Vor zehn Jahren, im April 2016, hat eine verheerende Erdbebensequenz die japanische Präfektur Kumamoto auf der Insel Kyushu getroffen. Damals gab es enorme Schäden im dicht besiedelten urbanen Gebiet. Hunderte Menschen kamen ums Leben. Nun bebte es erneut in Kumamoto. Wieder Magnitude 7, wieder kam es zu großen Schäden und mindestens 13 Todesopfern. Ein wichtiger Unterschied: Das Epizentrum des neuen Bebens im Juli  lag südlich der Stadt Kumamoto und damit in einem weniger dicht besiedelten Gebiet. Dennoch: Beide Erdbeben ereigneten sich im Abstand von rund 20 Kilometern unmittelbar im Bereich des Hinagu-Futagawa-Störungssystems, das sich quer durch Kyushu zieht. War das Erdbeben 2026 also ein sehr spätes Nachbeben?

Die räumliche Nähe beider Erdbeben lässt einen tektonischen Zusammenhang plausibel. Das neue Beben ereignete sich an einem Segment der Hinagu-Störung innerhalb desselben komplexen Störungssystems und offenbar in einem Bereich, der bei der Erdbebensequenz von 2016 nicht vollständig gebrochen war. Bereits nach den damaligen Erdbeben zeigten verschiedene Untersuchungen, dass sich die Spannungsverhältnisse auf den benachbarten Abschnitten der Hinagu-Störung verändert hatten. Auch kam es hier bereits zu einzelnen kleinen Nachbeben. [Q4][Q5][Q6]

Damit veranschaulicht das neue Ereignis ein grundlegendes Prinzip der Erdbebenphysik: Ein starkes Erdbeben kann nicht nur an einer Stelle tektonische Spannung abbauen, sondern gleichzeitig benachbarte Abschnitte zusätzlich belasten. Dadurch kann ein weiteres großes Erdbeben begünstigt werden und damit – möglicherweise unmittelbar danach, möglicherweise aber auch erst Jahre oder Jahrzehnte später – womöglich sogar ausgelöst werden. [Q5][Q16]


Erdbeben seit 2016 und aktive Störungen in der Region Kumamoto
Erdbeben und aktive Störungen in der Präfektur Kumamoto. Rautesymbole zeigen die Lage der Epizentren ausgewählter Erdbeben nach USGS-Ortung. Entsprechende Ortungsungenauigkeiten sind vorhanden. Die Kumamoto-Beben 2016 brachen ausgehend von Kumamoto die nördlichsten rund 10 Kilometer der Hinagu-Störung sowie die Futagawa-Störung bis hin zur Aso-Caldera. Das Erdbeben 2026 brach die gesamte Hinagu-Segment von Kumamoto bis zur Küste. Ein letztes Segment der Hinagu-Störung, das unter der Meeresbucht verläuft, ist noch nicht aufgebrochen. Hier verbleibt Potential für ein weiteres großes Erdbeben.

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Kurz erklärt (Lesedauer: Etwa 3 Minuten)

Die wichtigsten Zusammenhänge zwischen 2016 und 2026 kurz erklärt

Der Zusammenhang in Kürze

Was 2016 gebrochen ist – und was nicht

Ursächlich für diese Erdbeben ist das Futagawa-Hinagu-Störungssystem, das sich quer durch die Präfektur Kumamoto zieht. Die Kumamoto-Erdbebensequenz begann am 14. April 2016 mit einem Beben der Magnitude 6.5 am nördlichen Teil der Hinagu-Störung. Rund 28 Stunden später folgte das stärkere Beben der Magnitude 7.3. Dessen Bruch breitete sich vor allem entlang der Futagawa-Störung nach Nordosten aus. Das erste Ereignis erwies sich damit nachträglich als Vorbeben. Schon diese Abfolge zeigte, dass ein Bruch innerhalb des Systems auf einen benachbarten Abschnitt übergreifen kann. [Q12][Q13]

Der Bruch von 2016 erfasste jedoch nicht das gesamte Hinagu-Futagawa-System. Die größten Verschiebungen konzentrierten sich auf die Futagawa-Störung und den nördlichsten Abschnitt der Hinagu-Störung. Weiter südlich blieben größere Teile ungebrochen. Dort war weiterhin tektonische Spannung gespeichert. [Q6][Q14][Q15]

Zusätzliche Belastung an der Hinagu-Störung

Mehrere Forschungsarbeiten untersuchten nach 2016, wie sich die Spannungen auf den benachbarten Störungsabschnitten verändert hatten. Dabei wurden für Teile der südlich anschließenden Hinagu-Störung positive Coulomb-Spannungsänderungen berechnet. Vereinfacht bedeutet das: Die Verschiebungen von 2016 hatten dort die mechanischen Bedingungen für einen späteren Bruch verbessert. [Q4][Q5]

Eine Studie aus dem Jahr 2019 zeigte zudem, dass Teile des nördlichen Hinagu-Systems nach dem Hauptbeben durch langsames, nicht spürbares Nachrutschen teilweise entlastet wurden. Für den weiter südlich gelegenen Abschnitt ließ sich eine vergleichbare Entlastung nicht feststellen. Die Forschenden betrachteten diesen Bereich deshalb als möglichen Ort eines späteren Bruchs. [Q4]

Dass das Erdbeben nicht schon unmittelbar nach 2016 folgte, spricht nicht gegen einen Zusammenhang. Die durch ein Erdbeben veränderten Spannungen verschwinden nicht nach einigen Monaten. Sie werden Teil des neuen mechanischen Zustands im Untergrund. Ob ein zusätzlich belasteter Abschnitt nach Stunden, Jahren oder Jahrzehnten versagt, hängt unter anderem von seiner vorherigen Belastung, der Reibung auf der Störungsfläche, Flüssigkeiten im Gestein und der fortlaufenden tektonischen Bewegung ab. [Q5][Q16][Q17]

Warum der Bruch damals stoppte

Störungen sind keine durchgehend glatten Bruchflächen. Sie bestehen aus versetzten Segmenten, Verzweigungen und Bereichen mit unterschiedlichen Gesteinseigenschaften. Solche Strukturen können einen Bruch stoppen, obwohl die aktive Störung dahinter weiterläuft.

Am südlichen Ende der Bruchzone von 2016 fanden seismische Untersuchungen einen Bereich mit auffälligen Gesteinseigenschaften. Diese Struktur könnte als Barriere gewirkt und verhindert haben, dass sich der damalige Bruch weiter nach Süden ausbreitete. Eine solche Barriere verhindert jedoch keine Spannungsübertragung und schließt nicht aus, dass der benachbarte Abschnitt später in einem eigenen Erdbeben bricht. [Q6][Q17]

Nachbeben nach zehn Jahren?

Nachbeben werden normalerweise als Teil einer zeitlich abklingenden Erdbebenaktivität nach einem größeren Ereignis verstanden. Einzelne Nachbeben können jedoch noch viele Jahre nach einem Hauptbeben auftreten, insbesondere nach großen Ereignissen und in Regionen mit ansonsten geringer Hintergrundaktivität.  Ob das neue Kumamoto-Erdbeben im engeren statistischen Sinn noch als Nachbeben von 2016 bezeichnet werden kann, ist deshalb nicht eindeutig. Wegen seiner Größe, der langen Zeitspanne und der möglichen Beteiligung eines anderen Störungssegments lässt es sich ebenso als eigenständiges Hauptbeben innerhalb derselben zusammenhängenden Erdbebensequenz oder desselben Störungssystems auffassen. [Q3][Q4][Q5]

Ob die Spannungsübertragung von 2016 das neue Beben unmittelbar auslöste, seinen Zeitpunkt lediglich vorverlegte oder nur einen kleineren zusätzlichen Einfluss hatte, kann derzeit nicht bestimmt werden. Dafür sind genaue Analysen der neuen Bruchfläche, der Herdmechanismen, der Nachbeben und der gemessenen Bodenbewegungen nötig.

Ein mechanischer Zusammenhang ist dennoch wahrscheinlich: Das neue Beben ereignete sich innerhalb desselben Störungssystems, an einem zuvor nicht vollständig gebrochenen Abschnitt und in einem Bereich, dessen Spannungszustand durch die Sequenz von 2016 verändert worden war. Das Ereignis zeigt damit möglicherweise die langfristige Seite desselben Prinzips, das 2016 bereits innerhalb von 28 Stunden sichtbar wurde: Ein Erdbeben kann den nächsten Bruch in einem benachbarten Teil des Systems begünstigen – manchmal unmittelbar, manchmal erst viele Jahre später.

Ausführlicher Hintergrund (Lesedauer: Ca. 12 Minuten)

Mit wissenschaftlichen Erklärungen, tektonischen Hintergründen und Details zur Erdbebengefährdung

Ein verzweigtes Störungssystem unter Zentral-Kyushu

Die Futagawa- und Hinagu-Störungen bilden kein einzelnes, durchgehend geradliniges Bruchstück. Es handelt sich um ein verzweigtes System aus mehreren Störungen und Segmenten, das sich über mehr als 100 Kilometer durch das zentrale Kyushu bis in die Yatsushiro-See erstreckt. Beide Störungszonen treffen südöstlich der Stadt Kumamoto in einem komplex aufgebauten Übergangsbereich aufeinander. [Q7]

Die Futagawa-Störungszone verläuft vom westlichen Rand der Aso-Caldera nach Südwesten in Richtung Kumamoto und zur Uto-Halbinsel. Die Hinagu-Störungszone beginnt im gemeinsamen Übergangsbereich und setzt sich von dort weiter nach Südwesten über Uki und Yatsushiro bis unter den Meeresboden der Yatsushiro-See fort. Die Bewegungen erfolgen überwiegend als rechtshändige Horizontalverschiebungen. Lokal kommen vertikale und abschiebende Bewegungskomponenten hinzu. [Q7][Q8]

Für die Erdbebengefährdung wird das System in mehrere Abschnitte unterteilt. Die Hinagu-Störungszone besteht von Nord nach Süd aus dem Takano-Shirahata-Abschnitt, dem eigentlichen Hinagu-Abschnitt und dem Abschnitt unter der Yatsushiro-See. Diese Segmente können vermutlich einzeln brechen. Möglich sind aber auch gemeinsame Brüche oder schnell aufeinanderfolgende Erdbeben, bei denen sich die Aktivität von einem Segment auf das nächste überträgt. Je größer der Bruch, umso stärker das resultierende Erdbeben. [Q7][Q9]

Die Erdbebensequenz von 2016

Die Kumamoto-Sequenz begann am Abend des 14. April 2016 mit einem Erdbeben der Magnitude 6.5 nahe Mashiki. Das Ereignis erfasste vor allem Teile des nördlichen Hinagu-Systems, unmittelbar südöstlich der Stadt Kumamoto. Rund 28 Stunden später folgte am 16. April ein wesentlich größeres Beben der Magnitude 7.3. Dessen Bruch begann ebenfalls im Übergangsbereich zwischen Hinagu- und Futagawa-Störung und breitete sich anschließend überwiegend nach Nordosten entlang der Futagawa-Störungszone bis in Richtung der Aso-Caldera aus. [Q12][Q13]

Das zunächst als Hauptbeben betrachtete Ereignis vom 14. April erwies sich dadurch nachträglich als Vorbeben. Die Abfolge zeigte, dass die Aktivität innerhalb des Hinagu-Futagawa-Systems von einem Störungsabschnitt auf einen benachbarten Bereich übergreifen kann. Innerhalb von weniger als zwei Tagen wurden zwei verschiedene, miteinander verbundene Teile des Systems durch starke Erdbeben aktiviert. [Q12][Q13]

An der Erdoberfläche entstand 2016 eine rund 30 Kilometer lange Hauptbruchzone. An Teilen der Futagawa-Störung wurden seitliche Verschiebungen von bis zu etwa 2,5 Metern dokumentiert. Am nördlichen Takano-Shirahata-Abschnitt der Hinagu-Störung waren die beobachteten Verschiebungen dagegen deutlich geringer. [Q13][Q14]

Vor allem aber erfasste der Bruch nicht das gesamte Störungssystem. Die größten Verschiebungen konzentrierten sich auf die Futagawa-Störung und den nördlichsten Teil der Hinagu-Störungszone. Der weiter südlich gelegene Hinagu-Abschnitt sowie die Fortsetzung der Störung unter der Yatsushiro-See wurden nicht vollständig in die Bruchzone einbezogen. Dort blieb somit weiterhin tektonische Spannung gespeichert. [Q6][Q14][Q15]

Wie ein Erdbeben ein späteres Ereignis begünstigen kann

Bei einem Erdbeben wird die über Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende aufgebaute Spannung nicht gleichmäßig im gesamten Umfeld abgebaut. Entlang der eigentlichen Bruchfläche nimmt die Spannung meist deutlich ab. An den Enden des Bruchs und auf benachbarten Störungen kann sie dagegen zunehmen. Das Erdbeben verändert somit das Spannungsfeld in seiner Umgebung. [Q5][Q16]

Zur Untersuchung dieser Veränderungen wird häufig die sogenannte Coulomb-Spannungsänderung berechnet. Dabei wird modelliert, ob die Verschiebung während eines Erdbebens die Bewegung auf einer benachbarten Störung erleichtert oder erschwert. Eine positive Änderung bedeutet, dass die betroffene Störung unter günstigeren Bedingungen für einen späteren Bruch steht. Sie kann dadurch näher an ihre Belastungsgrenze gebracht werden. [Q5][Q16]

Das bedeutet nicht, dass dort zwangsläufig sofort ein weiteres Erdbeben auftreten muss. Die übertragene Spannungsänderung ist meist nur ein kleiner Teil der insgesamt auf einer Störung vorhandenen Belastung. Sie kann jedoch ausreichen, um den Zeitpunkt eines ohnehin irgendwann möglichen Erdbebens vorzuziehen. Ob dies dann sofort oder erst in einigen Jahren geschieht, hängt unter anderem von der bereits vorhandenen Spannung, der Reibung auf der Störungsfläche, dem Druck von Flüssigkeiten im Gestein und der fortlaufenden tektonischen Bewegung ab. [Q5][Q16][Q17]

Deshalb kann die Reaktion eines benachbarten Störungsabschnitts sehr unterschiedlich ausfallen. Manchmal folgt das nächste starke Erdbeben bereits nach Sekunden, Stunden oder Tagen, wie bei den beiden Kumamoto-Beben 2016. In anderen Fällen führt die zusätzliche Belastung zunächst nur zu einer erhöhten Zahl kleinerer Erdbeben oder zu langsamen Bewegungen ohne spürbare Erschütterungen. Unter bestimmten Bedingungen kann es Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis der belastete Abschnitt schließlich selbst bricht. [Q3][Q4][Q16]

Was nach 2016 für die Hinagu-Störung festgestellt wurde

Bereits unmittelbar nach der Kumamoto-Sequenz untersuchten Forschende, wie die beiden großen Erdbeben die Spannungen auf den angrenzenden Abschnitten des Störungssystems verändert hatten. Mehrere Modellierungen kamen zu dem Ergebnis, dass Teile der südlich anschließenden Hinagu-Störung durch die Brüche von 2016 zusätzlich belastet worden sein könnten. [Q4][Q5]

Eine Untersuchung der Spannungsverhältnisse rund um die Bruchzone zeigte für den 2016 nicht gebrochenen Hinagu-Abschnitt eine positive Coulomb-Spannungsänderung. Der Bruch von 2016 hatte somit auf Teilen der südlich angrenzenden Störung die mechanischen Bedingungen für ein weiteres großes Erdbeben verbessert. Gleichzeitig war der damalige Hauptbruch aber auch aus bestimmten Gründen an eben jener Grenze zum Stillstand gekommen, obwohl sich die kartierte Störung weiter nach Süden fortsetzt. [Q5]

Auch Untersuchungen der kleineren Erdbeben und der langsamen Bewegungen nach der Sequenz zeigten Unterschiede zwischen den einzelnen Abschnitten. Eine 2019 veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass Teile des nördlichen Hinagu-Systems nach dem Hauptbeben durch langsames, aseismisches Nachgleiten teilweise entlastet wurden. Für den südlich anschließenden Abschnitt ließ sich eine vergleichbare Entlastung nicht feststellen. Die Forschenden hielten es deshalb für möglich, dass sich ein zukünftiger Bruch bevorzugt entlang dieses verbliebenen Abschnitts ausbreiten könnte. [Q4]

Damit war bereits wenige Jahre nach der Katastrophe von 2016 bekannt, dass die Erdbebengefahr entlang der Hinagu-Störung durch das Ereignis von 2016 nicht beseitigt worden war. Ein Teil des Systems war gebrochen und hatte Spannung abgebaut, während andere Teile weiterhin belastet blieben oder durch die Spannungsübertragung zusätzlich beansprucht wurden. [Q4][Q5][Q15]

Warum der Bruch von 2016 nicht weiter nach Süden lief

Dass eine Störung geologisch weiterverläuft, bedeutet nicht, dass sich ein einmal begonnener Bruch automatisch über ihre gesamte Länge ausbreitet. Störungszonen bestehen aus unregelmäßigen und teilweise versetzten Einzelflächen. Änderungen der Störungsrichtung, Verzweigungen, Unterbrechungen, unterschiedliche Gesteinseigenschaften und Abweichungen im lokalen Spannungsfeld können einen Bruch abbremsen oder vollständig stoppen. [Q6][Q17]

Seismische Untersuchungen fanden am südlichen Ende der Bruchzone von 2016 einen mehrere Kilometer großen Bereich mit auffälligen Eigenschaften der Erdbebenwellengeschwindigkeiten. Diese Struktur könnte als geologische Barriere gewirkt und eine weitere Ausbreitung des damaligen Bruchs verhindert haben. Südlich davon setzte sich die Hinagu-Störung jedoch als aktive und weiterhin belastete Störungszone fort. [Q6]

Eine solche Barriere verhindert keine Spannungsübertragung. Sie kann lediglich die Ausbreitung eines bestimmten Erdbebens stoppen, hinter der noch völlig andere physikalische Mechanismen stecken. Nach dem Ereignis wirken die übertragene Spannung, mögliche langsame Nachbewegungen und die fortgesetzte tektonische Belastung weiter auf die angrenzenden Teile des Systems ein. [Q5][Q6][Q16]

Eine langfristig aktive Störungszone

Die Erdbebengefahr entlang der Hinagu-Störung entstand nicht erst 2016. Paläoseismologische Untersuchungen zeigen, dass das System bereits in der Vergangenheit wiederholt starke Erdbeben erzeugt hat. In Sedimenten der Yatsushiro-See wurden innerhalb der vergangenen 10.000 Jahre Spuren von mindestens vier früheren vertikalen Versatzereignissen gefunden. [Q18]

Auch an Land wurden mehrere ältere Brüche nachgewiesen. An einem untersuchten Standort ließen sich innerhalb der vergangenen rund 31.000 Jahre mindestens fünf Ereignisse identifizieren. Aus den Studienergebnissen wurde für den jeweiligen Abschnitt ein mittleres Wiederholungsintervall von ungefähr 1.700 bis 2.600 Jahren abgeleitet. Solche Werte sind lediglich langfristige Durchschnittswerte und erlauben keine Aussage über den Zeitpunkt eines einzelnen zukünftigen Erdbebens. Sie lassen jedoch eine grobe Einschätzung zu, ob an einem bestimmten Störungssystem genug Spannung für ein großes Erdbeben vorhanden ist – vorausgesetzt man weiß, wann das letzte Beben stattgefunden hat. [Q18]

Die offiziellen japanischen Gefährdungsbewertungen betrachteten deshalb auch nach 2016 die nicht gebrochenen Abschnitte der Futagawa- und Hinagu-Störungszonen weiterhin als relevant. In Informationsmaterialien wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bei der damaligen Sequenz nur ein Teil des gesamten Systems aktiviert worden war. Die übrigen Abschnitte behielten ihr eigenes Potenzial für starke Erdbeben. [Q15]

Bei einer gemeinsamen Aktivierung mehrerer Segmente wären deutlich längere Bruchzonen und entsprechend größere Erdbeben möglich. Frühere langfristige Gefährdungsmodelle hielten bei einer kombinierten Aktivität der Hinagu-Störungszone und angrenzender Abschnitte der Futagawa-Störung Ereignisse bis ungefähr Magnitude 8 für physikalisch möglich. Solche Szenarien beschreiben das langfristige Potenzial des gesamten Systems und keine unmittelbare Erwartung für die aktuelle Sequenz. [Q9]

Ein spätes Nachbeben oder ein neues Hauptbeben?

War das Kumamoto-Erdbeben 2026 somit ein Nachbeben des Erdbebens von 2016?

Nachbeben werden normalerweise als Teil einer zeitlich abklingenden Erdbebenaktivität nach einem größeren Ereignis verstanden. Einzelne Nachbeben können jedoch noch viele Jahre nach einem Hauptbeben auftreten, insbesondere nach großen Ereignissen und in Regionen mit ansonsten geringer Hintergrundaktivität.  Ob das neue Kumamoto-Erdbeben im engeren statistischen Sinn noch als Nachbeben von 2016 bezeichnet werden kann, ist deshalb nicht eindeutig. Wegen seiner Größe, der langen Zeitspanne und der möglichen Beteiligung eines anderen Störungssegments lässt es sich ebenso als eigenständiges Hauptbeben innerhalb derselben zusammenhängenden Erdbebensequenz oder desselben Störungssystems auffassen. [Q3][Q4][Q5]

Die Bezeichnung ist für das physikalische Verständnis jedoch nur von begrenzter Bedeutung. Entscheidend ist, dass beide Ereignisse nicht unabhängig voneinander in beliebigen Teilen Kyushus stattfanden. Das neue Beben ereignete sich innerhalb desselben Störungssystems und in einem Bereich, dessen Spannungszustand durch die Erdbeben von 2016 verändert worden war. [Q4][Q5][Q6]

Ob die Spannungsübertragung von 2016 für das neue Erdbeben ausschlaggebend war, seinen Eintritt lediglich beschleunigte oder nur einen geringen zusätzlichen Einfluss hatte, lässt sich nicht unmittelbar feststellen. Dafür sind detaillierte Analysen der neuen Bruchfläche, der Herdmechanismen, der Nachbebenverteilung und der geodätisch gemessenen Bodenbewegungen erforderlich. Jedoch lässt sich anhand der vorangegangenen Arbeiten zeigen, dass das Erdbeben von 2026 nicht räumlich und zeitlich unabhängig vom Erdbeben 2016 aufgetreten ist. Damit ist ein mechanischer Zusammenhang plausibel, auch wenn es die Definition eines Nachbebens nicht erfüllt. [Q1][Q2][Q4][Q5][Q15]

Erdbebensequenzen enden nicht immer nach wenigen Monaten

Das neue Kumamoto-Erdbeben verdeutlicht, dass die Folgen eines starken Erdbebens nicht auf die unmittelbar anschließende Nachbebenphase beschränkt sind. Ein großer Bruch mischt die tektonischen Karten im Untergrund neu. Manche Störungsabschnitte werden entlastet, andere zusätzlich belastet. Diese Veränderungen können die weitere Entwicklung eines gesamten Störungssystems über lange Zeiträume beeinflussen. [Q5][Q16]

Die Kumamoto-Sequenz von 2016 zeigte bereits innerhalb von 28 Stunden, wie schnell ein Erdbeben einen benachbarten Bruch begünstigen kann. Das neue Ereignis zeigt möglicherweise die andere zeitliche Dimension desselben Prinzips: Ein belasteter Abschnitt kann zunächst stabil bleiben und erst viele Jahre später versagen. [Q4][Q5][Q12]

Bleibt somit die Frage, ob mit diesem neuen Erdbeben die Kumamoto-Sequenz nun ein Ende gefunden hat, oder mögliche weitere Brüche offen stehen. Laut USGS-Auswertung brach das 2026er Erdbeben lediglich den Abschnitt der Hinagu-Störung, der am Land verläuft. Vor der Küste verbleibt ein rund 20 Kilometer langes Segment, wo ein weiteres großes Erdbeben möglich ist. Inwieweit das Erdbeben am 26. Juli 2026 darauf Einfluss haben könnte, müssen genauere Untersuchungen zeigen.

[Q19]

Zudem ist auch ein Einfluss auf weitere, bisher unbeteiligte Störungszonen in der Nachbarschaft denkbar. Die JMA sprach in einem öffentlichen Statement bereits von einem erhöhten Risiko weiterer starker Erdbeben in der Region in den nächten Tagen – auf Basis früherer Beobachtungen. Eine Vorhersage eines weiteren Erdbebens ist das nicht. Aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass tektonische Systeme komplex sind und ein starkes Erdbeben sowohl kurz- als auch langfristige Auswirkungen haben kann.  [Q1][Q2]

Quellen und weiterführende Literatur

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Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.