Warum bebt die Erde südöstlich des Laacher Sees immer wieder? Eine neue Studie liefert darauf eine spannende Antwort: Die kleinen Erdbeben in der Ochtendung-Seismizitätszone könnten direkt auf magmatische Fluide zurückzuführen sein. Der entscheidende Hinweis steckt in ungewöhnlichen seismischen Signalen: Doppelte S-Wellen, die verraten, was tief unter der Osteifel passiert.
Die Forschenden des GFZ Potsdam haben Daten eines außergewöhnlich dichten seismologischen Messnetzes („Large-N Eifel“) ausgewertet, das von September 2022 bis August 2023 in der Eifel betrieben wurde. Mehr als 500 lokale Mikrobeben wurden in dieser Zeit aufgezeichnet. Besonders häufig waren Ereignisse in der Ochtendung-Seismizitätszone im Neuwieder Becken, südöstlich des Laacher Sees, die in Tiefen zwischen 10 und 15 Kilometer auftraten.
Bei vielen dieser Beben trat neben der normalen S-Welle eine zweite, verzögert eintreffende S-Welle auf. Diese „doppelte“ Welle ist der Schlüssel der Studie. Sie deutet darauf hin, dass die Erdbebenwellen in der Tiefe an einer Struktur reflektiert oder gestreut werden, deren Eigenschaften sich stark vom umgebenden Gestein unterscheiden. Die wahrscheinlichste Erklärung: Dort haben sich Fluide in Schwächezonen der Erdkruste gesammelt.
Ein Echo aus der Tiefe
Erdbebenwellen bestehen vereinfacht gesagt überwiegend aus zwei Wellentypen: Den schnellen P-Wellen und den langsamen S-Wellen. Diese breiten sich durch die Erde aus wie Schall durch ein Gebäude. Anhand der Laufzeitunterschiede lässt sich der Ursprungsort des Bebens ermitteln. Treffen diese Wellen auf eine harte Grenze, einen Hohlraum, eine Flüssigkeit oder stark verändertes Material, können sie reflektiert werden. Genau das scheint in der Osteifel zu passieren. Die zweite S-Welle kommt etwas später an, weil sie einen Umweg über eine reflektierende Struktur in der Tiefe nimmt.
Aus den Laufzeitunterschieden zwischen direkter und verzögerter S-Welle konnten die Forschenden berechnen, wo diese reflektierenden Bereiche wahrscheinlich liegen. Das Ergebnis: Unter der Ochtendung-Seismizitätszone befindet sich offenbar eine fluidreiche Zone in etwa 12 bis 14 Kilometern Tiefe. Sie liegt damit knapp unterhalb der meisten dort registrierten Mikrobeben.
Natürliches Fracking unter der Osteifel
Besonders wichtig ist, was diese Erkenntnis über den Ursprung der Erdbeben sagt. Die Studie deutet darauf hin, dass die Mikrobeben nicht einfach zufällig entlang einer alten Störung infolge tektonischer Prozesse auftreten. Vielmehr könnten magmatische Fluide aus größerer Tiefe aufsteigen, sich in Schwächezonen der Erdkruste sammeln und dort den Porendruck erhöhen.
Wird dieser Druck groß genug, können vorhandene Risse und kleine Störungen reaktiviert werden. Das Gestein wird dann nicht großflächig aufgerissen, sondern in vielen kleinen Schritten immer wieder belastet und gebrochen. Die Forschenden beschreiben diesen Prozess als natürliches hydraulisches Aufbrechen des Gesteins. Vereinfacht gesagt: als eine Art natürliches Fracking.
Während beim industriellen Fracking Flüssigkeiten mit Hochdruck in die Erdkruste gepumpt werden, um zum Beispiel zum Zwecke der Gasförderung Risse zu erzeugen, ist hier das vulkanische System der Ursprung: Magmatische Fluide aus der Tiefe drücken in vorhandene Risse, erhöhen dort den Druck und können dadurch kleine Erdbeben auslösen. Die wiederkehrenden Mikrobeben bei Ochtendung wären demnach der seismische Ausdruck dieses natürlichen Fracking-Prozesses, ähnlich wie zum Beispiel bei den Erdbebenschwärmen im Vogtland.
Mehr als nur ein einzelner Fund
Die eigentliche Bedeutung der Studie liegt nicht nur darin, dass unter der Osteifel Fluide vermutet werden. Wichtiger ist: Die Arbeit verbindet mehrere bisher bekannte Beobachtungen zu einem gemeinsamen Modell. Dazu gehören die CO₂-Ausgasungen am Laacher See, tiefe niederfrequente Erdbeben in mehr als 30 Kilometern Tiefe, die wiederkehrenden Mikrobeben im Neuwieder Becken und das bereits 2025 beschriebene Magmareservoir unter dem Laacher See.

Die frühere Studie von Zhang et al. aus dem Jahr 2025 hatte unter dem Laacher See einen auffälligen Bereich in etwa zwei bis zehn Kilometern Tiefe abgebildet, der als alter, weiterhin fluidreicher Teil des magmatischen Systems interpretiert wurde. Die neue Studie ergänzt dieses Bild: Weiter südöstlich, unter der Ochtendung-Seismizitätszone, sammeln sich offenbar Fluide in größerer Tiefe. Zusammen ergibt sich ein mehrstufiges System aus tiefem Fluidaufstieg, Speicherung in der Kruste, CO₂-Ausgasung und wiederkehrender Mikroseismizität.
Kein Hinweis auf einen bevorstehenden Ausbruch
Die Studie bedeutet nicht, dass ein Ausbruch des Laacher-See-Vulkans bevorsteht. Sie zeigt keinen Magmakörper, der unmittelbar zur Oberfläche aufsteigt, und sie beschreibt keine akute vulkanische Krise. Die meisten registrierten Erdbeben sind sehr klein und für Menschen nicht spürbar.
Die neue Studie macht die Eifel nicht plötzlich gefährlicher. Aber sie macht verständlicher, warum diese Region dauerhaft überwacht werden muss. Denn wer den Normalzustand eines ruhenden Vulkans kennt, kann spätere Veränderungen besser erkennen.
Im Rahmen des Large-N Projekts gab es in den letzten Monaten bereits zahlreiche weitere Studien zum Laacher See. So haben Zhang et al. bereits das magmatische System unter dem Laacher See bis in 10 km Tiefe kartiert. Laumann et al. haben zudem einen genaueren Blick auf die Ochtendung-Störungszone geworfen und bereits dort Hinweise auf Fluidaktivität gefunden. Zudem zeigte eine Arbeit von Woith et al. anhand von geochemischen Daten Hinweise auf zunehmende vulkanische Aktivität. Förster et al. untersuchten hingegen den letzten Ausbruch des Laacher Sees und stellten ein neues Modell vor, das die bisherigen Theorien zum magmatischen Vorlauf infrage stellt.
Originalveröffentlichung
Zhang, H. et al. Seismological evidence for fluid accumulation beneath the dormant East Eifel volcanic region, Germany. Commun Earth Environ 7, 571 (2026). https://doi.org/10.1038/s43247-026-03778-4