Szenario
Dieser Beitrag ist Teil der Artikelserie „Erdbebenszenarien“. In dieser Artikelserie stellt Erdbebennews historisch belegte und wissenschaftlich plausible Erdbeben in Mitteleuropa vor.
Das spürbare Erdbeben südlich von Leipzig am 14. April war mit einer Magnitude von 3,2 vergleichsweise klein. Schäden sind bei solchen Beben in der Regel nicht zu erwarten. Trotzdem wurde es in der Westhälfte Sachsens verbreitet verspürt und erinnert daran, dass die Region Leipzig – Halle keineswegs erdbebenfrei ist. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen vielmehr, dass in dieser Region auch deutlich stärkere Erdbeben möglich sind. Wie würde sich also ein Erdbeben der Magnitude 5.3 zwischen den beiden großen Städten Leipzig und Halle auswirken? Dieses Szenario basiert nicht auf Spekulation, sondern auf veröffentlichten seismologischen Untersuchungen und bekannten tektonischen Strukturen der Region.
Erdbebenparameter
- Magnitude: M 5.3
- Zeit: hypothetisches Szenario
- Tiefe: 25 km
- Ursprung: tektonisch
- Typ: Szenario
- Betroffene Region(en): Deutschland
Einordnung
Ausgangspunkt dieses Szenarios sind zwei gut untersuchte Erdbeben aus den Jahren 2015 und 2017 im Raum zwischen Leipzig und Halle. Diese erreichten Lokalmagnituden (ML) von etwa 3.5 beziehungsweise 3.0, wurden in einem Umkreis von mehr als 50 Kilometern verspürt und erreichten örtlich Intensität IV. Ähnlich auch das neue Erdbeben 2026. Obwohl es sich nur um moderate Erdbeben handelte, zeigten sie, dass in der dicht besiedelten Metropolregion bereits relativ kleine Beben große öffentliche Aufmerksamkeit auslösen können.
Das in der Veröffentlichung von Dahm et al. (2018) diskutierte Szenario geht einen Schritt weiter: Es nimmt an, dass ein rund 12 Kilometer langes Störungssegment zwischen den beiden damaligen Erdbeben in einem einzigen Ereignis aufreißt. Für diesen Fall modellierten die Autoren ein Erdbeben der Magnitude (MW) 5.3 in rund 25 Kilometern Tiefe. Genau dieses Grundszenario greift Erdbebennews hier auf.
Tektonischer Hintergrund
Die Erdbebenaktivität in Mitteldeutschland konzentriert sich nicht nur auf das erdbebenschwarmgeprägte Vogtland, sondern zieht sich in einem breiteren Gürtel bis in den Raum Leipzig–Halle: Die sogenannte Leipzig-Regensburg-Zone, in neueren Publikationen auch nur Leipzig-Vogtland-Zone genannt. Für die beiden in der genannten Studie untersuchten Beben von 2015 und 2017 ergaben geophysikalische Daten einen Ursprung auf einer Nordwest-Südost verlaufenden Bruchzone. Beide Ereignisse lagen zudem ungewöhnlich tief in etwa 26 bis 29 Kilometern Tiefe und damit in der unteren Erdkruste. Die Autoren sehen darin einen Hinweis, dass alte, tief reichende Störungssysteme im Untergrund zwischen Halle und Leipzig reaktiviert werden. Besonders relevant ist dabei das Umfeld der Halle-Störung und weiterer paralleler Bruchstrukturen, die seit langem als bedeutende tektonische Elemente der Region bekannt sind. Das ML3.2-Beben im April 2026 passt damit grundsätzlich in ein Muster, das in der Region zuvor wissenschaftlich beschrieben wurde. Der Ursprung dieses Erdbebens liegt allerdings in einer Nord-Süd verlaufenden Störung und somit parallel zur Leipzig-Vogtland-Zone.
Warum dieses Szenario relevant ist
Die Bedeutung eines solchen Szenarios ergibt sich vor allem aus der Kombination aus tektonischer Möglichkeit und hoher Bevölkerungsdichte. Im Ballungsraum zwischen Leipzig und Halle leben mehr als eine Million Menschen, hinzu kommen sensible Infrastrukturen, Industrieanlagen und dicht bebaute Stadtgebiete. Jüngste Beben zeigen, dass selbst relativ kleine Beben der Magnitude um 3 in dieser Region bereits auf großer Fläche verspürt werden. Ein deutlich stärkeres Erdbeben könnte daher nicht nur lokal, sondern weit über das eigentliche Epizentralgebiet hinaus bemerkbar sein und erhebliche Schäden anrichten. Historische Überlieferungen zeigen: Solche Erdbeben hat es in früheren Jahrhunderten bereits gegeben. Besonders bekannt ist das Mitteldeutsche Erdbeben nahe Gera im Jahr 1872 mit Magnitude (ML) 5.3 bis 5.7. Das letzte Schadenserdbeben im Raum Leipzig ereignete sich im Jahr 1914, damals „nur“ mit ML4.3.
Heutige Modellrechnung
Die folgende Abschätzung basiert auf dem Erdbebennews-Modell und heutigen Bevölkerungsdaten. Sie beschreibt keine exakte Prognose, sondern eine plausible Größenordnung dessen, was ein vergleichbares Ereignis heute anrichten könnte. Unsicherheiten ergeben sich über präzise geologische Daten, Erdbebenparameter, Gebäudestrukturen und dem tatsächlichen Zeitpunkt eines solchen Bebens.
| Kategorie | Modellwert |
|---|---|
| Todesopfer | 6–29 (≈12) |
| Verletzte | 127–292 (≈191) |
| Vertriebene | 130–334 (≈221) |
| Schwer beschädigte Gebäude | 16–62 (≈30) |
| Leicht beschädigte Gebäude | 1610–4k (≈2.5k) |
Betroffene Städte und Orte
Am stärksten betroffene Städte und größere Orte
| Ort | Land | Intensität (EMS-98) | Entfernung Epizentrum (km) |
|---|---|---|---|
| Leipzig | Deutschland | 6-7 | 13.7 |
| Halle (Saale) | Deutschland | 6-7 | 18.7 |
| Merseburg | Deutschland | 6-7 | 13.4 |
| Delitzsch | Deutschland | 6-7 | 20.7 |
| Markkleeberg | Deutschland | 6-7 | 16.9 |
| Schkeuditz | Deutschland | 6 | 4.1 |
| Eilenburg | Deutschland | 6 | 33.1 |
| Bitterfeld-Wolfen | Deutschland | 6 | 29.9 |
| Wurzen | Deutschland | 6 | 39.0 |
| Taucha | Deutschland | 6 | 21.2 |
| Markranstädt | Deutschland | 6 | 8.1 |
| Bad Dürrenberg | Deutschland | 6 | 11.5 |
| Erfurt | Deutschland | 5 | 91.3 |
| Zwickau | Deutschland | 5 | 74.7 |
| Dessau | Deutschland | 5 | 52.3 |
| Weimar | Deutschland | 5 | 73.6 |
| Bernburg | Deutschland | 5 | 56.2 |
Methodische Einordnung
Szenario aus: Dahm, T., Heimann, S., Funke, S. et al. Seismicity in the block mountains between Halle and Leipzig, Central Germany: centroid moment tensors, ground motion simulation, and felt intensities of two M ≈ 3 earthquakes in 2015 and 2017. J Seismol 22, 985–1003 (2018). https://doi.org/10.1007/s10950-018-9746-9
Die hier gezeigten Modellrechnungen basieren auf einem Erdbebennews-Modell und stehen nicht mit dieser Studie in Verbindung.
MW5.3 ist nicht das theoretische Worst Case Szenario, sondern entspricht der Größenordnung der stärksten, historisch bekannten Erdbeben in der Region. Gerade in Gebieten mit eher geringer Erdbebenaktivität beträgt die Wiederholungsrate der stärksten möglichen Erdbeben viele Jahrtausende. Damit würde das letzte derartige Ereignis sehr wahrscheinlich lange vor Beginn menschlicher Geschichtsschreibung stattgefunden haben.
2 Gedanken zu „Erdbebenszenario: Erdbeben der Magnitude 5.3 zwischen Leipzig und Halle“
Die Kommentare sind geschlossen.
in Leipzig Nähe Bahnhof war es auch deutlich zu spüren.
In 06712 Zeitz OT Würchwitz war es zu spüren. Kurz vor halb 7 abends, kam eine merkwürdige Energie hoch, es knackte, rumorte .. wurde laut und dann vibrierte alles.
Es war irgendwie unheimlich. Aber Gott sei Dank nichts kaputt.
Bei Rückfragen in der Familie, wurde in Elsteraue 06729 OT Tröglitz nichts bemerkt