und Erdbeben zunehmend zur Routine werden. Mit vierzehn spürbaren Erdbeben in 10 Monaten bewegen sich die Alb-Städte in einem Bereich, wo man schon weltweit in Regionen höchster seismischer Aktivität nach Vergleichen suchen muss. Der Zollernalbkreis, die erdbebenreichste Region Deutschlands, nähert sich kalifornischen Verhältnissen. Auch die Frage nach dem „Big One“ wird häufiger. Doch an klaren Hinweisen auf ein „ob“ mangelt es noch.

3 Kommentare

  1. Entscheidend für die Schwere eines Erdbebens ist nicht allein die Intensität oder Häufigkeit, sondern vor allem auch deren Dauer. Und in der Hinsicht bleiben deutsche kleine Rülpser.

    Selbst die längsten Beben während den besagten letzten 111 Jahren hielten kaum länger als 10 Sekunden an, als besonders krasses Gegenbeispiel erstreckte sich dagegen allein das Hauptbeben des Tohoku-Erdbeben über fünf Minuten! Solange sich die deutschen weiterhin auf einen kurzen Knall bzw. Rüttler beschränken, muss man sich auch vor einem Beben mit der Magnitude 8 nicht groß fürchten.

  2. Ich kann mich sehr gut an die Zeit vor dem Erdbeben 1978 erinnern. Vor diesem Ereignis gab es jedes Jahr etliche spürbare Erdbeben bis zum großen Knall. Außer ein paar Nachbeben war es danach ruhig. Erst in letzter Zeit häufen sich diese Erdbeben wieder. Trotz aller Wissenschaft, denke ich, gibt es Parallelen zu der damaligen Zeit, was mich etwas beunruhigt, zumal ich in Burladingen wohne, also im unmittelbaren Bereich dieser Ereignisse.

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