Windenergieanlagen verursachen keine Erdbeben. Doch ihre Schwingungen können seismologische Messstationen beeinflussen. Besonders kleine Erdbeben lassen sich in der Nähe von Windparks schlechter erkennen. Der Konflikt zeigt, warum Energiewende und Erdbebenüberwachung gemeinsam geplant werden müssen.

Windkraftanlagen und Erdbebenstationen haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. In der Praxis suchen sie aber oft ähnliche Standorte: möglichst weit weg von Siedlungen, Straßen, Industrie und anderen dauerhaften Störquellen. Für Windkraftanlagen geht es um Platz, Windverhältnisse und Abstand zur Wohnbebauung. Für seismologische Messstationen geht es um Ruhe.Genau daraus entsteht ein Zielkonflikt, der mit dem Ausbau der Windenergie wichtiger wird. Denn moderne Seismometer sind extrem empfindlich.

Sie registrieren nicht nur Erdbeben, sondern auch viele andere Bodenbewegungen: Verkehr, Maschinen, Sprengungen, Meeresbrandung, Baustellen, sogar Schritte von Menschen und Tieren. Und eben auch Windräder. Dass Windenergieanlagen Bodenerschütterungen verursachen können, die für Menschen zwar nicht spürbar sind, aber hochempfindliche Erdbebenmessstationen stören können, ist inzwischen Gegenstand mehrerer Forschungsprojekte, unter anderem im Projekt DB MISS.

Dabei geht es nicht darum, dass Windräder Erdbeben auslösen. Dafür gibt es keinen plausiblen Mechanismus. Das Problem liegt woanders: Rotor, Turm und Fundament einer Windenergieanlage werden durch den Wind in Schwingung versetzt. Ein Teil dieser Schwingungen kann über das Fundament auf den Untergrund übertragen werden und sich dort als seismische Welle ausbreiten. Für Menschen sind diese Bewegungen in der Regel nicht wahrnehmbar. Für ein empfindliches Seismometer können sie aber deutlich sichtbar sein. Die Stärke dieser Bewegungen ist dabei unter anderem abhängig von Größe, Leistung und Bauart der jeweiligen Windergieanlage sowie vom Untergrund und vom Abstand zur Messstation.

Warum Windkraft für Erdbebenmessung ein Problem darstellt

Erdbebenmessnetze bestehen aus vielen einzelnen Stationen. Aus den Ankunftszeiten und Amplituden der seismischen Wellen lassen sich Ort, Tiefe und Stärke eines Erdbebens bestimmen. Je mehr gute Stationen ein Ereignis aufzeichnen, desto genauer wird die Auswertung. Dabei zeichnet sich eine gute Station vor allem dadurch aus, dass sonstige Schwingungen durch Wetter, Meeresbrandung und menschliche Einflüsse, auch Rauschen genannt, möglichst niedrig sind.

Solche Störsignale an einzelnen Stationen machen ein Messnetz nicht automatisch unbrauchbar. Größere Erdbeben werden auch dann noch zuverlässig erkannt. Kritisch wird es aber bei sehr kleinen lokalen Erdbeben. Diese Ereignisse liegen, je nach Entfernung zur Messstation, oft nur knapp über dem natürlichen oder technischen Hintergrundrauschen. Wird ein Messstandort lauter, steigt die Nachweisgrenze: Kleine Beben verschwinden dann komplett im Rauschen oder können zumindest schlechter lokalisiert werden.

Gerade diese kleinen Beben sind für die Seismologie wichtig. Sie zeigen, wo aktive Störungen verlaufen, wie sich Erdbebenschwärme entwickeln und wo sich Spannungen im Untergrund abbauen. Bei induzierter Seismizität, etwa im Zusammenhang mit Geothermie, Bergbau oder anderen tiefen Eingriffen in den Untergrund, können sehr kleine Erdbeben die ersten messbaren Hinweise auf problematische Veränderungen sein. Der USGS beschreibt solche Nahmessungen ausdrücklich als wichtig, um auch kleine Ereignisse zu erfassen, aktivierte Störungsstrukturen zu erkennen und eine mögliche räumliche Verlagerung der Seismizität zu verfolgen. Auch in vulkanisch geprägten Regionen wie der Eifel oder dem Vogtland sind kleine Erdbeben Teil der wichtigen langfristigen Überwachung.

Anders gesagt: Ein Erdbeben der Magnitude 1 ist für Menschen meistens bedeutungslos. Für die Wissenschaft und für die Bewertung aktiver Untergrundprozesse kann es trotzdem ein wichtiger Datenpunkt sein.

Rheinland-Pfalz: Fast alle Stationen bereits beeinflusst

Besonders deutlich zeigt sich der Konflikt derzeit in Rheinland-Pfalz. Dort hat das Landesamt für Geologie und Bergbau eine Evaluierung des Landeserdbebendienstes durchführen lassen. Das Ergebnis: Das bestehende Messnetz ist grundsätzlich gut aufgebaut, muss aber in mehreren Regionen erweitert werden. Genannt werden unter anderem die Westeifel, der Hunsrück/Nahe-Raum und der Oberrheingraben. Zugleich beschreibt die Bewertung einen wachsenden Einfluss von Windenergieanlagen auf die Messstationen des Landeserdbebendienstes.

Laut Landesamt für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz werden nahezu alle seismologischen Stationen bereits heute durch Schwingungen von Windenergieanlagen beeinflusst. Da moderne Anlagen immer leistungsstärker werden, rechnet das Gutachten künftig mit zunehmenden Einflüssen.

Ein Beispiel ist die Station Riveris-Talsperre nahe der Grenze zum Saarland. In einem Umkreis von zehn Kilometern stehen dort nach Angaben des LGB 56 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von bis zu 131 Megawatt. Das Rauschniveau der Station ist stark windabhängig. Besonders bei starkem Wind können sehr kleine Ereignisse schlechter erkannt werden. Dies betrifft nicht nur den Westen von Rheinland-Pfalz, sondern auch die Erdbebenmessung im Saarland.

Seismologische Stationen und Windkraftanlagen in Deutschland. Rot markiert sind Stationen, bei der sich in einem Radius von 5 Kilometern eine oder mehrere WIndkraftanlagen befinden. Solche Stationen können durch das erhöhte Rauschen belastet sein. Ob und welche Richtlinien gelten, hängt von den jeweiligen Ländern ab. Die tatsächliche Belasstung durch Rauschen ist in jedem Einzelfall individuell, was vereinheitlichte Regularien unmöglich macht. Grafik in hoher Auflösung hier verfügbar. Daten Windkraftanlagen: MaStR, unter dl-de/by-2-0. Daten seismologische Stationen: Landeserdbebennetze / Deutsches Regionalnetz, via FDSN/BGR: BQ, GR, HS, LE, NH, RN, SX, TH; FDSN/LMU: BW 

Das ist für Rheinland-Pfalz nicht nur ein technisches Detail. Der Landeserdbebendienst überwacht natürliche Erdbeben, induzierte Erdbeben im Bereich von Tiefengeothermieanlagen sowie in den Bergbauregionen des Saarlands, aber auch mögliche vulkanische Aktivität in der Eifel. Gerade dort können auch sehr kleine Erdbeben wichtig sein, um Entwicklungen frühzeitig zu erkennen.

Als Reaktion setzt Rheinland-Pfalz derzeit auf Prüfbereiche um seismologische Messstationen. Der frühere Radius von drei Kilometern entfällt. Stattdessen gelten um Erdbebenmessstationen in der Regel fünf Kilometer als obligatorischer Prüfbereich. Für besonders wichtige Stationen können erweiterte Prüfbereiche von zehn Kilometern gelten. Das bedeutet nicht, dass dort keine Windenergieanlagen gebaut werden dürfen. Es bedeutet aber, dass mögliche Auswirkungen auf die Erdbebenmessung geprüft und gegebenenfalls ausgeglichen werden müssen.

NRW: Ein bekannter Konflikt mit neuer Aktualität

Auch Nordrhein-Westfalen beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Das ist wenig überraschend: Die Niederrheinische Bucht gehört zu den wichtigsten Erdbebenzonen Deutschlands. Durch die hohe Bevölkerungs- und Industriedichte vor allem am Niederrhein leistet die Erdbebenregistrierung einen wichtigen Beitrag zum Bevölkerungsschutz. Gleichzeitig ist NRW durch den hohen Energiebedarf und guter Standortbedingungen auch für Windkraft interessant.

Der Energieatlas NRW führt Beteiligungsradien um seismologische Stationen. Innerhalb dieser Radien müssen die Betreiber der Messstationen in Genehmigungsverfahren für Windenergieanlagen beteiligt werden. Die Radien betragen stationsbezogen zwei, fünf oder zehn Kilometer. Entscheidend ist dabei nicht jede theoretische Beeinträchtigung, sondern ob die Funktionsfähigkeit einer Station in rechtserheblichem Maß betroffen wäre.

NRW ist auch deshalb wichtig, weil dort das Forschungsprojekt DB MISS mitgetragen wird. Das Projekt untersucht den Einfluss von Windenergieanlagen auf Erdbebenmessstationen durch Messkampagnen an verschiedenen Anlagen in Deutschland. Hintergrund ist, dass viele ältere Untersuchungen noch auf kleineren Windenergieanlagen beruhen. Moderne Anlagen sind höher, leistungsstärker und oft anders konstruiert. Damit ist auch ihr möglicher Einfluss auf seismische Messungen neu zu bewerten.

Das seismologische Netzwerk DB MISS läuft laut FDSN von 2022 bis 2027 und wird unter anderem vom Geologischen Dienst NRW, dem Karlsruher Institut für Technologie und DMT getragen. Ziel ist es, durch Messkampagnen an unterschiedlichen Windenergieanlagen eine belastbare Datengrundlage zu schaffen.

Dabei geht es um mehrere Fragen: Wie stark sind die Schwingungen verschiedener Anlagentypen? Wie breiten sie sich im Untergrund aus? Wie gut lassen sich Störsignale vorhersagen oder filtern? Und ab welchem Punkt leidet nicht nur eine einzelne Station, sondern die Leistungsfähigkeit des gesamten Messnetzes?

Signal-Rausch-Verhältnis des Silbitz-Erdbebens an ausgewählten Stationen in Thüringen und Sachsen. Dieser Wert beschreibt die Stärke eines seismischen Signals (in dem Fall ein lokales Erdbeben) im Vergleich zum Hintergrundrauschen in den Sekunden zuvor. Ein hoher Wert spricht für eine gute Signalqualität zur Zeit des Erdbebens. Mit Abschwächung des seismischen Signals bei größerer Entfernung zum Epizentrum nimmt auch das SR-Verhältnis ab. Stationen, die durch das Rauschen von Windkraftanlagen belastet sind (hier rot markiert), haben meist ein schlechteres SR-Verhältnis als Stationen in ähnlicher Entfernung. Seismologische Daten: Thüringen-Netz, Sachsen-Netz via FDSN

Gräfenberg und GERES: Auch hochwertige Messnetze sind betroffen

Der Konflikt betrifft nicht nur Landeserdbebendienste. Ein bekanntes Beispiel ist das Gräfenberg-Array in Bayern, eines der bedeutenden seismologischen Messsysteme Deutschlands. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe beschreibt das Gräfenberg-Array als erstes digitales Breitband-Array der Erde. Die ersten Stationen wurden zwischen 1976 und 1980 installiert; die Datenreihe reicht kontinuierlich von 1976 bis heute. Langfristige Zeitreihen unter identischen Bedingungen sind von zusätzlicher Bedeutung, um neben Erdbeben auch langfristige geologische Prozesse erforschen zu können.

Untersuchungen zeigten dort, dass Windenergieanlagen in der Umgebung an einzelnen Stationen messbare Signaturen erzeugen können. Bei bestimmten Windbedingungen erhöht sich das Rauschniveau. Laut einer DGGV-Veröffentlichung aus dem Jahr 2021 verschlechtert sich die Empfindlichkeit des gesamten Gräfenberg-Arrays für teleseismische Ereignisse bei höheren Windgeschwindigkeiten um mehr als 0,1 Magnitudeneinheiten. Die Windrad-Signaturen wurden dabei teils nahen Anlagen, teils aber auch weiter entfernten Anlagen zugeschrieben.

Dabei geht es bei diesem Array nicht in erster Linie um die Registrierung kleiner lokaler Erdbeben. Hochwertige Breitbandstationen und Arrays wie Gräfenberg dienen auch der Untersuchung weit entfernter Erdbeben. Sie registrieren seismische Wellen, die sich durch das Erdinnere ausbreiten, und liefern damit Daten für die Forschung zu Erdbebenquellen, zur Wellenausbreitung und zur Struktur des Erdinneren.

In der Nähe liegt mit GERES zudem eine weitere besonders empfindliche Messanlage. GERES ist nach Angaben der BGR eine von 50 seismischen Primärstationen des International Monitoring System zur Überwachung des Kernwaffenteststoppvertrags CTBT. Die Daten werden kontinuierlich mit wenigen Sekunden Verzögerung an das Internationale Datenzentrum der CTBTO in Wien und an das deutsche Nationale Datenzentrum in Hannover übertragen.

Das seismische Stationsnetz des International Monitoring System ist speziell darauf ausgelegt, unterirdische nukleare Explosionen zu erkennen, zu lokalisieren und zu identifizieren. GERES ist laut BGR der deutsche Beitrag zu den seismischen Primärstationen des IMS und die empfindlichste Station dieser Art in Mitteleuropa. Eine Beeinträchtigung durch Windkraftanlagen gibt es dort derzeit nicht.

Solche Beispiele zeigen: Es geht nicht nur um die schnelle Meldung lokaler Erdbeben. Seismologische Stationen erfüllen sehr unterschiedliche Aufgaben. Sie dienen der regionalen Erdbebenüberwachung, der Forschung, der Gefährdungsabschätzung, der Überwachung induzierter Seismizität und teilweise auch internationalen Überwachungsaufgaben. Ein Standort, der für die Öffentlichkeit kaum sichtbar ist, kann fachlich sehr wertvoll sein.

Warum kleine Erdbeben nicht egal sind

Anders als bei weltweit relevanten Themen wie der Klimakrise und ihren Folgen ist es aber meist aber nicht offensichtlich, warum man sich überhaupt mit sehr kleinen Ereignissen beschäftigt. Also solchen Mikrobeben, deren Detektierbarkeit am stärksten von Windkraftanlagen eingeschränkt wird. Ein Erdbeben der Magnitude 1 richtet keine Schäden an. Viele dieser Beben werden von Menschen nicht bemerkt. Trotzdem sind sie wichtig.

Kleine Erdbeben sind die feine Struktur im seismischen Bild. Sie zeigen, welche Störungszonen aktiv sind, wie tief die Aktivität reicht und ob sich Erdbeben räumlich oder zeitlich verlagern. Bei Erdbebenschwärmen lässt sich oft erst durch viele kleine Ereignisse erkennen, ob sich die Aktivität entlang einer bestimmten Struktur bewegt, was Rückschlüsse auf den Ursprung zulässt, ob Fluide oder möglicherweise Magmabewegung zugrunde liegt.

Bei induzierten Erdbeben können kleine Ereignisse Hinweise darauf liefern, wie der Untergrund auf technische Eingriffe reagiert. Der USGS beschreibt für die Untersuchung induzierter Erdbeben ausdrücklich, dass nahe temporäre Messnetze auch kleine Ereignisse erfassen können, die von permanenten Netzen nicht aufgezeichnet werden. Dadurch lassen sich aktivierte Störungen, Herdmechanismen und mögliche Wanderungen der Seismizität besser untersuchen.

Auch für laangfristige Gefährdungsanalysen sind vollständige Kataloge wichtig. Wenn ein Messnetz plötzlich weniger kleine Beben erfasst, sieht eine Region scheinbar ruhiger aus, obwohl sich im Untergrund nichts geändert hat. Das kann statistische Auswertungen, Wiederkehrmodelle und die Bewertung aktiver Störungen beeinflussen. Vereinfacht gesagt: Gibt es in einer Region regelmäßig sehr kleine Erdbeben, kann dies Rückschlüsse auf mögliche Gefährdung durch zukünftige starke Erdbeben erlauben. Werden solch kleine Erdbeben aber nicht registriert, weil man sie nicht messen kann, geht diese Information verloren.

Die sogenannte Magnitude der Vollständigkeit beschreibt, ab welcher Magnitude ein Erdbebenkatalog als zuverlässig vollständig gilt, um solche Rückschlüsse zu erlauben. Eine vergleichende Studie zur Magnitude of Completeness beschreibt diese Größe als wichtigen Parameter, der bei räumlich und zeitlich veränderlicher Erdbebenerfassung berücksichtigt werden muss.

Es geht also nicht darum, aus jedem Mini-Beben eine Gefahr zu machen. Es geht darum, den Untergrund möglichst vollständig zu beobachten. Kleine Erdbeben erlauben keine einfache Vorhersage großer Erdbeben. Sie helfen aber, aktive Strukturen und damit langfristige Erdbebengefährdung, Schwärme, Nachbebenfolgen und induzierte Prozesse besser zu verstehen.

Die politische Komponente: Klimaschutz vs. Erdbebenforschung?

Der Konflikt ist auch politisch relevant. Seit der Neufassung von § 2 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes liegen Errichtung und Betrieb von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien im überragenden öffentlichen Interesse und dienen der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit. Bis die Stromerzeugung nahezu treibhausgasneutral ist, sollen erneuerbare Energien als vorrangiger Belang in Schutzgüterabwägungen eingebracht werden.

Das ist angesichts der Klimakrise nachvollziehbar und politisch gewollt. Es bedeutet aber auch: Andere Belange müssen künftig noch besser begründet werden, wenn sie einem Windenergievorhaben entgegenstehen sollen. Dazu können auch seismologische Messstationen gehören.

Wie stark diese Abwägung politisch gemeint ist, zeigt eine Einordnung des Freistaats Sachsen zu § 2 EEG. Dort werden seismologische Stationen ausdrücklich als Beispiel für Belange genannt, gegenüber denen erneuerbare Energien im Regelfall überwiegen können. Nur bei besonderen Umständen könne dieser Vorrang überwunden werden.

Das betrifft auch Regionen, in denen seismologische Stationen zur Überwachung von Erdbebenschwärmen und möglicher magmatischer oder fluidbezogener Prozesse wichtig sind, etwa im Vogtland und in angrenzenden Gebieten. Dort können gerade sehr kleine Erdbeben helfen, Veränderungen im Untergrund genauer einzuordnen.

Seismologische Messungen werden gegenüber Windkraftanlagen zwar nicht bedeutungslos. Auch sie müssen in Genehmigungsverfahren weiterhin berücksichtigt werden. Der Ausbau der Windenergie hat aber ein gesetzlich besonders starkes Gewicht bekommen. Damit verschiebt sich die Abwägung.

Für Erdbebendienste bedeutet das: Pauschale Einwände werden es schwer haben. Umso wichtiger werden belastbare Messdaten, transparente Schutzkriterien und konkrete Aussagen dazu, wann eine Windenergieanlage die Funktion eines Messnetzes tatsächlich beeinträchtigt. Ebenso ist es wichtig, die langfristigen Konsequenzen solcher Beeinträchtigungen im Detail darzulegen. Während Themen wie Energiewende und Klimaschutz weltweit von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, bleibt Erdbebenregistrierung in Deutschland eher ein Nischenthema.

Wer bezahlt den Kompromiss?

Technisch gibt es mehrere Lösungsansätze. Neue oder zusätzliche Messstationen abseits von Windparks können Netzlücken schließen. Eine größere Zahl gut verteilter Stationen kann ein Messnetz stabiler machen, auch wenn nicht jeder einzelne Standort ideal ist. Bohrlochstationen können Störsignale an der Oberfläche teilweise reduzieren, sind aber deutlich teurer und wartungsintensiver als einfache Oberflächenstationen. Eine Studie in Solid Earth kommt zu dem Ergebnis, dass Bohrlochinstallationen den Einfluss von Windenergieanlagen verringern können, die Wirksamkeit aber von der Wellenlänge der seismischen Wellen und den Untergrundbedingungen abhängt.

Bessere Modelle können helfen, den Einfluss geplanter Windenergieanlagen vorab abzuschätzen. Filterverfahren können in bestimmten Fällen Störsignale verringern. All diese Ansätze werden derzeit weiterentwickelt. Das Projekt DB MISS nennt ausdrücklich Reihenuntersuchungen an modernen Windenergieanlagen, bessere Ausbreitungsmodelle, die Fortschreibung des KIT-Prognosetools und die Weiterentwicklung intelligenter Datenfilter als Projektziele. Auch eine Verlegung von Stationen in Bohrlöcher oder der Ersatz einzelner Sensoren durch Sensorgruppen beziehungsweise Arrays werden dort als mögliche Ausgleichsmaßnahmen diskutiert.

Keine dieser Lösungen ist kostenlos. Eine neue Station muss geplant, genehmigt, gebaut, angebunden, gewartet und ausgewertet werden. Bohrlochstationen, die sich teils in mehreren hundert Metern Tiefe befinden, sind technisch aufwendiger als einfache Oberflächenstationen und kosten ein Vielfaches. Auch Datenverarbeitung, Qualitätssicherung und Personal kosten Geld.

Damit stellt sich eine politische und praktische Frage: Wer bezahlt den zusätzlichen Aufwand, wenn der Ausbau der Windenergie eine Anpassung der öffentlichen Erdbebenüberwachung nötig macht?

Eine Möglichkeit wäre, Betreiber geplanter Anlagen bei nachweisbarer Beeinträchtigung an Kompensationsmaßnahmen zu beteiligen. Eine andere Möglichkeit wäre eine Budgetaufstockung für Landeserdbebendienste und damit eine Finanzierung durch die öffentliche Hand, weil Erdbebenüberwachung Teil der Gefahrenvorsorge ist. Realistisch dürfte häufig ein Mischmodell sein: Projektbezogene Gutachten und konkrete Ausgleichsmaßnahmen auf der einen Seite, strategische Netzverbesserungen durch Länder oder Bund auf der anderen. Auch Fördergelder für themenbezogene Forschungen können zumindest temporär einen Beitrag leisten.

Klar ist: Wenn der Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigt wird, muss auch die Messinfrastruktur mitgedacht werden. Sonst wird Erdbebenüberwachung schleichend schwieriger, ohne dass es eine bewusste Entscheidung darüber gibt.

Kein Argument gegen Windkraft, sondern für bessere Planung

Der Einfluss von Windenergieanlagen auf seismologische Messungen ist kein Argument gegen Windkraft. Deutschland braucht den Ausbau erneuerbarer Energien für Klimaschutz und Unabhängigkeit von fossilen Rohstoffen. Gleichzeitig braucht ein dicht besiedeltes, tektonisch und vulkanisch aktives Land eine zuverlässige Erdbebenüberwachung. Hinter Windkraft steht der Ausbau einer klimafreundlicheren Energieversorgung. Seismologische Messungen helfen, den Untergrund zu verstehen und geologische Risiken wie Erdbeben, induzierte Seismizität und Vulkanismus besser einzuschätzen. Beides dient langfristig dem Umgang mit Risiken, nur auf sehr unterschiedlichen Wegen.

Beides gegeneinander auszuspielen, wäre zu einfach. Der eigentliche Konflikt ist nicht Klimaschutz gegen Erdbebenforschung. Der Konflikt ist schlechte Planung gegen gute Planung. Gute Planung bedeutet: Erdbebendienste frühzeitig beteiligen, sensible und wichtige Messstationen kennen, Schutzbereiche nicht pauschal, sondern fachlich begründen, Auswirkungen auf das gesamte Messnetz bewerten und bei Bedarf Kompensation ermöglichen.

Windräder machen die Erde nicht gefährlicher. Aber sie können sie für Seismometer lauter machen. Und je lauter die Messstandorte werden, desto schwieriger wird es, die sehr kleinen Erdbeben zu erfassen, die für Forschung, Gefährdungsabschätzung und Untergrundüberwachung wichtig sind. Die Energiewende darf nicht daran scheitern, dass Seismometer empfindlich sind. Aber die Erdbebenüberwachung darf auch nicht schleichend schlechter werden, weil niemand ihre Messstandorte mitdenkt.

Quellen und weiterführende Informationen

 

Die wichtigsten Fragen zu Windkraft und Erdbeben

Verursachen Windräder Erdbeben?

Nein. Windenergieanlagen lösen keine Erdbeben aus. Sie können aber Schwingungen erzeugen, die von empfindlichen seismologischen Messstationen als Störsignal registriert werden und damit die Messung echter Erdbeben beeinträchtigen

Warum stören Windkraftanlagen Seismometer?

Rotor, Turm und Fundament einer Windenergieanlage geraten bei Wind in Bewegung. Ein Teil dieser Bewegung kann in den Untergrund übertragen werden und den Boden in für Menschen unmerkliche Schwingungen versetzen. Dieses sogenannte Hintergrundrauschen kann bei seismologischen Messungen die Bewegungen von kleinen oder sehr weit entfernten Erdbeben überlageern und damit die Messung verfälschen.

Werden dadurch Erdbeben übersehen?

Größere Erdbeben werden dadurch normalerweise nicht übersehen, da diese auf einem sehr großen Gebiet von sehr vielen Stationen erfasst werden. Betroffen sind vor allem sehr kleine lokale Ereignisse, die nur knapp über dem Hintergrundrauschen liegen.

Warum sind sehr kleine Erdbeben wichtig?

Sie helfen, aktive Störungen, Erdbebenschwärme, induzierte Seismizität und mögliche Veränderungen im Untergrund besser zu verstehen. Auch bei der Überwachung von Vulkangebieten ist das Messen kleiner Erdbeben sehr wichtig. Für Menschen sind sie meist unmerklich, für die Forschung aber wertvolle Datenpunkte.

Ist das ein Argument gegen Windkraft?

Nein. Der Konflikt zeigt vor allem, dass Windkraftausbau und Erdbebenüberwachung gemeinsam geplant werden müssen. In manchen Fällen können Schutzbereiche, Gutachten oder zusätzliche Messstationen sinnvoll sein. In jedem Fall müssen beide Aspekte berücksichtigt werden, um eine gemeinsame Lösung zu finden.

 

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.