Der Norden Frankreichs gehört heute zu den erdbebenärmsten Regionen Europas. Doch neue Untersuchungen zeigen, dass diese Ruhe trügen kann: Nahe der Stadt Beauvais, rund 75 Kilometer nördlich von Paris, haben Forschende Spuren eines starken eiszeitlichen Erdbebens identifiziert. Verschiebungen in rund 50.000 Jahre alten Sedimenten deuten darauf hin, dass damals eine alte tektonische Struktur reaktiviert wurde. Je nach Berechnungsmodell könnte das Erdbeben eine Magnitude zwischen etwa 5,5 und mehr als 6 erreicht haben.

Entdeckt wurden die auffälligen Verformungen eigentlich schon im Jahr 1993. Bei archäologischen Ausgrabungen am paläolithischen Fundplatz „La Justice“ am Stadtrand von Beauvais dokumentierten Fachleute mehrere kleine Störungen, die verschiedene Sedimentschichten durchschneiden. Ihre tektonische Bedeutung wurde damals jedoch nicht näher untersucht. Mehr als 30 Jahre später haben französische Geologen und Archäologen die alten Grabungsunterlagen neu ausgewertet. Ihre Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift Comptes Rendus Géoscience der französischen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht.

Bis zu 25 Zentimeter Versatz

Die bei Beauvais freigelegten Störungen durchschneiden eiszeitliche Boden- sowie darunterliegende Gesteinsschichten aus der Kreide- und Paläogenzeit. Über mehrere parallel verlaufende Störungsäste verteilt summiert sich der vertikale Versatz auf bis zu etwa 25 Zentimeter. Die versetzten Sedimente wurden vor ungefähr 60.000 bis 45.000 Jahren abgelagert. Jüngere Schichten sind dagegen nicht mehr verschoben. Damit lässt sich die tektonische Bewegung auf einen Zeitraum zwischen etwa 55.000 und 45.000 Jahren vor heute eingrenzen – zu einer Zeit, als Neandertaler die Region bewohnten.

Die Forschenden um Stéphane Baize von der französischen Behörde für nukleare Sicherheit und Strahlenschutz ASNR prüften auch andere mögliche Ursachen für die Verformungen. Eiszeitliche Bodenbewegungen, unterirdische Hohlräume, Hangrutschungen oder menschliche Eingriffe passen demnach nicht zur Geometrie und räumlichen Ausdehnung der Störungen. Als wahrscheinlichste Erklärung bleibt ein tektonisches Ereignis, bei dem der Untergrund entlang einer Störung ruckartig versetzt wurde.

Ob alle beobachteten Störungsäste während eines einzigen Erdbebens entstanden oder mehrere Ereignisse in kurzen Zeitabständen beteiligt waren, ist allerdings nicht abschließend geklärt. Die Autoren halten ein einzelnes stärkeres Beben für plausibel.

Wie stark war das Erdbeben?

Da das Ereignis Zehntausende Jahre zurückliegt, kann seine Magnitude nicht direkt bestimmt werden. Eine Abschätzung ist nur über empirische Beziehungen zwischen der Größe eines Oberflächenversatzes, der Länge einer Bruchzone und der Magnitude heutiger Erdbeben möglich.

Je nach verwendeter Berechnung ergeben sich sehr unterschiedliche Werte. Speziell für Erdbeben innerhalb von Kontinentalplatten entwickelte Modelle sprechen für eine Größenordnung um Magnitude 5,3 bis 5,7. Andere Beziehungen, die überwiegend auf Erdbeben in tektonisch aktiveren Regionen beruhen, liefern sogar Werte oberhalb von Magnitude 6.

Modellierte Auswirkungen eines oberflächennahen Erdbebens der Magnitude 5,5 bei Beauvais. Im näheren Umfeld wären starke Erschütterungen und verbreitete leichte bis mäßige Schäden möglich. Auch im Großraum Paris wäre das Beben deutlich zu spüren. Berechnung und Darstellung: Erdbebennews. Kartenhintergrund: OpenStreetMap/CARTO.

Ein Erdbeben um Magnitude 6 ist damit möglich, aber keineswegs sicher nachgewiesen. Auch die tatsächlich gebrochene Störung und ihre gesamte Länge sind bislang unbekannt. Dadurch ergeben sich bei der Abschätzung der Magnitude die entsprechenden Unsicherheiten.

Schon ein Erdbeben um Magnitude 5.5 – eine konservativere Annahme – könnte im heutigen dicht besiedelten Norden Frankreichs erhebliche Auswirkungen haben. Bei einem Erdbeben, das oberflächennah Bodenschichten versetzt, wären starke Erschütterungen und verbreitete, teils schwere Gebäudeschäden im Raum Beauvais möglich. Auch im Großraum Paris wäre das Beben wahrscheinlich deutlich zu spüren und könnte kleinere Schäden verursachen.

Eine alte Störungszone unter Nordfrankreich

Der Fundplatz liegt nahe der geologischen Struktur des Pays de Bray. Dabei handelt es sich um eine mehr als 100 Kilometer lange Zone, die von der Nähe der Kanalküste bei Dieppe über Beauvais bis in Richtung Senlis verläuft. Sie zeichnet sich an der Oberfläche unter anderem durch eine langgestreckte Aufwölbung der Gesteinsschichten ab – also einem leichten Höhenrücken.

Die Ursprünge dieser Struktur reichen weit in die geologische Vergangenheit zurück. Vermutlich folgt sie alten Schwächezonen im Grundgebirge, die bereits während früherer Gebirgsbildungsphasen vor hunderten Millionen Jahren entstanden und später mehrfach reaktiviert wurden. Die bei Beauvais entdeckten Störungen liegen allerdings mehrere Kilometer von der bisher kartierten Hauptstörung entfernt. Deshalb ist unklar, ob das eiszeitliche Erdbeben direkt auf der großen Pays-de-Bray-Störung entstand und in dem Fall sogar noch stärker gewesen sein könnte. Möglich ist auch eine bislang unbekannte Nebenstörung, die mit dem größeren Störungssystem verbunden ist.

Um die Quelle und Stärke des Erdbebens genauer einzugrenzen, müssten vergleichbare Verformungen an weiteren Orten gefunden werden. Erst zusätzliche Aufschlüsse oder gezielte Grabungen könnten zeigen, wie lang die damalige Bruchzone tatsächlich war.

Geringe Aktivität bedeutet nicht keine Aktivität

Das Pariser Becken gilt heute als nahezu erdbebenfrei. Seit Beginn der instrumentellen Überwachung wurden dort nur wenige und überwiegend schwache Erdbeben registriert. Auch aus historischen Quellen sind kaum stärkere Ereignisse bekannt. Bedeutendste Ausnahme hier: Eine ganze Erdbebenserie wohl direkt unterhalb von Beauvais.

Die ersten gut dokumentierten Erschütterungen traten am 26. April auf. Zeitgenössische Berichte beschreiben mehrere Stöße, die unter anderem in Breteuil, Saint-Just-en-Chaussée, Montdidier und umliegenden Ortschaften verspürt wurden. Den Höhepunkt erreichte die Serie am 30. April mit dem Wavignies-Erdbeben. Für dieses Ereignis wird heute eine Magnitude von ungefähr 4,4 und eine Epizentralintensität von VI angenommen.

nstrumentelle Erdbeben in Frankreich zwischen 1962 und 2021. Das Pariser Becken und der Norden Frankreichs weisen im modernen Erdbebenkatalog nur eine sehr geringe Aktivität auf. 
Karte: BCSF-RéNaSS (2022), „Instrumental seismicity in mainland France (1962–2021)“, EOST UAR830, Université de Strasbourg, CNRS, DOI: 10.25577/fv3f-sq09, Lizenz: CC BY 4.0. : Erdbebennews.

Historische Quellen berichten von eingestürzten oder beschädigten Häusern, herabgefallenen Schornsteinen und heftig bewegten Haushaltsgegenständen. Da sich innerhalb weniger Tage zahlreiche Erschütterungen ereigneten, lassen sich die beschriebenen Schäden allerdings nicht immer eindeutig einem einzelnen Beben zuordnen.

Auch nach dem Hauptbeben setzte sich die Aktivität fort. Am 15. Mai wurden erneut mehrere deutlich spürbare Stöße registriert, die auch Beauvais erreichten. Schwächere Erschütterungen und unterirdisches Grollen sollen noch bis Ende Mai angehalten haben.

Erdbebenserie im Jahr 1756

Eine direkte Verbindung dieser historischen Serie zur großen Pays-de-Bray-Störung ist bislang nicht belegt. Die Rekonstruktion des Epizentrums deutet eher auf eine kleinere Störung unterhalb einer Nebenstruktur nordöstlich von Beauvais hin – und damit auch in unmittelbarer Nähe der Fundstelle. Dennoch zeigt die Serie, dass im vermeintlich nahezu aseismischen Norden Frankreichs auch in historischer Zeit lokale Erdbeben mit potenziell schädlichen Auswirkungen aufgetreten sind.

Doch instrumentelle Erdbebenkataloge umfassen lediglich einige Jahrzehnte. Historische Aufzeichnungen reichen in Europa bestenfalls wenige Jahrhunderte zuverlässig zurück. Verglichen mit möglichen Wiederkehrzeiten von Zehntausenden Jahren ist dieser Beobachtungszeitraum kaum mehr als eine Momentaufnahme. Eine Störung kann daher während der gesamten menschlichen Erinnerung ruhig geblieben sein und trotzdem grundsätzlich noch Erdbeben erzeugen. Besonders innerhalb von Kontinentalplatten bauen sich tektonische Spannungen nur sehr langsam auf. Stärkere Ereignisse treten entsprechend selten auf, können dann aber Regionen treffen, die über viele Jahrtausende vollkommen unauffällig waren.

Das bedeutet nicht, dass im Norden Frankreichs nun kurzfristig mit einem starken Erdbeben gerechnet werden muss. Der Fund zeigt jedoch, dass die bisher bekannten Erdbebenkataloge allein nicht ausreichen, um die langfristige Gefährdung solcher Regionen zu beurteilen.

Welchen Einfluss hatten die eiszeitlichen Gletscher?

Der Zeitpunkt des neu entdeckten Bebens fällt in eine Phase großer klimatischer Veränderungen. Während der letzten Eiszeit lagen mächtige Eisschilde über Nordeuropa und den Britischen Inseln. Das Gewicht dieser Eismassen drückte die Erdkruste nach unten und veränderte das Spannungsfeld über weite Teile Europas. Als sich die Gletscher zurückzogen, wurde die Erdkruste entlastet und begann sich langsam wieder anzuheben. Dieser als glazialisostatischer Ausgleich bezeichnete Prozess hält in Teilen Skandinaviens bis heute an.

Beauvais lag zwar mehrere Hundert Kilometer südlich des damaligen Eisrandes. Dennoch könnten die großräumigen Spannungsänderungen bis in das Pariser Becken gereicht haben. Nach Ansicht der Forschenden ist denkbar, dass die Entlastung durch das abschmelzende Eis eine bereits tektonisch vorgespannte Störung aus dem Gleichgewicht brachte. Ähnliches wird auch für Teile Norddeutschlands angenommen, wo bereits vielerorts Hinweise auf spät- oder nacheiszeitliche tektonische Aktivität identifiziert wurden.

Die Gletscher hätten das Erdbeben demnach nicht allein verursacht. Tektonisch Spannung war bereits vorhanden. Sie könnten jedoch den letzten Impuls geliefert haben, durch den eine ohnehin belastete alte Schwächezone reaktiviert wurde. Ein solcher Zusammenhang bleibt vorerst eine plausible Hypothese und ist für das konkrete Ereignis nicht bewiesen.

Alte Störungen können erneut brechen

Der Fund von Beauvais verdeutlicht zugleich eine Besonderheit der europäischen Tektonik. Große Teile des Kontinents liegen weit entfernt von aktiven Plattengrenzen. Dennoch ist die Erdkruste von zahlreichen alten Störungen und Scherzonen durchzogen. Viele dieser Strukturen entstanden vor Hunderten Millionen Jahren. Spätere tektonische Kräfte konnten sie erneut aktivieren. Das heutige Spannungsfeld in Mittel- und Westeuropa wird unter anderem durch die fortdauernde Kollision im Alpenraum und durch Kräfte beeinflusst, die vom Mittelatlantischen Rücken auf die Eurasische Platte wirken. Diese Spannungen können bevorzugt entlang bereits vorhandener Schwächezonen abgebaut werden.

Alt bedeutet dabei nicht automatisch aktiv oder gefährlich. Die meisten alten Störungen Europas zeigen keine Hinweise auf junge Bewegungen. Entscheidend ist, ob ihre Orientierung zum heutigen Spannungsfeld passt und ob geologische Spuren eine Aktivität während der jüngeren Erdgeschichte belegen. Genau solche Spuren könnten bei Beauvais nun erstmals gefunden worden sein.

Le Teil veränderte den Blick auf Frankreichs Erdbebengefahr

Dass die alten Grabungsdaten erneut untersucht wurden, hängt auch mit einem deutlich jüngeren Erdbeben zusammen. Am 11. November 2019 erschütterte ein Beben der Magnitude 4,9 die südfranzösische Region Ardèche. Das sogenannte Le-Teil-Erdbeben verursachte zahlreiche Gebäudeschäden und hinterließ einen sichtbaren Oberflächenbruch.

Das Ereignis überraschte, weil die gebrochene Störung zuvor nicht als bedeutende aktive Erdbebenquelle eingestuft worden war. Es zeigte, dass selbst moderate Erdbeben in den langsam deformierenden Regionen Frankreichs die Erdoberfläche aufreißen können. Allerdings wird im Zusammenhang mit Le Teil auch der Einfluss eines Steinbruchs diskutiert, wo direkt oberhalb des Epizentrums über Jahre Gestein abgebaut wurde. Seitdem werden mögliche aktive Störungen im Land intensiver untersucht. Dazu gehören auch alte geologische und archäologische Aufschlüsse, in denen sich Spuren früherer Erdbeben erhalten haben könnten.

Keine akute Warnung für Paris

Aus der neuen Studie lässt sich keine unmittelbar erhöhte Erdbebengefahr für Paris oder Beauvais ableiten. Das untersuchte Ereignis liegt ungefähr 50.000 Jahre zurück. Ob es auf derselben Störung weitere vergleichbare Beben gab und wie lang ihre Wiederkehrzeiten sind, ist unbekannt. Aber die Erkenntnisse liefern durchaus Indizien auf mögliche seismologische Gefährdungen im Pariser Becken, die durch weitere Forschungen präzisiert werden müssten.

So müssen zunächst weitere Spuren gesucht und die verantwortliche Störung identifiziert werden. Der bisherige Fund ist ein wichtiges Puzzleteil, aber noch keine vollständige Rekonstruktion der Erdbebengeschichte Nordfrankreichs. Dennoch widerlegt die Untersuchung die Vorstellung, das Pariser Becken sei geologisch vollkommen inaktiv. Selbst in einer der ruhigsten Regionen Europas können alte tektonische Strukturen unter bestimmten Bedingungen erneut brechen.

Das eiszeitliche Erdbeben von Beauvais ist somit kein Anzeichen für eine bevorstehende Katastrophe bei Paris. Es zeigt vielmehr, dass geologische Ruhe manchmal nur bedeutet, dass der Mensch noch nicht lange genug hingeschaut hat.

Originalveröffentlichung

Baize, S., Antoine, P., & Locht, J. L. (2026). Was the Pays de Bray fault an active structure during the Upper Pleistocene? The contribution of the “Beauvais La Justice” palaeolithic site (France). Comptes Rendus. Géoscience358(G1), 369-389. doi.org/10.5802/crgeos.337

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.