Das Erdbeben der Magnitude 3,2 in Groitzsch südlich von Leipzig am 14. April war eines der stärksten Erdbeben Ostdeutschlands der letzten Jahre. Es ereignete sich in einer bekannten Erdbebenzone rund um Leipzig, wo bereits 2015 und 2017 ähnlich starke Erdbeben aufgetreten sind. Eine seismologische Besonderheit stellt es damit zunächst nicht dar. Für die dicht besiedelte Metropolregion Leipzig-Halle sowie den gesamten Westen Sachsens war es aber dennoch alles andere als ein alltägliches Ereignis. Ein genauerer Blick zeigt zudem einige Auffälligkeiten, die dazu beigetragen haben, dass dieses Erdbeben in der Region große Aufmerksamkeit bekam.
Grundlage der folgenden Analysen sind die Zeugenmeldungen, die über Erdbebennews zu diesem Erdbeben eingegangen sind. Mehr als 1700 Meldungen kamen in den ersten 48 Stunden zusammen. 1590 dieser Meldungen konnten für eine detailliertere Analyse verwendet werden. Die Auswertung der Zeugenmeldungen zeigt auf den ersten Blick Ungewöhnliches: Die Erschütterungen wurden nicht nur im Raum Leipzig deutlich wahrgenommen, sondern über ein vergleichsweise großes Gebiet in Mitteldeutschland. Die manuell ausgewerteten Meldungen und die daraus abgeleiteten Isoseisten, also Linien gleicher Intensität, deuten auf eine für diese Magnitude ungewöhnlich weite Ausbreitung hin.
Das Wichtigste in Kürze
- Magnitude: 3,2 (Tiefe 22 km)
- Epizentrum: bei Groitzsch südlich von Leipzig
- Ausgewertete Meldungen: 1590
- Plausible Schadensmeldungen: 7
- Besonderheit: ungewöhnlich weite und unregelmäßige Wahrnehmung
- Maximalintensität: V
- Maximaler Schütterradius: 85 km
Isoseisten zeigen ungewöhnlich weite Ausbreitung des Erdbebens
Auffällig ist zudem die Form der Isoseisten. Statt eines annähernd kreisförmigen Musters ergibt sich eine deutlich gestreckte Wahrnehmungszone, die sich vor allem nach Norden und Südosten weit ausdehnt. Das spricht dafür, dass hier nicht nur die Stärke und der Mechanismus des Bebens selbst entscheidend waren, sondern auch die Eigenschaften des Untergrunds. Erdbebenwellen breiten sich nicht in alle Richtungen gleich aus. Je nach Gesteinsaufbau, Störungszonen und Sedimentbecken können sie in manchen Bereichen weiter getragen und an der Oberfläche sogar lokal verstärkt werden.

Genau das dürfte beim Groitzsch-Beben eine wichtige Rolle gespielt haben. Im Bereich des Elbtals ist bekannt, dass Lockersedimente und Beckenstrukturen Erschütterungen lokal verstärken können. Das könnte erklären, warum die Wahrnehmung Richtung Osten vergleichsweise ausgeprägt war. Erkennbar ist eine klare „Kette“ von Wahrnehmungsmeldungen, die dem Verlauf der Elbe folgt und fast bis Dresden reicht. Dies entspricht einer Entfernung von rund 85 Kilometern zum Epizentrum. Dabei war die Intensität im Bereich rund um Radebeul und Dresden allerdings nur noch sehr schwach und lag bei Intensität II.
Verstärkungseffekte durch geologische Besonderheiten
Auch im Bereich des sächsischen Granulitgebirges, das sich etwa von Chemnitz bis nach Döbeln erstreckt, findet sich eine deutliche Häufung von Intensitätsmeldungen. Hier ist eine besonders effiziente Wellenausbreitung im kristallinen Untergrund denkbar. Es geht dabei weniger um klassische Verstärkung durch weiche Sedimente als vielmehr um die vergleichsweise gute Weiterleitung seismischer Wellen vom Erdbebenherd, was vorderseitig des Gebirges zu einer verstärkten Wahrnehmung geführt haben könnte.
Hinzu kommen geologische Besonderheiten im Raum Leipzig selbst, wo alte Vulkanit-Strukturen und starke Gesteinswechsel den Verlauf der Erschütterungen beeinflusst haben könnten. Darauf deuten lokal verstärkte Intensitäten unter anderem in Brandis und Grimma hin, wo trotz einer Entfernung von rund 30 Kilometern zum Epizentrum mitunter die höchsten Intensitäten gemeldet wurden. Dazu kommen mehrere Schadensmeldungen aus diesem Bereich in Form von Verputzrissen, was lokal auf Intensität V hindeutet.
Mehrere Schadensmeldungen im Raum Leipzig
Auch die Schadensmeldungen verdienen einen genaueren Blick. Einzelne Angaben, etwa zu Schornsteinschäden in Grimma, sind für ein Beben dieser Größe sehr wahrscheinlich unplausibel und dürften eher auf Fehlklicks oder Missverständnisse zurückgehen, zumal es keine weiteren Hinweise auf solche Auswirkungen gegeben hat. Anders sieht es bei mehreren Meldungen über kleinere Putzrisse aus. Solche Angaben sind zwar immer vorsichtig zu bewerten, weil Vorschäden an Gebäuden eine große Rolle spielen können. Wenn ähnliche Beobachtungen aber aus demselben Raum mehrfach gemeldet werden, sind sie zumindest ein ernstzunehmender Hinweis darauf, dass es lokal zu spürbar stärkeren Erschütterungen gekommen sein könnte.
Von diesen Schadensmeldungen stammen je zwei aus Brandis und Leipzig, je eine aus Bad Lausick, Kitzscher und Frohburg. Da diese Orte relativ weit verstreut im Bereich der Intensität-IV-Isoseiste liegen und sonst kaum Hinweise auf die zu klassifizierende Intensität V bis VI vorliegen, werten wir dies als lokale Einzelfälle, bedingt durch Gebäudestruktur und örtliche Bedingungen. Die mittleren Intensitätswerte aller Meldungen aus den entsprechenden Orten liegen bei III beziehungsweise IV. Deshalb haben wir keine separate Intensität-V-Isoseiste definiert, werten Intensität V aber als lokale Maximalintensität.
Sehr schwache Ausbreitung Richtung Westen
Anders sieht es Richtung Westen aus. Sowohl in Thüringen als auch in Sachsen-Anhalt deuten nur wenige Wahrnehmungsmeldungen auf einen äußerst begrenzten Wahrnehmungsbereich hin. In Thüringen beschränken sich Wahrnehmungen fast ausschließlich auf das Altenburger Land und angrenzende Gebiete im Landkreis Greiz, jeweils mit Intensität II beziehungsweise III. Ähnlich sieht es in Sachsen-Anhalt aus. Dort stammen die meisten Meldungen aus dem östlichen Burgenlandkreis rund um Zeitz. Vereinzelte Meldungen gibt es aus dem Saalekreis, aus Halle sowie aus an Sachsen grenzenden Orten in Anhalt-Bitterfeld. Auch dort wurden jeweils nur Intensitäten von II bis III bestimmt.
Interessant ist auch der Vergleich mit früheren Erdbeben im Raum Leipzig. Schon die Beben von 2015 und 2017 zeigten, dass sich Erdbeben in dieser Region für ihre Magnitude ungewöhnlich weit in östliche Richtung bemerkbar machen können. Das Groitzsch-Beben passt also grundsätzlich in ein bekanntes Muster. Neu ist diesmal vor allem, dass sich diese weiträumige Wahrnehmung durch die große Zahl an Zeugenmeldungen besonders gut abbilden lässt. Die jetzige Auswertung macht damit sehr anschaulich sichtbar, was sich schon bei früheren Ereignissen angedeutet hatte: Der Raum südlich von Leipzig besitzt makroseismisch einige Besonderheiten.
Herdmechanismus des Groitzsch-Erdbebens: Sinistrale Blattverschiebung auf Nord-Süd-Struktur
Dazu passt auch der Herdmechanismus des Bebens. Nach der Auswertung handelt es sich um eine nahezu perfekt Nord-Süd gerichtete, sinistrale Blattverschiebung. Ein solcher Mechanismus passt zur Leipzig-Vogtland-Zone, würde allein aus geophysikalischer Sicht keine derart unregelmäßige Wahrnehmungsausbreitung erklären. Auch dies deutet auf einen starken Einfluss lokaler Geologie hin, möglicherweise auch bedingt durch die Herdtiefe des Erdbebens. Diese liegt im Raum Leipzig, wie auch in diesem Fall, meist bei rund 25 Kilometern. Mit zunehmender Herdtiefe nimmt auch der Weg zur Erdoberfläche zu und damit die Wahrscheinlichkeit, dass geologisch bedingte Effekte in der oberen Erdkruste die Ausbreitung der Erschütterungen beeinflussen.
Unterm Strich zeigt das Erdbeben bei Groitzsch, dass auch ein moderates Beben in Mitteldeutschland ein überraschend großes Wahrnehmungsgebiet erzeugen kann. Die makroseismische Auswertung spricht dafür, dass neben der Magnitude vor allem der geologische Untergrund und die Orientierung der Bruchbewegung eine wichtige Rolle gespielt haben. Gerade deshalb ist dieses Ereignis nicht nur für die betroffene Region interessant, sondern auch für das grundsätzliche Verständnis der Seismizität und der Erdbebengefährdung im Raum Leipzig.
Alle makroseismischen Datensätze wurden den zuständigen Landesämtern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zur Verfügung gestellt. Zudem stellen wir diese auf Anfrage auch zu weiteren journalistischen und wissenschaftlichen Zwecken zur Verfügung. Eine private Nutzung ist ausgeschlossen. Die Daten sind anonymisiert. Kontakt: jens.skapski@erdbebennews.de