Startseite » Venezuela »
Betroffene Menschen
Schadens- & Opferabschätzung (automatisch)
Das Erdbebennews-Schadensmodell berechnet eine Opferzahl von 19k–110k sowie 66k–390k Verletzten.
Modellbasierte Berechnung der Erdbebenauswirkungen. Tatsächliche Schadenszahlen können abweichen.
Wie werden die Werte berechnet?
Die Spannen basieren auf einem empirischen Modell aus Intensität, Exposition (Bevölkerungsdaten) und Verwundbarkeit. Die Werte werden pro Intensitätszone aggregiert und gerundet.
Warum sind nur Spannen angegeben?
Frühe Abschätzungen sind mit Unsicherheiten behaftet (Datenlage, Baugrund, Bauweisen). Statt einer scheinbaren „Exaktheit“ zeigen wir den plausiblen Bereich, der sich im Verlauf mit neuen Informationen verfeinern lässt.
Zusammenfassung
Am 25.06.2026 00:05ereignete sich nahe Venezuela ein Erdbeben der Magnitude 7.5 in 10 km Tiefe. Die berechnete Maximalintensität beträgt 10.0. Das Beben war vermutlich für bis zu 20,0 Mio Menschen spürbar. Nahe des Epizentrums sind schwere Gebäudeschäden möglich. Die Angaben basieren auf einem Modell von Erdbebennews und können lokal – etwa durch Baugrund und Gebäudeeigenschaften – abweichen.
Update: 26. Juni, 14:30 Uhr
Die venezolanische Regierung hat die Opferbilanz deutlich nach oben korrigiert. Nach Angaben von Gesundheitsminister Carlos Alvarado kamen inzwischen mindestens 235 Menschen ums Leben, mehr als 4.300 wurden verletzt. Zudem wurden nach Regierungsangaben mehr als 200 Menschen unter Trümmern lokalisiert. Die Suche nach Verschütteten läuft weiter, besonders in La Guaira und im Großraum Caracas. Es ist weiterhin mit einem deutlichen Anstieg zu rechnen, da bisher überwiegend die großen Ballungszentren, und dies auch nur zum Teil, genauer bilanziert sind.
Auch die Schadensbilanz wird genauer, bleibt aber ebenfalls sehr vorläufig. Nach offiziellen Angaben sind mindestens 250 Gebäude beschädigt oder zerstört. In La Guaira, dem am stärksten betroffenen Bundesstaat, sollen mehr als 100 Gebäude eingestürzt sein. Dort konzentrieren sich weiterhin große Teile der Such- und Rettungsarbeiten. Zusätzlich werden mindestens acht beschädigte oder evakuierte Krankenhäuser gemeldet.
Die humanitäre Lage bleibt angespannt. Nach Regierungsangaben sind mindestens 2.227 Familien direkt betroffen. In mehreren schwer getroffenen Orten verbringen Menschen weiterhin die Nächte im Freien, weil ihre Häuser zerstört, beschädigt oder aus Angst vor weiteren Einstürzen nicht mehr sicher nutzbar sind. Strom-, Wasser- und Kommunikationsausfälle erschweren die Lage zusätzlich.
Parallel läuft internationale Hilfe an. Nach aktuellen Berichten koordinieren die Vereinten Nationen die Ankunft weiterer Such- und Rettungsteams. Hilfslieferungen und Einsatzkräfte aus mehreren Ländern, darunter die USA, Mexiko, Katar und Spanien, sind unterwegs oder bereits eingetroffen. Aus Spanien werden außerdem zwei Todesopfer und weiterhin zahlreiche nicht erreichte Staatsbürger gemeldet.
Eine genaue Gesamtbilanz bleibt weiterhin schwierig. Neben den offiziellen Zahlen kursieren deutlich höhere Angaben zu nicht erreichten Personen auf öffentlichen Suchplattformen. Diese Zahlen sind nicht unabhängig verifiziert und sollten nicht mit einer offiziellen Vermissten- oder Opferbilanz gleichgesetzt werden. Sie zeigen jedoch, wie groß die Unsicherheit über das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe weiterhin ist.
Update: 20:45 Uhr
Die offizielle Opferbilanz ist erneut gestiegen. Nach aktuellen Angaben werden inzwischen mindestens 188 Tote und mehr als 1.500 Verletzte gemeldet. Zudem sollen noch mehr als 200 Menschen in Trümmern eingeschlossen sein.
Für La Guaira liegen ebenfalls neue Angaben zur Gebäudeschadenslage vor. In der besonders schwer betroffenen Küstenregion sollen mindestens 250 Gebäude zerstört oder beschädigt worden sein. Auch das ist weiterhin als sehr vorläufig zu werten. Der Bundesstaat bleibt der Schwerpunkt der Katastrophe; Such- und Rettungsteams arbeiten dort weiter unter schwierigen Bedingungen.
Auch aus Carabobo gibt es erste genauere Angaben. Im Raum Morón nahe dem Epizentralgebiet werden mindestens acht Todesopfer gemeldet. Zudem sind dort Häuser eingestürzt, und Teile der Versorgung mit Wasser und Strom sind weiterhin unterbrochen.
Parallel dazu wächst die Zahl der Menschen, die von Angehörigen oder Hilfsstellen nicht erreicht werden können. Eine von Oppositionsvertretern betriebene Vermisstenplattform listet inzwischen mehr als 35.000 nicht erreichte Personen. Diese Zahl ist nicht offiziell bestätigt und kann Doppelmeldungen oder Kommunikationsausfälle enthalten. Sie zeigt aber, wie groß die Unsicherheit über das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe weiterhin ist.
Internationale Hilfe wird weiter mobilisiert. Neben bereits angekündigten Such- und Rettungsteams werden zusätzliche medizinische und humanitäre Hilfen vorbereitet. Entscheidend bleibt vor allem der Zugang zu La Guaira und weiteren schwer betroffenen Orten, wo Verschüttete, Gebäudeschäden und Ausfälle der Grundversorgung die Lage weiter verschärfen.
Update: 13:20 Uhr: Opferzahl steigt deutlich
Die bestätigte Opferzahl ist deutlich gestiegen. Nach Angaben der venezolanischen Regierung kamen mindestens 164 Menschen ums Leben, 971 wurden verletzt. Damit hat sich die offizielle Bilanz gegenüber dem Vormittag massiv erhöht. Da weiterhin Such- und Rettungsarbeiten laufen, bleibt auch diese Zahl vorläufig.
Weiterhin ist die Nachbebentätigkeit äußerst gering. Zwar kam es am frühen Morgen MESZ noch zu einem Nachbeben der Stärke 4.5. Von der üblichen Nachbebenaktivität, wie sie nach einem Hauptbeben der Magnitude 7.8 zu erwarten ist, kann man dabei aber nicht reden.
Update: 12:12 Uhr: Quellmodell deutet auf komplexes Mw-7.8-Ereignis hin
Eine neue Auswertung von GEOSCOPE/IPGP mit geophysikalischen Verfahren deutet darauf hin, dass die Erdbebensequenz in Venezuela möglicherweise besser als ein einzelnes, sehr komplexes Bruchereignis mit einer Momentmagnitude von Mw 7.8 beschrieben wird. Während USGS das Ereignis bislang als zwei starke Erdbeben der Magnituden 7.2 und 7.5 innerhalb weniger Sekunden führt, modelliert SCARDEC die gesamte Momentfreisetzung ab 22:04:32 UTC als einen längeren, ununterbrochenem Bruchprozess. In dem Fall handelt es sich um ein einzelnes Erdbeben, das sich kaskadenartig aufbaute.
Die berechnete Quellzeitfunktion zeigt mehrere starke Bruchimpulse über einen Zeitraum von etwa zwei Minuten. Das spricht für einen komplexen Bruchablauf mit mehreren Teilbrüchen oder stark schwankender Energiefreisetzung entlang des Boconó-Morón-San-Sebastián-Störungssystems.
Damit wird die Einordnung des Bebens noch ernster: Wird die gesamte Energiefreisetzung als ein Mw-7.8-Ereignis mit Ursprung in 12 km Tiefe betrachtet, liegt sie deutlich über der zunächst genannten Magnitude 7.5. Für die Schadenswirkung ist zudem nicht nur die Magnitude entscheidend, sondern auch die flache Tiefe, die lange Bruchdauer und die Ausbreitungsrichtung des Bruchs in Richtung dicht besiedelter Gebiete.
Update: 11:10 Uhr
Die bestätigte Opferzahl nach dem schweren Doppelbeben in Venezuela liegt weiterhin bei mindestens 32 Toten und mehr als 700 Verletzten. Eine neue landesweite Gesamtbilanz wurde bislang nicht veröffentlicht. Jedoch gibt es aus vielen Orten Meldungen über Menschen, die unter Trümmern begraben liegen. Auch von vielen Geretteten ist die Rede, während Rettungs- und Bergungsarbeiten vielerorts intensiviert werden.
Aus dem Großraum Caracas gibt es inzwischen genauere lokale Angaben. Im Bezirk Baruta sollen drei Menschen nach dem Einsturz von Gebäuden ums Leben gekommen sein. Aus Chacao wird ein weiteres Todesopfer gemeldet; dort sollen vier Gebäude vollständig eingestürzt sein. Außerdem wurden dort mehrere Menschen in Krankenhäuser gebracht.
Internationale Hilfe läuft an. Nach Angaben aus Venezuela und internationalen Medien werden Rettungs- und Hilfsteams aus mehreren Ländern erwartet oder vorbereitet, darunter Mexiko, Katar, die USA, die Dominikanische Republik und El Salvador. El Salvador kündigte demnach die Entsendung von mehreren hundert Rettungskräften, Sanitätern und Hilfsgütern an. Auch aus weiteren lateinamerikanischen Staaten wurden Hilfsangebote gemeldet.
Die USA haben nach eigenen Angaben ein Katastrophenhilfeteam und eine Task Force aktiviert. Geplant sind Such- und Rettungskräfte, medizinische Unterstützung und humanitäre Hilfsgüter. Auch internationale Hilfsorganisationen mit bereits bestehenden Teams in Venezuela beginnen mit Bedarfserkundungen in den betroffenen Regionen.
Aus Europa gibt es bislang vor allem Hilfsangebote einzelner Staaten. Spanien wird in mehreren Berichten als eines der Länder genannt, die Unterstützung angeboten haben.
Die internationale Hilfe ist vor allem deshalb wichtig, weil die Lage in den am stärksten betroffenen Gebieten weiterhin unübersichtlich ist. In La Guaira und Teilen des Großraums Caracas laufen Such- und Rettungsarbeiten. Zudem erschweren beschädigte Infrastruktur, Strom- und Kommunikationsprobleme sowie instabile Gebäude die Erfassung der tatsächlichen Schäden.
Update: 8:20 Uhr
Die dramatische Lage in Venezuela wird zunehmend deutlicher. Nach aktuellen Angaben der venezolanischen Behörden kamen durch die beiden schweren Erdbeben mindestens 32 Menschen ums Leben, mehr als 700 wurden verletzt. Die Zahlen sind weiterhin vorläufig und dürften noch deutlich steigen.
Besonders betroffen ist wie bereits zuvor angedeutet wurde der Küstenstaat La Guaira nördlich von Caracas. Die venezolanische Regierung bezeichnet La Guaira inzwischen als Katastrophengebiet. Dort sollen Dutzende Gebäude eingestürzt sein. Gerade dort laufen weiter Such- und Rettungsarbeiten.
Auch aus Caracas, Miranda, Aragua, Carabobo und weiteren Regionen werden schwere Schäden gemeldet. Betroffen sind Wohngebäude, Verkehrswege und Teile der kritischen Infrastruktur. Der internationale Flughafen Simón Bolívar bei Maiquetía wurde beschädigt bzw. zeitweise geschlossen, auch der Metroverkehr in Caracas und die Gasversorgung wurden vorsorglich eingeschränkt.
Damit bestätigt sich zunehmend das, was die ersten Videos, das PAGER-Modell der USGS und die Modellrechnung von Erdbebennews bereits nahegelegt hatten: Dieses Erdbeben besitzt ein katastrophales Schadenspotenzial. Besonders die Kombination aus flachem Hauptbeben der Magnitude 7.5, dichter Besiedlung, verwundbarer Bausubstanz und mutmaßlich ostwärts gerichteter Bruchausbreitung in Richtung La Guaira und Caracas macht die schweren Folgen plausibel.
Weiterhin auffällig ist, dass international bislang keine größeren Nachbeben registriert wurden. Zwar registrierte der nationale Erdbebendienst Funvisis einzeln Beben um Magnitude 3 entlang der Bruchfläche zwischen San Felipe und Caracas. Für ein Erdbeben dieser Stärke wäre eine Nachbebenserie mit dutzeenden Ereignissen deutlich über Magnitude 4 zu diesem Zeitpunkt normalerweise zu erwarten.
Hintergründe zu diesem Erdbeben
Ein schweres Erdbeben hat am frühen Mittwochabend Ortszeit große Teile Venezuelas erschüttert. Nach manuellen Auswertungen des US-Erdbebendienstes USGS erreichte das Hauptbeben eine Magnitude von 7.5. Der Erdbebenherd lag in geringer Tiefe im zentral-nördlichen Venezuela, westlich von Caracas, im Bereich der Bundesstaaten Yaracuy und Carabobo.
Besonders aus dem Großraum Caracas und aus der Küstenregion La Guaira gibt es zahlreiche Hinweise auf schwere Zerstörungen. Videos und Fotos in sozialen Netzwerken zeigen eingestürzte oder schwer beschädigte Gebäude, Trümmer auf Straßen, Staubwolken über dicht bebauten Stadtteilen und Menschen, die in Panik ins Freie flüchteten. Teils wurden ganze Häuserreihen zerstört. Es werden zahlreiche Brände durch zerstörte Gasleitungen gemeldet. Auch Schäden am internationalen Flughafen Simón Bolívar bei Maiquetía wurden gemeldet.
Eine verlässliche Opferbilanz liegt bislang nicht vor. Vereinzelt gibt es Meldungen über Opfer, die aus Trümmern geborgen wurden. Auch einzelne Überlebende konnten bereits gerettet werden. Großflächige Such- und Rettungsoperationen sind im Gange. Es muss nach derzeitigem Stand von einer schweren bis sehr schweren Erdbebenkatastrophe ausgegangen werden. Das automatische PAGER-Modell der USGS stuft das Ereignis als extrem gefährlich ein. Auch die Modellberechnung von Erdbebennews zeigt in dicht besiedelten Gebieten sehr starke bis extreme Erschütterungen und ein hohes Schadenspotenzial mit wahrscheinlich fünfstelliger Opferzahl.
Zwei schwere Erdbeben innerhalb weniger Sekunden
Es handelte sich nach USGS-Daten nicht um ein einzelnes Erdbeben, sondern um eine ungewöhnliche Doppelsequenz. Gegen 22:04 UTC ereignete sich zunächst ein starkes Erdbeben der Magnitude 7.2. Nur rund 39 Sekunden später folgte ein noch stärkeres Ereignis der Magnitude 7.5. In Venezuela war es zu diesem Zeitpunkt etwa 18:04 Uhr Ortszeit.
Solche eng aufeinanderfolgenden starken Ereignisse werden als Doublet oder Doppelbeben bezeichnet. Für Betroffene kann sich das wie eine besonders lange, mehrfach anschwellende Erschütterung anfühlen. Auch für die Schadenswirkung ist das relevant: Gebäude, die durch das erste starke Beben bereits geschwächt wurden, können durch das zweite Ereignis zusätzlich belastet werden. Solche Doublets entstehen, wenn unmittelbar durch die Bewegung des ersten Erdbebens ein angrenzendes Segment der jeweiligen Störungszone an anderer Stelle in Bewegung gerät. Zwischen den Beben eines Doublets können wenige Sekunden bis mehrere Stunden liegen.
Schwere Schäden in La Guaira und Caracas
Nach den bisher vorliegenden Berichten liegt der Schwerpunkt der Schäden offenbar in der Küstenregion La Guaira sowie im Großraum Caracas. Besonders kritisch ist die Lage dort, weil die Region dicht besiedelt ist, viele Gebäude an steilen Hängen oder auf ungünstigem Untergrund stehen und Teile der Bausubstanz verwundbar sind.
Aus Caracas werden eingestürzte Gebäude, schwere Fassadenschäden, beschädigte Wohnungen, blockierte Straßen und Rettungseinsätze gemeldet. Auch aus Stadtteilen wie Altamira, Los Palos Grandes, Chacao und weiteren Teilen des Ballungsraums kursieren zahlreiche Aufnahmen schwerer Schäden. In La Guaira deuten erste Videos und Meldungen ebenfalls auf massive Zerstörungen hin.
Auch andere Orte entlang der Nordküste Venezuelas sind betroffen. Der Schwerpunkt mit den stärksten Erschütterungen verläuft von der Stadt San Felipe bis an die Küste des Karibischen Meeres nördlich von Caracas. Schwache Erschütterungen ohne Schadenspotential werden aus weiten Teilen Venezuelas gemeldet und betrafen auch Nachbarländer wie Kolumbien, die Niederländischen Antillen mit Aruba, Bonaire und Curacao sowie Trinidad und Tobago.
Warum dieses Erdbeben so verheerend sein kann
Die Magnitude 7.5 beschreibt die freigesetzte Energie des Erdbebens. Entscheidend für die Folgen ist aber nicht nur die Magnitude, sondern auch die Tiefe, die Lage des Bruchs, die Entfernung zu Städten, die Bauweise der Gebäude und der lokale Untergrund.
In diesem Fall kommen mehrere ungünstige Faktoren zusammen. Der Erdbebenherd lag sehr flach. Das Epizentralgebiet befindet sich nahe dicht besiedelter Regionen im zentral-nördlichen Venezuela, wo erdbebensichere Bauweise eher die Ausnahme ist. Zudem dürfte sich der Bruch nach aktuellen Modellannahmen nicht symmetrisch um das Epizentrum ausgebreitet haben, sondern überwiegend nach Osten entlang der Küste in Richtung der Ballungszentren Caracas und Valencia.
Diese ostwärts gerichtete Bruchausbreitung ist wichtig: Sie kann erklären, warum besonders La Guaira und Caracas so stark betroffen sind, obwohl das Epizentrum weiter westlich lag. Geophysikalische Rechnungen ermittelten eine Bruchrichtung von im Mittel 86° vom Epizentrum in östliche Richtung, dem Verlauf des Bocono-Störungssystems folgend. Städte westlich des Epizentrums wie Barquisimeto, das von der direkten Distanz sogar näher am Epizentrum liegt als Caracas, waren kaum betroffen mit nur mäßig-starken Bodenbewegungen.
Caracas ist für starke Erschütterungen besonders anfällig
Dass Caracas trotz größerer Entfernung zum Epizentrum stark betroffen sein kann, ist neben der Bruchausbreitung auch durch die lokale Geologie begünstigt. Die Stadt liegt in einem tektonisch und geologisch komplexen Raum. Teile des Stadtgebiets befinden sich auf Sedimenten, die Erdbebenwellen verstärken und verlängern können. Solche Beckeneffekte sind aus vielen Erdbeben weltweit bekannt.
Besonders gefährlich können lang anhaltende Schwingungen für höhere Gebäude sein, in diesem Fall verstärkt durch das Doublet-Erdbeben. Aber auch ältere, schlecht gewartete oder nicht ausreichend erdbebensicher gebaute Gebäude können bereits bei niedrigeren Intensitäten schwer beschädigt werden. Hinzu kommt in Venezuela die schwierige wirtschaftliche und infrastrukturelle Lage der vergangenen Jahre, die Wartung, Sanierung und Katastrophenschutz erschwert haben dürfte.
Das bedeutet nicht, dass flächendeckend extreme Schäden zu erwarten sind. Erdbebenschäden können stark von Straße zu Straße variieren. Doch die Kombination aus starker Erschütterung, ungünstigem Untergrund, dichter Bebauung und verwundbarer Bausubstanz begünstigt eine schwere Schadenslage.
Schadensmodell von Erdbebennews zeigt katastrophales Potenzial
Die von Erdbebennews berechnete ShakeMap zeigt im Bereich zwischen Carabobo, La Guaira, Caracas und Miranda verbreitet starke bis sehr starke Intensitäten. Lokal werden heftige bis extreme Erschütterungen modelliert. Solche Intensitäten können schwere Gebäudeschäden, Einstürze anfälliger Bauwerke und viele Verletzte verursachen.
Das Schadensmodell von Erdbebennews berechnet für den Kartenausschnitt ein sehr hohes Potenzial für Gebäudeschäden und betroffene Menschen. Die Modellwerte sind keine bestätigten Opfer- oder Schadenszahlen. Sie zeigen aber, dass eine sehr hohe Opferzahl und großflächige Zerstörung unter den gegebenen Bedingungen realistisch sind.
Auch das PAGER-System der USGS stuft das Ereignis als extrem gefährlich ein. Berechnete Werte bewegen sich im Bereich der Berechnungen des Erdbebennews-Modells. PAGER ist ein automatisches Modell, das Magnitude, Tiefe, erwartete Intensitäten, Bevölkerungsdichte und Gebäudeverwundbarkeit kombiniert. Es ersetzt keine Schadensbilanz vor Ort. Bei diesem Ereignis zeigt es aber ebenso wie die Modellrechnung von Erdbebennews: Das Beben hat katastrophales Potenzial.
Feiertag und Fußballspiel zur Zeit des Bebens
Das Beben traf Venezuela zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt. Am 24. Juni wird in Venezuela der Jahrestag der Schlacht von Carabobo begangen, ein nationaler Feiertag. Zudem lief zur Zeit des Bebens das WM-Spiel Schottland gegen Brasilien. Viele Menschen dürften sich deshalb in Wohnungen, Bars, Restaurants, öffentlichen Treffpunkten oder bei Familie und Freunden aufgehalten haben.
Für die Folgen eines Erdbebens ist das wichtig. Waren viele Menschen in Gebäuden, kann dies bei Einstürzen die Zahl der Verschütteten erhöhen. Gleichzeitig waren die meisten Menschen wach und konnten möglicherweise schneller reagieren als bei einem nächtlichen Beben. Der frühe Abend, der Feiertag und das Fußballspiel dürften die Exposition der Bevölkerung jedoch deutlich beeinflusst haben.
Sehr wenige Nachbeben bisher
Auffällig ist die bisher geringe Nachbebenaktivität in den internationalen Erdbebenkatalogen. Nach einem Erdbeben der Magnitude 7.5 wären normalerweise zahlreiche Nachbeben zu erwarten, darunter häufig auch Ereignisse deutlich über Magnitude 5. Bislang wurden von internationalen Diensten wie USGS oder EMSC jedoch keine entsprechenden größeren Nachbeben registriert.
Das bedeutet keine Entwarnung. Zum einen können kleinere Nachbeben in einer Krisenlage mit Stromausfällen, Kommunikationsproblemen und begrenzter Stationsabdeckung zunächst fehlen oder später nachgetragen werden. Zum anderen können auch nach einer scheinbar nachbebenarmen Anfangsphase noch starke Nachbeben folgen.
Für die betroffene Bevölkerung bleibt deshalb große Vorsicht nötig. Beschädigte Gebäude können durch weitere Erschütterungen, Erdrutsche oder Nachgeben tragender Strukturen einstürzen. Besonders gefährlich sind schlecht sichtbare Schäden an tragenden Wänden, Stützen, Treppenhäusern und Hanglagen.
Tektonischer Hintergrund: Boconó–Morón–San-Sebastián-System
Das Erdbeben ereignete sich sehr wahrscheinlich im Bereich des großen Boconó–Morón–San-Sebastián-Störungssystems. Dieses System gehört zur komplexen Plattengrenze zwischen der Karibischen Platte und der Südamerikanischen Platte. In Nordvenezuela wird die Bewegung nicht an einer einzelnen klaren Linie aufgenommen, sondern an mehreren aktiven Störungen und Störungssegmenten.
Die Boconó-Störung verläuft aus den venezolanischen Anden in Richtung Nordosten. Im Bereich Morón und entlang der Küste geht sie in weitere Störungssysteme über, darunter das Morón- und San-Sebastián-System. Diese Störungen nehmen überwiegend rechtslaterale Seitenverschiebung auf. Dabei bewegen sich die Gesteinsblöcke horizontal aneinander vorbei.
Die aktuelle Bruchrichtung mit einer Ausbreitung nach Osten passt gut zu einem solchen Seitenverschiebungsereignis entlang der nördlichen venezolanischen Plattengrenze, beginnend am Bocono-Segment. Welcher konkrete Abschnitt gebrochen ist, muss durch Nachbebenverteilung, Momententensoren und Geländeuntersuchungen noch genauer bestimmt werden.
Historischer Vergleich: Das Erdbeben von 1812
Venezuela ist kein Land ohne Erdbebengefahr. Besonders der Norden des Landes wurde in der Vergangenheit mehrfach von zerstörerischen Erdbeben getroffen. Der wichtigste historische Vergleich ist das schwere Erdbeben vom 26. März 1812, das Caracas, Mérida und weitere Orte schwer zerstörte und als eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte Venezuelas gilt. Dabei gibt es zahlreiche Parallelen zu aktuellen Erdbeben.
Auch dieses historische Ereignis wird in der Forschung nicht immer als einfaches Einzelbeben betrachtet. Es gibt Hinweise darauf, dass es aus mehreren einzelnen Beben im Abstand von wenigen Stunden bestand. Ein Teil der damaligen Erschütterung wird im Bereich westlich bis westnordwestlich von Caracas diskutiert, ein weiterer im Raum zwischen Barquisimeto und San Felipe. Damit gibt es eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zur aktuellen Sequenz im Bereich der nördlichen venezolanischen Störungszone. Einzig der Abschnitt Richtung Barquisimeto ist bislang nicht betroffen.
Solche Parallelen mit historischen Ereignissen gibt es bei Erdbeben immer wieder. Oft sind es die selben Segmente im Bereich einer größeren Störungszone, die wiederholt und zum Teil wiederholt gemeinsam brechen. Für das bislang nicht gebrochene Segment Richtung Barquisimeto könnte dies für die nähere Zukunft auf ein deutlich erhöhtes Erdbebenrisiko hindeuten, da mit dem aktuellen M7.5-Beben der Druck auf das ungebrochene Segment der Bocono-Störung deutlich gewachsen ist.
Keine Tsunamis gemessen
Wegen der Lage nahe der Karibikküste wurde zunächst auch eine mögliche Tsunamigefahr geprüft. Nach den bisherigen Informationen wurde jedoch keine Tsunamientstehung gemessen. Allerdings gibt es an der venezuelanischeen Küste und umliegenenden Inselstaaten auch nur wenige Messpunkte. Dadurch lassen sich einzelne lokale, zumeist kleine Tsunamis zum Beispiel infolge getriggerter Erdrutsche nicht ausschließen. Eine großflächig Tsunamilage liegt aber mit Sicherheit nicht vor.
Einordnung
Das Erdbeben in Venezuela ist eines der schwersten Erdbebenereignisse weltweit in diesem Jahr und wahrscheinlich eines der folgenschwersten Ereignisse in der jüngeren Geschichte des Landes. Die Kombination aus Magnitude 7.5, geringer Tiefe, dichter Besiedlung, möglicher ostwärts gerichteter Bruchausbreitung, verwundbarer Bausubstanz und ersten massiven Schadenshinweisen macht eine schwere Katastrophe sehr wahrscheinlich.
Bestätigte Opferzahlen müssen abgewartet werden. Doch die derzeitige Datenlage, die ersten Videos, Medienberichte und Modellrechnungen sprechen klar dafür, dass die Folgen erheblich sein werden. Weitere Schäden und Opfermeldungen sind in den kommenden Stunden und Tagen zu erwarten.
Erdbebennews wird die Lage weiter beobachten und diesen Beitrag aktualisieren, sobald neue Informationen zu Schäden, Opfern und Nachbeben vorliegen.
Betroffene Städte & Orte
| Stadt | Land | Intensität (EMS-98) | Bewohner | Entfernung Epizentrum (km) | Beschreibung |
|---|---|---|---|---|---|
| Turmero | Venezuela | 9 | 344700 | 116.6 | Zerstörungen möglich |
| Mariara | Venezuela | 9 | 116100 | 88.9 | Zerstörungen möglich |
| Los Dos Caminos | Venezuela | 9 | 58200 | 184.6 | Zerstörungen möglich |
| La Dolorita | Venezuela | 9 | 56800 | 189.2 | Zerstörungen möglich |
| Tocuyito | Venezuela | 9 | keine Daten | 61.6 | Zerstörungen möglich |
| Caracas | Venezuela | 9 | 3000000 | 179.0 | Zerstörungen möglich |
| Maracay | Venezuela | 9 | 1754300 | 103.9 | Zerstörungen möglich |
| Valencia | Venezuela | 9 | 1619500 | 64.1 | Zerstörungen möglich |
| Guacara | Venezuela | 9 | 198900 | 74.1 | Zerstörungen möglich |
| Baruta | Venezuela | 9 | 244200 | 179.4 | Zerstörungen möglich |
Wahrnehmungsmeldungen zu diesem Erdbeben
Hast du dieses Erdbeben gespürt?
Melde deine Beobachtung – sie hilft, Intensität und Auswirkungen besser einzuordnen.