Eine neue geologische Studie wirft einen genaueren Blick auf einen Bereich, der vielen Menschen im Alltag kaum bewusst ist: die Feldbiss-Störung, die direkt entlang der Stadtgrenze zwischen Aachen und Stolberg verläuft. Damit liegt eine aktive Störungszone unmittelbar am Rand einer Großstadt. Ein mögliches Erdbeben an dieser Stelle hätte unmittelbaren Einfluss auf hunderttausende Menschen. Das Ergebnis der Studie: Seit der letzten Eiszeit kam es an dieser Stelle zu mindestens vier sehr großen Erdbeben.

Die Erdbebengefährdung der Niederrheinischen Bucht und im Raum Aachen ist grundsätzlich bekannt. Bisher fehlten jedoch konkrete geologische Belege, wie oft und in welcher Form es entlang der bekannten Störungszonen in der Vergangenheit zu starken Erdbeben kam. Historische Erdbebenkataloge basieren ausschließlich auf schriftlichen Überlieferungen aus der Zeit. Über Erdbeben, die vor dem Jahr 1500 aufgetreten sind, ist nur sehr lückenhaftes Wissen vorhanden. Problem: Große Erdbeben am Niederrhein sind deutlich seltener als der Zeitraum, aus dem verlässliche historische Überlieferungen vorliegen. Genau diese Lücke schließt die neue Untersuchung für die südliche Feldbiss-Störung.
Blick in den Untergrund statt in alte Chroniken
Um frühere Erdbeben nachzuweisen, verließen sich die Forschenden der RWTH Aachen unter der Leitung von Hauptautorin Vanessa Steinritz nicht nur auf historische Berichte, sondern auf direkte Spuren im Boden. Mithilfe hochauflösender Geländemodelle (LiDAR), geophysikalischer Messungen, Bohrungen und zweier Grabungen an der Sebastianusstraße zwischen Aachen und Stolberg wurde der Untergrund Schicht für Schicht untersucht.
Solche sogenannten paläoseismologischen Grabungen erlauben es, frühere Erdbeben selbst dann zu erkennen, wenn sie zehntausende Jahre zurückliegen – ganz unabhängig davon, ob Menschen sie damals dokumentiert haben. Dabei wird geschaut, ob und wie stark die Bodenschichten im Laufe ihrer Geschichte durch starke Erdbeben verschoben oder auf sonstige Art beeinflusst wurden.
Vier starke Erdbeben seit der letzten Eiszeit nachgewiesen
In den Grabungen konnten vier einzelne Erdbebenereignisse identifiziert werden, bei denen sich die Feldbiss-Störung bis an die Erdoberfläche bewegt hat. Die Ereignisse reichen zeitlich von über 35.000 Jahren vor heute bis in die historische Zeit (nach 1728–1785 n. Chr.):
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älter als ca. 35.000 Jahre,
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zwischen ca. 26.800 und 24.900 Jahren,
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zwischen ca. 24.900 und 24.700 Jahren,
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sowie in historischer Zeit nach 1728–1785 n. Chr.
Auffällig ist, dass sich mindestens zwei große Erdbeben innerhalb kürzester Zeit vor rund 25.000 Jahren ereignet haben. Dies stützt frühere Annahmen, dass Erdbeben in dieser Region geclustert auftreten können. Heißt: Innerhalb von Jahrhunderten kommt es mehrfach zu großen Erdbeben. Danach ist für viele Jahrtausende Ruhe, bis sich der Zyklus wiederholt.
Was ist ein Oberflächenbruch?
Bei einem Oberflächenbruch setzt sich der Riss, der bei einem starken Erdbeben in mehreren Kilometern Tiefe entsteht, bis an die Erdoberfläche fort. Dabei verschieben sich Böden und Sedimentschichten beiderseits der Störung oft um mehrere Zentimeter bis Dezimeter. Je stärker das Erdbeben, umso größer der Versatz an der Oberfläche. Solche Brüche treten nur bei größeren Erdbeben auf. Für Bauwerke, Straßen oder Leitungen direkt über einer Störung sind Oberflächenbrüche besonders problematisch.
Wie stark waren diese Erdbeben?
An der Feldbiss-Störung wurden Versätze zwischen etwa 11 und 70 Zentimetern gemessen. Daraus lassen sich Erdbeben mit Magnituden von ungefähr Mw 5,9 bis 6,6 ableiten. Das entspricht der Größenordnung der stärksten historisch bekannten Erdbeben in der Region. Darunter auch das Dürener Erdbeben von 1755/56. Der jüngste nachgewiesene Bruch an der Feldbiss-Störung fällt zeitlich in diese Epoche. Unklar bleibt jedoch, ob der Hauptbruch des Dürener Bebens tatsächlich an der Feldbiss-Störung stattfand. Die Autoren halten es für wahrscheinlicher, dass es sich um einen kleineren, mitbewegten (getriggerten) Bruch handelte, ausgelöst durch ein stärkeres Erdbeben auf einer benachbarten Störung.
Neu ist dabei weniger die Höhe der Magnituden, sondern der konkrete Nachweis, dass solche Erdbeben genau an diesem Störungsabschnitt aufgetreten sind – direkt im heutigen Grenzbereich zwischen Aachen und Stolberg. Frühere Studien konnten bereits für nördliche Abschnitte der Feldbiss-Störungen große Erdbeben nachweisen. Auffällig dabei: Ein Erdbebencluster vor rund 15.000 Jahren mit mehreren Erdbeben über Magnitude 6.
Einordnung: Das Dürener Erdbeben von 1755/56
Das Dürener Erdbeben war das stärkste bekannte Erdbeben in Deutschland in historischer Zeit. Zwischen Weihnachten 1755 und Frühjahr 1756 kam es zu zahlreichen teils starken Erdbeben rund um Düren und am Nordrand der Eifel, die in der Region viel Zerstörung zwischen Aachen und Köln anrichteten und mehrere Menschenleben forderten. Das Hauptbeben am 18. Februar 1756 wird auf Magnitude 5.9 bis 6.4 geschätzt.
Warum ist die Störung im Gelände so gut zu erkennen?
Auf Luftbildern und Geländemodellen ist der Verlauf der Feldbiss-Störung erstaunlich klar zu erkennen, obwohl es nur wenige nachgewiesene Ereignisse gibt und die langfristige Bewegungsrate mit rund 0,03 Millimetern pro Jahr sehr gering ist. Auch Autofahrer auf der Sebastianusstraße zwischen Aachen und Stolberg spüren diese Überbleibsel früherer Katastrophen in Form markanter Bodenwellen.
Die Studie erklärt dies ausdrücklich nicht mit häufiger Aktivität, sondern mit günstigen Erhaltungsbedingungen: Seit dem späten Pleistozän (vor ca. 15.000 Jahren) wirkten in der Region vergleichsweise geringe erosive Prozesse. Zudem konnten Ablagerungen feiner Sande (Löss) während der Eiszeiten Geländeformen eher konservieren, statt sie zu zerstören. Entscheidend ist: Schon wenige Oberflächenbrüche reichen aus, um eine Störung dauerhaft sichtbar zu machen, wenn die Landschaft sie nicht wieder „ausradiert“.
Was bedeutet das für Aachen, Stolberg und das Rheinland?
Die Studie zeigt nüchtern, aber deutlich: Die Feldbiss-Störung ist auch im Bereich der heutigen Stadtgrenze zwischen Aachen und Stolberg zu oberflächenrupturierenden Erdbeben fähig. Solche Ereignisse sind selten, würden im Fall ihres Auftretens aber direkt dicht besiedelte Gebiete betreffen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass solche großen Erdbeben nicht isoliert auftreten. Wenn sich die aufgestaute Spannung einmal löst, kann es über Jahre oder Jahrzehnte hinweg wiederholt zu größeren und zahlreichen kleineren Erdbeben kommen.

Eine akute Warnung für den Raum Aachen ist dieses Ergebnis nicht. Die neuen Daten liefern jedoch eine wichtige Grundlage für zukünftige Erdbebengefährdungsbewertungen in der Niederrheinischen Bucht. In unmittelbarer Nähe des Grabungsortes kreuzt die Feldbiss-Störung mit der Bahnstrecke Brüssel–Aachen–Köln sowie der Autobahn A4 zwei zentrale Verkehrsinfrastrukturen. Solche Verkehrswege könnten bei einem großen Erdbeben erheblich beschädigt werden. Einschätzungen, wann das nächste starke Erdbeben auftreten könnte, sind auf Grundlage der Studie jedoch nicht möglich.
Originalveröffentlichung:
Steinritz, V., Pena Castellnou, S., Lothmann, T. et al. Late Pleistocene to Holocene paleoseismicity and seismic hazard of the southern Feldbiss Fault (Lower Rhine Graben, Germany). Int J Earth Sci (Geol Rundsch) 115, 3 (2026). https://doi.org/10.1007/s00531-025-02552-9
Hinweis: Die Feldarbeit zu dieser Studie fand im Jahr 2022 statt. Erdbebennews berichtete bereits damals unter Berufung auf die vorläufigen Einschätzungen. Neu sind die unter anderem die exakten Datierungen sowie eine präzisere Analyse der geologischen Funde.