Erdbeben, Vulkanausbrüche, Waldbrände und Hitzewellen betreffen jedes Jahr Millionen Menschen. Trotzdem schafft es nur ein Teil dieser Ereignisse in die deutschen Nachrichten. Eine neue Studie der Universität Münster untersucht, welche Faktoren darüber entscheiden, ob und wie ausführlich deutsche Medien über Naturkatastrophen berichten. Mehrere soziale und kulturelle Aspekte spielen dabei eine Rolle. Vor allem Erdbeben sind für eine mediale Berichterstattung eher unattraktiv, so die Ergebnisse.

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Kurz erklärt (Lesedauer: etwa 3 Minuten)
Die wichtigsten Ergebnisse der Studie kompakt zusammengefasst

Warum manche Naturkatastrophen Schlagzeilen machen

Ein schweres Erdbeben zerstört in einer abgelegenen Region zahlreiche Häuser, wird in Deutschland aber kaum erwähnt. Gleichzeitig sorgen spektakuläre Aufnahmen eines Vulkanausbruchs oder eines Waldbrandes tagelang für Schlagzeilen. Welche Faktoren hinter solchen Unterschieden stehen, haben Johanna Beecken und Lars-Ole Wehden in einer neuen Studie untersucht.

Die Forschenden analysierten 168 Naturkatastrophen aus den Jahren 2022 und 2023. Darunter waren 57 Erdbeben, 8 vulkanische Ereignisse, 31 Waldbrände sowie 72 Dürren und Hitzewellen. Anschließend prüften sie, ob und wie umfangreich die Onlineausgaben der Süddeutschen Zeitung und von Bild sowie die 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau darüber berichteten.

Insgesamt wurden 1.445 relevante Beiträge gefunden. Doch nur 45 Prozent der untersuchten Katastrophen tauchten überhaupt in mindestens einem der drei Medien auf. Mehr als die Hälfte blieb vollständig unbeachtet.

Todesopfer sind der stärkste Nachrichtenfaktor

Den größten Einfluss hatte das Ausmaß der Schäden, das in der Studie anhand der Zahl der Todesopfer gemessen wurde. Je mehr Menschen bei einer Katastrophe starben, desto wahrscheinlicher wurde darüber berichtet. Gleichzeitig nahm auch die Zahl der veröffentlichten Beiträge zu.

Dieser Zusammenhang zeigte sich bei allen drei untersuchten Medien. Mediale Aufmerksamkeit ist damit jedoch kein objektiver Maßstab für die gesamte Schwere einer Katastrophe. Verletzte, Obdachlose, zerstörte Gebäude oder wirtschaftliche Verluste wurden nicht als eigene Schadensfaktoren berücksichtigt.

Spektakuläre Bilder erhöhen die Aufmerksamkeit

Auch die Bildwirkung war für die Auswahl entscheidend. Waldbrände und Vulkanausbrüche wurden als besonders visuell eingestuft, weil Flammen, Rauch, Lava und Aschewolken durch dramatische Bilder eine emotionale Wirkung entfalten – vor allem bei Video und TV-Formaten. Besonders stark war dieser Effekt bei Bild und der Tagesschau.

Erdbeben sowie Dürren und Hitzewellen galten dagegen als weniger visuell. Bei Erdbeben ist meist nicht der Naturprozess selbst zu sehen, sondern lediglich dessen Folgen. Zerstörte Gebäude können auf Bildern ebenso an Kriege oder Explosionen erinnern. Eine überflutete Küste kann ohne Zusammenhang wie eine Sturmflut oder eine andere Hochwasserkatastrophe aussehen. Oberflächenversätze oder satellitengestützte Messungen sind dagegen häufig erst mit einer fachlichen Erklärung verständlich.

Die Einstufung ist dennoch grob: Die tatsächliche Bildwirkung wurde nicht für jedes Ereignis einzeln bewertet. Dadurch gilt auch ein wenig spektakulärer Vulkanausbruch automatisch als bildstark, während ein Erdbeben mit dramatischen Tsunamiaufnahmen in der Kategorie mit niedriger Visualität bleibt.

Erdbeben: selten ausgewählt, dann ausführlich behandelt

Nur 39 Prozent der untersuchten Erdbeben wurden von mindestens einem der drei Medien aufgegriffen. Wurde jedoch über ein Erdbeben berichtet, war die Berichterstattung im Durchschnitt umfangreicher als bei den anderen Katastrophenarten.

Dieser Mittelwert wurde allerdings stark durch das verheerende Erdbeben in der Türkei und Syrien vom 6. Februar 2023 beeinflusst. Allein diesem Ereignis ordneten die Forschenden 548 Beiträge zu.

Viele Erdbeben bleiben somit medial nahezu unsichtbar. Überschreitet ein Ereignis jedoch eine bestimmte Schwelle aus Todesopfern, Zerstörung, bekannten betroffenen Orten und verfügbaren Bildern, kann es die Nachrichten über Tage oder Wochen bestimmen.

Entfernung zu Deutschland kaum entscheidend

Die geografische Entfernung hatte in der Studie keinen statistisch signifikanten Einfluss. Eine Katastrophe in Asien oder Amerika kann demnach ebenso viel Aufmerksamkeit erhalten wie ein Ereignis in Europa.

Relevanter waren dagegen soziale Nähe und Tourismus. Als Maßstab diente die Zahl deutscher Reisen in das betroffene Land. Bei Bild und der Tagesschau erhöhte eine große soziale Nähe die Wahrscheinlichkeit, dass eine Katastrophe überhaupt aufgegriffen wurde. Dies könnte mit erklären, warum Ereignisse in Ländern wie Italien, Griechenland oder der Türkei in Deutschland häufig besondere Beachtung finden.

Überraschender Vorteil für geophysikalische Katastrophen

Entgegen den Erwartungen der Forschenden wurden klimatisch beeinflusste Ereignisse wie Waldbrände, Hitzewellen und Dürren unter ansonsten vergleichbaren Bedingungen seltener und weniger ausführlich behandelt als Erdbeben und Vulkanausbrüche.

Eine mögliche Erklärung ist, dass geophysikalische Katastrophen meist plötzlich eintreten und damit den Nachrichtenfaktor Überraschung erfüllen. Dürren und Hitzewellen entwickeln sich dagegen häufig langsam und besitzen keinen klaren Beginn.

Keine objektive Rangliste der Katastrophen

Die Studie zeigt, dass Medien Naturkatastrophen nicht allein nach ihrer tatsächlichen gesellschaftlichen Bedeutung auswählen. Entscheidend ist vor allem, ob ein Ereignis tödlich, überraschend, bildstark und für das deutsche Publikum vertraut ist – Faktoren mit einer emotionalen Wirkung bei Nachrichtenkonsumenten. Gerade Erdbeben stehen dabei zwischen zwei Extremen: Viele Ereignisse werden vollständig übergangen. Verursacht ein Beben jedoch zahlreiche Todesopfer und großflächige Zerstörungen oder tritt es in touristisch attraktiven Gegenden auf, fällt die Berichterstattung besonders umfangreich aus.

Gleichzeitig sehen die Autoren die selektive Berichterstattung kritisch. Wenn klimatisch beeinflusste Katastrophen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhalten, können Möglichkeiten verloren gehen, solche Ereignisse in größere ökologische und gesellschaftliche Zusammenhänge einzuordnen. Der stärkere Fokus auf vertraute Reiseziele und Länder mit engen gesellschaftlichen Verbindungen zu Deutschland birgt zudem die Gefahr, dass humanitäre Notlagen in weniger bekannten Regionen systematisch weniger sichtbar werden.

Ausführlicher Hintergrund (Lesedauer: ca. 10–12 Minuten)
Mit detaillierter Einordnung, methodischen Grenzen und Fokus auf die Rolle von Erdbeben

Warum manche Naturkatastrophen Schlagzeilen machen – und andere kaum beachtet werden

Ein schweres Erdbeben zerstört in einer abgelegenen Region zahlreiche Häuser, bleibt in deutschen Medien aber nahezu unbeachtet. Gleichzeitig sorgen spektakuläre Aufnahmen eines Vulkanausbruchs oder eines großen Waldbrandes tagelang für Schlagzeilen. Solche Unterschiede sind nicht allein durch das tatsächliche Ausmaß einer Katastrophe zu erklären.

Journalisten müssen täglich aus einer kaum überschaubaren Zahl möglicher Themen auswählen. Dabei orientieren sie sich unter anderem an sogenannten Nachrichtenfaktoren: Eigenschaften eines Ereignisses, die dessen wahrgenommene Relevanz und damit seine Chancen auf Berichterstattung erhöhen.

Welche dieser Faktoren speziell bei Naturkatastrophen entscheidend sind, haben Johanna Beecken und Lars-Ole Wehden untersucht. Ihre Studie trägt den Titel „Hot topic or shockingly irrelevant: Which factors influence German media coverage of natural disasters?“ und wurde 2026 im News Research Journal veröffentlicht.

168 Naturkatastrophen und fast 1.500 Medienbeiträge

Für ihre Untersuchung betrachteten Beecken und Wehden insgesamt 168 Naturkatastrophen aus den Jahren 2022 und 2023. Grundlage war die internationale Katastrophendatenbank EM-DAT. Sie erfasst unter anderem Ereignisse mit mindestens zehn Todesopfern, mindestens 100 Betroffenen, einem ausgerufenen Notstand oder einem internationalen Hilfeersuchen.

Untersucht wurden vier Arten von Naturkatastrophen: 57 Erdbeben, 8 vulkanische Ereignisse, 31 Waldbrände sowie 72 Dürren und Hitzewellen. Anschließend prüften die Forschenden, ob und in welchem Umfang über diese Ereignisse in drei reichweitenstarken deutschen Nachrichtenangeboten berichtet wurde: in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung als Beispiel für eine Qualitätszeitung, bei Bild als Boulevardmedium und in der 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau.

Insgesamt identifizierten sie 1.445 relevante Beiträge. Doch weniger als die Hälfte der erfassten Katastrophen tauchte überhaupt in einem der drei untersuchten Medienangebote auf. Nur 45 Prozent wurden mindestens einmal aufgegriffen. 55 Prozent der Ereignisse blieben dort vollständig unbeachtet.

Je mehr Tote, desto größer die Aufmerksamkeit

Der stärkste untersuchte Nachrichtenfaktor war das Ausmaß der Schäden. Dieses wurde in der Studie anhand der Zahl der Todesopfer erfasst. Je mehr Menschen bei einer Katastrophe starben, desto wahrscheinlicher wurde darüber berichtet. Gleichzeitig stieg auch die Zahl der veröffentlichten Beiträge deutlich an.

Dieses Ergebnis zeigte sich durchgehend bei allen drei untersuchten Medien. Es bestätigt damit frühere Untersuchungen zur internationalen Katastrophenberichterstattung: Besonders tödliche Ereignisse besitzen einen hohen Nachrichtenwert und verdrängen weniger folgenschwere Katastrophen eher aus der Berichterstattung.

Wichtig für die Einordnung: Die Zahl der Todesopfer ist nur eine mögliche Form von Schäden. Verletzte, Obdachlose, zerstörte Gebäude, langfristige soziale Folgen und wirtschaftliche Verluste wurden in der Studie nicht als eigene Schadensfaktoren untersucht.

Ein Ereignis kann daher gesellschaftlich und wirtschaftlich verheerend sein, im verwendeten Modell aber vergleichsweise harmlos erscheinen, wenn nur wenige Menschen sterben. Umgekehrt kann eine hohe Zahl an Todesopfern eine große mediale Aufmerksamkeit erzeugen, obwohl andere langfristige Folgen vergleichsweise begrenzt bleiben.

Starke Bilder erhöhen die Chance auf Berichterstattung

Neben den Todesopfern erwies sich die Bildwirkung als besonders bedeutsam. Visuell auffällige Katastrophen wurden häufiger ausgewählt und anschließend umfangreicher behandelt. Besonders stark war dieser Zusammenhang bei Bild und der Tagesschau – also bei Angeboten, deren Präsentation besonders stark von Fotos und Bewegtbildern geprägt ist.

Die Autoren unterschieden dabei zwischen Katastrophenarten mit hoher und niedriger Visualität. Waldbrände und Vulkanausbrüche wurden als besonders bildstark eingestuft. Flammen, Rauchwolken, Lava, Explosionen und Aschewolken erzeugen dramatische Bilder, die den Naturprozess besonders sichtbar machen und gleichzeitig eine emotionale Wirkung entfalten.

Erdbeben sowie Dürren und Hitzewellen galten dagegen als weniger visuell. Die Einstufung von Erdbeben mag zunächst überraschen: Eingestürzte Gebäude, aufgerissene Straßen, große Erdrutsche, Bodenverflüssigung oder Tsunamiwellen können ausgesprochen eindrucksvolle und erschütternde Bilder erzeugen.

Einordnung von Erdbebennews:

Erdbeben selbst sind meist unsichtbar. Die Erschütterungen dauern häufig nur wenige Sekunden und werden eher zufällig in mäßiger Bildqualität von Überwachungskameras oder Mobiltelefonen aufgezeichnet. Sichtbar werden vor allem die Folgen. Diese sind zudem nicht immer eindeutig einem Erdbeben zuzuordnen.

Zerstörte Häuser können auf Bildern ebenso an Kriegsschäden oder Explosionen erinnern. Gerade in einer Zeit, in der Bilder schwer beschädigter Gebäude durch zahlreiche Kriege regelmäßig in den Nachrichten erscheinen, besitzen einzelne Trümmeraufnahmen möglicherweise weniger visuelle Eigenständigkeit als eine Lavafontäne oder eine herannahende Feuerfront.

Auch Tsunami-Aufnahmen sind nicht immer unverwechselbar. Ohne den zugehörigen Zusammenhang kann eine überflutete Küste wie eine Sturmflut, Sturzflut oder andere Hochwasserkatastrophe wirken.

Geologische Veränderungen wie ein Oberflächenversatz entlang einer Störung, Bodenverflüssigung oder eine mit Satellitendaten gemessene Verschiebung können wissenschaftlich spektakulär sein. Für ein allgemeines Publikum sind sie jedoch häufig erklärungsbedürftig. Ein mehrere Meter großer Versatz ist ohne Maßstab möglicherweise kaum zu erkennen. Interferogramme oder andere wissenschaftliche Darstellungen benötigen zusätzlich eine Erläuterung, bevor ihre Bedeutung verständlich wird.

Die pauschale Einstufung als wenig visuell ist daher nachvollziehbar, vermischt aber zwei unterschiedliche Fragen: Ist der eigentliche Naturprozess sichtbar – und können seine Folgen starke Bilder erzeugen?

Die Zuordnung der Studie bleibt zudem eine deutliche Vereinfachung. Die tatsächliche Bildwirkung wurde nicht für jedes einzelne Ereignis bewertet, sondern pauschal aus der jeweiligen Katastrophenart abgeleitet. Damit gilt auch ein kleiner, folgenloser Vulkanausbruch automatisch als hoch visuell, während ein Erdbeben mit dramatischen Tsunamiaufnahmen formal in der Kategorie mit niedriger Visualität bleibt.

Erdbeben werden selten ausgewählt, dann aber ausführlich behandelt

Von den 57 untersuchten Erdbeben wurden lediglich 39 Prozent in mindestens einem der drei Medienangebote aufgegriffen. Damit war ihre Auswahlquote geringer als bei Waldbränden, Dürren und Hitzewellen sowie vulkanischen Ereignissen.

Wurde ein Erdbeben jedoch zum Nachrichtenthema, fiel die Berichterstattung besonders umfangreich aus. Über alle untersuchten Erdbeben hinweg entstanden durchschnittlich 11,9 Beiträge pro Ereignis – mehr als bei jeder anderen betrachteten Katastrophenart.

Dieser Mittelwert wurde allerdings stark durch das verheerende Erdbeben in der Türkei und Syrien vom 6. Februar 2023 beeinflusst. Allein diesem Ereignis ordneten die Forschenden 548 Beiträge zu. Es war weltweit eines der folgenschwesten Erdbeben der letzten Jahrzehnte, führte zu extremen Schäden in einen Region mit emotionaler Bedeutung für viele Menschen in Deutschland und war damit für einen erheblichen Anteil der gesamten untersuchten Katastrophenberichterstattung verantwortlich.

Die Autoren berücksichtigten dieses statistische Ungleichgewicht bei ihrer Analyse. Zusätzlich berechneten sie die Modelle erneut, ohne das außergewöhnlich stark vertretene Erdbeben. Die grundlegenden Ergebnisse änderten sich dabei weitgehend nicht.

Das Ergebnis beschreibt dennoch eine typische Besonderheit von Erdbeben: Viele Ereignisse bleiben medial praktisch unsichtbar. Überschreitet ein Beben jedoch eine bestimmte Schwelle aus Todesopfern, Schäden, bekannten betroffenen Orten und verfügbaren Bildern, kann es die Nachrichten über Tage oder Wochen dominieren.

Hinzu kommt der zeitliche Verlauf. Nach einem schweren Erdbeben entstehen häufig zahlreiche aufeinanderfolgende Nachrichtenthemen: erste Meldungen, aktualisierte Opferzahlen, lang andauernde Rettungsarbeiten, Nachbeben, internationale Hilfe, Diskussionen über Bauvorschriften und später der Wiederaufbau. Ein einziges Ereignis kann dadurch viele getrennte Beiträge erzeugen. Ebenso erzeugen wiederholte Nachbeben sowie Geschichten von Überlebenden jeweils einzelne Geschichten.

Nähe zu Deutschland ist weniger wichtig als erwartet

Überraschend gering war der Einfluss der geografischen Entfernung. Ob sich eine Katastrophe wenige Hundert oder mehrere Tausend Kilometer von Deutschland entfernt ereignete, hatte in den statistischen Modellen keinen signifikanten Einfluss darauf, ob und wie viel darüber berichtet wurde.

Ein schweres Ereignis in Asien oder Amerika kann somit ebenso große Aufmerksamkeit erhalten wie eine Katastrophe in einem europäischen Nachbarland. Entscheidend sind offenbar weniger die Kilometer bis Deutschland als die Schwere, Überraschung und Darstellbarkeit des Ereignisses.

Die fehlende statistische Bedeutung geografischer Nähe bedeutet allerdings nicht, dass Nähe in keinem Einzelfall eine Rolle spielt. Ein Erdbeben in Deutschland oder unmittelbar an der deutschen Grenze besitzt durch mögliche eigene Auswirkungen und eine hohe regionale Relevanz besondere Nachrichtenwerte. Innerhalb des untersuchten internationalen Datensatzes war die reine Entfernung jedoch kein zuverlässiger allgemeiner Erklärungsfaktor.

Soziale Nähe: Bekannte Reiseziele erhalten eher Aufmerksamkeit

Etwas anders sieht es bei der sogenannten sozialen Nähe aus. Dafür verwendeten die Forschenden die Zahl deutscher Reisen in das jeweils betroffene Land. Die Grundidee: Ereignisse in Ländern, die viele Deutsche aus Urlauben, Geschäftsreisen oder Familienbesuchen kennen, könnten für das Publikum vertrauter und damit relevanter wirken.

Die Ergebnisse waren jedoch nicht einheitlich. Bei Bild und der Tagesschau erhöhte eine große soziale Nähe die Wahrscheinlichkeit, dass eine Katastrophe überhaupt ausgewählt wurde. Bei der Süddeutschen Zeitung beeinflusste sie dagegen eher den Umfang der Berichterstattung, nachdem ein Ereignis bereits aufgegriffen worden war.

Dies könnte erklären, warum Katastrophen in Ländern wie Italien, Griechenland oder der Türkei in Deutschland häufig große Beachtung finden. Die Studie beweist jedoch nicht, dass touristische Beliebtheit allein die Ursache dafür ist.

Der verwendete Reiseindikator umfasst nicht nur klassische Urlaubsreisen, sondern auch Geschäftsreisen und Familienbesuche. Bei Ländern mit engen familiären, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Verbindungen zu Deutschland kann der Wert daher ebenfalls hoch ausfallen.

Geophysikalische Katastrophen im Vorteil

Die Forschenden erwarteten ursprünglich, dass klimatisch beeinflusste Katastrophen wie Waldbrände, Dürren und Hitzewellen besonders häufig aufgegriffen werden. Der Klimawandel bietet einen übergeordneten Zusammenhang, in den einzelne Ereignisse eingeordnet werden können. Damit könnten sie an ein dauerhaft relevantes Nachrichtenthema anknüpfen.

Die Ergebnisse zeigten jedoch das Gegenteil. Unter ansonsten vergleichbaren Bedingungen wurden die als klimatisch eingeordneten Ereignisse seltener und weniger umfangreich behandelt als geophysikalische Katastrophen, zu denen in der Studie Erdbeben und Vulkanausbrüche gehörten.

Besonders deutlich war dieser Unterschied bei Bild. Schwächer fiel er bei der Süddeutschen Zeitung aus.

Die Autoren vermuten unter anderem, dass geophysikalische Ereignisse meist plötzlich eintreten und dadurch den Nachrichtenfaktor Überraschung stärker erfüllen. Ein starkes Erdbeben oder eine Eruption erzeugt einen klaren Zeitpunkt, auf den Medien unmittelbar reagieren können. Hitzewellen und Dürren entwickeln sich dagegen oft langsam und besitzen keinen ebenso eindeutigen Beginn.

Allerdings sind die beiden Gruppen intern sehr unterschiedlich. Bei den geophysikalischen Ereignissen stehen wenig visuelle Erdbeben neben spektakulären Vulkanausbrüchen. Die klimatische Gruppe verbindet ebenso unterschiedliche Phänomene wie schwer darstellbare Hitzewellen und bildgewaltige Waldbrände.

Die statistische Trennung sollte deshalb nicht als allgemeiner Beweis verstanden werden, dass Medien geologische Katastrophen grundsätzlich wichtiger nehmen als klimatische. Sie zeigt vielmehr, dass die Einordnung als klimatisch oder geophysikalisch auch unter Berücksichtigung der anderen untersuchten Faktoren einen messbaren Zusammenhang mit der Berichterstattung besaß.

Unterschiedliche Medien, unterschiedliche Auswahl

Zwischen den drei untersuchten Nachrichtenangeboten zeigten sich deutliche Unterschiede. Die Süddeutsche Zeitung griff insgesamt die meisten Katastrophen auf und berichtete besonders häufig über klimatische Ereignisse. Bei Bild spielten Vulkanausbrüche eine vergleichsweise große Rolle. Die Tagesschau berichtete besonders häufig über Waldbrände.

Auch die Bedeutung eindrucksvoller Bilder war bei Boulevard und Fernsehen stärker ausgeprägt als bei der Qualitätszeitung. Das passt zu den unterschiedlichen Darstellungsformen: Eine Fernsehnachricht benötigt fast zwangsläufig verwendbares Bildmaterial, während ein Onlineartikel stärker mit Text, Grafiken und Hintergrundinformationen arbeiten kann.

Bei der Tagesschau kommt zusätzlich der begrenzte Sendeplatz hinzu. Die Hauptausgabe dauert nur 15 Minuten. Eine internationale Naturkatastrophe konkurriert dort mit deutscher und internationaler Politik, Wirtschaft, Kriegen, Sport und weiteren aktuellen Ereignissen.

Die Ergebnisse zeigen deshalb nicht nur, welche Katastrophen als berichtenswert gelten. Sie verdeutlichen auch, dass verschiedene Redaktionen unterschiedliche Auswahlmechanismen besitzen. Was in einem Medium prominent erscheint, kann in einem anderen vollständig fehlen.

Was die Studie nicht beantworten kann

Die Untersuchung liefert einen seltenen datenbasierten Einblick in die deutsche Katastrophenberichterstattung, hat aber mehrere Grenzen. Analysiert wurde jeweils nur ein Angebot aus den Bereichen Qualitätszeitung, Boulevard und Fernsehen.

Regionale Medien, Nachrichtenagenturen, weitere überregionale Zeitungen, private Fernsehsender, reine Onlineportale und soziale Netzwerke blieben unberücksichtigt. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Einschränkungen auf die gesamte deutsche Medienlandschaft übertragen.

Gerade für kleinere Erdbeben könnte das Bild dadurch unvollständig sein. Ein moderates Beben in Deutschland oder einem Nachbarland wird möglicherweise ausführlich von regionalen Medien behandelt, ohne in der bundesweiten Tagesschau, der Süddeutschen Zeitung oder bei Bild aufzutauchen.

Auch die Auswahl der Ereignisse ist wichtig. Die verwendete EM-DAT-Datenbank enthält nicht jede Naturkatastrophe, sondern nur Ereignisse, die bestimmte Mindestkriterien erfüllen. Die Studie untersucht daher nicht die gesamte weltweite Erdbebenaktivität, sondern eine Auswahl bereits relativ folgenreicher Katastrophen.

Darüber hinaus bildet die Zahl der Beiträge nur den Umfang, nicht aber die Qualität der Berichterstattung ab. Ein kurzer, dramatisierender Artikel zählt ebenso als Beitrag wie eine ausführliche und wissenschaftlich eingeordnete Analyse. Ob ein Ereignis sachlich erklärt, übertrieben dargestellt oder lediglich mit einer spektakulären Überschrift versehen wurde, war nicht Gegenstand der Untersuchung.

Weitere mögliche Einflüsse blieben ebenfalls unberücksichtigt. Dazu gehören beispielsweise die Verfügbarkeit von Korrespondenten, konkurrierende Großereignisse am selben Tag, politische Interessen, vorhandenes Agenturmaterial oder die Frage, ob Bilder und Informationen aus dem betroffenen Gebiet schnell verfügbar sind.

Katastrophen werden nicht allein nach ihrer Bedeutung ausgewählt

Die Studie macht auf jeden Fall deutlich, dass mediale Aufmerksamkeit kein objektiver Maßstab für die Schwere oder Bedeutung einer Naturkatastrophe ist. Viele folgenschwere Ereignisse bleiben außerhalb der betroffenen Region weitgehend unbekannt. Andere Katastrophen dominieren die Nachrichten, weil sie besonders tödlich, überraschend, bildstark oder für das deutsche Publikum sozial vertraut sind.

Für Erdbeben zeigt sich dabei ein zwiespältiges Bild. Als Naturprozess sind sie schwer sichtbar und viele Ereignisse schaffen es gar nicht in die überregionalen Nachrichten. Verursachen sie jedoch zahlreiche Todesopfer und großflächige Zerstörungen, werden sie besonders ausführlich behandelt.

Die Auswahl folgt damit nicht nur der Frage, wie schwer eine Katastrophe tatsächlich ist. Mindestens ebenso wichtig ist, ob sie sich innerhalb weniger Sekunden verstehen, bebildern und als relevante Geschichte erzählen lässt.

Gleichzeitig sehen die Autoren die selektive Berichterstattung kritisch. Wenn klimatisch beeinflusste Katastrophen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhalten, können Möglichkeiten verloren gehen, solche Ereignisse in größere ökologische und gesellschaftliche Zusammenhänge einzuordnen. Der stärkere Fokus auf vertraute Reiseziele und Länder mit engen gesellschaftlichen Verbindungen zu Deutschland birgt zudem die Gefahr, dass humanitäre Notlagen in weniger bekannten Regionen systematisch weniger sichtbar werden.

Originalveröffentlichung:
Johanna Beecken und Lars-Ole Wehden (2026): Hot topic or shockingly irrelevant: Which factors influence German media coverage of natural disasters? News Research Journal. doi.org/10.1177/30497841261467314

Von Jens Skapski

Betreiber von Erdbebennews seit 2013 als privates Informations- und Aufklärungsprojekt. Seit 2024 beruflich Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena. Die Tätigkeit für Erdbebennews erfolgt privat und unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.