Historische Erdbeben

Historisches Erdbeben

In dieser Artikelserie stellt Erdbebennews bedeutende historische Erdbeben vor. Heute: Das Friaul-Erdbeben vom 6. Mai 1976, eines der folgenschwersten Erdbeben Europas der Nachkriegszeit.

Am Abend des 6. Mai 1976 wurde der Nordosten Italiens von einem der schwersten Erdbeben Europas seit dem Zweiten Weltkrieg erschüttert. Um 21:00 Uhr Ortszeit ereignete sich in der Region Friaul, nördlich von Udine, ein starkes Erdbeben der Magnitude 6,5. Besonders schwer getroffen wurden Orte im Raum Gemona del Friuli, Venzone, Osoppo und Trasaghis. In zahlreichen Gemeinden stürzten Gebäude ein oder wurden schwer beschädigt. Viele Menschen wurden von den Erschütterungen im Haus überrascht; in den am stärksten betroffenen Orten lagen ganze Straßenzüge in Trümmern.

Das Beben forderte nach unterschiedlichen Angaben rund 965 bis 990 Todesopfer, mehrere Tausend Menschen wurden verletzt, zehntausende verloren vorübergehend oder dauerhaft ihr Zuhause. Auch mehrere starke Nachbeben, besonders im September 1976, verschärften die Lage zusätzlich. Das Friaul-Erdbeben wurde nicht nur in Norditalien, Österreich und Slowenien deutlich wahrgenommen, sondern auch weit nach Mitteleuropa hinein. Selbst aus Teilen der damaligen DDR und aus Berlin liegen Berichte über spürbare Erschütterungen vor.

ShakeMap M6.5 nahe Friaul

Berechnete Intensitätsverteilung nach dem Erdbebennews-Modell. Lokale Abweichungen sind möglich. Hintergrundkarte: OpenStreetMap/CARTO.

Erdbebenparameter

  • Magnitude: M 6.5
  • Zeit: 06.05.1976, 21:00 Uhr
  • Tiefe: 13 km
  • Ursprung: tektonisch
  • Typ: Historisches Erdbeben
  • Betroffene Region(en): Italien, Österreich, Slowenien

Einordnung

Das Friaul-Erdbeben vom 6. Mai 1976 war eines der stärksten und folgenreichsten Erdbeben im Alpenraum des 20. Jahrhunderts. Das Epizentrum lag im Nordosten Italiens, nördlich von Udine, in einer Region mit bekannter seismischer Aktivität. Die Erschütterungen richteten in mehreren Orten schwere Schäden an und wurden über ein großes Gebiet hinweg wahrgenommen – auch weit nördlich der Alpen.

Tektonischer Hintergrund

Das Friaul liegt am Südrand der Alpen in einer aktiven Kollisionszone. Dort bewegt sich die Adriatische Mikroplatte gegen die Eurasische Platte. Ein Prozess, aus dem auch die Alpenentstehung resultiert. Die daraus resultierende Stauchung der Erdkruste verläuft nicht gleichmäßig. Aufgrund einer leichten Rotationsbewegung der Adriatischen Platte ist sie in den Ostalpen stärker als weiter westlich. Daher ist die Region Friaul auch seismisch deutlich aktiver als der Nordwesten Italiens.

Das Erdbeben von 1976 wird diesem aktiven Deformationsbereich zugeordnet. Charakteristisch sind dort vor allem Überschiebungen und schräg einengende Bewegungen, bei denen Krustenblöcke gegeneinander gedrückt und teilweise übereinander geschoben werden. Solche Prozesse laufen sehr langsam ab, können aber über lange Zeiträume Spannungen aufbauen, die sich in stärkeren Erdbeben entladen.

Starke Erdbeben im Friaul sind keine isolierten Einzelereignisse. Die Region gehört zu den seismisch aktiveren Teilen Norditaliens und der Ostalpen. Historische Erdbebenkataloge enthalten mehrere schadensträchtige Ereignisse in Friaul und den angrenzenden Regionen. Insgesamt kam es in den letzten 500 Jahren in der Region zu 13 Erdbeben mit einer Magnitude von 6.0 oder höher. Seit dem Erdbeben 1976 ist es ruhig.

Eine feste Wiederholungszeit lässt sich daraus nicht ableiten. Dafür sind historische Kataloge zu unvollständig und die Bruchzonen zu komplex. Dennoch zeigt die Erdbebengeschichte der Region, dass Ereignisse in der Größenordnung von 1976 dort grundsätzlich zum realistischen seismischen Potenzial gehören. Manche Studien nehmen sogar an, dass im Falle eines Zusammenspiels mehrerer Bruchzonen noch stärkere Erdbeben bis Magnitude 7.5 denkbar sind. Einen solche Fall gab es in historischer Zeit jedoch nicht.

Auswirkungen im Schadensgebiet

Die stärksten Schäden traten in den Orten nördlich von Udine auf. Besonders betroffen waren kleinere Städte und Dörfer in Gebirgstälern und an Hanglagen, darunter Gemona del Friuli, Venzone und weitere Gemeinden im Epizentralgebiet. Viele ältere Gebäude waren für starke Erschütterungen nicht ausgelegt. Dadurch kam es zu Einstürzen, schweren Mauerschäden und umfangreichen Gebäudeverlusten.

Die höchste makroseismische Intensität erreichte lokal zerstörende Werte. Neben der Stärke des Bebens spielte auch die Verwundbarkeit der Bausubstanz eine wichtige Rolle. Massive Mauerwerksgebäude ohne ausreichende Erdbebensicherung sind bei solchen Ereignissen besonders anfällig. Das erklärt, warum die Schäden in einzelnen Orten sehr schwer waren, während die Auswirkungen mit zunehmender Entfernung rasch abnahmen.

Das Hauptbeben war nicht das Ende der Sequenz. In den folgenden Monaten kam es zu zahlreichen Nachbeben, darunter mehrere starke Ereignisse. Besonders die Beben im September 1976 verursachten erneut Schäden und erschwerten den Wiederaufbau. Für die betroffene Bevölkerung bedeutete die lange Nachbebentätigkeit eine zusätzliche Belastung, weil beschädigte Gebäude weiter geschwächt wurden und die Unsicherheit über Monate anhielt.

Auswirkungen bis nach Mitteleuropa

Obwohl die schweren Schäden auf Norditalien und angrenzenden Gebieten beschränkt blieben, wurde das Friaul-Erdbeben deutlich über die Alpen hinaus in insgesamt 14 Ländern verspürt. Meldungen liegen unter anderem aus Österreich, dem damaligen Jugoslawien, dem böhmischen Raum und Deutschland vor. In größerer Entfernung handelte es sich um schwache bis mäßige Wahrnehmungen, nicht um schadensrelevante Erschütterungen. In Deutschland wurde das Erdbeben am stärksten am Alpenrand sowie in München selbst verspürt. Leichte Erschütterungen reichten bis ins Rheinland und nach Berlin, wo schwingende Lampen und schwankende Möbel beobachtet wurden.

Solche Fernwirkungen sind bei stärkeren Alpenbeben plausibel. Die Ausbreitung hängt nicht nur von der Entfernung ab, sondern auch von Herdtiefe, Bruchrichtung, regionalem Krustenaufbau und lokalen Untergrundbedingungen. Besonders in höheren Stockwerken oder auf weichen Sedimenten können langperiodische Anteile der Erschütterung noch auffallen, während im Freien oder auf festem Fels kaum etwas bemerkt wird. Zudem trug der Zeitpunkt des Erdbebens am Abend zur verbreiteten Wahrnehmungen bei, da viele Menschen in Deutschland zum Zeitpunkt des Bebens zuhause waren.

Die Kenntnisse über die Wahrnehmungen sind jedoch regional unterschiedlich. In der damaligen DDR fand eine detailliete Bevölkerungsbefragung zu den Erdbebenauswertung statt. In der BRD wurde dies nur Lokal auf Initiative einzelner Universitäten (z.B. Köln, München und Erlangen) durchgeführt. Erschwert wurde die Datensammlung durch einen Generalstreik in Druckerei-Betrieben. Dadurch konnten Fragebögen und Zeitungsausrufe nach dem Erdbeben nicht verschickt werden. Nach dem Friaul-Erdbeben wurde in der DDR die Erdbebenüberwachung staatlich zentralisiert und ein nationaler Erdbebendiest mit Sitz in Potsdam eingerichtet.

Historische Verluste und heutige Modellrechnung

Historische Schadenszahlen und heutige Modellwerte nach dem Erdbebennews-Schadensmodell. Die historischen Angaben sind wegen unterschiedlicher Quellenlage bewusst als Größenordnungen zu verstehen; die Modellrechnung beschreibt eine heutige plausible Größenordnung auf Basis vereinfachter Annahmen.

Kategorie Historisch berichtet Heute modelliert
Todesopfer ca. 965–990 212–848 (≈424)
Verletzte mehrere Tausend 847–3.430 (≈1.800)
Obdachlose / Vertriebene zehntausende bis über 100.000 1.370–5.240 (≈2.320)
Schwer beschädigte / zerstörte Gebäude zahlreiche Orte schwer zerstört 636–2.120 (≈1.370)
Leicht bis mäßig beschädigte Gebäude zehntausende Gebäude beschädigt 23.200–82.700 (≈46.400)

Heutige Modellrechnung

Die folgende Abschätzung basiert auf dem Erdbebennews-Modell, heutigen Bevölkerungsdaten und einer bewusst vereinfachten Schadenslogik. Sie beschreibt keine exakte Prognose, sondern eine plausible Größenordnung dessen, was ein vergleichbares Ereignis heute anrichten könnte.

Kategorie Modellwert
Todesopfer 212–848 (≈424)
Verletzte 847–3k (≈2k)
Vertriebene 1k–5k (≈2k)
Schwer beschädigte Gebäude 636–2k (≈1k)
Leicht beschädigte Gebäude 23k–83k (≈46k)

Betroffene Städte und Orte

Auswahl größerer Städte und Orte im Kartenausschnitt. Die Tabelle zeigt modellierte Intensitäten und ersetzt keine historische Detailrekonstruktion einzelner Schadensmeldungen.

Ort Land Intensität (EMS-98) Entfernung Epizentrum (km)
Gemona Italien 10 3.7
Udine Italien 9 21.2
Tavagnacco Italien 9 16.6
Codroipo Italien 8 32.5
Maniago Italien 8 32.9
Villach Österreich 7 69.9
Pordenone Italien 7 47.5
Kranj Slowenien 7 95.4
Gorizia Italien 7 51.2
San Donà di Piave Italien 7 80.2
Monfalcone Italien 7 58.1
Vittorio Veneto Italien 7 69.6
Portogruaro Italien 7 55.5
Sacile Italien 7 57.3
Cordenons Italien 7 43.2
Oderzo Italien 7 70.4
Feltre Italien 7 97.3
Rosa Italien 7 39.5

Methodische Einordnung

Die hier gezeigte Modellrechnung versteht sich nicht als Rekonstruktion jeder einzelnen Schadensmeldung des historischen Ereignisses. Sie nutzt das Beben vielmehr als Referenzfall, um die räumliche Wirkung eines mitteleuropäischen Starkbebens greifbar zu machen. Gerade in Italien, Österreich, Slowenien zeigt sich dabei, wie weit das Spürbarkeitsfeld reichen kann, während nennenswerte Schäden dennoch deutlich kernraumnäher bleiben.

Von Jens Skapski

31 Jahre alt (geboren 1994), seit 2013 Betreiber von Erdbebennews (privates Projekt), seit 2024 Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Uni Jena (beruflich).

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