Wenn von Tsunamis die Rede ist, denken die meisten Menschen zuerst an Japan, Indonesien oder Chile: gewaltige Wellen, ausgelöst durch starke Seebeben an aktiven Plattengrenzen. Deutschland scheint mit solchen Katastrophen auf den ersten Blick wenig zu tun zu haben. Es gibt keine Subduktionszone vor der Küste, keine großen Tiefseegräben und keine regelmäßig auftretenden Starkbeben im Meer.

Gibt es Tsunamis in Deutschland? Trotz der günstigen tektonischen Lage Deutschlands, lässt sich diese Frage nicht mit „Nein“ beantworten. Denn Tsunamis entstehen nicht nur durch Seebeben. Entscheidend ist, dass Wasser plötzlich und mit großer Energie verdrängt wird. Das kann auch durch Hangrutsche, Bergstürze, Erdfälle, unterseeische Rutschungen oder sogar durch eine plötzliche Freisetzung großer Gasmengen geschehen.[1]

Deutschland ist also kein klassisches Tsunami-Land. Aber tsunamiartige Wellen sind auch hier möglich. In mehreren Fällen sind sie bereits aufgetreten. Der jüngste bekannte deutsche Tsunami, der auch Schäden verursachte, ereignete sich im Jahr 2021.

Was ist ein Tsunami?

Im engeren Sinn bezeichnet ein Tsunami eine langwellige Wasserwelle, die durch die plötzliche Verdrängung großer Wassermassen entsteht. Meist geschieht das durch starke Erdbeben unter dem Meeresboden. Doch auch Rutschungen, Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge oder Felsstürze können Tsunamis auslösen.[1]

Für diesen Artikel wird der Begriff etwas breiter verwendet: Gemeint sind plötzlich ausgelöste, energiereiche Wasserbewegungen durch eine rasche Verdrängung von Wasser, unabhängig davon, ob sie im Ozean, an einer Küste oder in einem See entstehen. Wo es sich nicht um einen klassischen tektonischen Tsunami handelt, wird das ausdrücklich eingeordnet.

Nicht jede ungewöhnliche Wasserbewegung ist damit automatisch ein Tsunami. Sturmfluten entstehen durch Wind und Luftdruck. Seiches sind stehende Schwingungen in Seen oder Hafenbecken, die beispielsweise durch Wind, Luftdruckänderungen oder Erdbebenwellen angeregt werden können.[2] Sogenannte Seebären oder Meteotsunamis werden durch schnelle Luftdruckänderungen und Gewitterlinien ausgelöst.[3] Sie können tsunamiartig wirken, gehören aber eher in eine eigene Kategorie. Entsprechende Ereignisse sind auch von deutschen Küsten bekannt, werden hier aber nicht näher diskutiert.[4]

Nordsee und Ostsee: Ein großer Tsunami ist unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

An den deutschen Küsten ist ein katastrophaler Tsunami wie im Pazifik sehr unwahrscheinlich. Nordsee und Ostsee liegen weit entfernt von aktiven Plattengrenzen. Sehr starke Seebeben, die den Meeresboden großflächig versetzen, sind hier nicht bekannt. Modellstudien für die deutsche Nordseeküste zeigen jedoch, dass hypothetische Tsunamis im an der Tiefsee-Klippe (Schelf) der Nordsee grundsätzlich untersucht werden können, auch wenn Sturmfluten für die deutsche Nordseeküste das deutlich wichtigere Küstenrisiko darstellen.[5]

Karte der untermeerischen Rutschungen und Nachweise von Tsunami-Ablagerungen an den europäischen Küsten. Grafik aus Vött et al. [6]
Ganz ausgeschlossen sind Tsunamis an deutschen Küsten aber nicht. Ein wichtiges Beispiel ist der Storegga-Tsunami vor rund 8.150 Jahren. Damals rutschten vor der norwegischen Küste enorme Sedimentmassen am Meeresboden ab. Der dadurch ausgelöste Tsunami traf vor allem Norwegen, Schottland und die Nordsee. Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Spuren dieses Ereignisses auch an der deutschen Nordseeküste erhalten sein könnten. Bei Garding auf Eiderstedt wurden Sedimente beschrieben, die als mögliche südlichste Spuren des Storegga-Tsunamis in der südöstlichen Nordsee interpretiert werden.[6]

Storegga-Rutschung löste nordseeweiten Tsunami aus

Für Deutschland wäre der Storegga-Tsunami damit der wichtigste bekannte Meerestsunami. Er zeigt: Auch ohne starkes Erdbeben direkt vor der Küste können entfernte untermeerische Rutschungen Wellen bis in die südliche Nordsee schicken.[6]

Für die Ostsee ist die Lage komplizierter. Nach dem Ende der letzten Eiszeit kam es im nördlichen Ostseeraum durch die Entlastung der ehemaligen Eismassen zu kräftigen tektonischen Spannungsänderungen. Einige Arbeiten diskutieren deshalb sehr starke nacheiszeitliche Erdbeben und mögliche Paläotsunamis im Ostseeraum. Besonders bekannt sind Szenarien, die der schwedische Geologe Nils-Axel Mörner vorgeschlagen hat; er beschrieb mehrere mögliche Tsunamiereignisse im Ostseeraum.[7] Diese Deutungen sind jedoch umstritten. Eine neuere kritische Bewertung kam für Schweden zu dem Ergebnis, dass für mehrere vorgeschlagene Paläotsunami-Ablagerungen entscheidende geographische, stratigraphische und chronologische Belege fehlen.[8]

Für Deutschland ergibt sich daraus kein sicher belegter Ostsee-Tsunami. Als regionaler Vergleich ist jedoch eine Studie von der südlichen Ostseeküste Polens interessant: Bei Rowy/Gardno-Łeba wurden hochenergetische Sedimentlagen beschrieben, die als erster geologischer Nachweis eines Paläotsunamis an der südlichen Ostseeküste Polens interpretiert wurden.[9] Damit bleibt der Ostseeraum für die Forschung spannend, auch wenn konkrete deutsche Tsunami-Spuren bislang fehlen.

Die wahrscheinlichsten Tsunamis in Deutschland entstehen nicht am Meer

So paradox es klingt: Die realistischsten und am besten belegten Tsunamiereignisse in Deutschland liegen nicht an Nordsee oder Ostsee, sondern im Binnenland. Vor allem Tagebaurestseen spielen dabei eine besondere Rolle.

Viele dieser Seen sind künstlich entstanden. Ihre Ufer bestehen teils aus aufgeschütteten oder umgelagerten Lockersedimenten mit begrenzter Stabilität. Durch Grundwasseranstieg, Sanierungsarbeiten, Verdichtungssprengungen oder instabile Böschungen können große Massen plötzlich abrutschen. Gelangt dabei Material schlagartig in einen See, wird Wasser verdrängt und eine Flutwelle entsteht. Besonders in locker gelagerten Kippenbereichen können Setzungsrutschungen sehr schnell ablaufen.[10]

Nachterstedt 2009: Die Katastrophe am Concordiasee

Der bekannteste Fall ist der Concordiasee bei Nachterstedt in Sachsen-Anhalt. Am 18. Juli 2009 rutschten dort große Teile des Ufers in den See. Häuser wurden mitgerissen, drei Menschen starben. Nach Angaben der LMBV wurden rund 2,2 Millionen Kubikmeter Material bewegt; die betroffene Böschung war etwa 1,1 Kilometer lang.[11] Durch die Rutschung entstand außerdem eine Flutwelle, die über den See lief. Das Fahrgastschiff „Seelandperle“ wurde auf das gegenüberliegende Ufer gespült.[11]

Nachterstedt war kein Tsunami im klassischen Meeres-Sinn. Aber physikalisch handelt es sich um genau den Mechanismus, der auch viele Tsunamis in Seen weltweit auslöst: Eine große Massenbewegung verdrängt Wasser in kurzer Zeit. Daher ist die Bezeichnung als Tsunami im weiteren physikalischen Sinn durchaus vertretbar.[1]

Bergener See 2010: Flutwelle durch Kippenrutschung

Nur ein Jahr später kam es in der Lausitz zu einem weiteren eindrucksvollen Ereignis. Am 12. Oktober 2010 rutschten im Bereich der Spreetaler Felder bei Hoyerswerda große Kippenmassen in das Restloch des Bergener Sees. Zeitgenössische Berichte nennen eine Rutschung von etwa 1,8 Kilometern Länge und 600 Metern Breite; mehrere LKW wurden erfasst.[13] Die Rutschung löste eine Flutwelle aus, die über den See lief. Am gegenüberliegenden Ufer kamen zahlreiche Schafe ums Leben.[13]

Dieser Fall zeigt besonders deutlich, dass auch abgelegene oder noch nicht touristisch genutzte Tagebaurestseen ein reales Gefahrenpotenzial besitzen. Entscheidend ist nicht, ob ein See natürlich oder künstlich ist, sondern wie stabil seine Ufer und Unterwasserhänge sind.

Senftenberger See und Knappensee

Auch am Senftenberger See kam es im September 2018 zu einer Rutschung an einer künstlichen Insel. Die LMBV und das Landesamt für Umwelt ließen den Ereignisbereich untersuchen und sperrten die Nutzung an Land und auf dem Wasser, bis die Bewegungen abgeklungen waren.[14] Medienberichte sprachen damals von einer kleineren Welle beziehungsweise einem „Mini-Tsunami“.[15]

Am 11. März 2021 folgte am Knappensee bei Hoyerswerda ein weiteres großes Ereignis: Während Sanierungsarbeiten rutschten große Mengen Kippenmaterial in den See. Das Sächsische Oberbergamt berichtete von einer etwa 1,50 Meter hohen Flutwelle, die auf der gegenüberliegenden Seeseite Schäden an zwei privaten Bungalows sowie an Gebäuden des Segelvereins und des DRK verursachte.[12] Die LMBV beschreibt das Ereignis als Setzungsfließen, bei dem rund eine Million Tonnen Bodenmassen in den See rutschten und eine hohe Flutwelle erzeugten.[16] Bemerkenswert ist das Datum: Der Knappensee-Tsunami ereignete sich am 11. März, also am zehnten Jahrestag des katastrophalen Tōhoku-Tsunamis in Japan.

Ein weiterer älterer Fall wird für November 1991 am Restloch Kleinleipisch bei Lauchhammer beschrieben. Demnach soll eine Verdichtungssprengung eine Rutschung ausgelöst haben; ein Fotograf sei in einer Flutwelle auf der anderen Seite des Sees ertrunken.[17] Dieser Fall ist für eine vollständige Übersicht wichtig, sollte aber vor einer endgültigen Einordnung noch einmal mit belastbaren Originalquellen abgesichert werden.

Solche Ereignisse zeigen, dass die Gefahr in Tagebaurestseen nicht nur theoretisch ist. Sie ist an bestimmte geologische und technische Bedingungen gebunden. Dort, wo diese Bedingungen zusammenkommen, können auch in Deutschland echte tsunamiartige Wellen entstehen. Deshalb ist die Hang- und Böschungsstabilität bei der Flutung und späteren Nutzung ehemaliger Tagebaue ein zentraler Sicherheitsaspekt.[10]

Natürliche Seen: Wenn Berge und Sedimente ins Wasser rutschen

Nicht nur Tagebaurestseen können Tsunamis erzeugen. Auch natürliche Seen sind betroffen, wenn steile Hänge, Deltas oder unterseeische Sedimente instabil werden. Besonders in den Alpen und im Alpenvorland sind solche Prozesse geologisch plausibel.

Der Eibsee: Ein Bergsturz als Extremfall

Der eindrucksvollste deutsche Fall ist der Eibsee unterhalb der Zugspitze. Vor rund 3.750 Jahren lösten sich nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Umwelt etwa 200 Millionen Kubikmeter Gestein aus der Nordflanke der Zugspitze. Die Bergsturzmassen stürzten rund zehn Kilometer weit ins Tal, durchquerten den damals bereits vorhandenen Eibsee und liefen am gegenüberliegenden Hang wieder etwa 100 Meter hinauf.[18]

Bild des Eibsees mit der Zugspitze im Hintergrund
Der tiefblaue und mit Inseln gespickte Eibsee am Fuße der Zugspitze entstand in seiner heutigen Form durch eine gewaltigen Bergsturz. Foto: Jens Skapski

Ob man dieses Ereignis als Tsunami, Impulswelle oder nahezu vollständige Wasserverdrängung beschreibt: Der Prozess zeigt eindrucksvoll, welche Kräfte entstehen können, wenn große Felsmassen in einen See stürzen. Der heutige Eibsee mit seinen Inseln ist letztlich Teil dieser Bergsturzlandschaft.[18]

Starnberger See und Tegernsee

Auch im Alpenvorland gibt es Hinweise auf subaquatische Massenbewegungen. Für den Starnberger See und den Tegernsee wurden unterseeische Rutschungen geophysikalisch, sedimentologisch und bodenmechanisch untersucht.[19] Eine spätere paläoseismologische Arbeit berücksichtigt den Starnberger See zudem als möglichen Teil eines regionalen Archivs schwerer prähistorischer Erdbeben in den westlichen Ostalpen und angrenzenden Vorlandbereichen.[20]

Solche Sedimentrutschungen sind nicht automatisch ein Beleg für einen Tsunami. Wenn sie groß und schnell genug ablaufen, können sie aber Wellen erzeugen. Mögliche Auslöser sind Erdbeben, Übersteilung von Sedimenten, schnelle Sedimenteinträge oder Veränderungen im Wasserstand.[1]

Für den Artikel sind diese Seen deshalb weniger als konkrete Katastrophenfälle interessant, sondern als geologische Archive. Sie zeigen, dass große Seen im süddeutschen Raum auf Erschütterungen und Hanginstabilitäten reagieren können.

Bodensee: Störungen, Turbidite und Hangrutschungen

Auch der Bodensee gehört in diese Kategorie. Am Seegrund wurden geologische Störungsstrukturen nachgewiesen. Eine Studie auf Basis umfangreicher Reflexionsseismik beschreibt zahlreiche Störungsindikationen im Obersee und Untersee. Besonders interessant ist ein morphologischer Versatz am Seegrund, der mit einer aktiven beziehungsweise potenziell aktiven Störungsstruktur in Verbindung gebracht wird.[21]

Ein plötzlicher Versatz am Seegrund kann grundsätzlich Wasser verdrängen und einen Tsunami auslösen. Zusammen mit Turbiditen, unterseeischen Sedimentumlagerungen und bekannten Hangrutschungen am Seeufer ergeben sich mehrere Hinweise darauf, dass tsunamiartige Wellen im Bodensee in der Vergangenheit möglich gewesen sein könnten. Ein historisch belegter Bodensee-Tsunami ist jedoch nicht bekannt.[21]

Laacher See 1844: Ein Tsunami durch Gas?

Ein ungewöhnlicher Sonderfall ist der Laacher See in der Eifel. Dort steigen bis heute CO₂-reiche Gase aus dem Untergrund auf. Solche Mofetten sind ein sichtbares Zeichen dafür, dass unter dem See und seiner Umgebung weiterhin vulkanische Gase entweichen. Natürliche CO₂-Austritte am Laacher See sind seit mindestens 200 Jahren in der Literatur beschrieben; sie treten sowohl an Land als auch im Wasser auf.[22]

Für den 1. Juli 1844 ist ein bemerkenswertes Ereignis überliefert. Zeitgenössische Berichte schildern, dass der See plötzlich stark in Bewegung geriet, kurzzeitig austrat und sich anschließend wieder zurückzog. Gleichzeitig wurden dumpfe Geräusche, Gas- oder Raucherscheinungen, tote Fische und tote Vögel am Ufer beobachtet. Der Geologe Wilhelm Meyer deutete dieses Ereignis als Gaseruption des Laacher Sees.[23]

Wahrscheinlich wurde dieses Ereignis durch eine plötzliche Freisetzung von Kohlendioxid ausgelöst. Kurz zuvor war der Wasserspiegel des Laacher Sees künstlich abgesenkt worden. Dadurch nahm der Druck auf das Tiefenwasser ab, sodass gelöstes CO₂ plötzlich entweichen konnte, ähnlich wie beim Öffnen einer stark geschüttelten Sprudelflasche.[23]

Ist das ein Tsunami? Nicht im klassischen Sinn. Es gab kein Seebeben und keinen Hangrutsch. Aber auch hier wurde Wasser plötzlich durch eine Massenbewegung verdrängt, in diesem Fall durch aufsteigendes Gas. Wenn dadurch eine energiereiche Welle im See ausgelöst wurde, lässt sich das Ereignis durchaus als gasgetriebener See-Tsunami einordnen.

Erdfallseen: plausibel, aber bisher kein belegter deutscher Fall

In Nord- und Mitteldeutschland gibt es mehrere größere Erdfall- und Subrosionsseen. Sie entstehen, wenn lösliche Gesteine wie Salz oder Gips im Untergrund ausgelaugt werden und die darüberliegenden Schichten einbrechen.

Der Arendsee in der Altmark ist ein bekanntes Beispiel. Für ihn sind historische Einsturzereignisse überliefert. Besonders gut dokumentiert ist der Seefall vom 25. November 1685, bei dem am Südostufer ein Hügel samt Windmühle und etwa 20 Hektar Land im Arendsee versanken.[24]

Bei einem plötzlichen Einsturz am oder im See wäre eine Flutwelle grundsätzlich plausibel. Eindeutige Beschreibungen eines solchen Tsunamis sind für Deutschland bisher jedoch nicht bekannt. Erdfallseen gehören daher eher als theoretisch mögliche, aber nicht konkret belegte Kategorie in die Übersicht.

Talsperren: möglich, aber in Deutschland kaum belegt

Auch an Talsperren und Stauseen können rutschungsbedingte Impulswellen entstehen. International ist die Katastrophe von Vajont in Italien das bekannteste Beispiel: Am 9. Oktober 1963 rutschten gewaltige Gesteinsmassen in einen Stausee und erzeugten eine Welle, die über die Staumauer schwappte und im Tal unterhalb der Sperre mehrere Ortschaften zerstörte. Dabei kamen tausende Menschen ums Leben. [25]

Für Deutschland sind vergleichbare Fälle nicht bekannt. Viele Talsperren in den deutschen Mittelgebirgen liegen zwar in engen Tälern, besitzen aber meist nicht die extrem steilen und instabilen Felsflanken alpiner Stauseen. Trotzdem bleibt der Prozess grundsätzlich möglich, etwa bei größeren Hangrutschungen, Felsabbrüchen oder Uferinstabilitäten. Geologische Untersuchungen im Vorfeld der Anlage eines Stausees sollen solche Risiken weitestgehend ausschließen.

Für die deutsche Ereignisliste stehen Talsperren daher nicht im Mittelpunkt. Sie zeigen aber, dass Tsunami-Gefahren nicht nur eine Frage von Meeren und Küsten sind, sondern überall dort entstehen können, wo große Wassermassen plötzlich verdrängt werden.[1]

Wie groß ist die Gefahr wirklich?

Die wichtigste Einordnung lautet: Deutschland ist kein Tsunami-Hotspot. Ein großer tektonischer Tsunami an Nord- oder Ostsee ist sehr unwahrscheinlich. Auch in Seen sind tsunamiartige Wellen seltene Ereignisse, die nur unter bestimmten Bedingungen entstehen.

Trotzdem sind sie nicht nur Theorie. Nachterstedt, der Bergener See, der Knappensee und der Senftenberger See zeigen, dass Rutschungen in Tagebaurestseen echte Flutwellen auslösen können.[11][13][14][16] Der Eibsee zeigt, welche Rolle Bergstürze in natürlichen Seen spielen können.[18] Der Laacher See 1844 erinnert daran, dass in vulkanischen Seen sogar Gasfreisetzungen starke Wasserbewegungen verursachen können.[23] Und der Storegga-Tsunami zeigt, dass selbst die deutsche Nordseeküste in der geologischen Vergangenheit von einem echten Meerestsunami erreicht worden sein könnte.[6]

Die größte Tsunami-Gefahr in Deutschland liegt deshalb nicht vor Sylt oder Rügen. Sie liegt eher an einzelnen Seen, deren Ufer, Hänge oder Unterwasserbereiche instabil sind.

Nachgewiesene und sehr plausible Tsunami-Ereignisse in Deutschland

Die folgende Übersicht zeigt Ereignisse, bei denen in Deutschland tsunamiartige Wellen nachgewiesen, historisch beschrieben oder geologisch sehr plausibel sind. Nicht alle Fälle entsprechen einem klassischen Meerestsunami durch ein Seebeben. Gemeinsam ist ihnen aber, dass Wasser plötzlich durch eine Massenbewegung, eine Rutschung, einen Bergsturz oder eine Gasfreisetzung in Bewegung gesetzt wurde.

Zeit / Datum Ort Auslöser Einordnung Status
vor rund 8.150 Jahren deutsche Nordseeküste, besonders Eiderstedt Storegga-Rutschung vor Norwegen Meerestsunami durch untermeerische Rutschung; mögliche Sedimentspuren an der deutschen Nordseeküste. nachgewiesen / sehr gut belegt[6]
vor rund 3.750 Jahren Eibsee, Bayern Bergsturz von der Zugspitz-Nordflanke Große Felsmassen durchquerten den damaligen See und verdrängten enorme Wassermengen. See-Tsunami [18]
1. Juli 1844 Laacher See, Rheinland-Pfalz plötzliche CO₂-Freisetzung nach künstlicher Absenkung des Seespiegels Historisch beschriebene starke Wasserbewegung mit Austreten und Zurückweichen des Sees, Fischsterben und Gaserscheinungen. historisch belegter Sonderfall[23]
November 1991 Restloch Kleinleipisch, Brandenburg vermutlich Rutschung nach Verdichtungssprengung Eine Flutwelle soll einen Menschen auf der gegenüberliegenden Seeseite erfasst haben. nachgewiesener See-Tsunami[17]
18. Juli 2009 Concordiasee bei Nachterstedt, Sachsen-Anhalt große Böschungsrutschung in einen Tagebaurestsee Flutwelle über den See; ein Fahrgastschiff wurde auf das gegenüberliegende Ufer gespült. nachgewiesener See-Tsunami[11]
12. Oktober 2010 Bergener See / Spreetaler Felder, Sachsen Kippenrutschung in ein Tagebaurestloch Flutwelle über den See; Fahrzeuge wurden erfasst, am gegenüberliegenden Ufer kamen zahlreiche Schafe ums Leben. nachgewiesener See-Tsunami[13]
September 2018 Senftenberger See, Brandenburg Rutschung an einer künstlichen Insel Kleinere Welle, als „Mini-Tsunami“ bezeichnet, nach Inselrutschung; der Bereich wurde gesperrt und untersucht. nachgewiesen, eher klein[14][15]
11. März 2021 Knappensee bei Hoyerswerda, Sachsen Setzungsfließen während Sanierungsarbeiten Etwa 1,5 Meter hohe Flutwelle; Schäden an Gebäuden und Grundstücken auf der gegenüberliegenden Seeseite. nachgewiesener See-Tsunami[12][16]
prähistorisch / holozän Starnberger See und Tegernsee, Bayern subaquatische Massenbewegungen, teils möglicherweise erdbebengetriggert Unterwasser-Rutschungen sind nachgewiesen; eine konkrete Tsunamiwelle ist daraus nicht direkt belegt, aber physikalisch plausibel. sehr plausibel, aber kein direkter Ereignisnachweis[19][20]
prähistorisch / unbekannt Bodensee möglicher Seebodenversatz, Turbidite und Hangrutschungen Störungsstrukturen und ein morphologischer Versatz am Seegrund zeigen, dass tsunamiartige Wellen möglich gewesen sein könnten. Ein historischer Tsunami ist nicht belegt. geologisch plausibel, aber nicht direkt nachgewiesen[21]

Hinweis: Die Tabelle enthält sowohl sicher dokumentierte Tsunamiereignisse als auch geologisch sehr plausible Fälle. Ereignisse wie Seebären/Meteotsunamis an Nord- und Ostsee oder mögliche Erdfall-Tsunamis werden hier nicht aufgeführt, weil sie entweder in eine andere Entstehungskategorie fallen oder bislang nicht konkret als deutsches Tsunamiereignis belegt sind. Vollständigkeit der Liste ist nicht gewährleistet.

Referenzen

  1. NOAA: The science behind tsunamis; USGS: How do landslides cause tsunamis?.
  2. NOAA National Ocean Service: What is a seiche?.
  3. Deutschlandfunk (2019): Meteo-Tsunamis: Pegelsprünge im Meer; Kachelmannwetter: Seebären – Tsunamis in der Nordsee?.
  4. Universität Hamburg (2024): Forschende berechnen weltweites Risiko für Tsunamis.
  5. Bork, I. et al. (2010): Tsunami – Untersuchungen für die deutsche Nordseeküste. Die Küste.
  6. Vött, A. et al. (2024): Possible Indication of the Impact of the Storegga Slide Tsunami on the German North Sea Coast around 8150 cal BP. Geosciences, 14(10), 262.
  7. Mörner, N.-A. (2008): Tsunami events within the Baltic. Polish Geological Institute Special Papers, 23, 71–76.
  8. Smith, C. A. & Öhrling, C. (2022): Assessing the validity of proposed paleo-tsunami deposits in Sweden. Quaternary Science Reviews, 298, 107849.
  9. Rotnicki, K., Rotnicka, J., Goslar, T. & Wawrzyniak-Wydrowska, B. (2016): The first geological record of a palaeotsunami on the southern coast of the Baltic Sea, Poland. Geological Quarterly, 60(2), 417–440.
  10. LMBV: Geotechnik und Setzungsfließen; ergänzend: LMBV-Fachpublikationen zur Sanierung von Tagebaurestseen.
  11. LMBV (2009): LMBV konkret 05/2009: Böschungsbewegung Nachterstedt; LMBV (2020): Die Sanierung des Tagebaus Nachterstedt.
  12. Medienservice Sachsen / Sächsisches Oberbergamt (2021): Rutschung Knappensee.
  13. Tagesspiegel (2010): Lausitz: Die Wunden der Erde; Hammecke, L. (2020): 10. Jahrestag der Rutschung am Bergener See.
  14. Niederlausitz aktuell (2018): Rutschung am Senftenberger See löst Welle aus.
  15. Tagesspiegel (2019): Am Senftenberger See kann die Saison beginnen; Bild (2018): Erdrutsch im Senftenberger See.
  16. LMBV (2022): Gefahrenabwehrmaßnahmen am Knappensee; LMBV: Sicherheit für den Knappensee.
  17. Spiegel (2009): „Physik ist gnadenlos“.
  18. Bayerisches Landesamt für Umwelt (2018): Seltener Bergsturz an der Zugspitze vor 3.750 Jahren.
  19. Daut, G. (1998): Subaquatische Massenbewegungen im Starnberger See und im Tegernsee. Geophysikalische, sedimentologische und bodenmechanische Untersuchungen. Münchner Geologische Hefte B5.
  20. Oswald, P. et al. (2022): Magnitude and source area estimations of severe prehistoric earthquakes in the western Austrian Alps. Natural Hazards and Earth System Sciences, 22, 2057–2077.
  21. Fabbri, S. C. et al. (2021): Active Faulting in Lake Constance (Austria, Germany, Switzerland) Unraveled by Multi-Vintage Reflection Seismic Data. Frontiers in Earth Science.
  22. Rogall, M. & Kohl, B. (2016): Natürliche CO₂-Austritte am Laacher See. Mainzer geowissenschaftliche Mitteilungen.
  23. Meyer, W. (2023): Eine Gaseruption im Laacher See am 1. Juli 1844. Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler.
  24. Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (2010): Fund des Monats August 2010: Arendsee; Schuberth, K. (2024): 1.200 Jahre Großerdfall Arendsee.
  25. von Hardenberg, W. G. (2011): Expecting Disaster: The 1963 Landslide of the Vajont Dam. Environment & Society Portal.

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.